Wie lange hält Gerhard Dörfler seinem Mentor noch die Treue?

Aufruhr in Kärnten: Demonstration vom 2. August in Klagenfurt.

Nach der brutalen Gerhard Dörfler nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – auch wenn er es verzweifelt versucht. Wie lange hält er seinem Mentor noch ungestraft die Treue?

Was eben noch wie ein Landesvater aussah, ist nun bestenfalls hilfloses Krisenmanagement, wenn nicht ohnehin nur noch Ausflucht und Ablenkung. Es zeigt sich plötzlich, was man so lange vergessen und was Gerhard Dörfler verdrängen konnte: dass seine Position nicht selbst erarbeitet war, sondern ihm unverhofft und durch einen tragischen Zufall in den Schoß fiel. Er erbte seine Macht nur. Haider hat sie ihm sozusagen geschenkt, indem er sein Auto gegen einen Hydranten fuhr. Und nun holt ihn diese Situation wieder ein.

Wie ist ihm dabei zumute?
Wird er die alte Rolle mit zusammengebissenen Zähnen zu Ende spielen, den populären Landesvater als Farce bis zuletzt geben?

Am Donnerstag vergangener Woche gab es erst einmal Zoff. Beamte der Korruptionsstaatsanwaltschaft beschlagnahmten in den Räumen der Kärntner Landesregierung Unterlagen. Zur selben Zeit empfing Gerhard Dörfler profil: leicht angespannt und blass um die Nase, doch fest entschlossen, die Ruhe selbst zu verkörpern. Am Abend zuvor sei er selbstverständlich in Salzburg gewesen und habe Anna Netrebkos wunderbarer Stimme gelauscht, wenngleich ihm sonst eher Neil Diamond und Udo Jürgens etwas geben, sagte Dörfler. Er sei auch ein „absoluter Leseleidenschafter“, fuhr Dörfler fort und deutete auf einen Stoß Tageszeitungen auf seinem Schreibtisch, darunter eine Illustrierte des Flugsportvereins, die er an diesem Tag unbedingt noch lesen müsse. Er lasse sich ja nichts unterjubeln. Seine Augen irrten mal hierhin, mal dorthin. ­Irgendwie wirkte alles ein wenig verrutscht.

Es kann nicht bestritten werden, dass Gerhard Dörfler ein Charaktermensch ist. Er ist kein Rabauke wie Uwe Scheuch oder dessen Bruder Kurt Scheuch, den er nun zu seinem Stellvertreter in der Regierung machen musste. Überhaupt haben ja peinlich viele bei den Kärntner Freiheitlichen das Role-Model Jörg Haider aufgegriffen und bis heute nachgespielt: kernig, kräftig, urig, männlich, aggressiv-laut und gehässig-ironisch.

Gerhard Dörfler nicht. Doch saß Dörfler stumm daneben, als einer der besten Kärntner Pressefotografen von seinen Leuten aus der Pressekonferenz hinausgeworfen wurde, weil er einmal ein angeblich unvorteilhaftes Foto von Scheuch geschossen hatte.

Dörfler hat es geschafft, im Volk beliebter zu sein als die Haudrauf-Brüder. Sein Leben muss sich lange wie der pure Erfolg angefühlt haben. Wie eine Schaumkrone schwebte er durch Kärnten, hemdsärmlig, ehrlich, volksverbunden. Bis Haider ihn im Jahr 2001 in die Politik holte, hatte Dörfler nach langen Jahren eines kleinen Bankmanagers die Schleppe-Bierbrauerei geführt und oftmals die Kulisse für diverse Haider-Events bereitgestellt. Man kann annehmen, dass ihn Haider auch dafür brauchte, dass einer abseits von Wahlkämpfen unermüdlich über das Land tourte, als Kindergartenreferent, Sportreferent, Jugendreferent und Straßenbaureferent das Füllhorn ausschüttete, das aus Hypo-Geldern alimentiert wurde. Nur wenn Dörfler versuchte, ebenso lustig zu sein wie Haider, ging es schief. Dann kamen Negerwitze, Herrenwitze und andere Blödheiten zum Vorschein.

Dörfler war praktisch „der Haider mit harmlosem Antlitz“ gewesen. Es kursieren einige Filmchen von Dörflers Wirken im Netz. Im Februar 2005 hatte er etwa im Morgengrauen höchstpersönlich Hand angelegt, um alte, hohe Bäume an einer Durchzugsstraße in Klagenfurt zu fällen. Man sieht den Landesrat in oranger Signaljacke mit einer Motorsäge in der Hand von Baum zu Baum laufen, der Eifrigste in der Runde der Straßenarbeiter, bevor die Grünen mit ihren Protesttafeln anrücken und versuchen, sich anzuketten.

Dörfler hat das System Haider zurückgeführt auf eine Straße der Normalität – so wie er glaubte – und des inszenierten gesunden Menschenverstands. Nun bricht ihm diese schöne Straße unter den Füßen weg. Das Land ist bankrott, die Hypo wurde notverstaatlicht. Und auch der Zeitgeist ist nicht auf seiner Seite. Der Ruf nach Aufklärung, Säuberung, Reinen-Tisch-Machen, Die-Nicht-Sauberen-Wegfegen hat alle Schichten in Kärnten ergriffen. Und welches Gesicht hat das neue kollektive Feindbild? Das Gesicht Jörg Haiders. Des Mannes, dem Dörfler sein politisches Leben verdankt.

Jörg Haider hatte seine Politik auf den Mythos der Befreiung Kärntens vom sozialdemokratischen Machtmissbrauch gebaut und den Populismus salonfähig gemacht. Der biedere, seine Herkunft nicht verleugnende Gerhard Dörfler fand aus demselben Grund Anklang. Er schaffte es, den Eindruck zu erwecken, allen Menschen gute Dienste zu leisten. In dieser Leere hat sich auch der Gegensatz von links und rechts verflüchtigt, weil der Mainstream, besonders in Kärnten, eben rechts ist und keine Unterschiede mehr kennt. Dörfler lebte allerdings nicht – so wie Haider – von der Zuspitzung der politischen Verhältnisse, sondern eher von ihrem Ausgleich.

Im Grunde muss sich Dörfler auch in den Jahren seines größten Erfolgs vorgekommen sein wie eine Marionette.

Er hatte als Straßenbaureferent mit Haider gemeinsam Ortstafeln verrückt, um keine zweisprachig bezeichneten Schilder aufstellen zu müssen. Er hatte den weisungsgebundenen Verfassungsdienst – auch das eine Kärntner Spezialität – angewiesen, sich etwas einfallen zu lassen, um das staatsvertragliche Recht der slowenischen Minderheit zu unterlaufen. Damals wurde die Idee geboren, kleine slowenische Topografiebezeichnungen in große deutsche Tafeln hineinzuschrauben. Dörfler musste sich von der Staatsantwaltschaft sinngemäß nachsagen lassen, er sei Haider hörig gewesen und habe nicht genug Sachverstand besessen, um das Unrecht seines Tuns zu beurteilen. Deshalb könne man ihn auch nicht zur Verantwortung ziehen.

Mit umso größerem Nachdruck ließ er sich vergangenes Jahr als Bewältiger der Ortstafelfrage feiern und verfolgte jeden, der den Kompromiss einen faulen nannte.

Mit den großen Korruptionsfällen rund um das Hypo-Birnbacher-Honorar kommen nun auch die kleineren ans Tageslicht. Das ist dem Innenleben der Partei geschuldet. Die Spaltung der Freiheitlichen im Jahr 2005 beförderte Intrige und Verrat, Rache und Eifersucht. Da es auch um viel Geld ging, schwärzte einer den anderen an. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur BZÖ-Wahlkampfbroschüre aus 2009 brachte einst FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit einer Anzeige auf den Weg.

Auch gegen die parteieigene Agentur Connect Werbe- und Beratungs GmbH, die ihren Sitz in der Parteizentrale in Klagenfurt hatte, wird ermittelt. Auch hier gingen Unterlagen von einem Insider an die Öffentlichkeit. Vor einem Jahr wurde der Fall des Kärntner Anwalts Gert Seeber publik. Die Connect hatte ihm gegenüber „mit ausgezeichneten Kontakten zu mehreren Mitgliedern der Kärntner Landesregierung, insbesondere auch zum Wirtschafts- und Tourismusreferat, zur Geschäftsführung verschiedener Tochtergesellschaften des Landes Kärnten oder solcher Gesellschaften, die zumindest im maßgeblichen Einfluss des Landes Kärnten stehen“, geworben und Aufträge in Aussicht gestellt. Im Gegenzug hatte Connect 30 Prozent „Akquisitionsprämie“ verlangt. In anderen Fällen wurden Kärntner Bauunternehmen Rechnungen der Connect, meist für „Layout-Beratung“, ausgestellt. Die Ermittler untersuchen nun, ob dafür tatsächlich Leistungen erbracht wurden oder ob unter diesem Titel Schmiergelder für Auftragsvergaben gezahlt wurden. Beim Grünen-Politiker und Aufdecker Rolf Holub haben sich in der vergangenen Woche einige Kärntner Unternehmer gemeldet, die sagen, fünf bis zehn Prozent seien üblich gewesen.

Das alles hört Dörfler gar nicht gern. Einen Kärntner ORF-Journalisten, der dazu Auskunft begehrte, beschimpfte er vor wenigen Wochen noch als „unanständigen Kerl“ und verweigerte die Antwort.

Heute fällt die Maske der Höflichkeit nur einen Augenblick lang. Die Stimme des Landeshauptmanns bebt vor Zorn: „Ich hatte mit dem Birnbacher-Honorar nie etwas zu tun. Ich war nie für die Hypo zuständig. Ich war auch nie Finanzreferent des Landes. Ich hatte mit diesen Dingen nie etwas zu tun. Wenn ich nichts gewusst habe, dann deshalb, weil es nicht meine Aufgabe war, es wissen zu können.“

Dörfler war in diesen Jahren Parteikassier gewesen, aber von all diesen Dingen habe er nichts mitbekommen, sagt er.

„Was macht ein Parteikassier? Das ist eine Funktion wie beim Sportverein“, verteidigt sich Dörfler.

Mit der Finanzierung der Wahlkampfbroschüre habe er nie etwas zu tun gehabt. Von der Existenz der Werbeagentur Connect habe er das erste Mal im Jahr 2009 gehört. Selbstverständlich hatte Dörfler auch nichts damit zu tun gehabt, als sich die Kärntner Parteien im Landtag 2009 die Parteienförderung beträchtlich erhöhten. Als er es erfuhr, war er sehr empört.

Am Nimbus seines Mentors Jörg Haider will Dörfler nicht kratzen, wenn auch leichte Absetzbewegungen bemerkbar sind. In der vorvergangenen Woche hat Dörfler beim Heurigen offenbar dem „Krone“-Journalisten Michael Jeannée sein Herz ausgeschüttet und sich über Haider beklagt und „Klartext“ geredet, wie dieser in seiner Kolumne andeutet. „Ich würde Haider heute schon gern einiges fragen“, gesteht Dörfler.

Foto: Philipp Horak für profil