Hungern bis zum Umfallen: Warum Diätkuren nicht nur sinnlos, sondern auch schädlich sind

Bis Ostern flüchten wieder hunderttausende Österreicher in den Diät-Wahnsinn – in der Hoffnung, nachhaltig abzunehmen und Körper und Geist zu reinigen. Doch viele Kuren sind schlicht gefährlicher Humbug. Von Gottfried Derka

Schon nach wenigen Stufen geht einem die Luft aus. Der Magen zwickt, der Atem riecht schlecht. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, neue Informationen aufzunehmen. Ein Windhauch genügt, schon stellt sich das Gefühl von Frösteln ein. Ein Medikament mit solchen Nebenwirkungen würde wohl bald vom Markt verschwinden. Doch Fastende nehmen derlei Unbilden gern in Kauf. Indem sie weniger Nahrung zu sich nehmen, als ihr Körper für den Normalbetrieb benötigt, aktivieren sie ein Notprogramm: Im so genannten „Hungerstoffwechsel“ stellt der Organismus seine Energieversorgung vollständig um und greift auf Fettreserven zurück, die er in üppigeren Zeiten angelegt hat.

Eigentlich hat die Evolution dem Menschen diese Fähigkeit mitgegeben, damit er Hungerzeiten überleben kann. Doch viele Menschen – vor allem auch Prominente – versetzen ihren Körper regelmäßig und freiwillig in diesen Ausnahmezustand. Immer mehr Leute verweigern sich gleich wochenweise das wohlige Sättigungsgefühl nach einer üppigen Mahlzeit. Sie tun dies entweder allein mithilfe einer stetig wachsenden Anzahl von mitunter obskuren Diät- und Fas­tenratgebern. Oder sie opfern dem lustvoll erlebten Hungergefühl Teile des Jahresurlaubs und ziehen sich für mehrwöchige Fastenexerzitien in Klöster oder Kurkliniken zurück. Die Betreiber des Klos­ters Pernegg im Waldviertel etwa konnten sich zuletzt über eine Vervierfachung der fas­tenwilligen Gäste innerhalb von vier Jahren freuen.

Neue Berufssparte. Die wachsende Sehnsucht nach dem Verzicht hat eine neue Berufssparte entstehen lassen: Die Österreichische Gesellschaft für Gesundheitsförderung hat nach eigenen Angaben in den vergangenen sieben Jahren rund 100 so genannte „Fastenbegleiter“ diplomiert, die Klienten von Hotels und Kurzentren bei ihrer Askese unterstützen. Das Angebot wird immer bunter: Gab es vor Jahren gerade einmal Gruppengespräche, in denen sich die Fastenden über Art und Beschaffenheit ihrer vielfältigen Ausscheidungen austauschen konnten, verkürzen die Hungerhelfer heute die Zeit bis zur nächsten ordentlichen Mahlzeit weitaus kreativer. Ob Yoga, Qigong, Entgiftungswickel, Fastenwandern, Ernährungs- und sogar Lebensberatung – alles kann gebucht werden, gleichsam als Ersatz für die „All you can eat“-Theke in vergleichbar teuren Etablissements. Um die Kalorienfuchserei zu legitimieren, werden gern sehr alte Quellen zitiert. So soll schon der griechische Arzt Hippokrates seinen Patienten vor 2400 Jahren empfohlen haben, auf Nahrung zu verzichten, um so den „inneren Arzt“ zum Wirken zu bringen. Der Deutsche Mediziner Otto Buchinger, der vor bald 90 Jahren sein Rheuma durch dreiwöchiges Fasten kurierte und wenig später die erste Heilfastenklinik Deutschlands eröffnete, nannte den drastischen Einschnitt in die Ernährungsgewohnheiten eine „Operation ohne Messer“. Und haben nicht auch Moses, Jesus und Mohammed durch Fas­ten zu höheren Einsichten gefunden?

Nach wissenschaftlichen Maßstäben jedoch lässt sich ein gesundheitlicher Nutzen von Hungerkuren nicht nachweisen: „Es gibt erst wenige systematische Untersuchungen zu den Langzeitfolgen des Fas­tens“, sagt der Wiener Ernährungswissenschafter Heinz Freissling. „Und diese wenigen Untersuchungen kommen zu widersprüchlichen Resultaten.“ Was macht also die Faszination des Fas­tens aus? Was passiert im Kopf – und im Bauch – von hungernden Menschen? Warum erleben viele den Verzicht als Bereicherung? Und warum glauben einige Forscher, dass dauerndes Hungern das Leben verlängern könnte?

Bereits 1934 untersuchten die beiden Amerikaner Clive McCay und Mary Crowell systematisch, was weniger Kalorienzufuhr bei Nagetieren bewirkt. Die Forscher gönnten ihren Laborratten nur 60 Prozent der normalen Futterration – und beobachteten Erstaunliches: Anstatt langsam zu verkümmern, blieben die Nager höchst lebendig. Und sie lebten um ein Drittel länger als jene Artgenossen, die so viel fressen durften, wie sie wollten.

Hunger-Camp. Den nächsten Meilenstein in der Hungerforschung setzten wiederum Amerikaner. In der groß angelegten Minnesota-Studie von 1944 ließen sie – unter strenger wissenschaftlicher Aufsicht – 32 Männer ein Jahr lang in einem Hunger-Camp darben. Die Probanden verloren in dieser Zeit durchwegs bis zu einem Viertel ihres Körpergewichts – und auch ihren Mut. Sie wurden depressiv, reizbar, ängstlich, apathisch, hypochondrisch, ihre Körpertemperatur sank ebenso wie ihre geistige Leistungsfähigkeit – nicht zuletzt, weil sie nur noch an Essen denken konnten.

Ermutigender waren da schon die Tierversuche, die nach dem Vorbild von McCay und Crowell stattfanden. Fruchtfliegen, Mäuse, Fadenwürmer, Spinnen und Äffchen mussten im Dienst der Wissenschaft hungern. „Die Resultate waren überall die gleichen“, erzählt Beatrix Grubeck-Loe­benstein, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. „Andauernd 30 Prozent weniger Kalorien führen zu einem längeren Leben.“ Seit 13 Jahren wird diese Strategie an Schimpansen erprobt. Zwar sind Aussagen über die Lebenserwartung der Tiere noch nicht möglich, doch zeigen Untersuchungen, dass zumindest das Immunsystem der dauerfastenden Affen noch so robust ist wie jenes von viel jüngeren Artgenossen.

Schritt für Schritt kommen die Forscher auch dahinter, wie sparsame Er­nährung auf den Körper wirkt. Die wichtigste Folge des Hungers ist eine Irritation im Hormonsystem des Körpers. Ins Visier der Fahnder geriet bald ein Botenstoff, der ähnlich wie Insulin gebaut ist, aber eine völlig andere Funktion hat. Er wirkt als Wachstumstreiber auf Zellen, beeinflusst aber auch die Bereitstellung von Antioxidantien und antibakteriellen Subs­tanzen und reguliert den Stoffwechsel.

Kann ein solches Hormon etwas mit der Verdauung und dem Altern zu tun haben? Um diese These zu überprüfen, züchtete die Amerikanerin Cynthia Ke­nyon Fadenwürmer mit einem mutierten Gen namens Daf-2. Dadurch störte sie den Kommunikationskanal des fraglichen Botenstoffs. Die Wirkung der Manipulation übertraf alle Erwartungen: Die kleinen, mit freiem Auge kaum wahrnehmbaren Tierchen lebten manchmal doppelt so lange wie ihre Artgenossen. Weitere Manipulationen brachten Kreaturen hervor, die sich bis zu 130 Tage lang höchst agil in ihren Laborschälchen kringelten – immerhin sechsmal so lange wie ihre nicht manipulierten Artgenossen. Damit ist klar: Der Alterungsprozess wird auch vom Hormonhaushalt reguliert, und dieser lässt sich durch die Ernährung verändern. Kein Wunder also, dass längst auch Menschen versuchen, durch hartnäckiges Fasten ihre Chance auf ein längeres Leben zu verbessern. Tatsächlich hat der Dauerhunger auch auf den menschlichen Körper positive Auswirkungen, wie Forscher der Washington University in Saint Louis im vergangenen Sommer meldeten. Messungen der Elastizität des Herzens zeigten, dass die hungrigen Organe so gut funktionierten, als wären sie um 15 Jahre jünger.

Hoher Preis. Der Preis für diesen Effekt ist allerdings hoch. Die untersuchten Personen hatten sich zuvor bereits über durchschnittlich sechs Jahre hinweg mit 1400 Kilokalorien pro Tag begnügt. Bei derart geringen Mengen ist es schwierig, die notwendige Versorgung mit Mineralien und Vitaminen aufrechtzuerhalten. Um alle Vorgaben zu bewältigen, lassen sich diese Hungerkünstler von einem Computerprogramm unterstützen und legen jeden Bissen auf die Briefwaage. Angesichts des extrem rigiden Ernährungsre­gimes, der Fixierung auf die Kalorien schrillen bei Ernährungspsychologen allerdings die Alarmglocken. Eine derartige Gewaltkur könnte für anfällige Personen der erste Schritt in eine Essstörung – etwa Magersucht – bedeuten.

Das hierzulande übliche Freizeitfasten ist zwar viel bequemer, die Wirkungen sind dafür aber auch entsprechend weniger weit reichend. Zwar bessern sich Blut- und Leberwerte während einer zweiwöchigen Kur. Doch diese Effekte verpuffen bald nach dem Fastenbrechen wieder. Im Schnitt, so die vorläufigen Zahlen des vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien (Vorstand Ibrahim Elmadfa) erstellten Österreichischen Ernährungsberichts 2008, nehmen Männer rund 2500 Kilokalorien pro Tag zu sich, Frauen rund 2000. Laut offizieller Empfehlung für Menschen, die sich in Beruf und Freizeit nicht viel bewegen, sollten es jeweils um mindestens 100 Kilokalorien weniger sein. Die Folge: Rund die Hälfte der Bevölkerung ist zu schwer.

Der Stoffwechselspezialist Bernhard Ludvik beschäftigt sich am Wiener AKH seit Jahren mit schwer übergewichtigen Patienten. Viele dieser Menschen würden in strengen Fastenregimen eine Art Buß­übung sehen, glaubt Ludvik: „Sie wissen, dass sie sich unausgewogen ernähren und schlicht zu viel essen. Deshalb wollen sie sich mit einer strengen Diät innerhalb von ein paar Wochen von den Ernährungssünden eines ganzen Jahres reinwaschen.“
Eine Hoffnung, die sich so einfach nicht erfüllt, das ist in großen Studien wie der amerikanischen Nurses’ Health Study (NHS) belegt. Forscher begleiten seit 1976 rund 250.000 Krankenschwestern und fragen in regelmäßigen Abständen nach den wichtigsten Gesundheitsparametern. Dabei zeigt sich, dass Crash-Diäten oder mehrwöchige Fastenkuren an der langfris­tigen Entwicklung des Körpergewichts wenig ändern. Kurzfristig verlorene Kilogramm kommen ebenso kurzfristig zurück.

Der Grund: Der Körper ist durch den Hunger auf Energiesparen eingestellt und hat obendrein noch Muskelmasse verloren. Beides trägt dazu bei, dass er, sobald er wieder ordentlich Nahrungsnachschub bekommt, besonders viel Energie in Fettpöls­tern speichern kann. Die Wiener Er­nährungsexpertin Ingrid Kiefer kommt zu dem Schluss: Als Maßnahme zum nachhaltigen Gewichtsverlust sei Fasten „völlig sinnlos“. Umso erstaunlicher, was sich die Fas­ten-Fans alles gefallen lassen: Einige Kurhäuser muten ihren Gästen jeden zweiten Tag einen Einlauf zur „Darmreinigung“ zu – die Notwendigkeit und Wirksamkeit eines solchen Waschgangs konnte freilich bis heute niemand nachweisen. Auch die so genannte „Darmsanierung“, die durch den Verzicht auf feste Nahrung gelingen soll, lässt Schulmediziner ratlos den Kopf schütteln. „Dass ein Darm tatsächlich von Bakterien überwuchert ist und saniert werden muss, kommt extrem selten vor“, schimpft Stoffwechselexperte Ludvik.

Abführmittel. Riskant wird es, wenn sich Menschen strikt an die historische Vorgabe des österreichischen Arztes Franz Xaver Mayr (1875–1965) halten. Der Mediziner verabreichte seinen Patienten zwar reichlich Glaubersalz als Abführmittel, ansons­ten aber ausschließlich alte Semmeln zum Essen. Derart einseitige Kost wird nach heutigem Wissensstand von Experten allgemein abgelehnt. Beinahe esoterisch wird es schließlich bei den geheimnisvollen „Schlacken“, die der Körper angeblich ansammelt und durch Hungern wieder loswerden soll („entschlacken“). Auch hier rätseln Naturwissenschafter und Ärzte, welche Substanzen mit diesem Begriff denn überhaupt gemeint sein könnten.

Doch vielleicht geht es bei all der Fas­tenfolklore ja auch gar nicht so sehr um den Körper als vielmehr um den Geist. Die Religionsgründer hungerten schließlich auch nicht, um abzunehmen oder länger zu leben. Das sieht auch der Pfarrer von Pernegg, Sebastian Kreuth, so: „Die paar Kilos, die da verloren gehen, die sind eine Nebenwirkung. In Wirklichkeit geht es darum, Dinge loszulassen und Platz zu machen für Neues.“ Dazu brauche es einerseits den Verzicht, andererseits müsse sich der Besinnungswillige auch bewusst Zeit für sich selbst nehmen. Das sowie der hungerinduzierte Anstieg des Glückshormons Serotonin machten es dem Fastenden leichter, sich auf anstehende Lebensfragen zu konzentrieren.

Glas Wasser. Entsprechend locker geht mittlerweile auch die katholische Kirche mit ihren alten Fastengeboten um. Auch so manche islamische Gelehrte geben sich bereits nachsichtig, wovon zuletzt der türkische Staatspräsident Abdullah Gül profitierte: Mitten im Ramadan griff er während einer Pressekonferenz gedankenverloren zu einem bereitstehenden Wasserglas und trank einen Schluck – dabei war die Sonne noch nicht untergegangen. „Warum warnen Sie mich nicht? Warum stellen Sie dieses Wasser hin?“, polterte der Präsident, als er seinen Fehler bemerkte. Doch Islam-Experten erteilten ihm gleichsam die Absolution: Es sei offensichtlich ein Versehen gewesen. Und wenn keine Absicht vorliege, dann zähle so ein Zwischenfall auch nicht.

Selbst in den mitunter leicht sektenhaft anmutenden Fastenschulen ist ein Wind des Wandels zu spüren. Als ärztlicher Leiter von „Viva – Das Zentrum für moderne Mayr Medizin“ in Maria Wörth am Wör­thersee untersucht Harald Stossier seine Klienten zwar immer noch anhand der Schablonen, mit denen Mayr vor einigen Jahrzehnten Bauch und Haltungsformen seiner Patienten beschrieb. Doch zum Essen bekommen seine Gäste leichte Gourmet-Küche. „Die Menschen sind diesen Standard aus anderen Betrieben gewohnt. Und ob ich sie nun mit Semmeln und Milch oder mit Fisch und Gemüse kuriere, ist aus medizinischer Sicht Jacke wie Hose“, sagt Stossier. Das reglementierte Essen sei schließlich nur ein Mittel zum Zweck. Und diesen sieht Stossier darin, dass seine Gäste „wieder lernen, richtig zu essen“.

Genau in diesem Punkt gestehen auch gestandene Fastenverächter der kurzfristigen Fressbeschränkung einiges Potenzial zu. Wer ansonsten wahl- und gedankenlos völlert, könnte sich angesichts der kargen Kost zum bewussteren Konsum bekehren, so die Hoffnung. Sozusagen als Begleiterscheinung könnten dabei auch Resultate aus der Fastenforschung genutzt werden. So hat sich beispielsweise bei Beobachtungen des Stoffwechsels herausgestellt, dass besonders rasch verfügbare Energie, die etwa in Nudeln oder Kartoffeln steckt, in den Körperzellen besonders hohen oxidativen Stress verursacht und damit zu rascherer Alterung beiträgt.
Richtig essen zu lernen sei in Österreich jedoch gar nicht so einfach, beobachtet die Wiener Ernährungs- und Trendforscherin Hanni Rützler. „Kindern wird von klein auf beigebracht, dass sie brav aufessen müssen, damit sie gelobt werden.“ Genussvolles Essen, das bei Erreichen eines angenehmen Sättigungsgefühls aufhört, sieht anders aus. Dabei, so Rützler, meinten es die Eltern ja nur gut mit dem Nachwuchs. „Auch nach drei Generationen, die in Österreich im Überfluss aufgewachsen sind, sitzt die Angst vor Mangel und Hunger offenbar immer noch tief.“

Ausgerechnet im Wenig-Essen sieht die Expertin eine Chance, Strategien zu entwickeln, wie mit dem ständigen Überangebot an Nahrungsmitteln sinnvoll umzugehen wäre. Fasten könne helfen, „weniger, aber bewusster und besser zu essen“. Paradox: Ausgerechnet das einst als sinnenfeindlich verschriene Fasten könnte so eine „Chance für die Hotellerie und Gastronomie werden“.

Von Gottfried Derka