Krankenhauskeime: Krankmacher Spital

In Österreich sterben alljährlich rund 2600 Patienten an im Krankenhaus erworbenen Infektionen. Österreichs Spitäler vertuschen das Problem.

Intensivstation eines Krankenhauses in Westösterreich: Bei einem in der 28. Schwangerschaftswoche mit nur 500 Gramm Körpergewicht geborenen Säugling wird eine akute Blutvergiftung und hohes Fieber diagnostiziert. Die Untersuchung ergibt als Ursache eine Infektion mit Enterobacter cloacae. Dieser Stuhlkeim tritt bei Frühgeburten häufig auf, da aus dem unterentwickelten Darm Bakterien in die Blutbahn gelangen. Das Kind bekommt Antibiotika und überlebt.

Eine Woche später zeigt ein zweites Frühgeborenes die gleichen Symptome: Fieberschübe, akute Sepsis. Der Bub liegt zwei Zimmer weiter im Inkubator, die Besucher des ersten Kindes haben den Raum nie betreten. Der Stationsarzt schöpft Verdacht, die DNA-Typisierung des Keims bestätigt: Beide Säuglinge wurden mit dem identen Stamm von Enterobacter cloacae infiziert, ein Arzt oder das Pflegepersonal müssen den Keim durch mangelnde Hygiene übertragen haben. Sechs Tage später stirbt der zweite Säugling. Er war kaum zwei Wochen am Leben. „Vom Stationsarzt bis zur Krankenhausleitung haben es alle gewusst, die Eltern haben davon nie etwas erfahren“, erzählt eine Schwester.

Dieser plötzliche Kindstod durch mangelnde Krankenhaushygiene ist tragisch, aber kein Einzelfall. Infektionen durch Krankenhauskeime und auch Todesfälle durch diese unsichtbare Gefahr sind häufiger als oft angenommen. Laut einer Hochrechnung des Linzer Hygienefacharztes Helmut Mittermayer sterben in Österreich jedes Jahr 2550 Menschen an „nosokomialen Infektionen“, Erkrankungen, die sie sich während des Spitalsaufenthalts zuziehen. Das sind mehr als doppelt so viele Todesopfer, als Österreichs Straßenverkehr alljährlich fordert. Die Zahl der Erkrankungen durch das auch als Hospitalismus bezeichnete Phänomen liegt bei mindestens 68.000, die Zahl der Verletzten im Straßenverkehr bei 57.000. Die jährlichen, durch Hospitalismus verursachten Kosten werden auf 330 Millionen Euro geschätzt.

Vermeidbar. Nicht alle, aber zumindest ein Drittel der durch Krankenhauskeime ausgelösten Todesfälle wären laut Experten zu verhindern, rund 650 allein durch bessere Handhygiene. Ärzte und Pfleger führen statistisch nur vor jeder zweiten Behandlung die erforderliche Desinfektion der Hände mit Alkohol auch tatsächlich durch. Hans Hirschmann, Hygienefachkraft am LKH Feldkirch: „Normales Händewaschen verhindert eine Infektion nicht, das sollte man dem Personal verbieten. Der Mangel an Sorgfalt ist erschreckend.“
So wurde die Technik der richtigen Desinfektion der Hände bis zur Einführung des neuen Medizin-Studienplans an den Universitäten gar nicht unterrichtet. Neben fehlendem Wissen über das richtige Abtöten der Keime führen steigender Zeitdruck und Arbeitszeiten von bis zu 72 Wochenstunden zu ärztlichen Fehlern. „Der Druck auf die Ärzte ist grimmig, die Lage schreit zum Himmel“, sagt Gabriele Kogelbauer, Spitalsärztevertreterin in der Wiener Ärztekammer, und räumt ein: „Auch mir passiert es, dass ich zwischen Behandlungen auf die Händedesinfektion vergesse.“

Die Folgen eines oder mehrerer solcher ärztlicher Fehler hat Ingenieur Walter R. am eigenen Leib erfahren: Bei einer Krebsoperation, der sich der Pensionist im Dezember 2000 am Wiener AKH unterzog, durchstößt der Chirurg versehentlich die Darmwand. Eine Bauchfellentzündung droht. Die Notoperation rettet dem Pensionisten das Leben, aber er zahlt einen hohen Preis. Am 3. Mai 2001 wird Walter R., wie es im ärztlichen Befund heißt, mit „septischen Fieberzacken bis 40 Grad“ neuerlich ins AKH eingeliefert, der schwer immungeschwächte Mann kämpft mit dem Tod und liegt drei Monate im Koma.

Die Ursache der Sepsis: der Krankenhauskeim MRSA – Methicillin resistenter Staphylococcus aureus. Bei gesunden Menschen ist dieser Hautkeim ungefährlich, bei Spitalspatienten schlägt er als Antibiotikum-resistente Form zu. Und weil Methicillin, das am meisten verwendete Antibiotikum, gegen den Keim nicht wirkt, können Ärzte ihn nur schwer bekämpfen.

Was der Befund der Allgemeinchirurgie am AKH verschweigt: Zur Übertragung des resistenten Keims kommt es nur in Gesundheitseinrichtungen. Laut Walter Koller, dem Leiter der Hygiene-Abteilung am AKH, sind solche Infektionen außerhalb klinischer Behandlung in Österreich nicht nachgewiesen. Walter R. wurde also wahrscheinlich während der Notoperation infiziert.

Restrisiko. Nachzuweisen ist das nicht: Seit dem Auftauchen des resistenten Keims gab es laut Ärzten und Patientenanwaltschaften keinen Schuldspruch bei MRSA-Infektionen. Denn Patienten anerkennen mit der Einwilligung zur Operation ein medizinisches Restrisiko, der genaue Zeitpunkt der Infektion und damit die Verschuldensfrage sind aufgrund der hohen Zahl der Beteiligten nicht zu eruieren.

Walter R. musste dem Krankenhauskeim MRSA alle Finger und Zehen opfern: Im Juni 2001 kommt es zur Amputation, der Staphylococcus hatte das Gewebe zerstört. Heute ist der Pensionist zu 80 Prozent behindert, inkontinent und kann sich kaum bewegen. Eine Entschuldigung der Ärzte hat es nie gegeben. „Ich bin vom AKH allein gelassen worden“, klagt der Pensionist, der mittlerweile aus dem Entschädigungsfond der Wiener Patientenanwaltschaft 25.000 Euro erhalten hat. Ein Schuldeingeständnis der Ärzte ist das nicht. Zwar ist geklärt, dass die Infektion durch die „Medizin bedingt war“, so eine Mitarbeiterin der Patientenanwaltschaft. Das AKH weist aber jede Schuld von sich. Der ärztliche Direktor, Reinhard Krepler, sagt dazu: „Der Patient wurde auf das erhöhte Risiko aufmerksam gemacht, sein schwerer Weg war schicksalhaft.“

Nicht zuletzt wegen Fällen wie diesem beginnen die Verantwortlichen umzudenken: Im Oktober vergangenen Jahres präsentierte das Sozialministerium die so genannte „ProHyg“-Leitlinie. Diese definiert erstmals einheitliche Standards für die Personalausstattung der Spitalshygiene. In Krankenhäusern mit Intensivstation soll demnach pro 250 Betten eine hauptberufliche Hygienefachkraft arbeiten.
Die Realität sieht oft anders aus: So steht beispielsweise im Wiener Donauspital für 933 Betten neben dem Hygienebeauftragten Oskar Janata eine einzige Hygienefachkraft zur Verfügung. Infektionsprävention ist nur auf wenigen Stationen möglich, umfassende Vorsorge gar nicht. Janata: „Wir spielen Feuerwehr. Wenn es brennt, verhindern wir, dass das Feuer auf das Nachbarhaus übergreift, sprich eine Epidemie beginnt.“ Bei Urlauben, Krankenständen oder Verpflichtungen außer Haus gebe es im Donauspital keine Vorsorge. Janata: „Wenn ich einen Vortrag halte, ist für die Hygiene niemand da.“

Ähnlich ist die Situation am Wiener AKH. Ein Experte des Wiener Gesundheitsamts, der anonym bleiben will: „Einige Spitäler sind bei der Personalbereitstellung für Hygiene sehr säumig. Das AKH ist am säumigsten.“ Mehrere Krankenpfleger bestätigen das: Hygienefachkräfte hätten das Haus aufgrund der schlechten Personalführung wiederholt nach kurzer Zeit verlassen, es gebe keine kontinuierliche Arbeit. Ein Pfleger: „Das AKH hat nur deshalb ein Hygieneteam, damit dem Gesetz Genüge getan wird.“ Auch eine langjährige Mitarbeiterin übt Kritik: „Probleme werden vertuscht. Sagt man etwas, gilt man sofort als Nestbeschmutzer.“ AKH-Direktor Krepler weist diese Vorwürfe gegen sein Haus zurück. Die Vertuschung von Infektionen, bei denen ein Verschulden des Spitals vorliegt, schließt er aus (siehe Interview).

Prävention. Immerhin zählt Wien zu den Vorreitern bei der gesetzlichen Festschreibung von Hygienestellen. Während das Wiener Krankenanstaltengesetz für alle großen Spitäler, die so genannten Schwerpunktkrankenhäuser, einen hauptberuflichen Hygienearzt und eine Fachkraft vorschreibt, können diese Funktionen in Niederösterreich vom ärztlichen Direktor und dem Pflegedirektor ausgeübt werden. In der Praxis bedeute dies oft das völlige Fehlen von Prävention, sagen Ärzte. Im steirischen Gesetz fehlt jeder Hinweis auf Hygienefachkräfte, nur in Oberösterreich ist die von Experten empfohlene Quote von einer Stelle pro 300 Betten festgelegt.
Dabei würden neue Dienstposten für die Krankenhaushygiene sogar Geld sparen: Laut der US-Studie SENIC (Study of the Efficacy of Nosocomial Infection Control) wiegt eine Verringerung der Infektionen um sechs Prozent die Kosten der Krankenhaushygiene auf. Denn jeder infizierte Patient kostet mindestens 1000 Euro zusätzlich, die Aufenthaltsdauer im Spital steigt um das Dreifache. Abgesehen vom verhinderten Leid zahlt sich Hygiene also auch rein rechnerisch aus.

Keine Konsequenzen. Doch von einem Großteil der nosokomialen Infektionen erfahren weder die Patienten noch die Öffentlichkeit. „Nur selten wird Fällen nachgegangen, Aufklärung gibt es fast keine, Konsequenzen genauso wenig“, beklagt eine Hygienefachkraft. Christine Ecker, Präsidentin des Krankenpflegeverbandes, ortet eine Mentalität des Vertuschens: „Jeder weiß, dass es solche Fälle gibt, aber es gibt Druck, dass nichts nach außen dringt.“

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist Transparenz bei nosokomialen Infektionen in Österreich fast unbekannt: Während in den USA, Deutschland, Belgien und Norwegen jeder Fall meldepflichtig ist, gilt dies in Österreich nur dann, wenn einer von ganz wenigen, genau definierten Keimen entdeckt wird. Auch die Patienten haben vor der Einlieferung ins Spital keine Chance, von der Infektionsrate auf einer bestimmten Station zu erfahren. Christine Ecker: „In den USA kann jeder auf der Internetseite des Krankenhauses lesen, wie viele Infektionen es beispielsweise nach Knieoperationen gibt.“

Hygiene-Professor Koller spricht sich gegen derartige Transparenz gegenüber Patienten aus: „Vergleichbare Zahlen sind nicht sinnvoll, da würde eine Flut von Klagen auf die Spitäler zukommen.“ Krankenhäuser in den USA würden aus Angst vor Prozessen bestimmte Leistungen nicht mehr erbringen. Der Wiener Gesundheitsökonom Christian Köck nennt eine solche Argumentation „voraufklärerisch“: „Wenn die Patienten erfahren, dass es auf einer Station erhöhte Gefahr gibt, dann beschweren sie sich. Also sagen wir ihnen gleich gar nichts. Deswegen wissen wir in Österreich über das Thema auch nichts. Bei jedem Auto gibt es hingegen einen Crashtest.“

Zu spät. Ein Fall von Legionärskrankheit im Wiener Wilhelminenspital zeigt exemplarisch auf, wie finanzielle Kurzsichtigkeit seitens des Krankenhauses tödlich enden kann: Zwei Monate nachdem er im Juni 2002 wegen Nierenversagens eingeliefert wurde, stirbt Alfred Brim an einem Lungeninfarkt. Das wiederholte Auftreten von Legionellen, den Erregern der Legionärskrankheit, in den Warmwasserleitungen des Wihelminenspitals ist zu diesem Zeitpunkt längst bekannt. Trotzdem kommt der Befund zu spät: Brim ist mit Legionella pneumophila infiziert, eine Lungensepsis die Folge. Der erst 66-jährige Pensionist stirbt drei Tage später.

Erst sieben Tage nach Brims Tod reagiert das Wilhelminenspital: Eine Probe an der D-Nord-Station des Pavillon 29, in welcher der Patient behandelt worden war, ergibt Konzentrationen von 1100 Legionella pneumophila, Serumgruppe 1, derselbe Keimstamm, mit dem auch Brim infiziert war. Günther Wewalka, Leiter der österreichischen Referenzzentrale für Legionellen-Erkrankungen, führt die Wasseruntersuchung durch. Sein Fazit: „Sanierungsmaßnahmen sind notwendig.“

Das Problem begleitet das Spital seit langem. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts: „Seit Jahren gibt es wegen der alten Bausubstanz Legionellen, mehrere Patienten sind zu Schaden gekommen. Das Haus war zögerlich, was Sanierungen betrifft.“ Die Probleme mit Legionellen bestreitet auch der ärztliche Direktor des Wilhelminenspitals, Helmut Umek, nicht. Er verweist aber auf den Sanierungsprozess: „Wo es bautechnisch möglich ist, tauschen wir alte Leitungen aus.“
Auf Initiative der Freiheitlichen befasste sich im vergangenen Mai auch SP-Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann mit der Sanierung des Pavillons 29: „Bezugnehmend auf die erhöhten Werte wird auf Empfehlungen hingewiesen, die besagen, dass erst bei Werten von über 10.000 Legionellen auf ein Duschverbot verwiesen wird.“ Und widerspricht damit dem Expertenbefund Wewalkas.

Im Wilhelminenspital hat man indessen Maßnahmen ergriffen: Im April 2003 verbietet die Spitalsleitung das Duschen im Pavillon 29. Ein Schild mit der Erklärung „Verbrühungsgefahr“ hängt von den Duschköpfen. Durchflussregler werden installiert, um die Legionellen-Konzentration zu vermindern. Das Leitungssystem wurde bis jetzt nicht vollständig ausgetauscht. Witwe Ingrid Brim: „Mein Mann starb einen sinnlosen Tod. Sicher war er krank, aber vielleicht hätte er noch ein paar Monate gehabt.“