Kann Atombombe zur Torrorgefahr werden?
Pakistan: Das gefährlichste Land der Welt

Die politische Krise in dem Atomstaat lässt erneut die Frage aufkommen: Können radikale Islamisten die Nuklearbombe in ihre Hände bekommen? Versuch einer Antwort.

Von Georg Hoffmann-Ostenhof und Gunther Müller

Der Bürgerkrieg schien unvermeidbar. Millionen feierten Montag vergangener Woche einen Sieg der Demokratie: Von einer „Revolution des Volkes“ sprachen internationale Kommentatoren. Tatsächlich hat sich eine demokratische Massenbewegung in Pakistan durchgesetzt. Die Regierung des amtierenden Präsidenten Asif Ali Zardari, Witwer der im Dezember 2007 ermordeten Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto und Chef der Pakistan Peoples Party PPP, wollte partout die vor eineinhalb Jahren abgesetzten Richter – allen voran deren Chefrichter Iftikhar Chaudhry – nicht wieder in ihr Amt heben. Die politische Opposition unter der Führung von Nawaz Sharif von der Muslimliga und eine Assoziation von Anwälten, Richtern, ­Studenten und Journalisten hatten Woche für Woche für eine unabhängige Justiz demonstriert. Bevor es zur finalen Konfrontation mit der Regierung kam, gab Präsident Zardari nach: Der im Jahr 2007 von Ex-Präsident Pervez Musharraf geschasste Richter Chaudhry, Pakistans Symbolfigur für Rechtsstaatlichkeit, wurde reinstalliert. Es ist das vorläufige Ende einer Krise. Trotzdem bleiben einige bange Fragen: Kann das politische System Pakistans den Vormarsch des islamischen Fundamentalismus aufhalten? Kann der wichtigste Verbündete der USA in der Region zu einem „failed state“, also einem gescheiterten Staat, werden? Diese Frage wird umso brisanter, als Pakistan zum Klub der Atommächte gehört. Und was passiert, wenn die Bombe in die Hand von radikalen Islamisten fällt?

profil analysiert die Lage im derzeit wohl gefährlichsten Land der Welt.

Droht Pakistan ein islamistischer Staat zu werden?
Es stimmt: Die ökonomische Situation gibt wenig Grund zu Hoffnung. Von den 175 Millionen Pakistanis leben mehr als die Hälfte in Armut. Die Lebensmittelpreise explodieren. Und die weltweite Wirtschaftskrise hat das Land besonders stark erfasst. Das destabilisiert die politische Situation und schafft günstige Bedingungen für eine breitere Radikalisierung. Tatsächlich häufen sich islamistische Anschläge. Und in den Provinzen an der Grenze zu Afghanistan ist ein Vormarsch des wahhabitisch-saudischen Fundamentalismus zu registrieren. Die Taliban haben sich auch diesseits der Grenze, in Pakistan, regruppiert. Die Wahlen 2008 zeigten aber, dass islamistische Gruppierungen die Unterstützung in der Bevölkerung verlieren. Die religiösen Parteien erreichten nur sechs von 336 Parlamentssitzen: „Große Teile der Bevölkerung halten den Islam zwar für höchst bedeutsam für ihr Leben, wählen aber trotzdem in überwältigendem Maße säkulare Parteien“, schreibt der Nahostexperte Jochen Hippler in seinem jüngst erschienenen Pakistan-Buch „Das gefährlichste Land der Welt?“. Wie überhaupt die Basis für einen Umsturz durch radikale Moslems in Pakistan kaum vorhanden ist. Das Faktum, dass sich eine der Zentrumsparteien, die oppositionelle Partei von Nawaz Sharif, Muslimliga nennt, hat im Westen zu Missverständnissen geführt. Diese Partei ist im Wesen eine säkulare Zentrumspartei. Ein großer Teil der pakistanischen Bevölkerung – vor allem in der Sindh-Provinz an der Grenze zu Indien – hängt einem Sufi-Islam an, der den puritanischen, von Saudi-Arabien beeinflussten Radikalismus geradezu verabscheut: Der US-Think-Tank Rand Corporation beschreibt in einem aktuellen Report den Sufismus als „offene intellektuelle Auslegung des Islam“.

Ist das pakistanische Militär von Islamisten unterwandert?
Die Armee wurde ab den neunziger Jahren von radikal-islamischen Offizieren gesäubert, die Heeresführung besteht fast zur Gänze aus in den USA ausgebildeten Soldaten, und der Kampf gegen den Terrorismus ist seit dem 11. September 2001 offizielle Politik. Trotzdem unterstützen das Militär und der mächtige Geheimdienst ISI insgeheim nach wie vor Dschihadisten verschiedenster Gruppierungen. Doch dahinter steckt bloß ein taktisches Kalkül: In der indisch-pakistanischen Grenzregion Kaschmir benützen Armee und ISI die religiösen Terrorgruppen, um die Armee des indischen „Erzfeinds“ zu beschäftigen. In Afghanistan soll der Einsatz der Islamisten, speziell der Taliban, den pakistanischen Einfluss am Hindukusch sichern. Afghanistan, so die Überlegung einiger hochrangiger Militärs, könnte im Fall eines Angriffs Indiens als strategisches Rückzugsgebiet dienen. Und ein solcher Rückzug ist nur in einem instabilen Afghanistan möglich. Dass Soldaten der unteren Ränge – vor allem in den Nordwestprovinzen und den paschtunischen Stammesgebieten – zuweilen zu den Islamisten überlaufen, ist eine Tatsache. Doch das Militär hat 500.000 Mann unter Waffen, und seine Struktur ist streng ­hierarchisch. In den mächtigen Positionen sind keine radikalen Islamisten vertreten.

Wie sicher vor fundamentalistischem Zugriff ist die pakistanische Atombombe?
„Die Vorstellung, dass ein paar islamistische Fundis den Nuklearstützpunkt betreten könnten, ist nichts anderes als ein schlechter Witz“, sagt der britisch-pakistanische Publizist Tariq Ali im Gespräch mit profil: „Es ist die best­bewachte Zone in ganz Pakistan.“ Lange Zeit hielt Pakistan Details über die Sicherheitsvorkehrungen für das Nuklearwaffenarsenal geheim. Aufgrund wachsender Besorgnis im Ausland hat Islamabad letztlich doch einige Maßnahmen bekannt gemacht. Die Einzelteile der Atomwaffen sind getrennt voneinander aufbewahrt: Das Spaltmaterial und die Rakete sind von der Waffe separiert. Der Ort des Nukleararsenals ist streng geheim und wird von einer Spezialeinheit von tausenden Soldaten bewacht. Die Waffen können nur mit einem elektronischen Code aktiviert werden. Wie bei allen Atommächten gilt auch in Pakistan die so genannte 2-Mann-Regel: Für jede der vielen Stufen der Aktivierung bedarf es der Zustimmung von zwei Personen (eine davon ist der Präsident).

Ist Pakistan ein „failed state“?
Zweifellos herrscht seit Langem eine Krise des politischen Systems. Verschärft wird diese noch durch den Aufschwung des Terrorismus. Der andauernde Afghanistankrieg ist längst auf pakistanisches Territorium übergeschwappt. Über Teile des Landes im Nordwesten hat die Regierung keine Kontrolle. Zudem ist das öffentliche Leben geprägt von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Familienclans. Die politische Klasse ist durch und durch korrupt. Sowohl Asif Ali Zardari von der Regierungspartei als auch sein Kontrahent, der Oppositionsführer Nawaz Sharif, wurden beide in der Vergangenheit wegen Steuerhinterziehung, Machtmissbrauch und Provisionsannahme bei staatlichen Aufträgen angeklagt. Auch die im Dezember 2007 ermordete Benazir Bhutto, für viele Pakistanis eine Heldin der Demokratie, hat zumindest die Machenschaften Zardaris, ihres Gatten, gedeckt. Demgegenüber hat sich aber – trotz aller Verwerfungen pakistanischer Politik – ein Fundament von Rechtsstaatlichkeit erhalten. Gerade der Konflikt um die Wiedereinsetzung des Chefrichters Chaudhry macht deutlich, dass ein Minimum an demokratischen Spielregeln eingehalten wird. Und die Massenproteste der vergangenen Wochen zeugen von einer erstarkenden Zivilgesellschaft.

Wer wird in Zukunft die Kontrolle über die Bombe haben?
Langfristig sind Voraussagen in einer geopolitisch so exponierten und turbulenten Gegend kaum zu treffen. Was mit dem Land passieren würde, wenn – was aus heutiger Sicht nicht zu erwarten ist – ein atomarer Krieg mit Indien ausbräche, ist völlig ungewiss. Aber eines ist klar: Eine Machtübernahme durch radikal-islamische Kräfte und die Etablierung einer Theokratie wie etwa im Iran ist das wohl unwahrscheinlichste Szenario. Der jüngste Konflikt um die Richter wird sicherlich nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Aber es gibt einen stabilen Faktor in diesem Land: die Armee, die immer dann einschreitet, wenn die Instabilität der politischen Verhältnisse überhandnimmt. Das kann extrem autoritäre Züge annehmen wie etwa unter dem Diktator Zia Ul Haq von 1977 bis 1988. Das kann aber auch gemäßigter und pragmatischer vor sich gehen, wie etwa die Herrschaft von General Pervez Musharraf, der vergangenes Jahr abtreten musste. Letzten Endes hängt die Frage, wie gefährlich Pakistan und seine Bombe sind, davon ab, welchen politischen Kurs die Welt, allen voran die USA, gegenüber Islamabad und der ganzen Region einschlagen. „Die Atombombe stellt dabei die geringste Gefahr dar“, kommentierte zuletzt die Tageszeitung „Daily Pakistan“: „Die Atombombe vor radikalen Kräften zu schützen ist einer der wenigen Faktoren, die selbst ein tief gespaltenes Land wie Pakistan einen können.“