Im Kampf gegen Wiesenthal war Kreisky plötzlich das Idol der Rechtsradikalen

Travestie der Geschichte: Im Kampf gegen Simon Wiesenthal war Bruno Kreisky plötzlich das Idol der Rechtsradikalen, wie bisher geheime Dokumente belegen.

Wie gut Simon Wiesenthal mobilisieren konnte, sollte sich 1970, nach der Drohung von SPÖ-Zentralsekretär Leopold Gratz, Wiesen­thals Dokumentationszentrum zu schließen, bald zeigen. Im Büro Bruno Kreiskys liefen im Frühsommer seines ersten Regierungsjahrs Hunderte gleichlautende Briefe ein – sie stammten fast durchwegs von österreichischen Emigranten in den USA. Die Altösterreicher protestierten gegen den Druck, den die SPÖ auf Wiesenthal ausübte, seit dieser die ehemalige NS-Mitgliedschaft von vier Mitgliedern der Regierung Kreisky geoutet hatte.

„Nicht beantworten“, schrieb Kreisky auf die Kladde, in der die offenbar von Wien aus organisierte Post abgelegt wurde. Die Mappe ist Teil der bisher unter Verschluss gehaltenen Akte Wiesenthal, die in sieben Kartons im Kreisky-Archiv im alten Parteihaus an der Rechten Wienzeile abgelegt sind und die profil nun einsehen konnte.

Wiesenthal ließ, auch das geht aus dem Material im Kreisky-Archiv hervor, keine Gelegenheit aus, um den Konflikt mit dem neuen Kanzler zu schüren. Im November 1973 berichtet etwa der österreichische Generalkonsul in New York dem Außenministerium in einem vertraulichen Memorandum über einen Vortrag Simon Wiesenthals bei der jüdischen Loge Bnai Brith. „Kreisky ist der Einzige, der glaubt, dass er kein Jude sei“, habe Wiesenthal ausgeführt. Und weiter: Angesichts der herrschenden Energiekrise würden die Leute in Österreich sagen: „Wenn wir kein Öl von den Arabern bekommen, heizen wir eben mit Juden.“ Einige US-Zeitungen hätten den schlechten Scherz Wiesenthals wörtlich genommen und groß darüber berichtet, meldete der Generalkonsul.

Das Außenministerium leitete solche Berichte an das Kanzleramt weiter, wo sie auf fruchtbaren Boden fielen. Kreisky hatte kurz zuvor schon einmal Bekanntschaft mit Wiesenthals Desinformationsstrategie gemacht. Dieser hatte behauptet, Kreisky habe während eines Besuchs in Ägypten dessen 4000-jährige Geschichte gepriesen und gleichzeitig – wohl auf Israel gemünzt – gemeint, von Staaten der Region, die erst gestern oder vorgestern entstanden seien, wisse man nicht, ob es sie übermorgen noch geben werde. Kreisky dementierte wütend und glaubhaft: Damals, nach dem Sechstagekrieg, waren die Sozial­demokraten noch fest und kompromisslos auf der Seite Israels gestanden. Das Existenzrecht Israels hatte Kreisky auch später nie in Zweifel gezogen.

Israel, dessen Geheimdienst Mossad Wiesenthal regelmäßig bezahlte, habe die Äußerungen seines „informellen Mitarbeiters“ nicht immer allzu ernst genommen, schreibt der Historiker Tom Segev in seiner vor Kurzem erschienenen Wiesenthal-Biografie. In einer Mitteilung des Mossad an alle israelischen Botschaften im Ausland hieß es, Wiesenthal habe sich zwar mit Leib und Leben der Jagd von NS-Kriegsverbrechern verschrieben, zugleich sei er aber „ein ehrgeiziger, renommiersüchtiger Schreihals, der nicht selten Dinge behauptet, die er hinterher nicht beweisen kann“.

Für den 1948 gegründeten Staat Israel hatte die Ausforschung von Nazi-Bonzen 25 Jahre nach der Shoah große, aber nicht mehr primäre Bedeutung. Tel Aviv ging es in erster Linie um die Verteidigung der Sicherheit Israels und der nunmehr dort lebenden Juden. So wurde Wiesenthal auch bedeutet, er möge sich bei seinen Angriffen auf den ebenfalls NS-belasteten Innenminister Otto Rösch etwas zurückhalten. Rösch spiele bei der Auswanderung von sowjetischen Juden über Österreich für Israel eine wichtige Rolle.

Wahlempfehlungen. Vor den Nationalratswahlen 1975 deutete einiges darauf hin, dass die SPÖ die 1971 nur denkbar knapp errungene absolute Mehrheit verlieren könnte. Kaum jemand zweifelte daran, dass Kreisky dann auch eine Koalition mit der FPÖ ins Auge fassen würde. Während des Wahlkampfs wurde bekannt, dass der Kanzler im Sommer zuvor mit Friedrich Peter zusammengetroffen war und mit ihm auch über mögliche Koalitionen gesprochen habe. Dabei, so Kreisky nach Bekanntwerden des Treffens, habe er Peter aber gesagt, ein derartiges Bündnis werde nur schwer zu verwirklichen sein, weil die FPÖ „konservativ, ja zum Teil reaktionär“ sei. Bloß die Parteijugend sei liberal, spielte Kreisky auf den frechen FP-Jugendchef Jörg Haider, 25, an.

In der ÖVP hatte er zeitlebens die Nachfolgeorganisation der ihm zutiefst verhassten Austrofaschisten gesehen: Sie hatten ihm 1934 die so glühend geliebte Sozialdemokratie des Otto Bauer und des Roten Wien zerstört. Hinweisen von Freunden, die gegenwärtige ÖVP-Führung, Josef Taus und Erhard Busek, könne man doch nicht mit Heimwehr-Schergen in einen Topf werfen, hielt Kreisky entgegen, auch diese hätten im Sitzungssaal ihres Parlamentsklubs noch das Bild des Putschkanzlers Engelbert Dollfuß hängen (es hängt übrigens bis heute).

Simon Wiesenthal schrieb, wie schon 1970, auch vor der Nationalratswahl 1975 wieder die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde an und riet dringend von einer Wahl der SPÖ ab. „Kreisky ist ein Verräter der jüdischen Nation und der Demokratie“, hieß es da. Explizit rief Wiesenthal zur Wahl der ÖVP auf.

Am 3. Oktober, dem Freitag vor der Wahl, eilte Simon Wiesenthal über die Stufen der Präsidentschaftskanzlei in der Wiener Hofburg zum Büro des Bundespräsidenten und übergab ihm Aktenmaterial zur Vergangenheit von FPÖ-Obmann Friedrich Peter: Ein ehrgeiziger SS-Mann in einer Mordbrigade an der Ostfront war dieser gewesen, mehrfach ausgezeichnet, aber ohne nachweisliche persönliche Schuld. Es hatte allerdings auch nie jemand nachgeforscht.

Richtig neu waren Wiesenthals Informationen für Rudolf Kirchschläger nicht: Peter hatte aus seiner SS-Vergangenheit nie ein Geheimnis gemacht und war noch 1969 von der Staatsanwaltschaft Graz zu diesem Thema einvernommen worden. Schon 1965 war im ÖGB-Verlag das Kriegstagebuch von Peters mörderischer SS-Einheit veröffentlicht worden. Es hatte im Verdrängerland Österreich einfach niemanden interessiert.
Wiesenthals Ziel war klar: Kirchschläger sollte eine Koalition Kreisky/Peter verhindern.

Zwei Tage später errang Bruno Kreiskys SPÖ mit 50,4 Prozent der Stimmen abermals die absolute Mehrheit. Wiederum zwei Tage darauf hielt Simon Wiesenthal eine Pressekonferenz ab, in der er alle Details von Peters soldatischer Vita veröffentlichte. Erst jetzt, da aus der unangenehmen Vergangenheits-Causa ein innenpolitisches Reizthema geworden war, sprangen auch die Zeitungen auf.

Bruno Kreisky fütterte sie in der wohl gröbsten Fehleinschätzung seines politischen Lebens mit reichlich Material: „Mafiamethoden“ Wiesenthals seien das, grollte er nach dem Ministerrat. Gegenüber Auslandskorrespondenten deutete er an, Wiesenthal „hat halt zur Gestapo eine andere Beziehung gehabt als ich, nachweisbar“ (Kreisky war 1938 einige Wochen lang in Gestapo-Haft gesessen, bevor er nach Schweden ausreisen durfte).

Wiesenthal klagte sofort.
Kreisky erklärte triumphierend, er sehe dem Prozess mit Freuden entgegen. Besonnenere Spitzenfunktionäre der SPÖ erstarrten. Eine Niederlage in einem derartigen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit geführten Prozess würde den Kanzler seine Reputation kosten. Die innenpolitischen Folgen wären unabsehbar.

Man schickte Parteianwalt Wilhelm Rosenzweig vor, einen ehrwürdigen Alten der Bewegung. Rosenzweig warnte Kreisky unmissverständlich, wie aus den vorvergangene Woche von profil gesichteten Akten hervorgeht: Der Mafiavorwurf sei eindeutig eine Ehrenbeleidigung, und Kreisky müsse schon den „vollen Wahrheitsbeweis erbringen, wenn Straffreiheit eintreten soll, weil die angebliche Beleidigung vor einer qualifizierten Öffentlichkeit erfolgt ist“. Rosenzweig schließt: „Die rechtliche Verantwortung muss genauestens überlegt werden.“

Mitgehört.
Kreisky blieb hart. Fast ultimativ forderte er seinen Parlamentsklub auf, im entsprechenden Ausschuss für die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität zu stimmen. Andernfalls werde er einfach sein Mandat zurücklegen.

Über welche Informationen verfügte Kreisky, die ihn so sicher machten, einen fast hoffnungslosen Prozess gegen Simon Wiesenthal zu gewinnen? Stimmt es, wenn Tom Segev in seiner Wiesenthal-Bio schreibt, „Wiesenthal wurde observiert und abgehört, als wäre er ein Staatsfeind“?

„Das ist nur schwer vorstellbar, wenn man Kreiskys gebrochenes Verhältnis zur Polizei kennt“, meint der seinerzeitige Kanzlersprecher Johannes Kunz. Tatsächlich findet sich in den Wiesenthal-Kartons des Kreisky-Archivs kein Aktenstück, das die Annahme, Kreisky habe Wiesenthal observieren lassen, rechtfertigen würde.

Informationen flossen auch so, und Kreisky glaubte ihnen oft kritiklos – nur so sind seine unhaltbaren Vorwürfe von „Mafia“ und „Gestapo-Beziehungen“ Wiesenthals erklärbar.

Schon wenige Tage nach Wiesenthals Pressekonferenz – in ihrem Gefolge hatte es Drohungen gegen die Kultusgemeinde, die Fluggesellschaft El Al und Wiesenthal selbst gegeben – kontaktierten zwei Staatspolizisten unaufgefordert ihre übergeordnete Dienststelle. Thema: „Information über ein mitgehörtes Gespräch zwischen S. Wiesenthal und zwei unbekannten Passagieren im Transitraum des Flughafens Wien/Schwechat“. Wiesenthal habe dabei angekündigt, „die Angehörigen von Kreisky näher zu überprüfen … Gegebenenfalls wird Kreisky die Konsequenzen tragen müssen.“ Wer Wiesenthals Gesprächspartner waren, konnten die Stapo-Männer nicht herausfinden, sie legten aber praktischerweise die ganze Passagierliste bei. Einen Tag später war der Akt auf dem Tisch von Innenminister Otto Rösch, binnen Stunden hatte ihn Kreisky in Händen.

In den folgenden Tagen meldeten sich Dutzende „Zeugen“ im Bundeskanzleramt, die Simon Wiesen­thals Vergangenheit deutlich anders darstellten als dieser selbst. Einer wollte ihn als Chef einer Uniformnäherei für die SS in Tarnov erkannt haben. Ein anderer gab an, er habe Wiesenthal als Ingenieur im Dienste der NS-Herren auf rumänischen Erdölfeldern erkannt. Selbst der deutsche Rechtsradikalenführer Manfred Röder, der behauptet hatte, Wiesenthal sei überhaupt nie in einem KZ gewesen, schrieb nun sympathisierend an den roten Bundeskanzler und beharrte darauf: „Er befand sich nicht einen einzigen Tag im KZ.“

Sympathiebezeugungen.
In Hamburg meldete sich ein „Informant“ beim österreichischen Konsulat, der angab, Hinweise darauf zu haben, dass Wiesenthal Werkzeug einer „zionistischen Verschwörung“ sei, um Kreisky wegzuputschen. Österreichs Botschafter in London, der frühere Kreisky-Sekretär Ingo Mussi, berichtete seinem Ex-Chef über den Besuch eines angeblichen Ex-KZ-Häftlings, der beweisen könne, dass Wiesenthal ein „Schurke“ sei. Würde man ihm die Reise nach Wien und dort einen Pkw und den Aufenthalt bezahlen, liefere er alle Informationen. Mussi warnte: „In diesem Fall ist beträchtliche Skepsis am Platz.“ Kreisky ließ mitteilen, die Reise werde man nicht bezahlen, aber sein Sekretär Johannes Kunz stehe als Gesprächspartner gern auch telefonisch zur Verfügung.

Immer schräger wurden die Sympathiebezeugungen. Die SPÖ-Bezirksorganisation Ried/Innkreis übermittelte dem Parteivorsitzenden „die Fotokopie ­eines Briefes, den ehemalige SS-Mitglieder uns überreicht haben“. Dabei hätten sie „ersucht, Ihnen die Hochachtung zu Ihrem Verhalten auszusprechen. Wortwörtlich meinten die Herren, wenn dieser Sachverhalt vor dem 5. Oktober stattgefunden hätte, hätte die SPÖ noch einen höheren Stimmenanteil zu verzeichnen gehabt.“

Als Kreisky in diesen Oktobertagen 1975 von ­einem deutschen Zeitungskorrespondenten gefragt wurde, ob er seine Vorwürfe auf Geheimdienstberichte stütze, antwortete der Kanzler hoch erregt: „Nein, nein. Auf Aussagen, Berichte von Aussagen von Leuten, auf Aussagen von Leuten aus dieser Zeit.“

Mag sein, dass Kreisky den irrwitzigen „Enthüllungen“ alter und neuer Nazis deshalb so viel Glauben schenkte, weil auch durchaus ernst zu nehmende Männer ihre Zweifel an Wiesenthals Aktivitäten anmeldeten, wie etwa Franz Marek. Marek, Jahrgang 1913 und als Jude von den Nazis verfolgt, hatte während des Zweiten Weltkriegs in der französischen Résistance gekämpft und war 1944 nur knapp seiner Hinrichtung entgangen. Nach 1945 war er einer der kritischen Intellektuellen in der KPÖ und trat 1968 aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen aus der KP aus. Marek, er war mit der Publizistin Barbara Coudenhove-Kalergi verheiratet, gab auf dem Höhepunkt des Konflikts der schwedischen Zeitung „Arbeiderbladet“ ein Interview, in dem er meinte, auch er habe Nachteiliges „über Wiesen­thals Benehmen gegenüber anderen Häftlingen im KZ Mauthausen gehört“.

Allerdings, so Marek, müsse man dort gelebt haben, um den Fall wirklich beurteilen zu können. Kreisky habe „aus tiefen, gefühlsmäßigen Gründen gehandelt“ – und das dürfe sich ein Bundeskanzler nicht leisten. Dieser hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon ganz andere, seiner Meinung nach weit gewichtigere Zeugen gegen Wiesenthal an der Angel.


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