Kinderheim Wilhelminenberg: Zu spätes Entsetzen

Kinderheim Wilhelminenberg: Zu spätes Entsetzen

Prügel, Sadismus, sexueller Missbrauch: Die Zustände im Wiener Kinderheim Wilhelminenberg waren der Wiener SPÖ und dem ÖGB bekannt.

Nach eineinhalb Jahren akribischer Aktensuche und 170 Interviews mit ehemaligen Heimzöglingen, Erziehern, Psychologen, Anrainern und Polizisten bestätigt die Untersuchungskommission Wilhelminenberg den schlimmsten Verdacht: In dem ehemaligen Kinderheim der Stadt Wien herrschte über drei Jahrzehnte lang körperliche Gewalt, Demütigung und sexueller Missbrauch.

Der Bericht beschreibt aber auch einen gesellschaftlichen Skandal. Das Unrecht war nicht fernab hinter Klostermauern geschehen, sondern unter den Augen von Personalvertretern, Jugendamtsleitern, Stadträten, Erziehern und Reformpädagogen und Anrainern. Schon in den 1950er-Jahren mussten sich Erzieher vom Wilhelminenberg wegen Schändung von Buben vor dem Richter verantworten. In den 1960er-Jahren war allgemein bekannt, dass Männer in den Parkanlagen um das Heim herumstrichen, und dass man hier zu "Mädchen kommen“ könne. Spätestens Anfang der 1970er-Jahre wurden die Zustände, die nach der Wiener Heimordnung 1956 eigentlich verboten waren, über ORF-Filme, Berichte in profil und Tageszeitungen einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Ehemalige Heimkinder und couragierte Erzieherinnen hatten sich an Journalisten gewandt und erzählt, wie es am Wilhelminenberg und in anderen städtischen Heimen zugehe: Schläge mit dem Ochsenziemer, Kniebeugen um Mitternacht, Kellerhaft, Demütigung durch Blöße, Korrektionszellen. Man werde gezwungen, alles aufzuessen, auch das Erbrochene. Bettnässer würden verhöhnt und müssten Strafe stehen mit dem beschmutzen Laken über dem Kopf. Kollektivstrafen seien üblich, um den Zusammenhalt der Kinder zu brechen. Und ein System von Kapos terrorisiere die Schwachen. All das und noch mehr - auch Berichte von sexueller Gewalt - finden sich jetzt in den Protokollen der Wilhelminenberg-Kommission wieder.

Nach Aussagen ehemaliger Zöglinge seien selbst in der antiautoritären Versuchsgruppe, die 1971 am Wilhelminenberg eingerichtet wurde, schlimme Dinge passiert. Die Heimleitung und die meisten Erzieher waren gegen das Experiment, die Reformpädagogen isoliert und den heimerfahrenen Kindern hilflos ausgeliefert, der Umgang mit Sexualität auch bei ihnen problematisch. Erzieher und Kinder gingen etwa gemeinsam zum Nacktbaden in die Lobau. "Auf sexuelle Gewalt und Missbrauch waren wir absolut nicht geschärft. Fast im Gegenteil. Alles, was als verklemmt und zu abgrenzend beschrieben wurde, war eher etwas für die anderen“, gab eine ehemalige Reformpädagogin gegenüber der Untersuchungskommission zu Protokoll.

„Verwahrloste“ oder „asoziale“ Familien
Bei den ehemaligen Zöglingen wiegt die Scham über das Geschehene immer noch schwer. Sie sprechen nicht leicht von Vergewaltigung und erzwungenen sexuellen Handlungen durch männliche Erzieher und Hausarbeiter, von Erzieherinnen, die sie fremden Männern vorführten, von Situationen, in denen sie, um ein neues Stück Kleidung zu bekommen, sich betatschen oder beim Duschen ansehen lassen mussten. Sie waren zweifach Opfer. Man hatte ihnen eingebläut, sie seien selbst schuld. Es herrschte der Ungeist aus der NS-Zeit, der Mädchen aus "verwahrlosten“ oder "asozialen“ Familien, wie es im Amtsjargon hieß, ebensolche Erbanlagen zusprach, sie als "sittlich verdorben“ charakterisierte und ihnen eine natürliche Neigung zur Prostitution unterstellte. Dazu kam, dass Mädchen, die aus dem Heim ausrissen, des öfteren dubiosen Helfern in die Hände fielen. Es hatte sich herumgesprochen, dass man am Wilhelminenberg leicht Zugang zu jungen Mädchen bekommen konnte.

Die Heimleitung und das Jugendamt nahmen das hin. Ehemalige Erzieherinnen gaben jetzt an, sie hätten selbst Angst vor diesen Männern gehabt, sie hätten sich in ihren Zimmern eingesperrt, sich nicht getraut, abends allein die Duschräume im Keller oder die abgelegene Krankenstation aufzusuchen.

Mehrmals wurde Polizei mit Blaulicht auf den Wilhelminenberg geschickt, um die Besucher zu vertreiben. Einmal wurde einer dieser Männer gestellt. Man habe ihm gesagt, hier könne man Mädchen haben, rechtfertigte er sich. Ein Vergewaltigungsversuch im Heim wurde aktenkundig, weil der Mann gefasst wurde. Die Erzieherin gab dem kleinen Mädchen, das im Schlafsaal überfallen und gewürgt worden war, den Rat, sie solle das nächste Mal mit ihren Holzpantoffeln zuschlagen. Auch im Jugendamt und bei der Gewerkschaft herrschte die Einstellung vor, die Mädchen würden eben Burschen anlocken, da könne man nichts machen, und die kleineren Kinder würden von den Männern ohnehin in Ruhe gelassen.

Der Leiter des Jugendamts, Walter Prohaska, meinte noch 1973 in einer Heimkommissionssitzung, die Probleme am Wilhelminenberg seien "der Art der Mädchen, die dort untergebracht sind“, geschuldet.

Jeder war ein kleines Rädchen in diesem Unrechtsregime: Die überforderte Heimleiterin, die, ohne jemals dafür ausgebildet worden zu sein, 1962 mit Hilfe der Gewerkschaft den Führungsposten am Wilhelminenberg bekommen hatte. Erzieherinnen, die das Erziehungslagerdenken der NS-Zeit verinnerlicht hatten und sich barbarische Gemeinheiten einfielen ließen. (Ehemalige Zöglinge berichteten gegenüber der Kommission, dass sie zur Strafe mit Zahnbürsten die Fliesen putzen mussten.) Junge Erzieherinnen, die zu unsicher waren, um sich durchzusetzen. Aufstrebende Psychiater, die ihre Karriere nicht gefährden wollten. Reformpädagogen, die mit ihren Ansprüchen scheiterten.

Auch personelle Kontinuitäten aus der NS-Zeit spielten eine Rolle.

In der Direktion am Wilhelminenberg war ab 1971 ein Verwaltungsoberkommissär mit SS-Vergangenheit beschäftigt. Er hatte im Zweiten Weltkrieg einer SS-Einheit angehört, die unter anderem im KZ-Buchenwald eingesetzt war. Ein paar Jahre zuvor war der Mann wegen Zöglingsmisshandlung verurteilt worden. Am Wilhelminenberg erreichte er seine Pragmatisierung.

Auch andere Ex-Nazis machten in der Jugendwohlfahrt Karriere. Der ehemalige Leiter der Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund“, Hans Krenek, von dessen Abteilung Kinder zur Tötung auf die Euthanasiestation überstellt wurden, veröffentlichte schon 1946 einen Erziehungsratgeber (eine Warnung vor "Arbeitsunlust und sexuellen Verwirrungen“) und heuerte beim Bund Sozialistischer Akademiker und der SPÖ an. Von der Ermordung der Kinder habe er nichts gewusst, sagte Krenek als Zeuge im "Spiegelgrund“-Prozess. Im April 1954 wurde er mit der Leitung der Referats der Wiener Jugendfürsorgeanstalten, also mit dem Wiener Heimwesen betraut, 1966 mit dem "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“ ausgezeichnet.

Ein Großteil des Personals am Wilhelminenberg hatte - die Regelung galt bis 1962 - nur einen Sechswochenkurs absolviert. Durch dieselben Kurse (plus Schießen) wurden übrigens auch zukünftige Gefängniswärter geschleust. Aus einer Befragung von Heimerziehern Mitte der 1970er-Jahre ging hervor, dass viele Erzieher zuvor in ihren angelernten Berufen gescheitert waren und sich in die Sicherheit einer beamteten Anstellung geflüchtet hatten. Fast alle waren gewerkschaftlich organisiert. Beschwerdefälle über Misshandlungen gingen an die zuständigen SPÖ-Stadträte. Die Gewerkschaft stellte sich jedoch immer schützend vor ihre Erzieher und Mitglieder.

Dass die letzten Inseln des Totalitarismus bei den Schwächsten überlebten, war so perfide wie logisch. Im vergangenen Jahr wurden Anzeigen gegen ehemalige Erzieher vom Wilhelminenberg wegen Verjährung zurückgelegt. Jetzt wird neu geprüft.