"Moment einmal, Google gab es da noch nicht“

Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, über den arabischen Frühling, Geldverdienen im Netz und warum er selbst nie reich geworden ist.

Tim Berners-Lee, geboren 1955, wuchs als Sohn eines Mathematiker-Ehepaars in London auf, studierte Physik am Queen’s College an der Oxford University und verdiente sein Geld zunächst mit dem Schreiben von Software. Anfang der achtziger Jahre verschlug es ihn zum ersten Mal an das renommierte Kernforschungsinstitut CERN in Genf.

Das Internet war zwar bereits erfunden, aber unter den Koryphäen aus aller Welt, die am CERN an physikalischen Problemen tüftelten, wenig in Gebrauch, wie sich Berners-Lee in seinem Buch "Weaving the Web“ erinnert. Er selbst experimentierte bereits mit Hypertext und schrieb das Programm "Enquire“, das er privat nützte - als Stütze für sein schwaches Namens- und Gesichtergedächtnis, wie er einem Reporter einmal verriet. In seinen Träumen war Berners-Lee bereits viel weiter, bei einem globalen Netz, in dem sich Forscher ohne technische Hürden austauschen. 1989, anlässlich eines erneuten CERN-Zwischenstopps, war die Vision so weit gediehen, dass er sie in einen Projektantrag fassen konnte.

Berners-Lee entwickelte den ersten "WWW“-Hypertext-Browser, die Seitenbeschreibungssprache HTML, das Netzwerkprotokoll HTTP, den Vorläufer der heutigen Webadresse und den ersten Webserver CERN httpd unter dem Betriebssystem NeXTStep. Im August 1991 stand die erste Website online. Ihr Schöpfer ging in die Geschichte ein.

Das "Time Magazine“ reihte den 2004 von der Queen geadelten Briten unter die 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts. In eingeweihten Kreisen heimste Sir Berners-Lee Ruhm und Ehre ein. In der breiten Öffentlichkeit blieb er ein Unbekannter, das von ihm kreierte "WWW“ hingegen verbreitete sich rund um den Erdball und wurde zum Synonym für das Internet. Tatsächlich ist es ein Internetdienst, so wie E-Mail. Anders als die Google-Gründer Sergej Brin und Larry Page, die laut jüngster "Forbes“-Liste der reichsten US-Amerikaner auf ein geschätztes Vermögen von jeweils 16,7 Milliarden Dollar kommen, oder Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg (geschätztes Vermögen: 17,5 Milliarden Dollar) wurde Berners-Lee mit seiner Erfindung nicht reich. Das hinderte den Briten nicht daran, an seinen Idealen festzuhalten. Als Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Direktor des World-Wide-Web-Konsortiums kämpft er für Netzneutralität und dafür, dass alle Menschen freien und ungehinderten Zugang zum Internet haben.

profil: Im August 1991 stellten Sie die erste Website der Geschichte online. Inzwischen gibt es wie viele?
Berners-Lee: : Es ist von 100 Milliarden die Rede, ungefähr so viele, wie das menschliche Gehirn Nervenzellen hat.

profil: Klopft sich der Erfinder des World Wide Web manchmal auf die Schulter und sagt: Wow, das alles ist aus meiner Website geworden?
Berners-Lee: : Nein, dafür habe ich keine Zeit. Das Leben ist zu kurz. Wir müssen uns mit den großen Veränderungen im Web beschäftigen und darüber nachdenken, wie wir es weiterentwickeln können, um es noch besser zu machen. Neurologen, Psychologen, Mathematiker, Wissenschafter aus unterschiedlichsten Disziplinen erforschen das menschliche Gehirn, um herauszufinden, wie es funktioniert, wenn es krank, überlastet oder unterfordert ist. So eine Anstrengung brauchen wir auch für das World Wide Web, wenn wir seine Komplexität psychologisch, physikalisch, mathematisch und ökonomisch verstehen wollen.

profil: Sie schenkten dem Planeten Erde ein "gigantisches elektronisches Gehirn“, schrieb das "Time Magazine“. Sind Sie glücklich mit dem Ergebnis?
Berners-Lee: : Nun, ja, ich denke, das Web spiegelt die gesamte Menschheit wider, und so wie im richtigen Leben gibt es im Internet wunderbare und weniger wunderbare Orte.

profil: Woran denken Sie da?
Berners-Lee: : Wunderbar finde ich, wenn Menschen Zugang zu Gesundheitsleistungen erhalten oder nach einer Katastrophe wie etwa einem Erdbeben zusammenfinden - und ganz grundsätzlich, wenn das Netz dazu genützt wird, Demokratie und Gerechtigkeit zu fördern.

profil: Gehören Sie zu denen, die glauben, dass die Protestbewegungen im arabischen Raum ohne das World Wide Web nicht möglich gewesen wären?
Berners-Lee: : Natürlich war es enorm wichtig, aber genauso wichtig waren E-Mails, die nicht meine Erfindung sind und auch über das Internet laufen. Und man darf nicht vergessen, dass es gleichzeitig die unglaubliche Ausdauer und den Mut jener Menschen brauchte, die auf die Straße gingen und sich an den Protesten beteiligten.

profil: Die ägyptische Regierung versuchte, die friedlichen Proteste in den Griff zu bekommen, indem sie das Internet abschaltete.
Berners-Lee: : Das war für mich das Spannendste. Als die ägyptische Regierung den Zugang gesperrt und die Protestbewegung vom Rest der Welt abgeschnitten hat, wurde Menschen rund um den Globus erst klar, wie selbstverständlich das Internet geworden ist. Sie sind fälschlicherweise davon ausgegangen, es würde immer da sein, so wie die Sonne oder der Regen. Plötzlich gab es eine Diskussion darüber, dass der Zugang zum Netz ein Menschenrecht ist und es Staaten nicht erlaubt sein darf, ihn zu versperren oder zu kontrollieren.

profil: Vor zwanzig Jahren träumten Sie von einem weltweiten Netz, das niemandem gehört und für alle offen ist. Gilt das noch?
Berners-Lee: : Es ist meine tiefste Überzeugung, dass das Internet für jeden zugänglich sein muss, dass es keinerlei Diskriminierung geben darf und niemand das Netz kontrollieren oder andere ausspionieren darf. Jeder User muss in der Lage sein, nach Informationen zu suchen, ohne Angst haben zu müssen, dass seine Datenspuren aufgezeichnet und eines Tages gegen ihn verwendet werden.

profil: Wer soll das garantieren?
Berners-Lee: : Ich denke, das müssen die User selbst machen, und inzwischen gibt es einige Organisationen, die sich diesem Anliegen verschrieben haben. Man muss aber auch die Regierungen in die Pflicht nehmen. Sie sind in ihren jeweiligen Staaten dafür verantwortlich, dass große Unternehmen die Kontrolle nicht an sich reißen. Und natürlich dürfen sie das Internet auch selbst nicht missbrauchen, etwa um politische Einstellungen von Staatsbürgern auszuspionieren oder gegen Kritiker vorzugehen. Es darf nicht sein, dass Regierungen das Netz abdrehen oder missliebige Websites blockieren.

profil: Beschleicht Sie manchmal ein ungutes Gefühl, wenn Sie im Netz surfen?
Berners-Lee: : Ich verwende einen Server in Amerika und habe bis jetzt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass ich ausspioniert werde. Aber ich war äußerst besorgt, als in Großbritannien vor zwei Jahren der Fall Phorm an die Öffentlichkeit kam. Das Unternehmen hat User im Netz ausspioniert, indem es aufzeichnete, wer nach welchen Informationen sucht. Von jedem dieser Kunden wurde ein detailliertes Profil angelegt, das für Werbezwecke genutzt werden sollte.

profil: Die Proteste der User fielen heftig aus. Phorm musste das Projekt stoppen.
Berners-Lee: : Die zusammengetragenen Informationen waren auch wirklich Dynamit. Stellen Sie sich vor, Sie haben einige Websites für Homosexuelle aufgerufen, in der Annahme, dies bleibe vertraulich. Oder Sie haben im Netz auf fünf verschiedenen Websites zum Thema Krebs recherchiert, was ja nicht gleich bedeutet, dass Sie selbst erkrankt sind, vielleicht hat ein Freund eine Diagnose bekommen. Diese Daten kann Ihre Versicherungsgesellschaft dann kaufen und interpretieren. Ein anderes Beispiel: Nachrichtendienste sammeln Informationen über Regierungsmitglieder oder Militärs, die genützt werden können, um andere Staaten zu erpressen oder deren nationale Sicherheit zu gefährden. Ich denke, dass wir nicht wachsam genug sein können.

profil: Sind wir nicht schon längst in der Überwachungsgesellschaft gelandet?
Berners-Lee: : Wenn wir von der entwickelten Welt sprechen, würde ich das zumindest unter Anführungszeichen setzen. Wie die Geschichte zeigt, kann sich die Zivilisation, die uns umgibt, schnell mit weniger demokratischen Systemen verbinden.

profil: Dagegen ist der einzelne User eher machtlos.
Berners-Lee: : Sie haben Recht, der gewöhnliche User kann sich kaum schützen, sieht man davon ab, dass er seine E-Mails verschlüsseln kann. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir uns auf Standards einigen, an die sich alle halten. Ich war in Holland zu einer Zeit, als das Netz dort völlig ungeregelt war. Eine der Telefongesellschaften hat versucht zu verhindern, dass Menschen über Skype telefonieren. Damals hat die holländische Regierung gesagt: Okay, wir brauchen Gesetze. Die Skype-Blockade wurde verboten. Das zumindest wird nicht mehr passieren.

profil: Die holländische Telefongesellschaft fürchtete offenbar um ihr Geschäft. Bleiben wir gleich beim Geld. Die Gründer von Google und Facebook verdienten ein Vermögen im World Wide Web. Sie haben es erfunden und fuhren laut "Time“ mit einem dreizehn Jahre alten VW Golf herum.
Berners-Lee: : Den gibt es nicht mehr, ich hatte dann noch zehn Jahre lang einen anderen Golf, und jetzt fahre ich einen Eos, den ich sehr mag.

profil: Verbittert es Sie, dass Ihre Erfindung andere reich gemacht hat und Sie mit leeren Händen ausgegangen sind?
Berners-Lee: : Nun, ich habe jede Menge interessanter Menschen kennen gelernt. Ich denke, es war nie eine Option, reich zu werden. Hätte ich zu den Leuten damals gesagt, ihr müsst mir Geld geben, um das Web nutzen zu dürfen, hätte das schlicht niemand gemacht. Der einzige Grund, warum so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Gebieten ihre Zeit und Energie in das World Wide Web gesteckt und es groß gemacht haben, ist, dass es kostenlos war. Es wäre einfach nicht passiert, hätten sie für Lizenzen, Software und Informationen zahlen müssen. Und das ist heute noch der entscheidende Punkt, dass jene, die Standards entwickeln, dafür keine Lizenzgebühren verrechnen.

profil: Das klingt logisch, aber irgendwie nicht ganz fair.
Berners-Lee: : Manche betrachten das Web als eine Geldquelle. Ich sehe das so: Menschen verkaufen etwas an ihre Kunden, reisen um die Welt, sie machen ihre Jobs, betreiben ihre Geschäfte, sie engagieren sich in Non-Profit-Organisationen und hoffentlich auch für altruistische und persönliche Anliegen. Der Unterschied zu früher besteht darin, dass alles, was sie machen, durch das Web viel einfacher geworden ist.

profil: Gefällt Ihnen die Idee von WikiLeaks?
Berners-Lee: : Darauf gibt es keine einfache Antwort, weil wir schauen müssen, welchen Wert Informationen haben und warum sie ins Netz gestellt werden. Die vertraulichen Informationen eines Whistleblowers richten in manchen Fällen mehr Schaden an, als sie Nutzen stiften. In anderen Fällen aber kann es richtig sein, diese Informationen öffentlich zu machen, weil nur so das Fehlverhalten von Regierungen oder Unternehmen aufgezeigt werden kann.

profil: Was sind für Sie die weniger wunderbaren Orte im World Wide Web?
Berners-Lee: : Das sind die Orte, an denen man Betrug in allen Formen begegnet, wo Menschen andere absichtlich in die Irre führen, Orte, an denen Cyberkriminalität passiert. Wenn sich jemand als Ihre Bank ausgibt, um an Ihr Geld zu kommen, oder Ihnen vorgaukelt, jemand ist gestorben und hat Ihnen ein Vermögen hinterlassen, ist das wirklich übel.

profil: Wenn Sie an Kinderpornografie und Hass-Seiten im Internet denken: Muss es da nicht Überwachung und Zensur geben?
Berners-Lee: : Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit ist sehr heikel. Das zeigt die Debatte über Anonymität. Menschen, die in Diktaturen leben, müssen durch Anonymität geschützt bleiben, wenn sie zum Beispiel Informationen über Polizeibrutalität posten. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die kinderpornografisches Material ins Netz stellen oder fälschlicherweise jemanden beschuldigen, etwas Unrechtes getan zu haben. Deshalb brauchen wir ein beschränktes Recht auf Anonymität, also ein System, in dem dieses Recht verloren geht, wenn es missbraucht wird. Das wird nicht ohne Regeln und Gerichte gehen. Doch zunächst brauchen wir darüber eine Diskussion, an der sich mehr Menschen als bisher beteiligen.

profil: Wie wird das World Wide Web der Zukunft aussehen?
Berners-Lee: : Soziale Plattformen werden mächtiger, und es wird interessant sein zu beobachten, wie Menschen sie in ihrem täglichen Leben nützen. Gleichzeitig wird das Netz mobiler. Eine der interessantesten Entwicklungen ist die Verbreitung von Mobiltelefonen in Entwicklungsländern in Afrika und Schwellenländern wie Indien, wo inzwischen mehr Webbrowser auf Mobiltelefonen installiert sind als auf Computern. Das bedeutet, man muss seine Websites mobiltelefontauglich machen.

profil: Sie reden schon lange von Computern, die alle im Netz verfügbaren Daten analysieren und den Menschen als intelligente Agents zur Hand gehen. Inzwischen gibt es immer mehr Filter, die Informationen für die User vorselektieren. Bezahlen wir diese Bequemlichkeit mit Entmündigung?
Berners-Lee: : Ich meine grundsätzlich, dass jemand, der im Internet etwas anbietet, überhaupt keine Filter setzen sollte, sondern wir, die User, sollten entscheiden, welche Filter wir wollen.

profil: Ein Leben ohne Web ist kaum noch vorstellbar. Wann waren Sie das letzte Mal für längere Zeit offline?
Berners-Lee: : Das war für einige Tage im vergangenen Sommer. Ich habe sie sehr genossen. Es ist wahr, dass es vielen Menschen heute schwerfällt, sich auszumalen, wie die Welt ohne Web funktioniert hat. Manchmal fragen mich junge Leute, warum ich das Netz "WWW“ genannt habe, und ich antworte: Nun, ich habe diesen Begriff gegoogelt und gesehen, dass er noch nicht verwendet wird. Dann sagen sie: Oh, natürlich. Niemand sagt: Hey, Moment einmal, da gab es Google ja noch gar nicht.