Kremsmünster: „Perfides System aus Terror und Angst“

Ehemalige Zöglinge klagen das Stift Kremsmünster: Zusagen zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seien nicht eingehalten worden. Demnächst entscheidet die Justiz über eine Anklage gegen den Hauptbeschuldigten, den früheren Internatsleiter.

Es könnte eines der ersten und gleichzeitig auch letzten Gerichtsverfahren über Missbrauch von Zöglingen in Klosterschulen in Österreich werden. So wie in ähnlichen Fällen in ganz Europa verhinderten Verjährung der Taten oder außergerichtliche Vergleiche einen Prozess. Doch bis Februar soll die Staatsanwaltschaft am Landesgericht Steyr über eine Anklage gegen den langjährigen Leiter des Stiftsgymnasiums in Kremsmünster (Oberösterreich), August M., entscheiden.
Dem heute 79-jährigen Ex-Priester, der inzwischen aus dem Benediktinerorden ausgetreten ist und vom Vatikan in den Laienstand versetzt wurde, werden zahlreiche sexuelle Übergiffe und andere Gewaltakte an minderjährigen Schülern vorgeworfen. Die Vorfälle trugen sich zumeist während seiner Amtszeit als Internatsleiter zwischen 1970 und 1996 zu (profil 12/2012). Die Erhebungen gegen zwei weitere Priester, denen ehemalige Zöglinge ähnliche Straftaten vorwerfen, wurden inzwischen wegen Verjährung eingestellt.

Bei M. hat ein zweites Verfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes (er besaß illegal eine Pumpgun und schüchterte damit auch Schüler ein) „den Ablauf der Verjährung gehemmt“, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft am Landesgericht Steyr, Andreas Pechatschek, erklärt. Zudem wurden bei einigen Opfern in Gutachten der Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner schwerwiegende Langzeitfolgen der Übergriffe wie Traumatisierung festgestellt, was die Verjährungsfrist verlängert.

Zivilrechtliche Klage
Dem Stift Kremsmünster, dessen Abt Ambros Ebhart die Vorfälle, die vor seiner Amtszeit passierten, mehrfach in Erklärungen und Briefen bedauerte, droht durch eine weitere Klage Ungemach. Zwei Opfer haben im vergangenen Dezember das Stift wegen Nichterfüllung eines Vertrags zivilrechtlich geklagt. Dabei geht es um ein Treffen der Stiftsleitung mit mehreren ehemaligen Zöglingen im Jänner 2012.
Nach Ansicht der an der Aussprache teilnehmenden Opfer habe die Stiftsleitung damals drei verbindliche Zusagen gemacht:
Entschuldigung samt Schuldeingeständnis der Mitwisserschaft des Stifts gegenüber allen bekannten Opfern bis längstens 15. April 2012.
Errichtung eines Mahnmals bzw. einer Gedenktafel am Gelände des Stifts, wobei der Text wie auch die Positionierung mit den Opfern abzustimmen seien.

Über die Einrichtung eines Opferfonds sollten weitere Gespräche geführt werden. Doch Abt Ambros bestreitet im Gespräch mit profil, damals derartige Zusagen gemacht zu haben. Dies sei auch in der Zusammenfassung der anwesenden Mediatoren festgehalten worden. Freilich haben die Opfer umgehend diesen Bericht über E-Mail korrigiert, aber von Abt und Prior keine Antwort erhalten. „Wir haben lediglich vereinbart, dass das Stift zu den Forderungen Stellung nehmen wird. Das ist auch geschehen“, erklärt der Abt. „Wir sind an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der bedauerlichen Vorfälle interessiert, aber lassen uns diese nicht diktieren. Ich habe mich mehrmals direkt bei den Opfern und auch öffentlich für die Übergriffe entschuldigt. Wir haben auch namhafte Beträge an Opfer direkt und die Klasnic-Kommission bezahlt.“ Geldsummen will der Abt nicht verraten.

Scharfe Kritik an Stiftsleitung
Ein ehemaliger Zögling, der das Stift geklagt hat und anonym bleiben will, kritisiert die Stiftsleitung scharf. „Abt Ambros will sich der Verantwortung für das jahrzehntelang funktionierende System der körperlichen, seelischen und sexuellen Gewalt an Minderjährigen entziehen. Gerichtsakten beweisen, dass die Stiftsleitung nachweislich seit spätestens Mitte der neunziger Jahre von den Vorfällen Kenntnis hatte.“
Damals gab der Beschuldigte – der den Mönchsnamen Alfons führte – selbst gegenüber der Staatsanwaltschaft an, dass seine Tätigkeit „auf Anordnung der Stiftsoberen und eigenen Wunsch“ 1995 beendet werden sollte. In diesem Jahr hatte ein ehemaliger Zögling schwere Vorwürfe gegen den Internatsleiter wegen sexueller Übergriffe erhoben. Zwar wurde das Verfahren rasch eingestellt, aber im Windschatten der damals zeitgleich von profil aufgedeckten Affäre um den Wiener Kardinal Hans-Hermann Groër erschien der Internatschef wegen der Vorwürfe pädophiler Neigungen nicht länger tragbar. Dieser blieb aber noch ein Jahr länger Konviktschef und durfte danach auch noch zwei Jahre den Schulchor leiten, bis er pensioniert wurde.

Ein Maturakollege des derzeitigen Abts von Kremsmünster, der Psychologie-Professor Josef Christian Aigner, Leiter des Instituts für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung an der Universität Innsbruck, zeigt Verständnis für die Kritik der Opfer. „Ein Stift, das so in Verruf gerät wie Kremsmünster, müsste viel offensiver bei der Aufklärung mitwirken und nicht immer nur auf Druck der Opfer agieren. Doch leider igelt sich der Abt ein und hat auch meine Vermittlung eines seriösen Experten zur Aufarbeitung der Affäre monatelang nicht beantwortet.“ Auch der Wunsch vieler Opfer nach einem Mahnmal sei verständlich.

Aigner erinnert sich an die Gerüchte, die schon während seiner Gymnasialzeit die Runde machten. „Wir wussten, dass Pater Alfons abends immer wieder seine Lieblinge auf sein Zimmer bestellte. Aber wir haben schon aus Scham nie nachgefragt, was da wirklich vorging.“ Doch war­um damals keiner der Verantwortlichen einschritt, sei ihm bis heute nicht klar.
Ein Zögling aus den neunziger Jahren schilderte bei der Einvernahme die Folgen der Wutausbrüche des Internatsleiters: „Kinder wurden an den Haaren gezogen, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern runter auf die Knie, mit dem Kopf auf den Boden, wieder rauf, zwei Meter nach rechts, zwei Meter nach links, durch den gesamten Speisesaal geschliffen, dort dann auf den Marmorboden geworfen und liegen gelassen.“
Laut Einvernahmen der ehemaligen Zöglinge wandten Lehrer im Stift teils exzessive körperliche Gewalt an. „Es herrschte ein perfides System aus Terror und Angst. Für kleinste Vergehen setzte es Prügelattacken“, erinnert sich ein anderer Zögling. Schwächere Schüler wurden durch einzelne Lehrer (einige von ihnen unterrichten noch heute) vor der gesamten Klasse der Lächerlichkeit preisgegeben und durften anschließend von Kameraden gequält werden. Wer dabei nicht mitmachte, musste selbst mit Prügeln rechnen.

"Passiert ist nichts"
Was Norbert G., Zögling aus den neunziger Jahren, wundert, ist der Umstand, dass trotz der Schwere der Taten nie ein Lehrer zur Verantwortung gezogen wurde. „Einmal wandte sich ein Mitschüler sogar an die örtliche Polizeistation und schilderte sexuelle Übergriffe. Passiert ist nichts.“ Ein anderer Ex-Schüler sagt: „Wir führen hier keinen Feldzug gegen die Kirche. Es geht um die Aufarbeitung der Vorfälle, die von der Stiftsleitung offenbar unter den Teppich gekehrt werden sollen.“
Die Staatsanwaltschaft Steyr führte im vergangenen Herbst so genannte „kontradiktorische Vernehmungen“ von rund 20 ehemaligen Zöglingen durch. Die Protokolle, die profil vorliegen, zeichnen ein perfides System der Unterdrückung Minderjähriger. Einige von ihnen sind wegen des Missbrauchs bis heute in psychologischer Behandlung oder von Medikamenten abhängig. Die Palette der Schilderungen reicht von Übergriffen in der Dusche bis zu sexuellen Handlungen in der Privatwohnung des Internatsdirektors.

In Einvernahmen zeigte dieser keinerlei Schuldgefühle. Er habe lediglich mit den Buben auf dem Bett „herumgebalgt“. In manchen Fällen sei es auch „zu mehr“ gekommen. 2010 rang sich M., der eine Stellungnahme gegenüber profil schon im Vorjahr ablehnte, auf Aufforderung des Abts zu einer Erklärung durch. „Wenn ich jemand durch mein Verhalten traumatisiert und seelisch verletzt habe, bedauere ich das zutiefst und bitte um Entschuldigung. Mehr kann ich leider nicht tun.“
Abt Ambros beteuert, er wolle das Ergebnis des Gerichtsverfahrens abwarten. Gegen zwei andere Priester laufe noch ein kirchenrechtliches Verfahren. „Wir wollen sicher nichts zudecken“, sagt der Abt und übt ein wenig Selbstkritik: Vielleicht hätte man den Gerüchten „entschlossener nachgehen sollen“. Heute seien solche Vorfälle nicht mehr vorstellbar: „Die Sensibilität ist in diesem Bereich heute gottlob stark geworden.“