Klimawandel: Die Macht der guten Menschen

Kommenden Samstag steigt mit „Live Earth“ das größte Benefizkonzert aller Zeiten. Das Event zur Rettung des Klimas steht unter der Patronage von Superstars um Al Gore. Aber: Bewirkt deren Engagement überhaupt etwas?

Der Mann hat eine unglaubliche Wandlung hinter sich: Lange Zeit war Al Gore als hölzerner und farbloser Politiker verschrien, der nichts vom amerikanischen Showbusiness versteht. Als er bei den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 haarscharf an einem Sieg vorbeischrammte, zog er sich verbittert aus der Politik zurück, ließ sich einen Vollbart wachsen und ging in die Privatwirtschaft.

Jetzt ist er wieder da: als strahlende Kultfigur einer globalen Umweltbewegung, die sich die Rettung von Mutter Natur auf die Fahnen schreibt. Für seine Öko-Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ („An Inconvenient Truth“) heimste der „Global Warner“ den Oscar ein, bei der Dankesrede schien der Demokrat bereits seine Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahlen 2007 anzukündigen. „Hiermit gebe ich bekannt …“, der Rest ging in Musik unter. Gore kann sich solche Witze leisten, Hollywood trägt ihn derzeit auf Händen. Der Höhepunkt seiner Einmannshow steht jetzt bevor: Für Samstag, den 7. Juli 2007, hat der 59-Jährige das größte Benefizkonzert aller Zeiten auf die Beine gestellt.

Vor zwei Milliarden TV-Zusehern werden in sieben Weltstädten auf sieben Kontinenten gleichzeitig sieben Konzerte über die Bühne gehen. Mehr als 150 internationale Popstars werden für Gores „Live Earth“ insgesamt 24 Stunden lang aufspielen, Madonna hat den Song „Hey You“ für das Event geschrieben und zum freien Download zur Verfügung gestellt. Jeder Künstler, der etwas auf sich hält, will dabei sein, um der Welt zu sagen, dass der Kampf gegen die globale Erderwärmung jetzt beginnen muss. Sämtliche Einnahmen kommen dem von Gore mitgegründeten Dachverband international tätiger Umweltorganisationen SOS („Save Our Selves“) zugute.

Mit dem Milliardenspektakel knüpft Gore an eine Tradition an, die sich in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit erfreut: Prominente organisieren Events und führen die Einnahmen Menschenrechts- oder Umweltorganisationen zu.

Charitainment, die Kombination aus Wohltätigkeit und Entertainment, gibt es freilich schon lange. Bereits 1971 spielte der Ex-Beatle George Harrison zugunsten von Kriegsflüchtlingen in Bangladesch. Als Gründervater des Wir-retten-die-Welt-Sounds gilt jedoch Sir Bob Geldof, ehemaliger Sänger der New-Wave-Gruppe Boomtown Rats und Organisator des ersten weltweiten Benefizkonzerts im Jahr 1985, „Live Aid“.

Nüchterne Bilanz. Mit den Einnahmen von „Live Aid“ wollte Geldof nichts Geringeres, als den Hunger in der Dritten Welt auszumerzen. Das Projekt scheiterte in seiner Umsetzung kolossal: Ein Großteil der Spenden kam nie bei den Hilfsorganisationen an. 20 Jahre später wollte es Geldof noch einmal wissen: Mit „Live 8“, das quasi den Soundtrack zum G8-Gipfel von 2005 lieferte, wollte Geldof bei den Industrienationen die Streichung aller Forderungen gegenüber afrikanischen Ländern erwirken. Wieder nichts. „Was jetzt, Bob Geldof: Niger hungert, keinen kümmert’s“, fragte die Hamburger „Zeit“ wenig später. Und die Hilfsorganisation Oxfam stellte eine ernüchternde Bilanz: „Was die Entwicklungshilfe angeht, so ist in Afrika nach dem Gipfel 2005 tatsächlich weniger Geld angekommen als zuvor.“

Mittlerweile lässt es sich auch Hollywood nicht mehr nehmen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Julia Roberts etwa predigt Recycling, schwört auf Naturkosmetik und besitzt ein Öko-Haus in Malibu; Brad Pitt und Angelina Jolie wiederum inszenieren die Adoption von Kindern aus Dritte-Welt-Ländern als Reality-Soap und spenden angeblich ein Drittel ihres Einkommens wohltätigen Organisationen. Die Liste von Superstars, die sich gegenseitig in guten Taten übertrumpfen wollen, wird immer länger. Wie auch die Liste der Probleme, die sie bekämpfen wollen: Aids, Hunger, Armut, Schuldenerlass in der Dritten Welt und allen voran: die Umweltzerstörung, das Thema der politischen Saison.

Wie sehr man mit der Mode geht, wenn man dieser Tage ein grünes Bewusstsein an den Tag legt, zeigt das amerikanische Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“, das zuletzt eine „Green Issue“ herausgegeben hat. Die Titelseite zeigt Klimapapst Al Gore gemeinsam mit George Clooney und Brad Pitt im Dschungel. Auf einem Foto im Inneren der Ausgabe hat die renommierte Fotografin Anni Leibowitz Leonardo DiCaprio mit einem Steigeisen fotografiert, dazu das drollige Eisbärbaby Knut aus dem Berliner Zoo. Leibowitz verwendete die Fotos, um die beiden Kultfiguren in einer isländischen Gletscherlagune zu einer Fotomontage zusammenzufügen.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Die Erderwärmung muss gestoppt werden. Allein: Mit den Publikumsmagneten DiCaprio und Knut lässt sie sich besser verkaufen. DiCaprio gilt derzeit als einer der bedeutenderen Mitstreiter für die Rettung des Planeten. „The Oscar goes green“, verkündete der frühere Teenie-Star stolz, als er bei der Oscar-Verleihung neben Al Gore stand und dem Publikum erklärte, dass die Preisverleihung in Los Angeles ökologisch korrekt abläuft. Die Homepage des Hollywood-Beaus (www.leonardodicaprio.com) ist heute zweigeteilt. Auf der linken Seite erfährt man alles Mögliche über neueste Filmprojekte, rechts findet man Umweltprojekte, die DiCaprio großzügig unterstützt.

Mächtiger Bono. Dass DiCaprio wie seine Schauspielkollegen Cameron Diaz und Robin Williams mit dem Hybridauto anstelle einer protzigen Limousine vor das Kodak Theatre am Hollywood Boulevard zur Oscar-Verleihung vorgefahren war, überraschte da gar nicht mehr – das gehört in Hollywood mittlerweile zum guten Ton.

Doch keiner der Hollywood-Stars hat auch nur annähernd so viel politischen Einfluss wie Bono Vox, Frontmann der Rockgruppe U2. Der 48-jährige Ire hat seine Bühne mittlerweile auf die ganze Welt ausgeweitet. Bono pendelt, wie zuletzt beim G8-Gipfel in Heiligendamm, mühelos zwischen Globalisierungsgegnern und den abgeschotteten Sitzungssälen der Staats- und Regierungschefs. Er wird von Angela Merkel und George W. Bush ebenso freudig empfangen wie von den wütenden Demonstranten vor den Absperrungsgittern.

Und wer sich weigert, mit dem Sänger zu reden, wie der kanadische Premierminister Stephen Harper, muss sich von Bono nachsagen lassen, er blockiere den Kampf gegen Aids in Afrika. Selbst wenn das Unsinn ist: Bei einer Umfrage in der kanadischen Bevölkerung stehen 60 Prozent der Kanadier hinter dem U2-Sänger, zu Stephen Harper halten in diesem Streitpunkt hingegen nur läppische 20 Prozent. Kritiker sehen in Bonos Streben nach einer besseren Welt kalten Kommerz: Mit einer „Helft Afrika“-Attitüde ließen sich mehr CDs und Tourneetickets verkaufen. Spätestens als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass seine Band U2 ihren Geschäftssitz nach Amsterdam verlegt hatte, um so möglichst wenig Steuern zu zahlen, sahen es die Kritiker als erwiesen, dass es Bono eher um persönliche Gewinnmaximierung als um staatliche Schuldenreduzierung gehe.

PR-Kalkül. Wie ernst soll man sie also nehmen, die „Gutmenschen“ unter den Celebrities, die mithelfen wollen, die Welt zu retten? Fest steht: Wenn der Trubel rund um die riesigen Charity-Konzerte vorbei ist, sterben Menschen nach wie vor an Hunger, sind nicht alle afrikanischen Länder schuldenfrei, und die Erderwärmung schreitet voran.

Mag sein, dass die Künstler ihren Marktwert steigern wollen, weil es eben schick ist, bei einer Protestbewegung an vorderster Front dabei zu sein. Dennoch wäre es anmaßend, ihnen ausschließlich PR-Kalkül zu unterstellen. Ein Mann wie Bono setzt seine Popularität gezielt ein, wenn er sich wie beim G8-Gipfel von Heiligendamm mit Angela Merkel ablichten lässt. Dass Afrika seit ein paar Jahren ganz oben auf der Agenda der internationalen Gipfeltreffen steht, ist sicherlich auch seiner Hartnäckigkeit zu verdanken.

Die Hollywood-Industrie ist in der Ära George W. Bush politischer geworden und zweifelt schon seit Längerem an ihren eigenen Mythen. Immer mehr Schauspieler entwickeln wie DiCaprio eine ironische Distanz zu ihrem Starruhm. „Was soll man sagen? Das alles ist ein Image, ein Mittel zum Zweck“, sagt der Schauspieler zur Fotomontage in „Vanity Fair“. „Da steht zwar Leonardo DiCaprio, aber das bin trotzdem nicht ich.“

Immerhin scheinen die Superstars einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung zu leisten. Wenn Brad Pitt und David Beckham neuerdings in „Öko-Jeans“ der Designerin Stella McCartney posieren, wenn George Clooney im umweltfreundlichen Automobil über die Straßen rollt, dann ist die Botschaft klar: Ökologisch denken heißt nicht, länger verzichten zu üben, sondern Spaß am Leben zu haben. Das „Handelsblatt“ veröffentlichte zuletzt eine Umfrage, wonach sich jeder dritte Deutsche vorstellen kann, auf ein sparsames Hybridauto umzusteigen.

Das Problem ist, dass ein ökologischer Lebensstil eine Frage des Geldes bleibt. Hybridautos und Ökohäuser sind nach wie vor vergleichsweise teuer und nur für einen Teil der Gesellschaft erschwinglich. Zum anderen hält in der Regel kein Trend besonders lange an. Robert Redford, der sich für die Umwelt engagierte, lange bevor halb Hollywood auf den Zug aufsprang, formuliert das so: „Ein Thema, das man wirklich anpackt, muss zum lebenslangen Abenteuer werden. Man muss immer weiter vorangehen. Es gibt kein Zurück.“

Von Gunther Müller