„Kein Wunder, wenn man irgendwann durchdreht“

Der Künstler Günter Brus über Wut, Selbstzerstörung, Depression und die Abgründe des Wiener Aktionismus, dessen Geschichte gegenwärtig im Wiener Museum moderner Kunst rekapituliert wird.

profil: Eine immense Wut auf Österreich und sein Spießbürgertum prägt die Materialaktionen der Wiener Aktionisten. Wie wichtig war das Klima der Zeit für Ihre Kunst?
Brus: Die Wut war einerseits Antrieb, andererseits hatten meine frühen Aktionen mit bloßer Zerstörungswut wenig zu tun. Aber natürlich wurden meine Selbstbemalungsaktionen als Kasperltheater, sogar als Eigenwerbung aufgefasst. Dabei hatten ja schon meine informellen Bilder, die ich Jahre vor den Aktionen gemalt habe, heftige Reaktionen hervorgerufen.
profil: Sie haben einmal notiert, dass Sie nur Künstler geworden seien, um Ihre Umgebung zu ärgern und Ihre Eltern vor den Kopf zu stoßen. War das ernst gemeint?
Brus: Dichtung und Wahrheit. Meine Eltern hab ich automatisch vor den Kopf gestoßen, aber eher unbeabsichtigt. Das war kein Antrieb. Auch die Öffentlichkeit wollte ich kaum je wirklich provozieren. Eine Ausnahme war unsere Aktion „Kunst und Revolution“ an der Wiener Uni 1968. Da waren wir alle absolut wütend, Seite an Seite mit den Linksstudenten, die sich später von uns distanzierten. Damals stand die Absicht zu schockieren wirklich im Vordergrund. Ästhetische Werte waren da nicht gefragt.
profil: Woher kam die aufgestaute Wut der Uni-Aktion?
Brus: Wenn man immerfort nur mit negativen Reaktionen leben muss und dauernd Polizei um sich hat, wenn einem ständig Haftstrafen drohen, ist es kein Wunder, wenn man irgendwann durchdreht. Am Tag nach der Aktion hab ich Oswald Wiener im Café Savoy getroffen; wir waren maßlos enttäuscht, dass über uns nichts in den Zeitungen stand. Wofür hatten wir das alles, vor immerhin 400 Menschen, überhaupt getan? Unser Versuch, für Aufruhr zu sorgen, zeigte erst am nächsten Tag Wirkung – dann aber faustdick. Mit dieser Hysterie hatten wir nicht gerechnet.
profil: Man nannte die Aktion „Uni-Ferkelei“.
Brus: Und mich „den meistgehassten Österreicher“.
profil: Sie wurden wegen „Herabwürdigung österreichischer Staatssymbole“ zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Wie viel Zeit haben Sie im Gefängnis verbracht?
Brus: Zwei Monate. Nach Einspruch meines Rechtsanwalts bin ich freigekommen und habe Wien wenig später bei Nacht und Nebel illegal verlassen. Ich bin mit meiner Frau und meiner Tochter, mit Hilfe Gerhard Rühms, nach Berlin geflüchtet, weil in dem Hochhaus, in dem ich lebte, eine Unterschriftenliste kursierte, die bereits 200 Menschen unterzeichnet hatten. Denen ging es darum, unsere Tochter vom Sozialamt abholen zu lassen. Da hab ich die Nerven verloren; ich wollte diese Torturen einfach nicht mehr ertragen.
profil: War „Kunst und Revolution“ so etwas wie die nachgelieferte Urszene des Wiener Aktionismus?
Brus: Für mich war das fast schon das Ende des Aktionismus. Aber damals war eine weltweite Bewegung in Gang geraten, die auch negative Seiten hatte, etwa die Mao-Tse-tung- und Fidel-Castro-Schreierei. Daran hab ich mich nie beteiligt. Aber Themen wie die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit und die Kindererziehung lagen uns schon am Herzen. In Sachen Sexualmoral haben nicht zuletzt die Wiener Aktionisten einiges an Pionierarbeit geleistet.
profil: Mit der Selbstbemalung haben Sie die Farbe von der Leinwand auf den Körper übertragen.
Brus: Ja, der Körper wurde zur Leinwand. Und dann wurde der Körper zum Strich, später zur Schnittwunde. In der Selbstverletzung hab ich meine Grenzen gefunden.
profil: Ihre letzte Aktion, „Zerreißprobe“, fand im Juni 1970 statt. Sie haben damals gesagt, dass Sie, wenn Sie den Aktionismus konsequent weiterdächten, ganz logisch zum Suizid kämen.
Brus: Ja, aber da ich meinen Freitod nie angestrebt habe, blieb es immer gerade noch im Symbolischen – auch wenn’s grauenhaft ausgesehen hat. Übrigens hab ich meine Verletzungen, fast wie ein Schamane, nie gespürt. Da entwickelt man Gegenkräfte. Heute könnte ich’s aber nicht mehr machen. Ich hab die Arbeit an meinem Körper, nachdem ich es geschafft hatte, einen Magenkrebs zu entwickeln, den Chirurgen übergeben.
profil: Die Selbstverletzungsarbeit, die vor allem Sie und Schwarzkogler forciert haben, hat die Fantasie offenbar stark angeregt. Bis heute hält sich etwa das Gerücht, Schwarzkogler habe sich zuletzt kastriert.
Brus: Eine bekannte US-Journalistin hat dies im Magazin „Time“ behauptet. Absurd, Schwarzkogler hätte das nie getan, der hätte viel zu viel Angst davor gehabt.
profil: Sie sind auch Autor und experimentieren – nicht zuletzt in Ihren Bildern – seit jeher mit der Sprache. Ihre Aktionen haben Sie dennoch ganz frei davon gehalten.
Brus: Ganz bewusst. Ich wollte da nonverbal arbeiten. Puristisch. Anders als Schwarzkogler, Nitsch und Mühl hab ich ja auch kaum Theorien verfasst. Das war mir fremd. Nur 1965 habe ich geschrieben: „Mein Körper ist die Absicht, mein Körper ist das Ereignis, mein Körper ist das Ergebnis.“
profil: Wie war denn Ihr Verhältnis zum eigenen Körper: narzisstisch oder eher konfrontativ?
Brus: Das ist für mich schwer zu klären. Dazu braucht es einen Psychologen. Ich kann nur sagen: Es gab einen gewissen Zwang, Embryopositionen zu suchen, immer mehr nach innen zu gehen. Ich wollte aus mir eine Skulptur machen, mich freischälen von allem Körperlichen. Glücklicherweise hab ich das nur angedeutet. Natürlich kann man darin etwas Quasireligiöses sehen, aber tatsächlich ging es mir nie um Reinigung durch Selbstkasteiung.
profil: Haben Sie sich in Ihren Aktionen nicht auch zum Schmerzensmann, zur Leidensfigur stilisiert?
Brus: Da beziehe ich mich auf Egon Schiele, dessen Selbstporträts vorweggenommene Entwürfe für die Körperkunst sind. Schieles Verrenkungen hab ich an mir selbst erprobt. An höhere Mächte dachte ich aber nie.
profil: Hatten Sie auch in Ihrem Privatleben selbstzerstörerische Impulse? Man erzählt, Sie hätten Ihren Kopf mitunter einfach gegen Plakatwände geschlagen.
Brus: Das ist vermutlich eine Erbkrankheit. In meiner Familie gab es enorm viele Selbstmörder und Selbstzerstörer.
profil: Heute gehen Sie sanfter mit sich um?
Brus: Nein, ich bin als Trinker und Raucher weiterhin sehr gefährdet – und muss stark betreut werden von meiner Frau und diversen Psychiatern, die mir Tabletten verordnen. Oft bekomme ich vor dem Zeichnen Übelkeitsanfälle. Aber ich arbeite hart gegen die Depression.
profil: Sie haben in jungen Jahren oft an sich selbst und Ihrer Kunst gezweifelt. Ist das heute anders?
Brus: Ich bin bekannt für übertriebene, fast krankhafte Selbstkritik. Was den Vorteil hat, dass man stets Maximales leistet. Jemand hat einmal gemeint, ich hätte ein kleines Ich. Er hat nicht ganz Unrecht.
profil: Sie standen auch dem Aktionismus als Bewegung stets ironisch, bisweilen fast missbilligend gegenüber.
Brus: Das hat sich eher auf die Machenschaften vieler Kollegen bezogen, die Otto Mühl völlig unangemessen verherrlichten. Ich weiß leider zu viel von ihm und seiner Kommune, um das verstehen zu können.
profil: Der Filmemacher Kurt Kren hat Sie 1964 nach einer langen Schaffenskrise zurück zur Aktionskunst gebracht.
Brus: Kren war für mich enorm wichtig. Zumal ich als lebender Selbstzerstörer galt. Ich rauchte und trank intensiv, wollte aufhören mit der Kunst. Er aber war so begeistert von meiner Idee zur Aktion „Ana“, dass er mich zu ihrer Realisierung fast genötigt hat, um dazu seinen Film zu machen. Es kam dann zwar zu massiven Defekten bei der Aktion, Mühl nannte sie „einen Rückfall in die Steinzeit“, und zwei Fotografen haben sich im Kampf ums beste Bild zerstritten. Es war zwar nicht angenehm, aber das Ergebnis war eigentlich gelungen.
profil: Warum wollte Kren nie mit Nitsch oder Schwarzkogler arbeiten?
Brus: Das ist mir ein Rätsel. Kren hatte wohl eine gewisse Aversion gegen Nitsch. Bei Schwarzkogler lag es wohl eher an diesem als an Kren. Schwarzkogler war ein komplizierter Mensch und hatte seltsame eigene Filmideen, war aber dauernd beim Trabrennen wetten – und war jedes Mal wieder erschüttert, dass sein todsicheres System nicht aufgegangen war. Schwarzkogler wollte immer nur zu Geld kommen, um einen richtig großen Film zu drehen, gleich fürs Kino.
profil: Die Kunst wird von der Politik inzwischen stark vereinnahmt. Kaum ein Staatsmann verzichtet heute mehr auf sein modernes Kunstwerk über dem Schreibtisch.
Brus: Auf mich trifft das nicht zu. Ich hab noch keinen Politiker oder Manager vor einer Brus-Arbeit sitzen gesehen. Da gehören andere dazu, deren „Seitenblicke“-Leben dazu führt, dass sich Politiker mit ihren Werken schmücken.
profil: Finden Sie es lästig, immer nur als Aktionskünstler gesehen zu werden?
Brus: Schon. Es gibt ja mittlerweile viele Künstler, etwa Raymond Pettibon oder Mike Kelley, die viel eher von meinen späteren Bilddichtungen beeinflusst sind.
profil: Andererseits wird die aktionistische Tradition weitergetragen: von der Punk-Bewegung der siebziger Jahre bis hin zu Christoph Schlingensief und Elke Krystufek.
Brus: In der Theaterwelt wird Nitschs Blut ebenso ausgeschrottet wie die von mir einst zelebrierte Bewegung und das kathartische Erstarren. Das wird auf den Bühnen sehr verbraten. Aber das ehrt einen ja auch.
profil: Wie sehr bekämpften die Wiener Aktionisten einander?
Brus: Es gab Rivalitäten. Der Leidtragende war aber immer ich, denn ich musste ständig vermitteln. War ich längere Zeit bei Mühl, war Nitsch sauer; war ich bei Schwarzkogler, war Mühl sauer. Von den beiden Kampfhähnen Mühl und Nitsch war bekannt, dass sie stets in Konkurrenz zueinander standen.
profil: Frauen spielten im Aktionismus eine bloß dekorative Rolle. War die Bewegung chauvinistisch?
Brus: Das ist lächerlich, nein. Es gab damals keine Frauen, die je Aktionen veranstalten wollten. Valie Export hat erst in den siebziger Jahren wirklich begonnen. Wir haben sie jedenfalls nicht rausgedrängt. Als ich sie zur Uni-Aktion einlud, sagte sie nur, dass ihr dazu nichts einfiele. Aber sie wäre eh nicht aufgenommen worden, da die anderen Beteiligten sich schon bei Erwähnung ihres Namens quergelegt haben.
profil: Beweist das nicht gerade die Frauenfeindlichkeit der Gruppe?
Brus: Nein, sie wollte ja gar nicht. Dasselbe spielte sich übrigens mit Adolf Frohner ab, der oft als der verdrängte Aktionist gilt. Unlängst hatte ich eine Anfrage aus Hamburg, ob ich Material zu den Aktionen Frohners hätte, man plane ein Buch. Es gibt aber kein Material dazu, da Frohner an genau einer halben Aktion teilgenommen hat. Erst vor wenigen Jahren hat er selbst zugegeben, dass er zu feig gewesen sei, sich so zu zelebrieren.
profil: Wie haben Sie selbst sich denn überwunden? Sie waren ja auch eher scheu.
Brus: Das war ein schwieriger Prozess. Die Prüderie der Zeit war ja enorm. Unsere Arbeit kostete wahnsinnige Überwindung. Aber es wurde mit der Zeit doch selbstverständlich. Das Material, meinen eigenen Körper, hab ich schließlich total beherrscht.
profil: Brauchten Sie dazu Hilfsmittel? Alkohol? Drogen?
Brus: Nein. Nichts. Ich hatte ja für jede Aktion eine komplizierte Partitur erstellt; sich daran zu halten war schwierig genug. Die meisten dieser handschriftlichen Ablaufpläne sind verloren gegangen, weil wir sie nach den Aktionen einfach liegen ließen. Wir legten keinen Wert darauf, dachten nicht historisch. Wir hatten nur inneres Vertrauen. Sonst wären wir wahnsinnig geworden, bei der Armut, in der wir lebten.

Interview: Horst Christoph, Stefan Grissemann