Konsumkredite: Als gäbe es kein Morgen

Immer mehr Kreditinstitute drängen in den Markt für standardisierte Konsumkredite. Anfang 2007 startet die Bank Austria Creditanstalt mit einer neuen Vertriebsschiene namens Clarima. Ein nicht ungefährliches Unterfangen.

Die Faustregel ist bald so alt wie das österreichische Nachkriegsbankwesen selbst. Zu viele Institute mit zu vielen Filialen und Mitarbeitern bearbeiten einen zu kleinen Markt. Das führt zu scharfem Wettbewerb und drückt auf die Margen. Auf gut Neudeutsch ist Österreich „overbanked“ und gilt nicht eben als güldenes Pflaster für das Geldgewerbe. Weshalb die großen Banken des Landes in den vergangenen Jahren zunehmend in die prosperierenden Märkte Osteuropas ausgewichen sind, um mithilfe der dort erheblich besseren Ertragsspannen entsprechende Profite zu erzielen.

Neue Schiene. Umso überraschender die jüngste Ankündigung der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), mit Jahresbeginn 2007 eine neue Vertriebsschiene in Österreich zu etablieren. Mit 1. Jänner wird die italienische BA-CA-Schwester Clarima, ebenfalls Tochter des Mailänder UniCredit-Konzerns, ihren Aktionsradius nach Österreich ausdehnen. Einzige Aufgabe des 2001 in Mailand gegründeten Instituts ist die Vergabe von Konsumkrediten – und zwar von standardisierten Finanzierungen, welche künftig direkt bei ausgewählten Clarima-Handelspartnern erhältlich sein sollen. Elektronikketten zum Beispiel. Oder Autohändler. Oder Supermärkte.

Diese Art von Finanzierungen – früher bisweilen von Handelshäusern wie Quelle selbst betrieben – feiert in neuer Form gerade ein großes Comeback. Hatten sich die Ratengeschäfte früherer Zeiten allerdings letztlich oft – sowohl für die Anbieter (wegen hoher Ausfallsraten) als auch für die Kunden (wegen hoher Zinsen und Gebühren) – als haarsträubend teuer erwiesen, so sind die neuen Finanzierungsvarianten nun standardisiert, daher relativ rasch und simpel zu erlangen. Auch sind sie, dank Standardisierung, oft tatsächlich preisgünstiger als entsprechende Schalterkredite großer Filialbanken.

Der UniCredit-Konzern drängt über Clarima in eine Kreditnische, in der sich immer mehr Institute breitmachen: jene für Konsumgüter ohne nennenswerte Sicherheiten und lästige Bonitätsprüfungen. Solche scheinbar problemlosen Finanzierungen werden schon jetzt heftig beworben. Wer durchs Internet surft, kennt das Aufflashen von Werbebotschaften, sehr oft handelt es sich dabei um Kreditofferte. Auch sonst läuft das Marketing für den Verbraucherkredit auf vollen Touren, und die Sujets der Werbung rühren an die Träume von Herrn und Frau Jedermann: Da jubelt ein junges Paar im Cabrio vor lauter Lebensfreude – dank einem Verbraucher-Schnellkredit von der ING-DiBa Direktbank. Andernorts lockt ein Liegestuhl zum sonnigen Relaxen, dazu findet sich folgender Text: „Wirkt herrlich entspannend – Ihr zusätzliches Finanzpolster. Lehnen Sie sich bequem zurück und rufen Sie so viel Geld ab, wie Sie gerade zusätzlich brauchen.“ Die Rede ist hier von einem so genannten Verfügungskredit der Royal Bank of Scotland (RSB). Beide Bankinstitute sind mit Angeboten in Österreich vertreten.

Zu viert. Die auf Konsumkredite spezialisierte ING-DiBa, ein Tochterinstitut des holländischen Bank- und Versicherungskonzerns ING, bearbeitet den österreichischen Markt inzwischen mittels einer eigenen Niederlassung, die Schotten von Deutschland aus. ING-DiBa und RBS gehören, wie auch die US-amerikanische GE Money Bank oder die zur Bawag zählende easybank, zu einer wachsenden Gruppe von Instituten, die ihr Glück in dem hierorts lange Zeit vernachlässigten Konsumkreditsegment suchen.

Vielfach werden die Kredite mehrheitlich über das Internet verkauft. Das Prozedere ist gefährlich einfach: Kreditantrag ausfüllen, Lohnzettel beilegen – und in aller Regel ist das Geld schon nach drei Tagen auf dem Konto. Einen Bankberater bekommt der Kreditnehmer erst gar nicht zu Gesicht. Wozu auch.

„Im Prinzip arbeiten die Institute auf Basis der Dienstleistungsfreiheit in der EU“, so Klaus Grubelnik, Sprecher der Finanzmarktaufsicht (FMA). „Die Kommission setzt zurzeit massiv darauf, im Privatkundengeschäft einen echten Binnenmarkt zu schaffen.“ Weil sich aber die nationalen Rechtsnormen in vielen Bereichen noch unterschieden, beginne sich dieser Privatkunden-Binnenmarkt zuerst eben bei relativ einfachen Standardprodukten zu etablieren.

Sonnig. Vorbei scheint, wenn man die „Blitz“-, „Express“- oder „Jetzt-Sofort“-Kreditpromotions verfolgt, die dunkle, schwere Zeit, als man den Lebensunterhalt im Schweiße seines Angesichts verdienen musste. Heute liegt das Geld zwar nicht auf der Straße, aber wohlfeil und für jeden – scheinbar – zur freien Verfügung. Die Frohbotschaft an die Klientel: Greift zu, genießt den Tag, als gäb’s kein Morgen.

Die Frage nach dem „Was passiert, wenn?“ hören die Öffentlichkeitsarbeiter der Institute überhaupt nicht gern. Dabei war in letzter Zeit etwa in der „Financial Times“ („FT“) häufig von steigenden und, vom Volumen her, sehr hohen Ausfällen bei dieser Art von Kreditgeschäft die Rede – und zwar vornehmlich im angelsächsischen Raum. In den USA und in Großbritannien sei diese Sparte der Kreditwirtschaft zuletzt in geradezu „halsbrecherischem Tempo“ gewachsen. Zahlenmäßig sei dies freilich nicht exakt erfassbar. Man habe allzu sehr darauf vertraut, dass die automatisierten Prozesse der Kreditgewährung und die dabei eingesetzten Computermodelle das Ausfallsrisiko drastisch senken und so die Möglichkeiten der Niedrigzinspolitik erweitern würden.

Zudem seien in den USA umfangreiche Datenbanken entstanden, die nicht nur über Unternehmen, sondern auch über Privatleute detaillierte Finanzauskunft geben. Solche Unternehmen (Beispiel: www.ecofax.com) sammeln alle diesbezüglichen elektronischen Daten, die irgendwann irgendwo gespeichert wurden, und stellen sie den Kreditinstituten gegen Gebühr zur Verfügung. Statistiker brüten über diesen Datenmassen und entwerfen hochspezialisierte Modelle, welche aus den abertausenden von Erfahrungswerten die jeweiligen Kennzeichen schlechter Zahler einerseits und guter Zahler andererseits herausdestillieren. Ständig wird an den Modellen gefeilt. Und die Banken nützen sie dazu, um aus der Fülle ihrer Kreditanträge jene mit schlechten Erfolgsaussichten herauszufiltern.

Die werden dann abgelehnt.

Es klingt gut. Bloß – irgendwie scheinen die tollen Modelle nicht ganz zu halten, was man sich von ihnen versprach. Jedenfalls mussten die entsprechenden Institute in den USA und in England ihre Genehmigungskriterien zuletzt drastisch verschärfen. Die Ausfallsquote wurde zu arg.

Automatik. Wenn es bei standardisierten Krediten zu Zahlungsverzögerungen kommt, reagieren die Computer der Geldverleiher automatisch. Für den Kreditnehmer kann dies schon mal eine schlimme Überraschung bedeuten. Automatische Mahnungen und Fälligstellungen sind durchaus dazu angetan, zu Streitereien zwischen dem Kunden und dem jeweiligen Geldinstitut zu führen. In Österreich, sagt Harald Glatz, Leiter der Abteilung für Konsumentenschutz in der Arbeiterkammer, sei man jedoch mit solchen Problemen bei Privatkrediten bisher „nicht in einem auffälligen Umfang“ konfrontiert gewesen.

Wachstum. Noch beeindruckt dieser Markt in Österreich nicht durch Größe, doch gelten die Wachstumschancen unter Bankleuten als beträchtlich: „Wir schätzen das Marktpotenzial auf 7,5 Milliarden Euro“, meint Willibald Cernko, der für das Privatkundengeschäft und somit auch für Clarima zuständige Vorstand der Bank Austria Creditanstalt. Auch Heinz Stiastny, Chef des Österreich-Geschäfts von ING- DiBa, sieht ein „hohes Potenzial“. Speziell in Zeiten steigender Zinsen, so wie jetzt, zeigten sich viele Konsumenten für diese Kreditart zugänglich.

Die Reaktion der Universalbanken zu all dem fällt eher gelassen aus. Bawag-Chef Ewald Nowotny streicht die hauseigene Tradition preisgünstiger, gleichzeitig aber doch persönlich – nämlich mittels Betriebsratskontakt – vermittelter Privatkredite (bei guter Bonität werden derzeit effektiv 5,4 Prozent an Zinsen verrechnet) hervor. Als etwas, das die Vorteile beider Welten, Preis und Kundenkontakt, miteinander vereine: „Das ist sicher eines unserer Paradeprodukte.“

Und Peter Püspök, Chef der Raiffeisenbank Niederösterreich-Wien, distanziert sich vom Blitzbilligkreditgeschäft: „Ich glaube, dass die Österreicher eine echte Kunden-Bank-Beziehung haben wollen. Auch oder gerade bei ihren Krediten.“

Von Liselotte Palme