Josef Hickersberger: „Die Verlierer merkt man sich leichter“

Ex-ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger sieht für die österreichische Fußball-Nationalmannschaft nur eine Perspektive (Glück), hätte einen Vorschlag für heimische Politiker (eine Saison als Gastarbeiter) und fühlt sich in seiner Nische (als Trainerlegionär) durchaus wohl.

Interview: Sebastian Hofer

Josef Hickersberger ist schwer zu erreichen. Kein Wunder, er kann es sich leisten. Gerade hat er mit Al-Wahda FC, dem Verein von Saeed bin Zayed Al Nahyan, Scheich aus Abu Dhabi, den arabischen Meistertitel gewonnen. Es ist Hickersbergers dritter Meistertitel in diesem Jahrtausend. Das Kunststück gelang mit drei verschiedenen Vereinen (Al-Ittihad, Rapid, Al-Wahda) in drei verschiedenen Ländern (Katar, Österreich, Vereinigte Arabische Emirate), was ihn zum erfolgreichsten österreichischen Trainer der Gegenwart macht. Kurz vor dem geplanten Interviewtermin meldet er sich per SMS: „Bin auf hoher See. Ab 15.30 MESZ erreichbar. LG Hicke.“ Kurz nach 15.30 MESZ ist „Hicke“ erreichbar und hörbar entspannt – trotz eklatanter klimatischer Beeinträchtigungen.

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Wir wussten gar nicht, dass Sie zum Segler geworden sind.
Hickersberger: Segeln würde ich es auch nicht nennen. Ich war mit Captain Klaus Lindenberger (Hickersbergers Tormanntrainer, Anm.) auf seinem Boot unterwegs. Wir verbringen unsere Freizeit nach Möglichkeit auf dem Meer. Derzeit hat es in Abu Dhabi tagsüber etwa 37 Grad. Also es ist schon relativ warm hier.

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Gerade haben Sie mit Al-Wahda die arabische Meisterschaft gewonnen. Wie werden Meisterfeiern in Abu Dhabi begangen? Wohl nicht mit einer Sektdusche?
Hickersberger: Mit einem Verkehrsstau. Die Rückfahrt vom Spiel in Schardscha, wo wir den Meistertitel fixiert haben, war eine sehr langwierige Angelegenheit. Trotz der Polizeieskorte, die uns durch die drei Emirate Schardscha, Dubai und Abu Dhabi begleitet hat, sind rund 1000 Fans mit ihren Autos ständig vor dem Bus, neben dem Bus und hinter dem Bus gefahren, sodass wir nur im Schritttempo vorangekommen sind. Für eine Fahrt, die normalerweise 90 Minuten dauert, haben wir mehr als vier Stunden gebraucht. Das war etwas mühsam.

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Sind Sie als Meistertrainer jetzt ein Held in Abu Dhabi?
Hickersberger: Der Held ist der Scheich. Der Scheich hat alles richtig gemacht. Der Trainer ist nur der Gastarbeiter, der für diese Operation angeheuert wurde. Es ist übrigens ein ganz gutes Gefühl, sich selbst einmal als Ausländer zu erleben. Diese Erfahrung würde ich einigen österreichischen Politikern auch wünschen. Etliche Aussagen würden danach möglicherweise anders gefärbt sein.

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Sind Sie denn ein gut integrierter Gastarbeiter?
Hickersberger: Jedes Mal, wenn ich hier an einer Baustelle vorbeifahre, fühle ich mich aufgrund meiner Staatsbürgerschaft enorm privilegiert. Wäre ich in Pakistan auf die Welt gekommen, müsste ich bei diesen Temperaturen um sieben Uhr Früh zur Arbeit und würde um sechs Uhr abends mit dem Bus in irgendeine Baracke zurückkehren. Dazu wäre ich kümmerlich entlohnt. Ich bin also ein sehr zufriedener Gastarbeiter.

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Fahren Sie mit Chauffeur?
Hickersberger: Nein, ich habe einen kleinen Toyota Prado, den ich selbst fahre. Es herrscht hier auch nicht so viel Verkehr wie in Ägypten, wo sich niemand an die Verkehrsregeln hält. Man muss dort jederzeit damit rechnen, dass bei Rot jemand über die Kreuzung fährt, während bei Grün alle stehen bleiben, weil ja jemand bei Rot über die Kreuzung fahren könnte. In Abu Dhabi geht es ohne Chauffeur.

profil: Wie ist es um Ihr Arabisch bestellt? Sie haben einmal erzählt, dass Ihre erste Phrase „Ohne Geld kein Training“ war.
Hickersberger: Das ist lange her. Diesen Satz konnte ich glücklicherweise aus meinem Repertoire streichen. Die Zahlungsmoral in den Emiraten ist hervorragend. Das Geld wird pünktlich noch vor Monatsende überwiesen. Vorbildlich.

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Und selbst im österreichischen Fußball nicht überall üblich.
Hickersberger: Das wird es in Österreich wohl nicht bei jedem Verein geben. Aber hier in Abu Dhabi ist aufgrund der Öl- und Erdgasvorkommen noch Geld vorhanden. In Dubai schaut es schon etwas anders aus. Dort werden ja nur drei Prozent des Bruttonationalprodukts aus Öl und Gas erlöst, gleich dahinter kommen schon die Verkehrsstrafen.

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Wie würde Al-Wahda in der österreichischen Bundesliga abschneiden?
Hickersberger: Sie würden nicht absteigen, dazu ist die Qualität der ausländischen Spieler zu hoch. Aber ganz vorne hätten sie wohl auch keine Chance.

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Aber dafür verläuft die Entwicklung in den Emiraten schneller als hier.
Hickersberger: Das ist schwer zu beurteilen. Die Vereinigten Emirate wurden erst 1971 gegründet, die lokale Fußballtradition ist vielleicht ein paar Jahre älter. Das kann man mit der Situation in Europa nicht vergleichen. Außerdem sind die klimatischen Verhältnisse für den Sport nicht sehr optimal. Man kann hier nicht zweimal täglich trainieren.

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Und im Ramadan gibt es ganz trainingsfrei?
Hickersberger: Das nicht, aber für den Trainer ist es dann besonders angenehm, weil die Spieler erst nach Einbruch der Dunkelheit etwas essen und trinken können. Danach dauert es noch etwa drei Stunden, bis das Training beginnen kann, meistens etwa um neun oder zehn Uhr abends. Tagsüber schlafen die Spieler. Und die Trainer haben Freizeit.

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Bei der Pressekonferenz zu Ihrem Rücktritt als österreichischer Teamchef haben Sie sich mit der schönen Trapattoni-Paraphrase „Was erlauben Svetits?“ über die ständigen Zwischenrufe von außen – konkret durch den Stronach-Berater Peter Svetits – echauffiert. Aber was erlauben Scheich?
Hickersberger: Der Scheich bezahlt mich für seine Zwischenrufe sehr gut. Österreichische Fußballexperten dagegen meinen, sie könnten gratis ihren Senf dazugeben. Darauf hatte ich keine große Lust mehr, weil es sich um Leute handelt, die meiner Meinung nach weniger vom Fußball verstehen als ich.

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Was versteht der Scheich vom Fußball?
Hickersberger: Das ist eine gefährliche Frage. Ich werde mich bemühen, sie diplomatisch zu beantworten: Der Scheich hat zu Saisonbeginn auf meine Ratschläge gehört. Er hat – im Gegensatz zu seinen ursprünglichen Intentionen – keine zweite Sturmspitze verpflichtet, sondern einen defensiven Mittelfeldspieler, wie ich es ihm vorgeschlagen habe. Jetzt sind wir Meister, also hat der Scheich alles richtig gemacht.

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Was unterscheidet den Scheich von Didi Mateschitz oder Frank Stronach?
Hickersberger: Ich habe kürzlich ein Interview mit Herrn Mateschitz gelesen. Darin war ein langfristiges, strategisches Denken erkennbar. So etwas gibt es hier nicht. Hier wird lediglich von heute auf morgen gedacht. Kein Scheich plant über die aktuelle Saison hinaus.

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Auch wenn er sich, wie Scheich Mansour, der Stiefbruder Ihres Scheichs, mit 440 Millionen Euro bei Manchester City engagiert?
Hickersberger: Scheich Mansour hat in dieser Saison ein bisschen Pech gehabt. Er ist ja auch Präsident unseres Lokalrivalen Al-Jazira. Nun hat er mit Manchester City die Champions League und mit Al-Jazira die Meisterschaft verpasst – mit nur einer Saisonniederlage, übrigens gegen meinen Verein. Hard luck, wie man hier sagt.

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Wann haben Sie zum letzten Mal mit Ihrem Teamchef-Nachfolger Dietmar Constantini telefoniert?
Hickersberger: Wir telefonieren nicht. Dazu sind die Telefonkosten zu hoch. Ich habe kein Diensttelefon, solche Gespräche kosten etliche Dirhams, und ich bin ein sparsamer Mensch. Aber er hat mir per SMS zum Meistertitel gratuliert, und ich habe ihm per SMS alles Gute für das Länderspiel gegen Kroatien gewünscht.

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Constantinis Strategie erinnert ein wenig an Ihre: möglichst viele junge Spieler aufzubauen.
Hickersberger: Da habe ich eine völlig andere Wahrnehmung. Ich habe meiner Meinung nach einen ganz anderen Führungsstil gepflegt. Ich hatte einen Stamm an erfahrenen Führungsspielern. An dem habe ich festgehalten. Rundherum wollte ich junge Spieler probieren und formen, die miteinander eine Mannschaft ergeben. Ich habe ja während der Europameisterschaft einmal erwähnt, dass ich die richtigen Spieler brauche, nicht die besten. Na, mehr habe ich nicht gebraucht. Das wurde mir natürlich als schwerer strategischer Fehler ausgelegt. Die wenigsten Experten verstehen, dass eine Mannschaft auch zusammenpassen muss. Die besten Spieler ergeben nicht zwangsläufig eine gute Mannschaft.

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Damals haben Sie auch gesagt, dass in der aktuellen Generation ganz einfach die herausragenden Spieler fehlen.
Hickersberger: Das ist nun einmal so. Österreich hat in der Vergangenheit solche Klassespieler gehabt: Krankl, Prohaska, Pezzey, Koncilia, das waren absolute Weltklassespieler. Dass es solche Spieler nicht mehr gibt, hat einen ganz einfachen Grund: Nach dem Bosman-Urteil (das Spielertransfers europaweit liberalisierte, Anm.) hat jeder österreichische Vereinspräsident geglaubt, er könne drittklassige Ausländer holen und sie dann an Real Madrid weiterverkaufen. Österreichische Spieler sind prinzipiell nicht mehr zum Einsatz gekommen und wurden über Jahre, fast Jahrzehnte hinweg kaum gefördert – im Nachwuchs sowieso nicht, weil das ja auch Geld gekostet hätte, das man lieber in die Legionäre gesteckt hat. An diesen Sünden hat der österreichische Fußball lange leiden müssen.

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Hat sich das denn gebessert?
Hickersberger: Es wird besser. Heute wird im Nachwuchs wirklich seriös gearbeitet, daher haben wir auch mit den Nachwuchsmannschaften in den letzten Jahren ungewöhnlich viel, zum Teil aufsehenerregenden Erfolg gehabt.

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Der sich partout nicht bis ins Nationalteam fortpflanzen will. Warum nicht?
Hickersberger: Das dauert eben. Man braucht Geduld. Und man braucht eine gute Auslosung bei einer EM- oder WM-Qualifikation. Dann gelingt uns auch wieder einmal die Teilnahme an einer WM-Endrunde, vielleicht sogar bei einer Europameisterschaft. Was in der Schweiz möglich ist oder in Slowenien, sollte bei uns eigentlich auch möglich sein.

profil: Bei der kommenden EM-Qualifikation hatte Österreich kein Losglück. In einer Gruppe mit Deutschland, der Türkei und Belgien ist an einen erfolgreichen Aufstieg nicht zu denken. Welche Perspektiven hat die Nationalmannschaft in den nächsten Jahren?
Hickersberger: Im Prinzip ist die Gruppe nicht so schlecht. Sich gegen Deutschland zu qualifizieren, ist natürlich schon sehr schwierig. Aber mit zwei Sternstunden ist da vieles möglich.

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Sie haben vor einigen Tagen Ihren 62. Geburtstag gefeiert. Wann erreicht man als Fußballtrainer das Pensionsalter?
Hickersberger: In Österreich liegt das Pensionsalter für einen Mann bei 65 Jahren. Vorher kann man eventuell unter die Hacklerregelung fallen, was bei mir zutreffen würde, weil ich mein ganzes Leben lang gehackelt habe. Außerdem würde mir eine Invaliditätspension zustehen, weil ich aufgrund meiner langen Karriere als Fußballspieler schwer invalid bin. Aber da ich von meiner Pension nicht werde leben können, werde ich, solange es geht, als Fußballtrainer arbeiten.

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Wie hoch stehen die Chancen, Sie einmal als TV-Kommentator oder als Teilnehmer einer Prominenten-Show zu erleben?
Hickersberger: Die sind null. Gott sei Dank.

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Wenn Sie sehr egoistisch und wahnsinnig utopisch wären: Welche Mannschaft würden Sie noch gern trainieren?
Hickersberger: Ich bin kein Träumer, sondern Realist. Ich bin Österreicher, und die Erfolge des österreichischen Fußballs liegen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Da kann man nicht damit rechnen, Inter Mailand, Real Madrid oder eine englische Spitzenmannschaft zu trainieren. Man muss schauen, dass man eine Nische findet. Ich habe eine Nische gefunden, wo man zwar sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen muss, weil es sehr heiß ist, davon aber eigentlich ganz gut leben kann.

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Das österreichische Nationalteam wäre keine Option mehr?
Hickersberger: Nein, ich war zweimal Teamchef. Beim zweiten Mal haben wir bei der Europameisterschaft nicht den von mir gewünschten Erfolg gehabt, die erste Periode lag mit der WM-Qualifikation eigentlich über den Erwartungen, dann ist aber ein Spiel gekommen, das mich weltberühmt gemacht hat. Aber so ein Waterloo hat auch seine Vorteile. Keiner weiß, wer Wellington war, aber wer bei Waterloo verloren hat, das weiß jedes Kind. Die Verlierer merkt man sich leichter.