<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Nobili Italiani

Wiener Restaurant-Urgesteine (III): die Italo-Jahrgänge 1989 und 1995.

Wien und seine Nobelitaliener, eine wechselhafte Geschichte. Noch vor ein paar Jahren gab es, wenn ein kurzer Exkurs in die Mengenlehre gestattet ist, die überaus imposante Schnittmenge 5 dieser mehr oder weniger dem Begriff entsprechenden Eta­blissements. Das „Novelli“, dessen Töpfe und Pfannen in der Küche nur von einem einzigen italienischen Küchenchef, nämlich Fabio Giacobello, berührt wurden, war zwar in Wahrheit nie ein Italiener, aber dafür umso nobler, bis es schließlich in den Edikten aufschien und verblich; gegen den Ruf, ein Nobelitaliener zu sein, hatte auch das „fabios“ keine Chance, aber dank des gastgeberischen Talents eben jenes Signor Giacobello hat das Haus den Sprung ins 21. Jahrhundert tadellos geschafft. Und dann war da noch die „Grotta azzurra“, ein beliebter Hangout für Minister aller Couleurs: Heute beherbergt das Haus ein Restaurant namens „Amarantis“, von einem Italiener geführt und einem österreichischen Talent bekocht. Nobel? Italienisch? Na ja, ein bisserl mediterran.

Ziehen wir also „Novelli“ und „fabios“ mangels Authentizität ab, subtrahieren notgedrungen die „Grotta azzurra“, bleiben zwei Ristoranti über. Urgesteine sind sie allemal, und darüber hinaus verkörpern sie auch recht hübsch die Typologie des Gastro-Genres.

1995 wurde in Wien die „Cantinetta Antinori“ gegründet, der gräfliche toskanische Typus nach dem Muster „Enoteca Pinchiorri“ in Florenz. Sie passte in die Zeit; hier hätte damals auch der ­Gründungsparteitag der Toskana-Fraktion stattfinden können. Und keine Frage, das Haus hat bis heute, auch was den Zuspruch betrifft, überlebt. An einem Jännerabend zu Wochenbeginn nahezu ausgebucht zu sein – da kann man ganz gut schlafen. Ich sehe wohlsituierte Touristen, ich sehe Nadelstreif und Pelzmantel. Und ich sehe auf der Speisekarte, dass hier erstens kein Interesse besteht, an den Pseudoklassikern der italienischen Küche auch nur ein Quäntchen zu ändern, und andererseits auch dafür gesorgt wird, dass Geld- und Geschlechtsadel weitgehend unter sich bleiben können. Vitello tonnato: 16,50 Euro; Carpaccio: 18,50 Euro; Ciuppin, eine Fischsuppe: 27,50 Euro; und gegrillte Calamari: 24 Euro. Besser als anderswo ist das alles nicht, aber dafür so, wie es – das sagt man derzeit – immer schon war. Auch in den Anfangsjahren. Was die Italianità betrifft, gebe ich hier eine kurze Anekdote zum Besten. Es muss 1997 gewesen sein, als ich das Vergnügen hatte, mit dem italienischen Starkoch Antonio Carluccio in der „Cantinetta“ zu lunchen. Große Oper: Antipasti, Primi, Secondi, Dolci. Jemand in der Runde hat ihn danach gefragt, wie es denn für ihn war. Er hat gesagt: „Habt ihr auch echte Italiener in der Stadt?“

Ich weiß nicht, ob er sich im „Ristorante San Carlo“ wohler gefühlt hätte, das 1989 vom gebürtigen Neapolitaner Giuseppe „Peppino“ Cirillo gegründet wurde und seither als eine Art Corte di March­feldo der Innenstadt durch die Klatschspalten geistert: Typ 2 also, eher die Trattoria für Adabeis. Das wird auch an den Wänden gleich ersichtlich, wo man den Gründersohn Marco Cirillo – nein, sorry: KR Marco Cirillo – beim intensiven Photobombing der unzähligen Promi-Bilder erblickt. Schwerpunkt: Fußball und Oper.

Auch hier: vom Stiefel nichts Neues. Das Vitello tonnato hat allerdings weit mehr Italo-Appeal (richtig, man muss das Vitello unter der Thunfischsauce ziehen lassen und nicht die Sauce als Gupf vor dem Servieren draufklatschen), und die Saltimbocca alla romana ist so, dass ich mich auch in Italien nicht beschweren würde: dünne zarte Kalbsschnitzel, feiner Prosciutto, frischer Salbei (keine Selbstverständlichkeit, wie ich anderswo schon erleben durfte). Bloß vor dem Risotto möchte ich eindringlich warnen: Der hat mit der aus der Po-Ebene stammenden Kunst des Reisrührens absolut nichts zu tun, ich würde ihn Letschoreis mit konservierten Meeresfrüchten und Zuchtlachs nennen. Aber, mano sul cuore, ging es denn im legendären Münchner „Rossini“ ums Essen?

Cantinetta Antinori
Jasomirgottstraße 3–5, 1010 Wien
Tel.: 01/533 77 22
www..cantinetta-antinori.com
Hauptgerichte: 24 bis 29,50 Euro

Ristorante San Carlo
Mahlerstraße 3A, 1010 Wien
Tel.: 01/513 89 84
www.san-carlo.at
So. geschlossen
Hauptgerichte: 18 bis 23,90 Euro

klaus.kamolz@profil.at