James Bond: Ein Selbstversuch zum Start von Skyfall“

Daniel Craig und Roger Moore als Bond-Wachsfiguren.

Daniel Craig und Roger Moore als Bond-Wachsfiguren.

23-mal 007: Was kann man erfahren, wenn man in nur sieben Tagen alle offiziellen ­Kinofilme der James-Bond-Serie sieht? Ein Selbstversuch zur Klärung: Tagebuch einer Entertainment-Überdosis.

Es lässt sich kaum behaupten, dass an der Bond-Serie inzwischen weniger öffentliches Interesse herrscht als in ihrer Glanzzeit, den frühen Jahren. Am 5. Oktober 2012, präzise 50 Jahre nach der Weltpremiere des allerersten Bond-Abenteuers Dr. No, wurde das wuchtige Titellied zum nunmehr 23. Film der Reihe, gesungen von der Britin Adele, auf YouTube als Appetitmacher auf den demnächst weltweit startenden Film hochgeladen ein Nullvideo wohlgemerkt, das aus nichts als Rauchschwaden und den eingeblendeten Textzeilen des Songs besteht. Zwei Wochen nach dem Upload hält der Clip bei 34 Millionen Zugriffen. Man sieht schon: Der Erwartungsdruck ist nicht gering.

Er habe seinem Helden übrigens den denkbar simpelsten, banalsten und langweiligsten Namen geben wollen, sagte einst der Schriftsteller Ian Fleming, der zwischen 1953 und 1966 14 Bond-Bücher, davon zwölf Romane, publizierte: Er hatte einen absolut uninteressanten Spion im Sinn, dem die ungeheuerlichsten Dinge nur zustießen ein reiner Befehlsempfänger, stumpf und anonym. Diese Idee hat sich langfristig nicht durchgesetzt, das Kino hat Flemings Vision korrumpiert, weil es Glamour braucht und einen uncharismatischen Helden eben nicht ganz so dringend. So verwandelte sich die Figur des britischen Agenten 007 in einen Pop-Mythos, eine triviale Matrix, in die sich alles einschreiben ließ und lässt: Sex und Verbrechen, Scherz und tödlicher Ernst, Politik und Eskapismus, Gewalt und Tourismus.

Sosehr man Mühe hat, sich vorzustellen, dass es Menschen gibt, die James-Bond-Filme tatsächlich brauchen, so wenig ist es zu leugnen, dass sie alle, die halbwegs guten ebenso wie die fahrlässig schlechten, irgendwie zu Klassikern geworden sind: zu Klassikern eines Kinohedonismus, der wohl schon in den 1960er-Jahren ein wenig antiquiert wirkte – und sich dennoch als völlig zeitlos erwiesen hat. Wie aber konnte das passieren? Und was ist kulturell aus der offenbar lückenlosen Bond’schen Krisensicherheit zu schließen? Dies sind die Ausgangsfragen jenes Versuchs, dessen Verlauf und Ergebnisse auf den folgenden Seiten protokolliert werden: Alle 23 Bond-Filme in der Reihenfolge ihres Entstehens sind an insgesamt sieben Tagen durchzusehen, von Dr. No (1962) bis Skyfall (2012). Eine Woche für ein halbes Jahrhundert Mainstream-Filmgeschichte oder: Spionage-Muff aus 50 Jahren.

Tag eins
Dr. No / James Bond jagt Dr. No ­
(Terence Young, 1962) – 109 Minuten
From Russia with Love /
Liebesgrüße aus Moskau

(Terence Young, 1963) – 115 Minuten
Goldfinger
(Guy Hamilton, 1964) – 109 Minuten

Die erste Überraschung kommt gleich nach dem Löwengebrüll des MGM-Logos. Dr. No beginnt nicht mit John Barrys blechernem Orchester, das man seit je mit der Bond-Serie verbindet, sondern mit fiepsender elektronischer Musik, mit einer frühen Computerkomposition. Leider endet die Klang-Avantgarde nach kaum 20 Sekunden wieder, und das Bild wird freigegeben für die Uraufführung einer Ikone: Ein Mini-Agent, durch den Lauf einer Waffe betrachtet, die wie die leicht geöffnete Blende einer Kamera aussieht, dreht sich jäh zum Zuschauer und feuert auf ihn. Der Schuss sitzt, Trickfilmblut rinnt von oben nach unten übers Bild – und das Orchester nimmt das Bond-Thema auf. Das ist erstaunlich konfrontativ gedacht: Auf einen James-Bond-Film blickt man von Anfang an als (angeschossener) Widersacher.

Die Eröffnung der Sean-Connery-Festspiele findet in einem Londoner Casino statt und ist eng an den Begriff Smoking gebunden: In Minute acht von Dr. No sitzt der Schotte Connery, Anfang 30, in feinster Abendkleidung am Spieltisch, zündet sich mit Dackelblick eine Zigarette an und stellt sich seiner Baccara-Gegnerin mit der gewohnten Kombination aus Nach-, Vor- und Nachname vor. Dr. No ist Low-Budget-Pulp-Fiction, formelhaft bis zum Abwinken. Allerdings verdient das Production-Design Respekt: Der spätere Kubrick-Komplize Ken Adam, der an weiteren sechs Bond-Filmen arbeiten wird, prägt das Bild der Serie mit seinen modernistischen, zwischen Expressionismus und Bauhaus changierenden Architekturen. Der Rest ist charmant analog produzierter Fake: Connery drückt seinen nackten Arm, auf dem nachts eine Tarantel laufen soll, mehrmals deutlich gegen die Glasscheibe, die zwischen ihm und dem Pelztier verläuft.

In From Russia with Love steht Connery schon nach wenigen Sekunden im Bild, oder besser: ein Mann, der ein Connery-Gesicht aus Gummi trägt. So viel doppelter Boden muss sein. Tatsächlich ist das zweite Bond-Epos eine Fortsetzung des ersten, die bösen Kräfte suchen Rache wegen des Mordes an ihrem Freund Dr. No. An From Russia with Love ist nichts sehenswerter als die kaltschnäuzige Brecht-Komplizin (und Kurt-Weill-Witwe) Lotte Lenya, die hier als russische Gegenagentin mit Giftklingenschuh einen ihrer seltenen Filmauftritte absolviert. Ihr Chef heißt Ernst Stavro Blofeld, ein Genie mit Welteroberungsplänen, das Bond bis in die frühen 1980er-Jahre terrorisieren wird. Miss Rom 1960, Daniela Bianchi, steht Bond fürsorglich zur Seite, und die Serie nimmt nebenbei Gestalt an: Es gibt Städtetourismus (Venedig, Istanbul) und fantasievolle Spezialausrüstung. Regisseur Terence Young inszeniert seine zweite Bond-Produktion etwas inspirierter, härter als die erste, bleibt aber erneut nah an der Selbstpersiflage. Für Bond-Persiflagen wie Austin Powers musste man in den 1990er-Jahren nicht mehr viel erfinden.

„Not quite the End, heißt es am Ende lakonisch, denn die Rückkehr des Superspions wird ab sofort schon im Nachspann angekündigt. Mit Goldfinger avanciert die Marke Bond endgültig zum Welthit, der Midas-Touch, von dem Shirley Bassey hier singt, ist den Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman tatsächlich zu attestieren: Aus einem Budget von drei Millionen Dollar machen sie mit Goldfinger weltweit 125 Millionen. Als Titelheld und Goldschmuggler erfreut sich Gert Fröbe seiner eigenen Geschmacklosigkeit. Die Sadismusschraube wird angezogen, ein ­Attentäter mit Stromschlag in der Wanne exekutiert. Und erstmals wird der schöne Aston Martin mit Sonderausstattung (Schleudersitz und Maschinengewehr) ausgefahren. Mit solchen Mitteln macht Bond selbst die härtesten Frauen mürbe, von denen in Goldfinger eine auf den unvergesslichen Namen Pussy Galore hört. James Bond übt im Dienste Ihrer Majestät sexuelle Machtpolitik aus: Das ist der chauvinistische secret service, den sich die reaktionäre Unterhaltungsindustrie so liebevoll erhalten hat.

Tag zwei
Thunderball / Feuerball
(Terence Young, 1965) – 130 Minuten
You Only Live Twice /
Man lebt nur zweimal

(Lewis Gilbert, 1967) – 117 Minuten
On Her Majesty’s Secret Service /
Im Geheimdienst Ihrer Majestät

(Peter R. Hunt, 1969) – 140 Minuten
Diamonds Are Forever / Diamantenfieber
(Guy Hamilton, 1971) – 120 Minuten

Mit Thunderball, dem ersten Bond-Abenteuer in Überlänge, wird der Produktionsrhythmus der Serie verlangsamt, vom jährlichen Erscheinen auf Zweijahresbetrieb umgestellt. Den Filmen ist größere Sorgfalt nicht anzumerken: Die Drehbücher werden stupider, die Motive kindischer, die Kassenergebnisse dennoch immer höher. Connery muss in Thunderball mit Bubenhelm und kleinem Fluggerät sich schon vor dem Vorspann in den Himmel erheben wie Karlsson vom Dach, später im rosa Gummi-Tauchanzugoberteil den obligaten Faustkämpfen nachgehen. Die Panik des Kalten Kriegs zeichnet sich ab, Atombomben werden gestohlen, aber das ist nur ein Vorwand für die Spannungsspaßspiele, die sich in der Welt der hydraulischen Geheimtüren und fabrikswerkhallengroßen Besprechungssäle so gut veranstalten lassen.

In You Only Live Twice, geschrieben von Roald Dahl, steht die Erde wieder am Abgrund: Ein Atomkrieg scheint unausweichlich, und in Singapur wird Bond, so glaubt man zumindest, im Lotterbett hingerichtet. Der Mann wird in Tokio in Stellung gebracht, wo man ihn Bond-san nennt, aber sonst alles schön vertraut ist. Wer immer die Geisha-Kultur erfunden hat: Er muss dabei an James Bond gedacht haben. Donald Pleasance spielt Blofeld mit unschöner Vertikalnarbe im Gesicht, und Karin Dor versucht Bond zu eliminieren, was leider misslingt. Sie endet bei den Piranhas. Mit kleinem gelbem Tragschrauber, der eher nach Luxusspielzeug aussieht als nach Agentenfluggerät, schwebt der Held ins Finale, alles geht wie gewohnt in Flammen auf, glücklicherweise gelingt jenen Figuren, die für die Fortsetzung vonnöten sind, wieder die Flucht. Und klar: James Bond will be back.

Allerdings mit neuem Gesicht: Der australische Ex-Autohändler George Lazenby, frisch gecastet aus einem Schokocreme-Werbespot, rettet die schöne, aber selbstmörderische Diana Rigg gleich eingangs aus den Meeresfluten. Lazenby drückt mit seinem unpraktischen Darstellungsstil Bond gar nicht unstimmig auf B-Picture-Niveau. Und Telly Savalas tritt als Blofeld auf, auch hier ist das neue Gesicht kein Thema. Lazenby hat nicht annähernd das Format der Breitwandbilder dieses Films: Eine seiner launigen Mitteilungen an Blofeld hat mit den legendären Hakennasen der Medici zu tun – leider betont er den Namen der Renaissance-Dynastie auf der zweiten Silbe, dehnt das i in Medici, was ungefähr so kultiviert klingt wie Macchiato mit feuchtem tsch mittendrin. Den Kosmopoliten Bond, der noch in You Only Live Twice lächelnd das Japanisch-Wörterbuch abgelehnt hat, weil er natürlich auch orientalische Sprachen studiert habe, kann Lazenby hier jedenfalls nicht ganz glaubhaft verkörpern.

Mit Diamonds Are Forever hat Blofelds strikt unpolitische Weltterrororganisation Spectre ausgedient ebenso wie Sean Connery, der sich zwar 1983, abseits der offiziellen Bond-Reihe, in Never Say Never Again einmal noch die Identität des Spezialagenten zumuten wird, aber seinen Part schon in Diamonds Are Forever so lustlos abspult, wie nur Auslaufmodelle das können. Es gilt, neue Angstszenarien zu entwerfen.

Tag drei
Live and Let Die / Leben und sterben lassen
(Guy Hamilton, 1973) – 121 Minuten
The Man with the Golden Gun /
Der Mann mit dem goldenen Colt

(Guy Hamilton, 1974) – 125 Minuten
The Spy Who Loved Me /
Der Spion, der mich liebte

(Lewis Gilbert, 1977) – 125 Minuten

Mit lausbübischem Charme, den er direkt aus der Fernsehserie Die Zwei (1971/72) in den Bond-Kosmos importiert, bringt Roger Moore zwar einen neuen Tonfall ein, kann aber an den Konstanten der Serie (Sexismus, Urbanismus, Exotismus, Aktionismus) auch nichts ändern. Es ist nicht zu übersehen: James Bond ist zur Routine-Veranstaltung geworden. Wenn Man lebt nur zweimal der japanische Bond war, so ist Leben und sterben lassen der schwarze Bond: Gedreht zur hohen Zeit der Black Panthers, in Harlem, Louisiana und Jamaika, etabliert Regisseur Guy Hamilton Yaphet Kotto als Hauptschurken. Dramaturgisch lässt der Film dennoch zu wünschen übrig. Wie wäre es, den bad guy einfach aufzublasen, ihn wie einen Luftballon an die Decke steigen und zerplatzen zu lassen? Gesagt, gefilmt: Gute Kinoideen sehen anders aus. Aber vielleicht ist den Produzenten 1973 schon alles egal. Die Serie funktioniert an der Kasse, die Qualität der Inszenierung spielt keine Rolle mehr. Dummheit siegt, Dreistheit kassiert: Über 160 Millionen Dollar spielt Live and Let Die ein das fast 25-Fache seines Budgets.

„The Man with the Golden Gun zeigt, wie nötig es ist, die gepflegte Langeweile, die Bond verströmt, mit einer Extraportion Bosheit zu konterkarieren. Christopher Lee stiehlt Moore die Show nicht nur mit seiner dritten Brustwarze. Die schöne, leider minderbemittelte Britt Ekland muss als bedauernswerte Bond-Assistentin im Bikini ihre Inkompetenz unter Beweis stellen. Die Müdigkeit der Bondschen Ironie ist mit Händen zu greifen. Die rückläufigen Einspielergebnisse bestätigen die schwindende Strahlkraft der Serie. The Spy Who Loved Me stellt das öffentliche Grundvertrauen wieder her: Schurke Curd Jürgens wird von dem mit Stahlzähnen ausgestatteten, 2,17 Meter großen US-Schauspieler Richard Kiel (er heißt hier tatsächlich Jaws) ausgestochen.

Tag vier
Moonraker
(Lewis Gilbert, 1979) – 126 Minuten
For Your Eyes Only / In tödlicher Mission
(John Glen, 1981) – 127 Minuten
Octopussy
(John Glen, 1983) – 131 Minuten
A View to a Kill / Im Angesicht des Todes (John Glen, 1985) – 131 Minuten

Den offiziellen Bond-Etappensieg trägt Roger Moore davon: Sieben auf einen Streich, das hat nicht mal Sean Connery geschafft. Unter den sieben Filmen selbst ragt allenfalls Moonraker heraus schon weil es der letzte ist, den Ken Adam mit seinem unvergleichlichen Design versieht, und weil Eisenbeißer Richard Kiel sich darin bizarrerweise von der Bond-Nemesis zum Alliierten wandelt. Aber die drei letzten Moore-Arbeiten lassen den ästhetischen Abstieg von den quietschbunten Pop-Artikeln zur Action-Dutzendware, die mit der Übernahme Timothy Daltons nach 1985 stattfindet, bereits ahnen. Wie wenig es im Bond-Universum übrigens um Regie geht, beweisen die beiden meistbeschäftigten Regisseure: Auf das Konto der Briten Guy Hamilton und John Glen gehen neun der 23 Filme. Außerhalb des Bond-Kosmos haben beide nie irgendetwas von Bedeutung gedreht. Es dürfte immerhin gesundheitlich äußerst profitabel sein, an dieser Serie zu arbeiten. Glen, der sämtliche Bond-Filme der 1980er-Jahre inszeniert hat, ist heute 80 Jahre alt, Hamilton bereits stolze 90 und auch der dreimalige 007-Regisseur Lewis Gilbert lebt noch. Er ist inzwischen 92.

Unter den vielen Nonsens-Titeln, die man Bond-Filmen im vergangenen halben Jahrhundert gegeben hat, nimmt Octopussy (in scharfer Konkurrenz mit Ein Quantum Trost und Der Morgen stirbt nie) einen Spitzenplatz ein. Nach Octopussy“waren die literarischen Vorgaben Flemings erschöpft: A View to a Kill kam 1985 als erster Bond ohne Romanvorlage in die Kinos.

Tag fünf
The Living Daylights / Der Hauch des Todes
(John Glen, 1987) – 131 Minuten
Licence to Kill / Lizenz zum Töten
(John Glen, 1989) – 133 Minuten
Golden Eye
(Martin Campbell, 1995) – 130 Minuten

Nach mehr als 1700 Minuten Bond machen sich erste Verschleißerscheinungen im Betrachter bemerkbar. Die trivialen, aber korrosiven Setzungen des musikalischen Leitmotivs haben inzwischen sadistische Züge angenommen, und die ästhetischen Wiederholungen lassen die Filme ineinander verschwimmen. Es ist dennoch äußerst instruktiv, diese Arbeiten direkt hintereinander zu sehen, nur so lässt sich die Formelhaftigkeit ihrer Anlage tatsächlich erkennen. Die von Film zu Film oft bis ins Detail kopierten Faustkämpfe, die immer gleich arrangierten erotischen Ruhephasen, die Standards von Autoverfolgung, Casino-Besuch und Unterwasser-Action: All das wird erst in der Bond-Blockveranstaltung wirklich deutlich.

Die Stagnation des Mythos 007 ist in den späten 1980er-Jahren unübersehbar geworden. Mit Timothy Dalton übernimmt ein Schmalspur-Agent die Position, und Routinier John Glen scheint wenig Lust darauf zu haben, sich noch irgendwie filmisch zu profilieren. The Living Daylights und Licence to Kill stellen, ihren Titeln entsprechend, auf anonyme Gewaltanwendung um: Kino ohne Eigenschaften. Eine berühmte Figur scheint sich im Nichts zu verlieren. Nach nur zwei Dalton-Auftritten übernimmt Pierce Brosnan die Rolle, und mit ihm kommt wieder ein Hauch Roger Moore ins Spiel: ein betont eleganter, zunächst auch süffisanter Bond. Regisseur Campbell liefert mit GoldenEye zwar keinen außerordentlichen Film in die Kinos, aber doch einen Vorgeschmack auf seinen elf Jahre später erfolgenden Bond-Reboot mit Casino Royale“.

Tag sechs
Tomorrow Never Dies /
Der Morgen stirbt nie

(Roger Spottiswoode, 1997) – 119 Minuten
The World is Not Enough /
Die Welt ist nicht genug

(Michael Apted, 1999) – 128 Minuten
Die Another Day /
Stirb an einem anderen Tag

(Lee Tamahori, 2002) – 133 Minuten

Über die drei kunst- und gedankenlosen Actiongewitter, die um Pierce Brosnan anschließend entfesselt werden, breitet man in Ermangelung relevanter ästhetischer Ereignisse den Mantel des Schweigens. Nur noch die stabilen Kassenergebnisse halten die Figur James Bond in jenen Jahren am Leben. Und es ist eigenartig zu erleben, wie Brosnan unter der Substanzarmut des Materials, das man ihm da zumutet, zuletzt auch noch den letzten Rest an Feinsinn einbüßt. Die Another Day wird von einem verbissenen Hauptdarsteller knapp über die Runden getragen. 2002 ist die Marke Bond zu einem Synonym für Humorlosigkeit geworden, zu einem Garanten filmischer Glanzlosigkeit. Allein die große Shakespeare-Darstellerin Judi Dench, die seit GoldenEye als MI6-Chefin M fungiert, versteht es, sich einigermaßen würdevoll aus der Affäre zu ziehen. Die Kehrtwendung folgt. Vier Jahre später.

Tag sieben
Casino Royale
(Martin Campbell, 2006) – 144 Minuten
Quantum of Solace / Ein Quantum Trost
(Marc Forster, 2008) – 106 Minuten
Skyfall
(Sam Mendes, 2012) – 143 Minuten

Mit dem Charme eines Nachtclub-Türstehers bringt Daniel Craig zuwege, woran seit 2002 kaum noch jemand geglaubt hat: Er stellt die Figur Bond auf null, erfindet sie tatsächlich neu. Craig ist keiner der hübschen Bonds, auch kein Unantastbarer, der jeden Kugelhagel ohne Schramme überstünde, im Gegenteil: Er ist der Schmerzensmann der Serie; und er verschiebt die Figur von der Upperclass in die Unterschicht. „Casino Royale“ ist eine Art Neustart des Stoffs: zurück zum Spionage-Debütanten Bond, mit leicht erhöhter Ernsthaftigkeit. Der Hintergrund der Erzählung wird vom Kalten Krieg kurzerhand in die Zeit nach 9/11, in die Ära des globalisierten Terrors, verlegt.

Die alte Ironie des Helden hat sich weitgehend verloren, und mit seiner Comicstrip-Unverwundbarkeit ist es auch nicht mehr weit her. Filmisch stellt Casino Royale jedenfalls einen großen Fortschritt dar; die Action-Eskalationen sind hier wieder feiner dosiert, die ­Verfolgungsjagden und Kampfchoreografien weniger auf Detonationen und Schusswechsel konzentriert als auf ein paar waghalsige Manöver auf Baugerüsten, Flugfeldern und im Inneren einstürzender venezianischer Altbauten. Natürlich ist auch Casino Royale wenig mehr als ein konservativer, immerhin mitreißend gestalteter Actionfilm, in dessen Zentrum allerdings ein Strategie- und Nervenspiel, eine Pokerpartie, steht und eben nicht die bloße Explosionslust und Zentrifugalkraftmeierei der Post-Seventies-Bondiaden. Ein kleiner Schritt für die Filmkunst, aber ein gewaltiger für die Doppelnull: Geistreicher wird 007 nicht mehr. Bonds Dolce Vita findet weiterhin in Luxushotels und Villen mit Seeblick statt, mit Martini, Kaviar und Aston Martin. Regisseur Marc Forster bringt „Quantum of Solace“ zwar in schlanken 106 Minuten (damit ist er der kürzeste aller Bond-Thriller) über die Bühne, aber dichter wird sein Film durch das Kurzschnittgeflacker nicht. Der Action-Funktionalismus des zweiten Craig-Anlaufs kann mit dem ersten nicht mithalten.

Vier Jahre später folgt nun also Craigs dritter Antritt, lange verzögert wegen des Konkurses des MGM-Studios 2010. Der 15-minütige Prolog in Skyfall, der eine Verfolgungsjagd durch Istanbul orches­triert (wo schon From Russia with Love“ gedreht wurde), ist stärker als alles, was in den beiden Stunden danach noch kommt obwohl auch diese ersten Szenen schon so aussehen, als hätte man sie tausendfach erlebt: Chaos auf dem Marktplatz, auf Motorrädern über die alten Hausdächer und ein Faustkampf auf dem Dach eines fahrenden Zugs. Die Zerstörungswut steckt an: Was ist schon das bisschen Weltkulturerbe gegen einen geheimdienstlichen Auftrag? Um Originalität kann es in der Retro-Welt des James B. nicht mehr gehen; erlaubt ist, was Spaß macht und je simpler, desto besser. Der Rückbezug auf das halbe Jahrhundert Bond-Historie wird in „Skyfall“ bis zum Exzess betrieben von Adeles shirleybasseyeskem Vortrag des Titellieds bis zu den Casino-Szenen und den Verweisen auf die fiktive und reale Biografie Sean Connerys. Das (leider sentimentale) Finale findet im alten Familienhaus Bonds statt; es steht in Schottland. Das Anwesen heißt Skyfall.

Mit dem Ableben Bonds kokettiert die Serie seit ihren frühen Jahren schon. In „Diamantenfieber“ drohte Connery, gefangen in einem Sarg, lebendig eingeäschert zu werden. Skyfall beginnt mit dem scheinbaren Tod des Agenten, genau wie You Only Live Twice. Natürlich ist er nicht tot, nur depressiv, daueralkoholisiert und weit weg von der westlichen Zivilisation bis ihn sein Pflichtbewusstsein nach London zurückbringt. Bond meint, der geeignete Mann zu sein, eine von Terroristen gestohlene Festplatte zurückzuholen, die streng geheime Listen von NATO-Undercover-Agenten enthält. Aber der Held von einst ist angeschlagen, körperlich wie psychisch. Er macht sich dennoch auf den Weg. Man hat ja nichts zu verlieren.

„American Beauty-Regisseur Sam Mendes inszeniert das alles verhältnismäßig kompetent, aber er arbeitet mit einem Drehbuch, das mehr Lücken aufweist, als die Vernunft erlaubt. Um diesen Wettbewerbsnachteil einigermaßen in Schach zu halten, ist blondes Gift nötig: Es tritt in Gestalt des heiteren Javier Bardem in Szene. Gäbe es diese Figur nicht, Skyfall wäre eine Niederlage. Die Szenen zwischen Craig und seinem dekadenten Widersacher sind, vor allem anfangs, fabelhaft; auch sie sind alles andere als originell, aber derart entwaffnend gespielt, dass man sich ihrer Wirkung kaum entziehen kann. Zudem ist die Fotografie dieses Films erstklassig: Coen-Brothers-Kameramann Roger Deakins vollzieht sein Bond-Debüt.

Was sein Hobby sei, fragt der zwischen Freundlichkeit, Desillusionierung und ­Sadismus schillernde Javier Bardem den gefesselten James Bond, der sagt nur kalt: Resurrection. Wiederauferstehung: Das ist präzise der Auftrag an seine Figur, aber nicht erst hier; es gehört länger schon einiges an hoher Kunst dazu, eine seit Jahrzehnten tote Filmfigur alle paar Jahre wieder ins Leben zurückzuholen.