Im Namen des Vaters

Der Missionar. Martin Bormann, der Sohn von Hitlers mächtigem Vertrauten gleichen Namens, machte in katholischen Kreisen Karriere: als Nazi-Kind, das zu einem Mann Gottes geworden war.

Martin Bormann war acht Jahre alt, als Hitler ihn 1938 dem italienischen Duce Benito Mussolini als sein Patenkind vorstellte. Zu Ostern 1950 schüttelte Papst Pius XII. dem inzwischen 20-Jährigen bei einer Sonderaudienz die Hand. Um Aufsehen zu vermeiden, hatte der Vatikan den Sohn von Hitlers treuestem Parteigenossen als "Bergmann“ auf die Liste gesetzt, jenem Decknamen, den die SS ihm gegeben hatte. Doch das katholische Kirchenoberhaupt, dessen zwielichtige Rolle während des Nationalsozialismus bis heute ungeklärt ist, war über den jungen Mann "gut informiert“, erkundigte sich freundlich nach dem Wohl seiner Geschwister und gab ihm seinen Segen.

Später schilderte Bormann junior diese beiden Begegnungen als Teil seiner außerordentlichen Karriere vom "Täterkind“ zum Herz-Jesu-Missionar. Es sind wohlgesetzte Szenen seiner Autobiografie, die 1996 auf den Markt kam. Zum Schauer, der mit seinem Namen verknüpft ist, lieferte er in dem Band "Leben gegen Schatten“ auch die Bilder: als lachender Bub in der Uniform der Partei-Eliteschule, zu Silvester 1941 neben Hitler - und dann die Lebenswende: als bärtiger Priester auf Knien in der schwarzen Mönchskutte vor seinem Förderer, dem Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher. Aus dem braunen NS-Gewand in die Mönchskutte der Herz-Jesu-Missionare geschlüpft, war Bormann zu einer Art von Star in katholischen Kreisen geworden. Mit seiner Autobiografie trat er in katholischen Hochschulgemeinden und in deutschen TV-Dokumentationen auf, war Gast auch in österreichischen Ex-Adelshäusern, fuhr auf eigene Kosten in Gefängnisse zur Auseinandersetzung mit inhaftierten Neonazis.

Er zweifle nicht an den NS-Verbrechen, denn als 14-Jähriger sei er vor Heinrich Himmlers Stühlen aus Menschenknochen erschrocken, pflegte er auszuführen (für deren Existenz fehlen allerdings Beweise). Doch dem Vater sei er dankbar für das eigene Leben, und über dessen Verbrechen könne nur Gott urteilen. Bormanns Vater war 1946 in Nürnberg in Abwesenheit zum Tod verurteilt worden, sein Skelett wurde 1973 in Berlin gefunden.

Bormanns acht Geschwister waren nach dem Sturz aus dem elitären NS-Leben im Schatten geblieben. Doch der Älteste hatte viel zu erzählen, und es wurde ihm gerne geglaubt. Da waren: seine vormilitärische Ausbildung in der Reichsschule der NSDAP; sein Fluchtversuch mit einer SS-Brigade zu Kriegsende 1945; dann die hilfsbereiten tiefreligiösen Salzburger Bauersleute, die ihn als "Martin Bergmann, SS-Schütze“, aufnahmen, die Bibel der Sennerin auf der Alm als Begegnung mit dem Katholizismus; 1947 der Anschluss an die Herz-Jesu-Missionare, die ihn mit offenen Armen aufnahmen, hatte doch ein Vertrauter seines Vaters zu Kriegsende einen beschlagnahmten Kirchenschatz zurückgegeben, statt ihn zu verstecken; ab 1961 Missionar auf gefährlichem Terrain im Kongo; schließlich 1971 Verkehrsunfall, Ordensaustritt und Heirat mit der Ex-Ordensfrau, die ihn gesund gepflegt hatte.

Bormanns eingängiger Glaubenssatz hieß, dem Vater sei der "Wille des Führers“ alles gewesen, ihm aber sei alles "Fügung Gottes“. Die "Bunte Illustrierte“, deren Verleger Franz Burda seine eigene NS-Geschichte hatte, berichtete groß über seine Priesterweihe; die Blätter "Quick“ und "Revue“ zahlten 1964 dem Orden 20.000 Mark für die Exklusivrechte an der Story, wie Missionar Bormann im Kongo in Rebellenhand gefallen und befreit worden war. Der "Spiegel“ berichtete damals, Bormann sei als Monteur verkleidet aus dem Flugzeug gestiegen, um von Journalisten anderer Medien nicht erkannt zu werden.

Viel Raum widmete Bormann in seinen Lebenserzählungen auch dem Projekt "Täterkinder - Opferkinder“, zu dem der israelische HolocaustForscher Dan Bar-On ihn eingeladen hatte. In Israel selbst wurde berichtet, wie er zum Staunen aller bei einer Befreiungsfeier im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz ein Rednerpodium erklommen hatte: "Er suchte unter den jüdischen Opfern seines Vaters nach Gott.“

Nur an sein Erzieherdasein in Salzburg-Liefering wollte der vielseitige Missionar Bormann sich nicht erinnern, als ihn ein früherer Zögling damit konfrontierte, dass er ihn bewusstlos geschlagen hatte. Das war vor zehn Jahren.