Exponate hinter dem Vorhang

„Vorsichtsmaßnahme“ im Jüdischen Museum Wien: Teile der neuen Ausstellung könnten als anstößig empfunden werden.

Anspannung herrscht im Wiener Jüdischen Museum vor Eröffnung der neuen Ausstellung am Donnerstag. Da sie aus religiösen oder persönlichen Gründen als anstößig empfunden werden könnten, so die Besucherinformation, werden mehrere Exponate der Schau „Fremde überall“ hinter einem Vorhang präsentiert und sollen in dem von zahlreichen Schulklassen besuchten Haus für Jugendliche unter 18 Jahren nicht zugänglich sein.

Bei den Exponaten handelt es sich vor allem um eine Fotoserie des amerikanischen Künstlers Leigh Ledare, in dem „offen pornografische Bilder mit Szenen aus dem Alltagsleben wechseln“ (Ausstellungskatalog). Ledare fotografierte seine Mutter nackt in sexuellen Posen, im Ausstellungskatalog heißt es dazu, auf den ersten Blick gehe es um eine „schockierende und verstörende Mutter-und-Sohn-Beziehung, die auf inzestuösem Voyeurismus basiert.“ Die „New York Times“ hat den Ansatz des Künstlers deutlicher damit charakterisiert, er benutze die Fotografie „um seine hoch erotische Beziehung mit seiner Mutter abzubilden.“ Die Village Voice, New York, widmete sich dem verstörenden Werk in einem eigenen Bericht unter dem Titel, „Leigh Ledare: Das Genital meiner Mutter.“

Museumsdirektorin Danielle Spera
nahm – aus Zeitgründen – am Montagnachmittag profil gegenüber nicht Stellung. Im Katalogvorwort erwähnt Spera weder die Diskussion um den Künstler noch begründet sie die Präsentation seines in sich hoch komplexen Werks im Jüdischen Museum. Allgemein ist dort von „Auseinandersetzung mit dem Thema ,Anderssein‘“ die Rede. Dass das Haus sich dazu entschlossen hat, Leighs Exponate abzusondern, bleibt ausgespart. Inzest ist im Judentum wie in allen Religionen tabuisiert.

Museums-Mediensprecher Alfred Stalzer erklärte zu den fraglichen Werken der Pomeranz Collection: „Es werden keine pornografischen Akte und keine Kopulierenden gezeigt“. „Aus reiner Vorsichtsmaßnahme, das machen andere Museen auch“ würden sie in einem durch einen Vorhang und für Jugendliche nicht zugänglichen abgetrennten Raum ausgestellt, in dem sich auch zwei Werke von Valie Export befinden.

Der Mediensprecher verwies eigens darauf, „dass der Oberrabbiner zur Ausstellung sprechen wird“. Auf die Frage, inwieweit die solcherart als provokant abgesonderte Kunst dem Bildungsauftrag des Jüdischen Museums entspricht, entgegnete er mit der Tradition jüdischer Sammler, die zu ihrer Zeit auch Anstößiges von Schiele und Klimt erworben hätten.

Kuratiert hat die Schau nicht das Jüdische Museum selbst, sondern der Kurator des Privatsammlers, Ami Barack. Die Kollektion des Finanzmanagers Eduard Pomeranz wird vom 24. Mai bis 7. Oktober gezeigt. Eduard Pomeranz hat seine Sammlung, die im Jüdischen Museum erstmals öffentliche Aufmerksamkeit erfährt in nur fünf Jahren erstellt. Als Kaufkriterien gab er unter anderem an: „Ich entwickelte ein Computermodell, das den Kunstmarkt überwacht und mir interessante Künstler auswirft.“