"Juden, Blutsauger"

Iwan Franko: Denkmalstreit um ukrainischen Nationalhelden

Denkmalstreit. Eine Büste des ukrainischen Antisemiten Iwan Franko in Wien erregt die Gemüter

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Genaueres über Iwan Franko wissen nur Eingeweihte. Geboren wurde er im Jahr 1856 in Ostgalizien als Sohn eines Dorfschmieds, der sich zu höherer Bildung und einem Universitätsstudium in Lemberg hochschwang, mit den Intellektuellen seiner Zeit korrespondierte, Feuilletons für deutschsprachige Blätter verfasste, aber auch Gedichte und literarische Texte, und sich politisch engagierte. Begraben wurde Franko 1916 in Lemberg. Er war zeitlebens radikaler Nationalist und glühender Antisemit. In seinen Gedichten stellte er dem ukrainischen Bauern den "habgierigen“ Händlerjuden gegenüber. In seinen politischen Schriften agitierte er gegen das "Judenpack“, das "unehrenhafte, eindringliche jüdische Element, wie Wasser zur Zeit der Überflut“, das "alles aussaugt“ und "unser Blut trinkt“. Franko konnte nicht ahnen, was kommen würde, doch die Vernichtung des Judentums in Galizien wünschte er heißen Herzens. "Juden, Blutsauger, Betrüger (…) Es werden noch Zeiten kommen, dass aus kleinsten Funken ein Brand entfacht und Juden zur Rechenschaft gezogen werden.“ Oder: "Unsere Juden - davon gibt es Unmengen (…) Der durch Jahrhunderte angestaute Hass kann mit solch einer Flamme ausbrechen, dass die Juden-Förderer keine Zeit haben werden, ihnen zu helfen.“

Rassenhass
Frankos Antisemitismus ist im Kontext des Rassenhasses seiner Zeit zu sehen, doch seine Wirkung war groß, und sie war Gift. Als im Zweiten Weltkrieg ukrainische Mordbrigaden an der Seite der SS das Judentum in Galizien vernichteten, taten sie dies im Geiste Frankos. Seine antisemitischen Schriften waren neu aufgelegt worden.

Aber auch die Kommunisten liebten ihren Franko. Unter Josef Stalin wurde sein Schaffen als "revolutionär“ umgedeutet. Nach dem Zerfall der Sowjet-union wurde er als ukrainischer Nationalheld gefeiert.

In Wien hatte sich Franko nur kurze Zeit aufgehalten. Um die Jahrhundertwende hatte er hier seine Dissertation approbieren lassen.

Nach dem Zerfall des Ostblocks, im Jahr 1993, wurde auf Betreiben der Botschaft der Ukraine an der Germanistik der Wiener Universität eine Ehrentafel für Franko montiert. In Wien kennt kaum jemand Wirkungsgeschichte und Schriften Frankos. Seine Literatur, mehr noch seine politischen Schriften sind fast auschließlich in Ukrainisch oder Russisch veröffentlicht worden.

Doch Emil Langermann ist Franko ein Begriff. Langermann war in der Sowjetzeit in der Ukraine in die Schule gegangen und mit seinen Eltern im Jahr 1970 nach Österreich gekommen. Die Familie gehörte zu jenem Kontingent russischer Juden, das mit Bruno Kreiskys diskreter Hilfe ausreisen durfte.

Langermann staunte nicht schlecht, als er eines Tages auf dem Weg durch den ersten Wiener Gemeindebezirk, in der Postgasse Nummer acht, auf einen Gartenzwerg aus Gips stieß, der die Züge Frankos trug. Das war schon im neuen Jahrtausend.

Langermann erkundigte sich, was es damit auf sich habe. Er erfuhr, dass dieser Zwerg nur Platzhalter für ein Franko-Denkmal sei. Langermann machte Eingaben beim Magistrat der Stadt Wien, alarmierte die Israelitische Kultusgemeinde, übersetzte Frankos Texte ins Deutsche, stellte Zitate-Sammlungen zusammen. Nun ist auch die Ehrentafel an der Wiener Universität wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die Kultusgemeinde wurde aktiv. Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der IKG, forderte die Wiener Universität auf, sich "mit den antisemitischen Inhalten von Frankos Werk und den katastrophalen Folgen für die Juden zu beschäftigen“. Oskar Deutsch, Präsident der IKG, appellierte an die Universitätsleitung "nach der unzweideutigen Abgrenzung von antisemitischem Gedankengut, die sie bei der Umbenennung des Dr. Karl-Lueger-Rings bekundet hat, auch in diesem Fall aktiv zu werden“. In der kommenden Woche wird an der Universität Wien ein Symposion über Franko abgehalten und der müßigen Frage nachgegangen, ob er mehr oder weniger antisemitisch war.

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik