Käseskandal: Das Listerien-Theater

Aus einem internen „Tagebuch“ des Gesundheitsministeriums geht hervor, dass man schon viel länger Bescheid wusste, als Minister Stöger behauptet. Sein Ministerium trägt die Hauptverantwortung für die Folgen der tödlichen Quargelseuche.

Mit Redaktionsschluss dieser Ausgabe lautete die offizielle Opferbilanz in Österreich auf 21 Erkrankungen und fünf Tote, drei weitere Todesopfer wurden in Deutschland registriert. Als man am 23. Jänner dieses Jahres – nach Meinung von Experten viel zu spät – den verseuchten Käse aus den Supermarktregalen in Österreich, Deutschland, Polen und Tschechien entfernte, waren rund 2,5 Millionen Packungen davon abgesetzt. Nur ein sehr geringer Teil der Konsumenten erkrankt freilich. Wen es aber einmal erwischt hat, der stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 bis 30 Prozent. Die bisherigen Opfer waren fast alle Männer in hohem Alter. Eine Zielgruppe, die dafür garantiert, dass es zumindest vereinzelt noch weitere Opfer geben wird.

Franz Allerberger von der staatlichen Agentur für Gesundheit und Ernährungs­sicherheit (AGES) hat mit seinen Mitarbeitern den verantwortlichen Bakterienstamm Listeria monocytogenes SG 1/20a isoliert und seine Quelle beim Hartberger Käsehersteller Prolactal lokalisiert. Er rechnet damit, dass auch nach Monaten noch neue Fälle auftauchen könnten. Allerberger: „Das sind betagte Herren, die haben den Weltkrieg erlebt und werfen nichts Essbares weg, außerdem können sie sich das auch gar nicht leisten.“ Das bedeute, dass der Käse auch nach Ablauf seiner Mindesthaltbarkeit, mit entsprechend erhöhter Bakteriendichte, noch gegessen wird. Und danach beginne erst die Inkubationszeit von bis zu 72 Tagen.

Bei der Firma Prolactal in Hartberg herrscht Endzeitstimmung.
Das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens ist noch nicht absehbar. Die 170 Mitarbeiter sind noch da. Nur manche der 25 Personen aus der stillgelegten Quargelproduktion bauen ihre Überstunden ab, die restlichen arbeiten in anderen Abteilungen. Externe Reinigungsspezialisten zerlegen die gesamte Anlage, doch die Bakterienquelle haben sie noch nicht gefunden. Die lokale Landwirtschaft distanziert sich wortgewaltig von den angeblich bauern- und naturnahen Produkten von Prolactal. Kein Tropfen steirische Milch werde im „Killerkäse“ verarbeitet. Und Prolactal selbst wirkt seltsam ertappt: Bar jeder Bäuerlichkeit befindet sich das Unternehmen in Besitz der in Linz eingetragenen ­ARTAX Beteiligungs- und Vermögensverwaltungs AG und verarbeitet zum Großteil billige Reste zu Trockenprodukten wie Milchpulver, Käse und Ähnlichem und verkauft sie weltweit. Der verseuchte Quargel etwa wurde aus billigem „Industrietopfen“ (mindere Qualität, verschiedene Zusätze wie Geschmacksstoffe sind zugelassen) aus Deutschland hergestellt. Die Milch selbst wiederum dürfte zumindest teilweise auch aus anderen EU-Ländern stammen. Der steirische BZÖ-Abgeordnete Gerald Grosz, in der Affäre wohl einer der aktivsten Politiker, beschuldigt Prolactal der wissentlich falschen Lebensmittelkennzeichnung und Gesundheitsminister Alois Stöger, davon gewusst und nichts unternommen zu haben. Grosz bringt dieser Tage zusätzlich eine Ministerklage gegen Stöger beim Verfassungsgerichtshof ein sowie eine Strafanzeige wegen Beihilfe zur Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, Amtsmissbrauch und anderem. Die Strafanzeige richtet sich auch gegen Stögers Mitarbeiter Ulrich Herzog, dem Chef der Abteilung für Verbraucherschutz im Gesundheitsministerium.

Michael Schönbauer, Tierarzt und seit Jahrzehnten gerichtlich beeideter Sachverständiger, hält „die Vertuschung und Verharmlosung“ durch die Behörden für „Gemeingefährdung“. Schönbauer: „Hier spielt einige Menschenverachtung mit. Die Menschen werden um ihr Geld und ihre Gesundheit geprellt. Das Gesundheitsministerium hat trotz Gefahr im Verzug die entsprechende Meldung verzögert.“

Grazer Kriminalisten ermitteln wegen fahrlässiger Tötung.
Sie überprüfen den Umgang mit der Hygiene beim Quargelproduzenten, die regelmäßig durchgeführten Lebensmitteltests, deren Ergebnisse und die Dokumentation. Bald nach Auffliegen der Affäre, aufgedeckt vom österreichischen Journalisten Leopold Spanring im deutschen Agrarmagazin „dlz“, hatten Verantwortliche von Prolactal versucht, Vorwürfe eines anonymen Mitarbeiters öffentlich zu entkräften, der gegenüber der Austria Presse Agentur erklärt hatte, im Betrieb gebe es seit mindestens einem halben Jahr Probleme mit Listerien. Das Unternehmen habe belastete Produkte weiterhin verkauft, anstatt sie zu vernichten. Es habe zahlreiche positive Listerien-Proben gegeben, manche davon lagen auch über dem Grenzwert von 100 koloniefähigen Bakterien pro Gramm Nahrungsmittel. Prolactal-Verantwortliche gaben zu, positive Proben gezogen zu haben, schränkten aber ein, dass keine über dem Grenzwert gelegen sei.

Dieser „Grenzwert“ wird von Experten als „lächerlich“ bezeichnet, weil er eine Momentaufnahme vom Testzeitpunkt sei und Listerien sich selbst im unterkühlten Zustand vermehren. Franz Allerberger von der AGES spricht von einer „Nulltoleranz“. Die Bakterien dürften bei Proben gar nicht nachgewiesen werden. Demnach wäre das Unternehmen seiner „unverzüglichen“ Meldepflicht monatelang nicht nachgekommen.

Keine Warnung. Nicht nur der Hersteller dürfte Fehler begangen haben. Nach profil vorliegenden Unterlagen aus dem Gesundheitsministerium hatte es auch das Stöger-Ressort nicht sehr eilig, potenziell gefährdete Konsumenten zu warnen und das verseuchte Produkt vom Markt zu nehmen.

Während Gesundheitsminister Alois ­Stöger behauptete, erstmals von der Sache am 15. Februar erfahren zu haben, impliziert ein von mehreren hohen Beamten geführtes internes „Tagebuch“ etwas völlig ­anderes.
Aus der Chronologie: Bereits im Juni und Juli des Vorjahrs werden die ersten drei Listeriose-Erkrankten an die AGES gemeldet. Am 14. August ist eindeutig klar, dass alle drei Patienten mit demselben Bakterienstamm infiziert waren und es sich daher um einen „Ausbruch“ handelt. Nichts passiert.

Zwei Monate später wird der erste Todesfall bekannt. Doch im Gesundheitsministerium findet erst am 29. Oktober die erste Besprechung einer Arbeitsgruppe statt, die meint, „dass der Verdacht auf einen bundesländerübergreifenden Ausbruch gegeben sein könnte“, so das interne Papier. Probeziehungen werden freilich keine veranlasst. Die Bevölkerung wird nicht gewarnt.

Nun werden sukzessive weitere Krankheitsfälle bekannt, und im November kommt es zum zweiten Todesfall. Tagebuchnotiz vom 12. November: „Beauftragung der AGES mit der Ausbruchsabklärung durch die Bundesländer.“ Unterdessen machen sich Mitarbeiter der AGES auf, an Listeriose Erkrankte zu kontaktieren, die nach erfolgreicher Behandlung wieder entlassen worden waren. Man bittet darum, ab sofort die Kassenzettel aus dem Supermarkt zu sammeln und zur Verfügung zu stellen, weil man sich vom Vergleich erhoffe, das gesuchte Lebensmittel auszumachen.

Am 19. November legt die AGES dem Gesundheitsministerium den ersten zusammenfassenden Bericht vor, in dem von neun gesicherten und zwei wahrscheinlichen Ausbruchsfällen die Rede ist. Am 25. November notiert das Tagebuch den „zweiten Wochenbericht der AGES. Eine Hypothese bezüglich der Infektionsquelle liegt noch nicht vor.“ Doch habe man Patientenisolate mit 600 Lebensmittelisolaten verglichen und dabei drei verdächtige Lebensmittelproben isoliert. Darunter befand sich auch der Quargel aus Hartberg.

Bereits Ende November hatte man also nicht nur Kenntnis vom Ausbruch einer tödlichen bakteriellen Krankheit, sondern auch die Infektionsquelle praktisch lokalisiert. Passiert ist wieder nichts. Tagebuch vom 22. Dezember: „Die ersten Kassenbons von zwei Patienten sind eingetroffen. Abwarten der Auswertung …“

Am 13. Jänner 2009 wird die „erste Probeziehung durch die Lebensmittelaufsicht der Steiermark im verdächtigen Betrieb“ im Tagebuch notiert. Zwei Tage später liegt das epidemiologische Ergebnis vor, und dieser 15. Jänner wird zum entscheidenden Tag für alle Beteiligten. Im Tagebuch zu lesen: „Telefonische Mitteilung der AGES: Quelle mit großer Wahrscheinlichkeit identifiziert; Gespräche mit steirischer Sanitätsbehörde laufen. Schriftlicher Bericht kommende Woche.“

Damit ist klar und bekannt, dass der Quargel der Firma Prolactal aus Hartberg bereits mehrere Menschen getötet hat, sich noch millionenfach in den Regalen mehrerer Länder befindet und dass er weiter verspeist wird. Doch was macht das Gesundheitsministerium? Man wartet auf den schriftlichen Bericht, der für die darauf folgende Woche angekündigt wird. Keine Rückholaktion, keine Warnung an die Konsumenten. Am 21. Jänner schließlich, fünf Monate nach dem erstmaligen Auftreten massiver Verdachtsmomente, ergeht ein Auftrag des Gesundheitsministeriums an die steirische Lebensmittelbehörde. Inhalt: „Weitere Erhebungen.“

EU berichtet.
Während die österreichische Öffentlichkeit weiterhin uninformiert bleibt, ergeht Mitte Jänner ein Warnschreiben des Gesundheitsministeriums an das EU-Seuchenkontrollzentrum. Am 4. Februar erscheint die gesamte Geschichte im Behördenorgan „eurosurveillance“, während Gesundheitsminister Stöger noch immer nichts von der Sache gewusst haben will.

Am 22. Jänner sendet die AGES eine Warnung an alle Länder der EU, in der auf den verseuchten Quargel hingewiesen wird. Nicht erwähnt wird, dass der Käse bereits mehrere Menschen das Leben gekostet hatte. Am 23. Jänner reagiert der Supermarkt-Diskonter Lidl als Erster, lässt den Hartberger Käse aus den Regalen entfernen und gibt eine öffentliche Warnung ab. Im Tagebuch des Gesundheitsministeriums steht: „Rücknahme vom Markt, Information der Öffentlichkeit durch Herstellerbetrieb.“

Erst drei Wochen später, am 15. Februar, will das offizielle Gesundheitsministerium von der ganzen Sache erfahren haben. Am 16. Februar sagt Stöger vor dem Ministerrat, sobald er selbst informiert worden sei, habe er auch die Öffentlichkeit informiert. Welche Maßnahmen er konkret gesetzt habe, konnte der Minister nicht sagen.

Ulrich Herzog, Stögers Chef der Verbraucherschutz-Abteilung, erklärte gegenüber profil, weder eingegriffen noch die Bevölkerung gewarnt zu haben, „weil es kein Gesetz gibt, das mir das vorschreibt“. Er benötige da schon ein „Schriftstück und nicht telefonische Behauptungen“. Deshalb habe man erst lange auf ein offizielles „Gesundheitsschädlichkeitszeugnis“ warten müssen und habe nicht gleich nach dem Alarm der AGES reagieren können. Herzog nennt auch nackte Angst als einen der Gründe für das Stillhalten: Voreilige Reaktionen seien schon wegen möglicher Schadenersatzforderungen sehr gefährlich. Außerdem hätte die steirische Landesbehörde etwas tun müssen.