Nächstenhiebe

Ein Pater, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde, durfte weiter als Lehrer und Erzieher arbeiten. ­Eines seiner Opfer will nun, dass das Kloster sich dafür vor Gericht verantwortet.

Nach 25 Jahren forderte Carl Plötzeneder eine Antwort des Zisterzienser-Paters, der ihn missbraucht hatte. Der Mann war sein Biologielehrer, unberechenbar und gewalttätig. „Man sollte euch den Arsch aufreißen, Dynamitstange rein, zunähen und zünden!“, brüllte er oft. Doch für den jungen Carl war er auch eine Vaterfigur, und „so komisch das klingt, irgendwie habe ich ihn gemocht“.

Vielleicht fiel es ihm deshalb so schwer, die richtigen Worte für das zu finden, was Pater J. ihm, dem damals 13-Jährigen, auf einem Skikurs angetan hatte, als er sich an ihn drückte und sich an ihm zu befriedigen suchte. In dem E-Mail nannte er es einen „großen Verrat“: „Als Kind braucht man Menschen, denen man vertrauen kann.“ Pater J. hat nie zurückgeschrieben.

Nun ist der Ordensmann abgetaucht und sein Kloster wegen verjährter Missbrauchsvorwürfe unter Druck. Abt Anselm van der Linde sagt, er habe den Pater kirchenrechtlich suspendiert, er lebe nicht mehr im Kloster.

Vor zwei Wochen klagte ein anderer Ex-Zögling auf Schmerzengeld und Verdienstentgang. Es ist die erste Klage gegen einen Orden in Österreich. Der heute 58-jährige Mann, der seine Identität mit dem Pseudonym Christian C. schützt, will, dass das Stift für das geradesteht, was ihm als Bub dort widerfahren war. Laut Klagsschrift vom 19. Jänner 2012 habe Pater J. ihn zwischen 1968 und 1972 „unzählige Male“ vergewaltigt.
Das Collegium Bernardi in Bregenz-Mehrerau, ein Privatgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht, galt als strenge Ausbildungsstätte für Buben. Namhafte Familien und Unternehmer aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein schickten ihre Sprösslinge ins Eliteinternat am Bodensee. Was sie nicht wussten: Pater J., der hier Biologie und Chemie unterrichtete, hatte sich 1967 an einem 13-Jährigen vergangen und war dafür verurteilt worden. Trotzdem durfte er – ohne Auflagen – in der Mehrerau als Jugendbetreuer und Lehrer arbeiten.

Es dauerte vierzig Jahre, bis dem ehemaligen Schüler Christian C. dämmerte, welche Folgen das für ihn hatte: „Ich habe die Erlebnisse so tief in mir vergraben, dass ich sie selbst nicht mehr gefunden habe.“ Als 2010 Missbrauchsvorwürfe gegen Pater J. öffentlich wurden – unter anderem durch Carl Plötzeneder –, bekam der Panzer, den C. sich zugelegt hatte, Risse: „Ich bin seit zwei Jahren dabei, meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Es ist immer noch alles am Bröckeln.“

Er habe sich unter anderem als Schlosser, Tischler und Lawinenverbauer verdingt, sei zweimal verheiratet gewesen und jetzt geschieden, habe mit seiner Familie gebrochen und wie ein Vagabund gelebt, sagt C., „aber ich habe all die Jahrzehnte nicht gemerkt, wenn ich mich tot stellte, so wie damals mit 14, bei der ersten Vergewaltigung. Meine Beziehungen sind alle zum Teufel gegangen. Jetzt stehe ich wie vor vierzig Jahren ungelebten Lebens.“ 2010 vertraute C. sich dem Altabt von Wettingen-Mehrerau an und verlangte Wiedergutmachung.

Kassian Lauterer verwies ihn an seinen Nachfolger. „Dann hat man mich ein Jahr lang hingehalten“, sagt C. Im April 2011 steckte der Ex-Zögling bei einer Messe in der Mehrerau dem Prior einen Brief zu. Er war an Anselm van der Linde, den neuen Abt, adressiert. Dieser drängte C., sich bei der Klasnic-Kommission zu melden.

Das Opfer aber pocht auf ein Gerichtsverfahren. Dazu kommt es nur, wenn das Kloster auf Verjährung verzichtet – und danach schaut es nicht aus. Pfarrer Helmut Schüller, ehemals Leiter der Missbrauchs-Ombudsstelle der Erzdiözese Wien, forderte die Kirche auf, sich einem Prozess zu stellen: „Ich habe selbst erlebt, wie lange es dauert, bis Opfer über Missbrauch sprechen können.“ Im profil-Gespräch wich Abt Anselm aus: Er habe C. „intensiv und eindringlich“ empfohlen, sich an die Opferschutzkommission zu wenden.

Strafrechtlich ist ein Delikt verjährt oder nicht. Der Weg zum Zivilgericht hingegen steht immer offen. Das macht die Causa so delikat, sagt Sepp Rothwangl, Sprecher der Plattform Betroffene von Missbrauch in der Kirche: „Gesetzlich darf die Kirche sogar noch kurz vor der Urteilsverkündung die Verjährung einwenden. Doch es wäre anständig, vorher zu sagen, wie man es damit halten will. Den Opfern auszurichten, sie können zu Gericht gehen, und sie dann ins Messer rennen zu lassen ist zynisch.“

Offenbar fürchtet sich die Kirche davor, die Frage, ob der Orden für das Fehlverhalten ihrer Patres verantwortlich ist, vor einem weltlichen Gericht auszufechten. Pater J. hatte – trotz einschlägiger Verurteilung – nicht nur unterrichtet und als Freizeitbetreuer gearbeitet, er wurde 1981 sogar zum Regens befördert. Kurz darauf war er wie vom Erdboden verschluckt. In den Osterferien 1982 schrieb der Orden an die Eltern, Pater J. sei „aus gesundheitlichen Gründen“ nicht mehr in der Mehrerau.
Was man damals – aus Rücksicht auf den Ruf der Schule – verschwieg: J. war mit einem Schüler in ein unbewohntes Bauernhaus gefahren. 2004, als die Polizei den Ordensmann zu diversen Missbrauchsvorwürfen befragte, gestand er, was in dem Anwesen passierte: Er habe den Jugendlichen dort ausgezogen und zum Analverkehr gezwungen. „Der Bube war vom Charakter her ein schwächlicher Typ, und das habe ich ausgenützt (…)“, gab Pater J. zu Protokoll. Und er räumte ein, er habe gehofft, sein Opfer werde niemandem etwas davon erzählen. Doch der Bub vertraute sich seinen Eltern an.

Laut Abt Anselm hätten die Eltern bloß Konsequenzen gefordert und dafür auf eine Anzeige verzichtet. Pater J. wurde ins Kloster nach Stams versetzt. Dort soll er eine Psychotherapie gemacht und seine Neigung nach eigenem Bekunden „vollends geheilt“ haben. Wer das überprüfte, ist unbekannt. „Ich muss zugeben, wir wissen nicht einmal, ob eine Beurteilung eingeholt wurde“, sagt Abt Anselm im profil-Interview. Im Herbst 1982 hielt es der Orden für vertretbar, Pater J. wieder auf Kinder und Jugendliche loszulassen.

Bis 2010 war er Pfarrer in Sautens, einer Gemeinde im Ötztal, die von seiner Vorgeschichte nichts ahnte. Bürgermeister Fredi Köll sagt, Pater J. habe den Ort inzwischen verlassen, er sei ein guter Pfarrer gewesen, mehr gäbe es nicht zu sagen: „Gott sei Dank ist bei uns nie etwas passiert.“ Ob das mehr ist als ein frommer Wunsch, lässt sich schwer sagen, weil Opfer manchmal Jahrzehnte brauchen, um ihr Schweigen zu brechen. Laut Auskunft des Landespolizeikommandos Vorarlberg sind bis dato keine Vorwürfe aus J.s Ära als Pfarrer in Sautens bekannt.
2004 erzählten Ex-Zöglinge aus der Mehrerau der Polizei in Feldkirch von sexuellen Übergriffen. Die Ermittler nahmen den Beschuldigten ins Kreuzverhör. Pater J. gestand, sich zwischen 1970 und 1982 an „fünf bis zehn Schülern“ vergangen zu haben, an einem bis zu zwanzigmal. Trotzdem wurde der Akt 2009 geschlossen. Die Vorwürfe reichten zu weit zurück. Als ­Anselm von der Linde 2009 mit großem Pomp zum Abt von Wettingen-Mehrerau geweiht wurde, saß Pater J. in vollem Ornat keine zwei Meter von ihm entfernt.

Im März 2010 versprach der neue Abt „kompromisslose Aufklärung“. Kurz darauf betraute er einen Experten für Krisenkommunikation. Dieser richtete vergangene Woche aus, weder Altabt Kassian noch Pater J. nähmen zu den Vorwürfen Stellung. Der amtierende Abt weilte im Ausland. Er kommunizierte mit profil per E-Mail.

Carl Plötzeneder brauchte dreißig Jahre, um öffentlich über den sexuellen Missbrauch zu reden: „Ich wusste, dass die Vorwürfe verjährt waren. Wenigstens konnte ich den Opfern eine Stimme und ein Gesicht geben.“ Wenn er heute zurückdenkt, dann waren die sexuellen Übergriffe nur ein Teil des Schreckens. Da gab es noch Heimweh, Einsamkeit, ständige Angst, das Wissen, dass einem niemand half: „Ich denke oft an die Buben, die in der Nacht, wenn das Licht gelöscht war, wie die kleinen Kinder geweint haben. Auch in der vierten Klasse noch.“

Am öftesten aber denkt er an F. Er war schmächtig, trug eine Brille und hatte ein Faible für klassische Musik. In der Hackordnung war er der Letzte. Plötzeneder erinnert sich nicht, dass jemand F. etwas „richtig Schlimmes“ angetan hätte. Es habe ihn nur „wirklich jeder immer und überall“ sekkiert, geboxt, auf ihn hingetreten. Als sie in der vierten Klasse waren, zerbrach F. vor seinen Augen. Der Bub hatte ein paar Schläge von Schülern eingesteckt, eine Ohrfeige von Pater J. Es war nicht schlimmer als sonst. Als ihm Carl die Hand auf die Schulter legte: „Na, F., wie geht’s?“, legte der Bub seinen Kopf auf das Pult und schlug wie verrückt mit dem Deckel so lange gegen seine Stirn, bis sie blutete. Dann rannte er gegen den Kleiderständer und ging zu Boden. Dort lag er, zitternd, mit einem Weinkrampf. Ein Erzieher trug ihn hinaus. „Ich habe ihn nie mehr gesehen“, sagt Carl Plötzeneder.

In der Mehrerau gab es bald einen neuen Letzten in der Hackordnung.