"Ich bin in der Wolle rot gefärbt"

Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger über ihr kritisches Verhältnis zur SPÖ, ihr Leben im Zuwandererbezirk Wien-Brigittenau und das Komische am Kopftuchstreit.

Interview: Herbert Lackner

profil: Frau Nöstlinger, was lesen Sie gerade?
Nöstlinger: Jetzt eben lese ich Shlomo Sand: „Die Erfindung des jüdischen Volkes“.

profil: Das ist der israelische Historiker, der sagt, eigentlich seien die Nachkommen der Juden aus der Zeit der Bibel die jetzigen Palästinenser. In Israel ist das Buch ziemlich verpönt.
Nöstlinger: Anscheinend auch bei vielen Leuten in Österreich, wie ich gehört hab. Das Buch ist ein bisschen mühsam zu lesen, und da ich gerade aus dem Krankenhaus komme, ist meine Konzentration auch nicht so gewaltig.

profil: Oft kommen Schreiber nicht zum ­Lesen.
Nöstlinger: Da gibt es diesen Ausspruch: „Das bissel, was ich lese, schreibe ich mir selber.“ Ich lese gerne.

profil: Wie macht das eine Kinderbuchautorin? Lesen Sie große Kollegen wie Astrid Lindgren und nehmen dabei Maß?
Nöstlinger: Angefangen habe ich, ohne überhaupt Kinderbücher zu kennen. Meine Kinder waren noch klein, die hatten höchstens Bilderbücher. Und ich selbst habe als Kind nie Kinderbücher gehabt, weil ich in einem antifaschistischen Haushalt in der Nazi-Zeit aufgewachsen bin und meine Mutter alles sofort weggeschmissen hat, was man so gekriegt hat. Wir haben zum Beispiel in der Schule ein Buch in rotem Leinen bekommen: „Mutter erzählt von Adolf Hitler“ ist in Goldbuchstaben daraufgestanden. Ich bin stolz damit heimgekommen, und meine Mutter hat es sofort in den Ofen geworfen.

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Wenn man schreibt, hat man ja immer potenzielle Leser vor Augen. Stellen Sie sich beim Schreiben bestimmte Kinder vor?
Nöstlinger: Nur insofern, als ich bei der Sprache aufpasse. Erstlesern fällt das Verstehen eines eingeschobenen Nebensatzes ja nicht so leicht. Da nehme ich Rücksicht, sonst nicht. Ich will mich nicht an Kinder anbiedern. Am ehesten sehe ich mich mit meinem Erinnerungsvermögen selbst als Kind.

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Wie das?
Nöstlinger: Schauen Sie sich zum Beispiel ein Kind an, das eine furchtbare Wut hat: Wenn ich so einen tobenden Zwerg beschreibe, der eigentlich ein bisschen lächerlich wirkt – das wollen meine Leser nicht. Aber ich kann mich sehr gut erinnern, wie es war, als ich als Kind Wut hatte.

profil: Die Akteure in Ihren Büchern sind eher aufmüpfige Kinder, die dennoch verantwortungsvoll denken, die frech sind, aber auch edel. Gibt es diesen Kindertypus in der Wirklichkeit überhaupt?
Nöstlinger: Natürlich sind die Kinder in meinen Büchern viel vifer als Kinder normalerweise sind, sie können pointierter formulieren. Ich kann außerdem nur über jene Sorte von Kindern schreiben, die irgendetwas mit mir als Kind zu tun haben. Ich war zum Beispiel ein sehr patschertes Kind. Ich könnte kein Buch schreiben, in dem die Hauptfigur ein sehr sportliches Kind ist.

profil:
Sie schreiben, Eltern oder Betreuer sollten nicht erziehen, sondern begleiten und durch eigene Autorität wirken. Ist das nicht ein Idealtypus, den es nie massenhaft geben wird?
Nöstlinger: Aber anders funktioniert es nicht. Als Bezugsperson ist man für ein Kind immer Vorbild. Aber erziehen? Ich mag schon das Wort nicht, es erinnert mich an die Spalierbäume, die mein Onkel Ferry im Garten „gezogen“ hat. Ich kann es auch nicht leiden, wenn es immer heißt: Man muss Kindern Grenzen setzen. Man setzt Kindern notgedrungen ohnehin viele Grenzen: Sie müssen in die Schule gehen, sie müssen Medizin schlucken, wenn sie krank sind, sie müssen mit den ökonomischen Bedingungen ihrer Eltern auskommen. Extra noch weitere Grenzen zu setzen muss nicht sein. Zumindest bin ich mit meinen Töchtern so verfahren, und sie sind nicht schlecht geraten.

profil: Es hat ja Versuche mit antiautoritärer Erziehung gegeben: Summerhill, die Mühl-Kommune …
Nöstlinger: Also zwischen Summerhill und Mühl-Kommune ist ein großer Unterschied! Ich war einmal mit meinem Mann und meinen Töchtern auf Urlaub auf La Gomera, als die Mühl-Kommune dort schon zusammengekracht war und der Rest dieser Kommunarden noch her­umsaß. So verzweifelte, verstörte Menschen wie die habe ich selten gesehen.

profil: Und wie beurteilen Sie rückblickend das Summerhill-Projekt?
Nöstlinger:
Das habe ich schon damals nicht so herrlich beurteilt, weil sein Gründer A. S. Neill ungefähr gesagt hat: „Besser man ist ein glücklicher Straßenkehrer als ein unglücklicher Millionär.“ Dass es glückliche Straßenkehrer gibt, habe ich mir mit meinem politischen Gemüt nicht so richtig vorstellen können.

profil: Ihr politisches Gemüt ist eher ein traditionell-sozialistisches.
Nöstlinger: Ja leider. Ich bin in der Wolle rot gefärbt, weil ich eben in der Nazi-Zeit Kind war: Mein Großvater hat mir immer beigebracht, dass die „Sozialdemokrazie“ – er hat es immer mit „z“ gesagt – das Wahre ist. Und wenn endlich der Schas-Hitler weg sei, dann komme wieder die „Sozialdemokrazie“ und damit das Paradies. Das habe ich dann später nicht mehr so sehr geglaubt. Meine ganze Familie – die Töchter, mein Mann – hat immer grün gewählt. Einmal habe ich mir vorgenommen: Jetzt wähle ich auch grün. Ich gehe in diese Wahlzelle, will mein Kreuzerl bei den Grünen machen und höre plötzlich von oben die Stimme meiner ­Mutter: „Madl, jetzt scham di!“ Hab ich halt wieder brav mein Kreuzerl bei der SPÖ gemacht.

profil: Aber dass einmal der Sozialismus ausbrechen wird – das glauben Sie jetzt nicht mehr. Oder?
Nöstlinger: Dass der Sozialismus ausbricht, hat man in irgendwelchen Arbeitskreisen in den frühen siebziger Jahren erwartet. Ich hab das alles nie so wirklich geglaubt.

profil: Sie sind so illusionslos: Sie glauben nicht an den Himmel, nicht an den Sozialismus.
Nöstlinger: Ich glaube daran, dass Menschen unter besseren Bedingungen bessere Menschen werden. In meinem Alter zerbreche ich mir nicht mehr darüber den Kopf, wie eine bessere Welt ausschauen sollte. Ich kann mir höchstens kleine Veränderungen vorstellen.

profil: Haben Sie als Kinderbuchautorin ein Familienideal?
Nöstlinger: Die Menschen in einer Familie sollen einander nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren und leben lassen. Ich will niemanden zu etwas zwingen, aber ich lasse mich auch ungern zu etwas zwingen.

profil: Und das am besten in einer Mutter-Vater-Kind-Familie?
Nöstlinger: Wenn man Kinder hat, ist es sicher angenehmer, zu zweit zu sein, als dass man alles alleine durchziehen muss. Ob das jetzt gleichgeschlechtliche oder heterosexuelle Paare sind, ist egal.

profil: Schwule und lesbische Paare sollen Kinder adoptieren dürfen?
Nöstlinger:
Natürlich.

profil: Sollten Frauen nach der Geburt schnell wieder in einen Beruf gehen?
Nöstlinger: Ja natürlich, weil sie sonst keine Chancen haben. Steigst du erst nach drei oder vier Jahren wieder in einen Beruf ein, bist du weg vom Fenster. Aber es braucht dazu natürlich die nötigen Kinderbetreuungseinrichtungen. Vielleicht bin ich zu wenig Mutter, aber zwei Kinder großzuziehen und einen Haushalt zu führen – das wäre mir nicht als ein ausgefülltes Leben erschienen. Wenn schon, dann bitte fünf oder sechs Kinder.

profil: Sie haben einen erfüllenden Beruf gefunden. Wenn Sie am Fließband gestanden wären, hätten Sie vielleicht anders gedacht.
Nöstlinger: Wahrscheinlich. Am schlimmsten sind aber diese Halbtagsjobs, in die man die Frauen dann drängt. Meine Putzfrau, die bei mir geringfügig beschäftigt ist, ist jetzt in ihrem Hotel gekündigt worden, weil die einsparen müssen. Das AMS hat ihr angeboten, sechsmal in der Woche zwei Stunden von sechs bis acht Uhr früh zu putzen – für 480 Euro im Monat. Und das heißt dann: „Nicht arbeitslos.“

profil: Die Frauenbewegung war seit Anfang der siebziger Jahre ja recht erfolgreich …
Nöstlinger: War sie wirklich erfolgreich? Was hat sie erreicht? Nein, ich darf nicht ungerecht sein, sie hat etwas erreicht. Aber wenn man sich anschaut, wie die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen immer noch klafft und wie wenige weibliche Führungskräfte es gibt, dann hat sich eigentlich nicht viel verändert. Ich bin mit den Erfolgen nicht zufrieden.

profil: Wer von den vier SPÖ-Bundeskanzlern der vergangenen Jahrzehnte hat Ihnen eigentlich am besten gefallen – Vranitzky, Klima, Gusenbauer oder Faymann?
Nöstlinger: Gusenbauer. Ich halte ihn für einen sehr gescheiten Menschen, er ist von Anfang an unter seinem Wert gehandelt worden. Da hat man sich schon über sein rotes Tascherl lustig gemacht, und angeblich war er hässlich. Ja bitte, wie schauen die anderen Politiker aus? Das sind ja auch keine Schönheiten.

profil: Und wie gefällt Ihnen die gegenwärtige SPÖ?
Nöstlinger: Natürlich mäkle ich an ihr herum. Andererseits frage ich mich manchmal: Ja, was sollen sie denn tun? Es ist nicht so einfach. Was mich aber ärgert, ist: Zum Schluss kommt immer ein Kompromiss her­aus, bei dem man als Roter das Gefühl hat, dass wieder einmal die ÖVP gewonnen hat.

profil: Es ist halt eine Koalition.
Nöstlinger: Darum sage ich ja: Es ist nicht so einfach. Die beiden Parteien sind nur wenige Prozentpunkte auseinander, da muss man Kompromisse machen. Aber wieso entsteht immer der Eindruck, dass die ÖVP der Sieger ist?

profil: Die SPÖ hat für das kommende Budget das Motto ausgegeben: „Rupft die Reichen.“ Glauben Sie, dass das passieren wird?
Nöstlinger: Nein, glaube ich nicht.

profil: Aus Erfahrung, oder haben Sie Indizien dafür?
Nöstlinger: Ich wüsste nicht, wo die Reichen gerupft werden. Ich lese keine konkreten Vorschläge. „Rupft die Reichen“ ist eher eine kosmetische Angelegenheit. Das Budget kann man mit dem Reichen-Rupfen allein nicht sanieren. Außer man rupft ihnen so viele Federn aus, dass sie kahl sind, was nicht passieren wird. Ich finde es vor allem höchst unwürdig, dass die Regierung mit dem Budget warten will, bis die Landtagswahlen vorbei sind. Und das sagen sie auch noch ganz offen!

profil: Sie denken wohl: Wenn wir den Leuten sagen, was wir vorhaben, wählen die womöglich den Strache.
Nöstlinger: Und wenn man ihnen sagt: „Wir sagen euch nicht, was wir vorhaben“, dann wählen sie erst recht den Strache.

profil: Glauben Sie, dass der Rechtspopulismus in Österreich etwas Bleibendes ist, oder hat der seine große Zeit hinter sich?
Nöstlinger: Das kann ich nicht beurteilen. Dieses Wählerpotenzial der FPÖ war früher ja zum Großteil irgendwo in der SPÖ, weil es in der Familie eben Tradition war, rot zu wählen. Mir haben gutmeinende Leute erzählt, wie fremdenfeindlich in manchen SPÖ-Sektionen gesprochen wird. Die könnten nahtlos zum Herrn Strache gehen.

profil: Sie wohnen in Wien-Brigittenau, dem Bezirk mit dem zweithöchsten Ausländeranteil Österreichs. Merken Sie etwas von der angeblichen Parallelgesellschaft?
Nöstlinger: Es gibt schon Menschen, die 30 oder 35 Jahre hier wohnen und nur ganz wenige Wörter in Deutsch kennen. Meistens sind das türkische Frauen. Serben und Kroa­ten sind weit integrierter. Man kann hier in der Gegend auch einkaufen, ohne Deutsch zu können. Eine echte Parallelgesellschaft gibt es nicht, aber es gibt Familien, die keinerlei Kontakt mit Österreichern haben. Da die Kinder dieser Menschen oft seit zwei Generationen hier in die Schule gehen, muss auch an unserem Schulsystem etwas nicht stimmen, wenn die wieder alle nur türkische Freunde haben und keine österreichischen. Irgendetwas rennt da schief.

profil: Was halten Sie vom berühmten Kopftuchstreit?
Nöstlinger: Den finde ich einfach komisch. Man muss ja unterscheiden: Da gibt es Frauen, die Kopftücher haben, dazu einen Mantel mit Puffärmeln und einen langen Kittel. Das sind die Gläubigen. Und dann gibt es junge Mädchen, die haben Kopftücher auf, ein Jeansjackerl und eine Hüfthose, die so weit unten sitzt, dass man noch ein Stückerl vom Arschgeweih sieht. Die Reize verdeckend ist das ganz gewiss nicht, und mit Religion hat das auch nicht viel zu tun. Das Kopftuch ist da ein Zugehörigkeitsmerkmal und vielleicht auch ein Protest: Okay, ihr wollt uns hier nicht in Österreich. Dann sind wir halt anders.

profil: Sind Sie der Meinung, dass die Türkei der EU beitreten soll?
Nöstlinger: Auf lange Sicht ja.

profil: Zurück zu Ihrem Beruf. Kinder haben heute viele Alternativen zum Lesen: Playstation, Gameboy, PC, Internet. Kann da die Literatur überhaupt noch mithalten?
Nöstlinger: Ich kann mir nicht vorstellen, dass all die Kinderbücher, die gekauft werden, nicht gelesen werden. Und es werden nach wie vor ziemlich viele Kinderbücher gekauft. Unter den Erwachsenen bezeichnet man sieben Prozent als echte Leser. So wird es auch bei den Kindern sein. Früher haben halt viele Kinder gelesen, weil es keine andere Beschäftigung gab, vielleicht nicht einmal einen Fernsehapparat. Die haben dann aber mit 14, 15 Jahren auch zum Lesen aufgehört.

profil: Früher hieß es: Fernsehen macht dumm und gewalttätig. Halten Sie die neuen Medien für gefährlich?
Nöstlinger: Ich halte überhaupt kein Medium für gefährlich, ich halte nur die Inhalte, die manche Medien transportieren, für gefährlich. Gewaltspiele am PC können schon gefährlich sein. Und wenn ich manchmal höre, dass zehnjährige Buben Hard-Porno-Seiten anschauen, dann denke ich mir: Um Himmels willen, was kriegen die für eine Vorstellung von Sexualität?

profil:
Die neuen Medien eröffnen ja auch tolle Möglichkeiten. Man kann Christine Nöstlinger bald auch am iPad lesen.
Nöstlinger: Mir würde das kein Vergnügen bereiten, ich habe gern Papier in der Hand. Ich gehe noch immer lieber zum Lexikon, als dass ich mir irgendetwas google. Ich weiß übrigens gar nicht, wie das mit den Tantiemen ist.

profil: Da müssen Sie sich unbedingt erkundigen.
Nöstlinger: Ich erkundige mich nie nach Geld. Ich bin nicht geldgierig, irgendwie rennt es so auch. Dass ich einen Verlag wechseln würde, weil mir ein anderer ein besseres Angebot macht, das käme für mich nie infrage.

profil: Hoffentlich liest das jetzt nicht Ihr Verleger.
Nöstlinger: Die können das ruhig lesen, das sind alte Freundschaften seit einem halben Jahrhundert, da tut man sich gegenseitig nichts mehr.