Kopf im Klo

Gräueltat trifft Literatur: Wahre Verbrechen dienen Autoren neuerdings als Erzählstoff. Im Roman „Der größte Fall meines Vaters“ treibt eine historisch verbürgte Hackenmörderin ihr Unwesen.

Eltern maßregelten ihre Kinder damals nicht mit dem Kommen des Schwarzen Mannes, sondern mit jenem der Hackenmörderin. Von den Titelblättern der Tageszeitungen schrie es in Versalien: „Teufelin“. Der Fall der als „mannstoll“ beschriebenen Bäuerin Irena Čubírková sorgte in den 1960er-Jahren in der damaligen Tschechoslowakei für Schlagzeilen und wüste Spekulationen: Čubírková wurde des Doppelmords in besonders grausamer Tatabsicht überführt – ihren Ehemann hatte sie mittels eines Ofens, den sie herabstürzen ließ, letal begraben, ihrem späteren Geliebten im Dezember 1964 den Kopf abgetrennt und den Torso verbrannt. Das Haupt deponierte Čubírková im Abort eines Regionalzugs, wo es nahe Pezinok in der heutigen Slowakei gefunden wurde.

In „Der größte Fall meines Vaters“ rekapituliert die St. Pöltener Autorin Zdenka Becker, 61, nun die schauerliche Causa. Beckers dritter Roman orientiert sich eng an den historischen Tatsachen, lässt der Erzählung aber genügend Spielraum, sich abseits von Gewalt und Grusel zu entfalten. Durch ihren Vater, einen hohen Polizeioffizier, gerät die Erzählerin des Romans, eine Schriftstellerin mit Schreibhemmung, in den Bannkreis des Falls Irena Čubírková, die im Buch einen anderen Namen trägt – und Ende September 1966 hingerichtet wurde.

Das im deutschsprachigen Raum noch junge Genre der true crime fiction, das zeitnahe Gewaltdelikte mit Poesie zu verschmelzen sucht und dem sich beispielsweise US-Romancier James Ellroy seit Jahrzehnten besessen widmet, kennt zwei prominente Beispiele. 2003 erschien Michael Kumpfmüllers viel diskutierter Roman „Durst“, die Geschichte einer Mutter, die ihre Kinder, eingesperrt in der Wohnung, ohne Trinkwasser zurücklässt. Die Grundkonstellation entnahm der Autor einer Zeitungsmeldung, die Leerstellen füllte er mit dem klarsichtigen Psychogramm der Täterin. Der Münchner Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach wiederum popularisierte die Gattung mit dem Bestseller „Verbrechen“ (2009), einer Sammlung faktenbasierter Fälle aus seiner Kanzlei. Zdenka Becker erweitert das Erzählen entlang einer von Totschlag und Seelenmord verstellten Wirklichkeit um die historische Dimension.

„Die Frage nach der Todesursache ist überflüssig“
Wie ihre semidokumentarisch arbeitenden Kollegen verzichtet auch Becker weitgehend auf die Ästhetisierung von Mord und Totschlag; die dargestellten Untaten dienen der metaphorischen Kenntlichmachung einer Gesellschaft, die von politischer Unterjochung (Beckers Roman spielt zu weiten Teilen in der kommunistischen Tschechoslowakei), trostlosem Milieu (Schirach) und zombiehafter Gleichgültigkeit (Kumpfmüller) unrettbar geprägt scheint.

„Ich bin im tiefsten Kommunismus aufgewachsen“, erinnert sich Zdenka Becker, die seit 1975 in Österreich lebt, an den Sensationsfall Čubírková, mit dem auch ihr Vater in seiner Funktion als Sicherheitsbeamter am Rande befasst war: „Uns wurde ständig eingeredet, wir seien die besseren Menschen, frei von Materialistischem, Kriminellem und Rückständigem, zu dem die Last der Tradition und Religion gehörten. Und dann passiert hinter dem Eisernen Vorhang so was! Ein Desaster!“ Beckers Roman mutet an wie die private Geschichte eines verunsicherten Mädchens in der Ära des Sozialismus, der kollektiven Zusammenhalt verspricht – und klirrende soziale Kälte bietet.

Lapidar werden im Roman Zusammenhänge kommentiert. „Die Frage nach der Todesursache ist überflüssig“, meint Beckers Ermittler, mit dem körperlosen Kopf konfrontiert. Das Grauen nistet im Detail. Die Mörderin in „Der größte Fall meines Vaters“ pulverisiert eines ihrer Opfer im Holzofen. Die Asche des Ermordeten streut sie im Winter auf den Gehweg. Besucher erreichen das Haus so rutschfrei. Und nach der Tat bekommen die Kinder ihr Lieblingsessen serviert: Würstelgulasch mit Bohnen. Für Čubírkovás Untaten bringt Autorin Becker kein Verständnis auf. Dennoch unternimmt sie den letztlich scheiternden Versuch, Motivation und Handeln der Killerin wenigstens zu begreifen: „In jeder Bestie“, ist die Autorin überzeugt, „steckt eine bodenlose Geschichte.“

Zdenka Becker: Der größte Fall meines Vaters. Deuticke, 219 Seiten, EUR 19,50