Künstlerhaus mit bröckelndem Putz

Michael Pilz, der neue Präsident des Wiener Künstlerhauses, will die Mitglieder des Trägervereins stärker integrieren. Das könnte nach hinten losgehen.

Das prachtvolle Historismus-Gebäude verbirgt sich schon lange. Seit 2006 ist die Fassade des Wiener Künstlerhauses von einem Gerüst umstellt. Die darauf affichierten Werbeplakate sollen Gelder zur Sanierung des Ringstraßenbaus hereinspielen; beachtliche eineinhalb Millionen Euro lukrierte man bereits. Doch immer noch bröckelt der Putz. Das Künstlerhaus gehört zu den kulturpolitischen Dauerbaustellen des Landes.
Es deutet wenig darauf hin, dass sich diese Situation in absehbarer Zeit ändern wird – ist doch die Institution selbst, die von einem Künstlerverein mit 500 Mitgliedern getragen wird, derzeit in einem Umbauprozess begriffen. Im November wurde Joachim Lothar Gartner, der einstige Vereinspräsident, von dem Filmemacher Michael Pilz abgelöst, der eine scheinbar kleine, tatsächlich aber wesentliche Änderung vornahm. Vor rund 15 Jahren hatte sich die „Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs“, wie die älteste Künstlervereinigung des Landes korrekt heißt, entschieden, für die Programmierung eine Leitungspersönlichkeit außerhalb des Vereins zu engagieren – diese Konstruktion revidierte Pilz nun: Das Programm soll künftig vom Vorstand bestimmt werden, wie dies auch in der nahen Secession der Fall ist.

Rückzug angekündigt
Damit entmachtete Pilz den noch amtierenden Geschäftsführer und künstlerischen Direktor Peter Bogner. Kein Wunder, dass dieser vor wenigen Wochen seinen Rückzug ankündigte; überdies sollen seit Jahren schwelende Differenzen mit Teilen des Vereinsvorstands – wenn auch nicht mit Pilz selbst – die Kündigung beschleunigt haben. Anfang 2013, nach rund zehn Jahren, wird Bogner das Haus also verlassen. Seine kaufmännische Leitung wird voraussichtlich Peter Zawrel übernehmen, der bis 2011 Chef des Filmfonds Wien war.

Trotz aller Schwierigkeiten mit Vereinsvorstand und baulichen Nöten blickt Bogner vorwiegend positiv auf seine Amtszeit zurück: „Man kann in diesem Haus vieles verwirklichen, was in einem Museum oder einer Kunsthalle nicht möglich wäre. Wie nirgendwo sonst kann man hier riskante, experimentelle Projekte umsetzen.“ Das Programm der vergangenen Jahre zeichnete sich vor allem durch seine Unvorhersehbarkeit aus, oder, weniger freundlich formuliert, durch Chaos: Unter dem halbkaputten Dach des Hauses fanden der Ringstraßenmaler Hans Makart und ein Multimediafestival, das traditionelle skulpturale Werk des Österreichers Josef Pillhofer und eine unkonventionell-trashige Kunstmesse zusammen.
Zu einem derartigen Themenmix kam es, weil das Künstlerhaus seine Räumlichkeiten an andere Aussteller vermieten muss, um Gelder zu erwirtschaften. Denn mit den 543.000 Euro, die der Bund dem Verein alljährlich zuschießt, und den 363.000 Euro von der Stadt Wien lässt sich in dem monumentalen Gebäude mit den hohen Betriebskosten kein konzises Programm machen. Zumindest für das Kino, in jüngerer Zeit eher ein Nullsummenspiel, fand man nun eine Lösung: Ab September 2013 wird hier das Stadtkino einziehen, das dem Künstlerhaus einige tausend Euro Miete pro Monat bezahlen wird.

Fehlender Raum
Trotz der anhaltenden finanziellen Misere gibt sich der neue Präsident Pilz zuversichtlich. Er wolle künftig die Vereinsmitglieder stärker einbinden: „Es soll zu einer besseren Kommunikation zwischen den Mitgliedern und ihrem Haus kommen. Sie sollen wieder das Gefühl haben, dass sie im Künstlerhaus daheim sind.“ Bereits mehrmals hätten sich Mitglieder beklagt, dass das Haus zu dicht bespielt sei. „Es fehlt ein Raum im Haus, um sich zu treffen“, kritisiert er. Auf derartige Anliegen beabsichtigt er demnächst sein Augenmerk zu legen. Zudem plant er, der Musik mehr Raum zu widmen, und überhaupt: „Es soll alles lebendiger werden hier, Energie muss pulsieren.“ Man solle mit dem ständigen Jammern aufhören und sich zu einem „positiven Selbstverständnis“ durchringen. Und er will dem Künstlerhaus ein klares Leitbild verpassen – das freilich noch zu erarbeiten ist.

An dieser Stelle könnte es schwierig werden: Denn im Gegensatz zum Vorstand der Secession, der aus durchwegs anerkannten Künstlern und Künstlerinnen besteht, rekrutiert sich jener des Künstlerhauses zu weiten Teilen aus völlig Unbekannten, die in der gegenwärtigen Kunstwelt kaum verankert sind. Eine hinter vorgehaltener Hand erzählte Anekdote verdeutlicht diese Weltfremdheit geradezu symptomatisch: Einst soll sich ein Vorstandsmitglied beim Abendessen angeregt mit Roger Buergel, der damals Documenta-Chef war und damit einer der bedeutendsten Player der internationalen Kunstszene, unterhalten haben – und diesen am Ende des Gesprächs freundlich gefragt haben, was er denn beruflich so mache. Es bleibt zu hoffen, dass Pilz’ Ambitionen nicht an der Provinzialität solcher Funktionäre scheitern werden.