Italien: Ein Bürgermeister rettet Bootsflüchtlinge und damit sein Dorf

Seit zehn Jahren nimmt Domenico Lucano, Bürgermeister im süditalienischen Riace, Bootsflüchtlinge auf und hat damit auch sein eigenes Dorf gerettet. Das gefällt allen, außer der Mafia.

Sie waren am Ende. Das Wasser stand ihnen bis zu den Knien. In drei Tagen hatten sie Griechenland erreichen wollen. Nun waren sie eine Woche lang auf dem Meer herumgetrieben, ohne Land zu sehen. Das Trinkwasser war knapp, das Essen sogar ganz ausgegangen. Cengiz T. ließ die Hoffnung fahren, jemals anzukommen, als der Wind ihr altes Boot an die Küste von Kalabrien blies. Es war vier Uhr morgens. Sie taumelten an Land, fast 200 kurdische Flüchtlinge aus der Türkei, aus Syrien, aus dem Iran und dem Irak. Sie sahen Häuser. Cengiz T. war es egal, zu welchem Dorf sie gehörten: „Wir hätten keinen Tag mehr durchgehalten.“

Das war am 1. Juli 1998. Die Bewohner von Riace liefen zum Meer hinunter. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass ein Schiff mit Fremden angekommen war. Auch der Chemielehrer Domenico Lucano eilte an den Strand. Er sah Männer, Frauen, Kinder, „so viele, als hätte sich ein ganzes Dorf aufgemacht, um sich ein neues zu suchen“.

An einen tristeren und gleichzeitig besseren Ort hätte der Wind die verzweifelten Menschen kaum treiben können. Riace war auch am Ende. Seit den sechziger Jahren zogen die Menschen von hier fort, suchten Arbeit im industrialisierten Norden des Landes oder wanderten nach Argentinien, Kanada, Amerika und Australien aus. Zurückgeblieben waren die Alten – und leere Häuser, die langsam verfielen und selbst zu Spottpreisen nicht zu vermieten waren. Von einst 3000 Einwohnern war nur mehr die Hälfte übrig. Die Pizzeria im Ort hatte zugesperrt. Es gab keine Bar mehr und so wenige Kinder, dass sich eine Schule für sie nicht mehr lohnte.

Was dann geschah, ist für den ehemaligen Chemielehrer Lucano, heute Bürgermeister von Riace, das Naheliegendste der Welt. In Medienberichten wird gern „das Wunder von Riace“ beschworen: Ausgerechnet die Flüchtlinge, die keinen Tag mehr durchgehalten hätten, verhalfen Riace, das so erschöpft war, wie ein Dorf nur sein kann, zu neuem Leben.

„Ich habe dem Dorf Glück gebracht“ , sagt Cengiz T. Er ist ein eher wortkarger Mann, Anfang fünfzig, mit einem knochigen, ernsten Gesicht. Jetzt lacht er zum ersten Mal. Seinen Namen will er nicht nennen. Auch ein italienischer Pass schütze einen Mann nicht, der in der Türkei als Kämpfer für die kurdische Sache verfolgt wurde. Er hat Angst um seine Verwandten, die zu Hause geblieben sind, und um seine Frau und seine Töchter, mit denen Cengiz T. heute in einem Gemeindebau in Riace Marina wohnt, nahe am Ionischen Meer. Seine Familie ist die einzige, die vom ersten Flüchtlingsboot geblieben ist. Alle anderen gingen nach Deutschland, Frankreich oder in die Niederlande weiter.

Manchmal spaziert Cengiz T. an der Stelle vorbei, wo er sich vor zwölf Jahren an Land rettete, und denkt: „Da bin ich angekommen.“ Es ist genau jener Ort, an dem Hobbytaucher im Jahr 1972 zwei gut erhaltene Bronzestatuen von antiken Kriegern am Meeresgrund entdeckt hatten, erzählt Domenico Lucano. Der Fund hatte die Einheimischen aufgewühlt. Er werde Touristen anlocken und deren Geld werde die Region beflügeln, hatten sie gehofft – und von Strandbars, Supermärkten und Appartementhäusern geträumt. Doch die „Krieger von Riace“ wurden nach Reggio Calabria geschafft und im Museo Nazionale della Magna Grecia aufgestellt.

Riace blieb ein vergessener Flecken im italienischen Süden. Die kalabrische Mafia hatte einen Parallelstaat eingerichtet. Großgrundbesitzer teilten sich die Gegend auf. Als das Meer Jahrzehnte nach den Bronzestatuen unverhofft Menschen ausspuckte, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um neu anzufangen, hielt Bürgermeister Lucano das für ein „Zeichen“. Unzählige Male hat der 53-Jährige die Geschichte erzählt, wie die Einheimischen lernten, wieder an sich zu glauben. Sie klingt immer noch neu. Lucano sitzt an seinem ovalen, abgewetzten Holztisch. Dar­auf liegen, eingeklemmt unter einer Glasplatte, Dankesbriefe und Medienberichte. An den lindgrünen Wänden hängt ein Bild von Che Guevara. Es sei schwierig, ihn zu unterbrechen, wenn er einmal anfange zu reden, warnt der Dorfoberste.

Seit Menschengedenken sei Riace ein Ort gewesen, den Menschen vom Wasser aus heimsuchten: „Die Türken und Sarazenen plünderten, die Griechen brachten Kultur. Es war schon immer wichtig, zu schauen, was Neuankömmlinge wollten. Verteidigung hatte keinen Sinn.“ Auf diese uralte Erfahrung konnten die Bewohner zurückgreifen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schwärmten sie selbst in alle Richtungen aus. Aus jeder Familie ging einer weg. Lucanos Kindheitserinnerungen kreisen um das Packen von Pappendeckelkoffern. Ein Onkel wanderte in die USA aus, ein anderer ging nach Argentinien.

Als 1998 die Kurden an Land gingen, schien es Lucano – politisches Bekenntnis: „links, einfach links“ – nur natürlich, dass die leer stehenden Häuser „so wie der Himmel oder die Erde jenen gehören, die da sind und sie benützen“. Lucano bat einen Lehrer, der nach Turin gegangen war, sein Haus in der Via Campanelle in Riace zur Verfügung zu stellen. Dieser war einverstanden. Cengiz T. richtete es her und zog mit seiner Familie ein. Das Gebäude nahe der mittelalterlichen Stadtmauer, von der aus man auf steile Berghänge sieht, auf denen wie hingezeichnet Schafe stehen, heißt seither Casa Kurdistan.

Der Kurde hatte in der Türkei ein Bauunternehmen. Er konnte maurern, tischlern, elektrische Leitungen verlegen, und als ihn Domenico Lucano bat, ihm zu helfen, Riace hochzubringen, war er dabei. 1999 gründete Lucano mit einer Handvoll Kurden und mit Unterstützung des UNHCR den Verein Città Futura, Stadt der Zukunft. „Es war nicht leicht, nicht alle glaubten an das Projekt“, erzählt Cengiz T. Der Kurde, der anfangs kaum Italienisch verstand, wurde „komisch angeschaut“. Er verstand nicht, war­um. Lucano erklärte ihm, die Leute verstünden nicht, wie ein Flüchtling rote Marlboro rauchen könne. Die meisten im Dorf konnten sich die Marke nicht leisten.

An sie dachte Lucano ebenso wie an die Flüchtlinge, als er der Città Futura ein Darlehen aufnahm, um heruntergekommene Gebäude herzurichten, Asylwerbern Logis und ein Taschengeld – ausbezahlt in lokaler Währung – zu bieten, einigen auch Jobs. Dafür sollten sie Italienisch und ein Handwerk lernen, also ihren Beitrag zum Aufbau des Dorfs leisten. Die Saat ging auf. Der Verein baute Werkstätten, in denen Flüchtlinge und Einheimische Strickwaren, Glasschmuck oder Keramiken herstellen. Der Afghane Issa, dessen Bruder von Taliban erschossen wurde, töpfert Seite an Seite mit Lorena, einer in Riace geborenen Kunstlehrerin. Eine junge Afrikanerin lernte von Irena, einer Einheimischen, wie man zierliche Glaskugeln bläst. Mary, die ihren Mann in Afghanistan verloren hatte, häkelt ein Tuch, während ihre Tochter Hausaufgaben macht. Verkauft wird in kleinen Geschäften an Touristen und Riace-Auswanderer, die im Sommer hier Urlaub machen. Es gibt im Ort wieder eine Tischlerei, und es wird wieder Brot gebacken. 16 Menschen fanden bei Città Futura Jobs. Damit ist der Verein der größte Arbeitgeber in Riace.

Das überzeugte selbst jene, die vor Fremden Angst hatten. 2004 wählte Riace den Chemielehrer Lucano zu seinem Bürgermeister. Fünf Jahre später, als er wieder kandidierte, schlossen sich drei Listen gegen ihn zusammen. Die Mafia schickte Botschaften. Lucanos Hunde wurden vergiftet. Unbekannte feuerten durch die Tür einer Taverne. Doch die Mehrheit der Wähler hielt zu ihm, und Lucano machte trotzig weiter. Zum Gedenken an die Opfer der kalabrischen ’Ndrangheta hinterließ er ­einen farbigen Abdruck seiner Hand auf der durchschossenen Glastür. Dutzende Einwohner machten es ihm nach.

Seit 1998 zogen Tausende Menschen durch Riace – Afrikaner, Kosovo-Albaner, Afghanen, Palästinenser. Sie lernten die Sprache, erholten sich von der Flucht. Doch nach ein, zwei Jahren hieß es für die meisten Koffer packen. Wenn es an Lucanos Modell etwas zu bemängeln gibt, dann, dass es von Fördermitteln abhängt. Die Gemeinde bekommt 22 Euro pro Tag und pro Kopf vom Staat, um die Flüchtlinge zu versorgen. „Das ist ein Bruchteil dessen, was es kostet, sie in einem Auffanglager einzusperen“, sagt er. Wenn die Programme auslaufen, gibt es für das Gros der Neuankömmlinge im Ort nichts zu tun.

Lucano möchte, dass Riace wieder 3000 Einwohner hat. Er weiß, dass er seinem Ziel nur in mühevollen Schritten näher kommt. Heute leben 220 Flüchtlinge im Dorf. Das ist erstaunlich genug. Noch erstaunlicher ist, dass niemand sie von hier verjagen will. Weder die Jungen – so wie Cosimo, 20, enges T-Shirt, schicke Sonnenbrille, der in Messina Wirtschaft studiert und weiß, dass er in Riace nie einen Job finden wird – noch die Alten, die am Abend in der Bar am Dorfplatz Bier trinken und Karten spielen.

„Die Flüchtlinge haben dem Dorf einen Schub gegeben. Aber es ist nicht so einfach, Hunderte zu integrieren“, sagt Lucano. Es brauche mehr Jobs. Lucano will eine Schokoladefabrik bauen, die nicht nur für Touristen produziert. Der Mafia wird diese Idee nicht gefallen. Sie zehrt von der Armut und der Angst der Menschen. Im Jänner 2010 gingen in Rosarno, 60 Kilometer von Riace entfernt, Einheimische mit Eisenstangen und Gewehren auf Einwanderer los, die in den von der Mafia kontrollierten Plantagen Obst pflückten.

Kamerateams eilten in den Süden Italiens, schauten bei dieser Gelegenheit auch in Riace vorbei und erhoben es zum Symbol für ein anderes Italien, in dem Einwanderer dafür sorgen, dass die Eingesessenen nicht verzweifeln. Den Bewohnern gefällt es, wenn Reporter durch ihre Gassen ziehen. „Wir sind stolz darauf, wie unser Dorf sich gewandelt hat. Wir machen nicht, was die Politik uns vorschreibt“, erklärt Monica. Die Mittdreißigerin vermietet im Sommer Appartements an Touristen. Früher dachte sie auch daran, wegzugehen: „Es gehört Mut dazu zu gehen, aber es gehört auch Mut dazu zu bleiben.“

In ganz Europa wurden die Fremdengesetze verschärft, Außengrenzen dichtgemacht, im Mittelmeer kreuzen Kriegsschiffe gegen Bootsflüchtlinge auf. Und der 53-jährige Bürgermeister von Riace sagt, er mache nur das, „was ganz normal ist“. Dass man das für besonders halte, liege daran, „dass der Rest Europas nicht normal ist“. Im Dezember 2010 wurde Lucanos Engagement mit einem World Mayor Award belohnt. Alle zwei Jahre zeichnet die City Mayor Foundation damit die besten Bürgermeister der Welt aus. Inzwischen ließen sich zwei Nachbardörfer zu ähnlichen Projekten inspirieren. Vor einem Jahr verabschiedete die kalabrische Regierung ein Gesetz, das lokale Initiativen ermuntern soll, Flüchtlinge aufzunehmen.

Cengiz T. hat in Riace Kosovo-Albaner kommen und wieder gehen sehen, Menschen aus dem Libanon, Palästinenser, viele aus Afrika. Er selbst arbeitet nicht mehr für Città Futura. „Mimmo“, der Kurde, wie Lucano genannt wird, hat ihm geholfen, etwas anderes zu finden. Die vergangenen Jahre arbeitete Cengiz T. für einen Bauunternehmer. Mittlerweile spielt sein Rücken nicht mehr mit, und er weiß nicht, ob er künftig seine Wohnung noch wird zahlen können. In Riace würde er gern bleiben. Der Kurde fand ein paar Freunde. Der Afghane Issa schaut öfter vorbei. Cengiz T. hätte nach Deutschland gehen können, wie seine Verwandten, die jetzt Häuser und Autos besitzen. Doch das habe ihn nie gereizt. „Ich habe in der Türkei gut verdient und nichts davon gehabt“, sagt Cengiz T. Für einen Mann, dem es mehr um Politik als ums Geld geht, sei Riace ein guter Ort zum Leben.