Superar: Integration durch Musik

Beim Musizieren zählt die Stimme, der Einsatz, das Wagnis, nicht ob man im Erdgeschoss wohnt oder unter dem Dach.

"Musik ist ein Grundnahrungsmittel, das allen zugänglich sein muss."

Irena Klissenbauer, Superar-Managerin

Bei Integration. Genau deshalb funktioniert sie so gut.

Die Kinder schauen auf die unsichtbare Spur, die der Chorleiter in die Luft gezeichnet hat. Irgendwo da oben, über ihren Köpfen, verklingt das Hallelujah von Leonard Cohen. Zwei Sekunden, drei, währt das magische Schweben zwischen dem letzten Ton und dem Ende der Musik. Sie sollen es spüren, bis zur Neige auskosten und ihr Konzertgesicht wahren, bis – ja, der Applaus einsetzt.

Michael Wagenthaler ist kein Alleinunterhalter, der den Buben und Mädchen in der Wiener Volksschule Haebergasse die Nachmittage mit Singen und Klatschen vertreibt. Er verlangt künstlerische Ernsthaftigkeit. Diellza, Elmas, Sami und die anderen haben begriffen, dass sie für die Bühne arbeiten. Die große. In zwei Wochen treten sie in der Tonhalle Zürich auf. Ende Juni singen einige der Kinder bei der „Carmina Burana“ im Konzerthaus mit, einen Monat später fahren sie zu den Salzburger Festspielen.

Wagenthaler ist Teil der 2009 gegründeten Bewegung Superar, die aus Venezuela die Idee eines kostenlosen Musikunterrichts für Kinder aus allen sozialen Schichten übernahm (siehe Kasten). Vor rund 40 Jahren hatte der Komponist José Antonio Abreu dort das nationale Programm „El Sistema“ gestartet, um Straßenkindern eine Perspektive abseits von Drogen und Gewalt zu geben. Inzwischen erwuchsen daraus weltberühmte Orchester und Dirigenten wie Gustavo Dudamel. Der 32-Jährige dirigierte im Vorjahr das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker.

Übertreffen, meistern, über sich hinausgehen: So lässt sich das spanische Verb „superar“ übersetzen. Auf den Foldern des Vereins steht: „Sing. Dance. Succeed.“ Das ist mehr Programm als Projekt, mehr Philosophie als Technik. 700 Kinder bildet Superar allein in Österreich aus. Seit 7. April probt in der alten Ankerbrot-Fabrik im Arbeiterbezirk Wien-Favoriten das erste Orchester. 120 Kinder haben sich dafür angemeldet, 65 wurden genommen. Die meisten kommen aus der Umgebung.

Freitag, später Nachmittag: Der Musikunterricht beginnt in einer halben Stunde. Auf einer Stiege am alten Fabriksgelände hüpfen Volksschulkinder herum. Sie können es kaum erwarten, dass ihre Lehrer den Raum aufsperren, wo ihre Geigen, Bratschen und Cellos liegen. Die Instrumente stammen aus Leihgaben und Spenden. „Musik ist ein Grundnahrungsmittel, das allen zugänglich sein muss“, sagt Superar-Managerin Irena Klissenbauer.

In einem der Violinen-Kästen steckte ein Brief an den „jungen Musikanten, die junge Musikantin“: Er erzählt die Geschichte einer Geige, die viele Jahre in Afrika verbracht hat, wo der Urgroßonkel des Absenders als Missionar wirkte, und schließt mit dem Wunsch, „dass du dich mit ihrem Klang weiter entfaltest“.

Platz finden
Sich entfalten heißt bei Superar, den Platz in der Gemeinschaft finden. Gelernt wird in Gruppen – vier sind es an diesem Freitag in der Ankerbrot-Fabrik: Im ersten Raum fideln Mädchen in bunten Leggings und Buben mit ernsten Gesichern ihre erste Tonleiter. „Orchesterposition!“, ruft die Geigerin Ulli Engel. Die Kinder rutschen auf dem Sessel nach vorne und richten den Rücken auf. Im Nebenraum streicht eine Dutzendschaft schon recht harmonisch über die Cello-Saiten: Eins – zwei – drei! Ausatmen! Ihr Lehrer Florian Berner schaut zufrieden. Am anderen Ende des Ganges müht sich die finnische Bratschistin Linia Leyala ab: A, D, Pause, D, D, D, Fis, D. Die Kinder klatschen und singen dazu. Ein paar Zimmer weiter ringt der Geiger Christoph Mallinger um die Aufmerksamkeit seines Auditoriums. „Bogen auffi!“ „Konzentrieren!“

Bruno Campo hat soeben seine Tour durch das Übungsuniversum beendet und kommt mit rollenden Augen in den Aufenthaltsraum zurück. „Im Moment geht es noch nicht um Musik, sondern um kulturellen Respekt“, sagt der 30-jährige Guatemalteke. Die Buben und Mädchen müssten lernen, in den Sesseln nicht wie in einer Hängematte zu lümmeln, den Mund zu halten, wenn ihre Lehrer etwas vorzeigen, und ihre Gedanken zu sammeln: „Das wird schon.“

Campo sagt das nicht einfach so dahin. Er hatte als Jugendlicher auf einer Venezuela-Reise „El Sistema“ kennengelernt. Das öffnete ihm die Augen dafür, „dass so gut wie alles im Leben möglich ist, wenn man das Ziel kennt und hart arbeitet, um auch es zu erreichen“.

Gesellschaftliche Erneuerung
Campo hatte als Kind vom Dirigieren geträumt. Seine Lehrer in Guatemala hatten ihm geraten, zuerst nach Europa zu gehen, sich hier als Musiker einen Namen zu machen. Danach – mit 30, 40 – könne er daran denken, den Taktstock in die Hand zu nehmen. Dank „Sistema“ kam es anders: Maestro Abreu betraute den damals 23-Jährigen, seine Vision von einer gesellschaftlichen Erneuerung durch Musik in Guatemala zu verbreiten.
Campo scharte ein paar Dutzend Kinder um sich und schnorrte einen Haufen Instrumente für sie zusammen. Nach wenigen Wochen spielte sein erstes Orchester bereits ein Konzert. Das war zwar noch nicht Spitzenklasse, aber es genügte, um den Bürgermeister von Guatemala City dazu zu bewegen, einen Proberaum und 1000 Dollar im Monat herzugeben.
Innerhalb von sechs Jahren hatte Campo 2500 Kindern zu einer Musikausbildung verholfen, zehn Orchester und 40 Chöre ins Leben gerufen. Dann war er 30 und reif für eine Auszeit. Er ging nach Graz, um klassische Musik zu studieren, und landete – wie es der Zufall so wollte – als Superar-Mitstreiter in der Ankerbrot-Fabrik.

Hier träumt Campo nicht bloß von Nachwuchspflege: „Davon gibt es in der Hauptstadt der Musik ohnedies viel.“ Den jungen Cellisten, Sängerinnen und Tänzern sollen die Schleusen für das Gute und Schöne im Leben aufgehen, damit sie lernen, „anders und neu zu sehen, riechen, hören, fühlen“. Wenn aus ihnen später keine Musikerinnen und Musiker werden, sondern Architekten, Ärztinnen und Handwerker, „wird es ihnen Genuss bereiten, ihre Arbeit gut zu machen. Sie haben ein Konzept von Qualität.“
Bei Diellza, 10, hat das funktioniert. Das Mädchen gehörte stets zu den Stillen, die sich lieber im Hintergrund hielten. Als die Direktorin der Volksschule Haebergasse im zwölften Wiener Gemeindebezirk ihre Klasse für das Superar-Programm nominierte, war der erste, erschrockene Gedanke ihrer Mutter Fatime Humaj: „Das wird ihr keinen Spaß machen.“
Ein Jahr lang sang Diellza im Chor unauffällig mit. Ein Kind nach dem anderen hatte sich bereits über ein Solo gewagt. Dann gab sich das Mädchen einen Ruck. Die anderen kippten fast von den Sesseln, als sie Diellza singen hörten. Chorleiter Michael Wagenthaler stand der Mund offen: „Mir ist da erst bewusst geworden, welches Talent in ihr schlummerte.“ Es gehört zu den kleinen Wundern, die sich bei Superar ereignen, dass Diellza im Wiener Konzerthaus vor 2600 Menschen aus ganzer Seele „Vois sur ton chemin“ sang.

Elmas, 9, genießt das Rampenlicht. Sie besucht die Volksschule Haebergasse eine Klasse unter Diellza. Ihre Mutter Katharina Sahintürk erzählt, das Mädchen trällere von früh bis spät. Ihr Berufswunsch ist – wenig überraschend – „Sängerin“. Elmas gehört – so wie Diellza – zum harten Superar-Kern. Sie probt bis zu 13 Stunden in der Woche und kämpfte wie eine Löwin, um zu einem Auftritt nach China mitfahren zu dürfen. Ihr Vater hatte Angst um seine Tochter und gab erst nach, als sie drohte: „Wenn du mich nicht fliegen lässt, werde ich Putzfrau.“

„Mama, sind wir arm?“
Dass Superar auch die Eltern zwingt, sich zu bewegen, ist eine nicht ganz unerwünschte Nebenwirkung. Viele leben zwar seit Jahrzehnten im Land, haben die Stätten der Hochkultur aber noch nie von innen gesehen. Im Wiener Konzerthaus saßen sie zum ersten Mal, als ihre Töchter und Söhne dort auf der Bühne standen. „Bei Superar redet man viel über Zusammenhalt, wenig über Integration“, sagt Mitbegründer Werner Binnenstein-Bachstein. Deshalb funktioniert sie hier so gut. Beim Musizieren zählt die Stimme, der Einsatz, das Wagnis – nicht, ob man im Erdgeschoss wohnt oder unter dem Dach, welches Auto die Eltern fahren und wie viel sie am Monatsende noch am Konto haben. Eine Zeitung würdigte Superar als Riesenchance für „arme“ Kinder. „Mama, sind wir arm?“, fragte Diellza zu Hause nach. So hatte sie sich noch nie betrachtet. Ihre Chorfreundin Elmas hatte bis dahin gedacht, arm sei, wer ernsthaft krank sei.

In der Volksschule Wichtelgasse, die zu den Superar-Vorreitern gehört, haben 80 Prozent Migrationshintergrund. „Sie kämpfen den ganzen Tag um ihren Status und ihre Identität“, beobachtet Rafael Neira Wolf. In den „Rafi“-Stunden geraten ihre Freund-Feind-Schemata durcheinander: „Da mag dann der Serbe von allen Liedern ausgerechnet das türkische am liebsten.“

Neira Wolf studierte Konzertgitarre und singt in einer Rockband. Vergangene Woche schickte er die Erstklässler auf eine Expedition, die mit Hirtenschalmeien anfing, chinesisch, italienisch, bosnisch und im Dialekt weiterging und mit „Forgotten Promises“ von Sami Yusuf endete. Ein Mädchen im Hello-Kitty-Shirt hat sich den Song gewünscht. Eine Stunde später wärmte der Chorleiter die Drittklässler für Mahlers achte Symphonie auf. Bis zu den Salzburger Festpielen soll der „selige Knabenchor“ herzerwärmend über die Bühne gehen. „Rafi“ dirigierte, die Kinder intonierten: „Regt euch und singet …“

Bei Superar spielen die Kinder „bessere Welt“, sagt Bruno Campo. Niemand zieht hier alleine „sein Ding“ durch. Wer zu laut ist oder zu schnell, wer aus der Reihe tanzt, weil er nicht auf die anderen schaut, stört die Harmonie des Ganzen.

Eine dritte Klasse der Volksschule in der Wiener Quellenstraße lernt das in den Stunden von Iva Rohlik. Die Choregrafin und Balletttänzerin übt mit 23 Kindern, pummeligen und dünnen, beweglichen und steifen, lebhaften und schüchternen, Gefühle mit dem Körper auszudrücken. Freundschaft. Einsamkeit. Kälte. Überraschung. Die Buben und Mädchen ziehen sich aneinander hoch, wiegen sich wie Grashalme im Wind und versuchen, sich im Turnsaal wie auf einer Bühne zu bewegen: „Die Augen nach oben, die Menschen sollen euer Gesicht sehen.“

Die Direktorin sagt, sie schaue manchmal zu und staune, was die Kinder in den Tanzklassen alles mitkriegen: „Nicht für die Bühne, fürs Leben.“


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Fotos: Sebastian Reich für profil

Fotos: Michael Rausch-Schott