Kunst-Bauten - Schön schlicht
Vorarlbergs einzigartige Architekturszene

Dank aufgeschlossener Auftraggeber, visionärer Architekten und liberaler Gesetze ist in Vorarlberg eine außergewöhnliche Architekturszene entstanden.

Und wieder waren Vorarlberger unter den Gewinnern: Für das im Vorjahr fertig gestellte Naturmuseum „Inatura – Erlebnis Naturschau“ in Dornbirn wurde ein vierköpfiges Architektenteam mit dem Bauherren-Preis 2003 bedacht. Die entsprechenden Entwürfe, ab Freitag dieser Woche im Rahmen einer Ausstellung in Dornbirn zu besichtigen, dokumentierten nach Ansicht der Juroren die „herausragende Zusammenarbeit von vier Architekten“ und zeichneten sich durch „hohes architektonisches Niveau“ aus.

Das Projekt ist durchaus typisch für Vorarlberger Baukunst – gute Architektur muss im westlichsten Bundesland nicht lange gesucht werden. „Man braucht nur durchs Land fahren und schauen“, sagt Markus Berchtold, Geschäftsführer des Vorarlberger Architektur Instituts. „Vorarlberg ist ein kulturelles Gesamtphänomen“, meint Roland Gnaiger, lokaler Architekt und Professor an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz.

Innovative Szene. In Vorarlberg ist mehr als bloß das eine oder andere Renommierprojekt entstanden: Einfamilienhäuser ebenso wie mehrgeschoßige Wohnbauten, Hotels, Industriebauten, öffentliche Gebäude oder Banken – vielfach geprägt von leichten, schlanken Konstruktionen aus den Werkstoffen Holz und Glas.
So wurde der Architekt Hermann Kaufmann 2001 für die Planung der Wohnhausanlage Neudorfstraße in Wolfurt mit dem Vorarlberger Holzbaupreis ausgezeichnet. Im Rahmen des Projekts kam Holz erstmals im Auftrag eines großen, gemeinnützigen Bauträgers zum Einsatz. Doch auch für Einfamilienhäuser in typisch regionaler Holzarchitektur, wie etwa von Helmut Dietrich und Much Untertrifaller in Bregenz entworfen, werden im Ländle häufig Architekten konsultiert.

Dezentes Design. Bei ihrem Entwurf des Kindergartens im Bregenzer Ortsteil Braike wiederum wollten die Architekten Roland Gnaiger und Gerhard Gruber mit den Materialien Beton und Holz eine bewusst zurückhaltende Architektur umsetzen. Und für das Hafenbüro Rohner in Fussach wählten die Architekten Dietmar Eberle & Carlo Baumschlager Sichtbeton. „Das Gebäude begeistert, oder es wird abgelehnt, aber es lässt niemanden gleichgültig“, sagt Hausherrin Maria Rohner.

Diese Einschätzung gilt zusehends für die gesamte Architekturszene: Die „Vorarlberger Bauschule“, die für kostengünstiges, ressourcenschonendes und dennoch qualitätsvolles Bauen stehen will, stößt auch international auf Beachtung: Im Französischen Architekturinstitut in Paris wurden die Leistungen der Vorarlberger bereits im Rahmen einer Ausstellung gewürdigt – und sogar mit jenen des Bauhauses in Dessau verglichen.

Ökonomisches Bauen. Kenner der Szene führen dies auf regionale Besonderheiten zu-rück. Seit jeher bevorzugte die Bevölkerung im Dreiländereck schlichte Häuser, vorwiegend aus dem Baustoff Holz. In den siebziger Jahren begannen Architekten, das ökonomische Bauen auf den Siedlungsbau zu übertragen.
Die in Wien studierenden Vorarlberger Dietmar Eberle, Markus Koch, Wolfgang Juen und Norbert Mittersteiner perfektionierten diese Einzelexperimente Ende der siebziger Jahre. Die Gruppe, die sich „Cooperative“ nannte, machte sich günstiges Bauen unter Einbeziehung der zukünftigen Bewohner zur Aufgabe.

Servicegedanke. Diese Kooperation zwischen Bauherren und Architekten prägte die Mentalität beider Seiten. Vorarlbergs Bauschaffende sehen sich als Dienstleister, was einen besonderen Baustil hervorbrachte: schlichte Häuser fern von pseudorustikaler Gemütlichkeit. 40 Prozent der Einfamilienhäuser im mit 350.000 Einwohnern kleinsten Bundesland stammen inzwischen von Architekten. Im Österreich-Schnitt liegt dieser Anteil bei zwei bis drei Prozent.

In den späten siebziger Jahren kehrten etwa zwei Dutzend Architekturabsolventen nach Vorarlberg zurück. Es war eine kreative Schar, die unprätentiöse Häuser mit hoher gestalterischer Qualität verwirklichte – allerdings ohne offizielle Befugnis. Denn dazu hätten die Jungplaner die Ziviltechnikerprüfung ablegen sowie Bei-träge zur Architektenkammer zahlen müssen. Deshalb nannten sie sich „Vorarlberger Baukünstler“.

Der folgende Konflikt mit der Kammer provozierte eine starke kulturelle Kraft, die in der Gründung der „Vorarlberger Bauschule“ als offizielle Landesarchitektur mündete. Waren die Auftraggeber anfangs vorwiegend aus kreativen Berufen gekommen, begeisterte die Baukünstler-Bewegung bald immer weitere Bevölkerungskreise. Auf der einen Seite standen Architekten mit starker Identität, auf der anderen Bauherren, die für Architektur zu begeistern waren. Quasi gemeinsam fochten sie auch manchen Kampf gegen Behörden aus.

Die Folgen waren ein liberales und kurz gefasstes Baugesetz sowie die Bereitschaft der Gemeinden, bei der Beurteilung neuer Projekte einen Gestaltungsbeirat einzubinden. In Lustenau etwa wurde einer Möbelkette die Baugenehmigung verweigert, weil das Projekt dem „hohen architektonischen Standard nicht entsprochen hat“.

Vorgefertigt. Heute beweisen die Vorarlberger Betriebe vor allem bei der Verarbeitung von Holz hohe Innovationskraft. Die lokalen Holzbauunternehmen spezialisierten sich dabei sowohl auf Ökologie als auch auf Ökonomie. So wurde in Vorarlberg das erste „Passivhaus“ realisiert, ein Haus ohne konventionelle Heizung. Inzwischen hat Vorarlberg die größte Dichte an Energiesparhäusern in Österreich. Zudem wurde die große Erfahrung im Bereich des ökonomischen Bauens um die Facette der industriellen Vorfertigung erweitert: Viele der maßgeschneiderten, in wenigen Tagen zu Häusern gezimmerten Einheiten genügen auch hohen Architekturansprüchen.

Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: Im Auftrag des Gasthofs „Rote Wand“ in Zug bei Lech realisierte das Architekten-Quintett Geiger/Kathan/Reiter/Simoni/
Strolz einen Hotelzubau in Fertigteilbauweise. Der gerade in den Bergen aufwändige Bauprozess wurde radikal beschleunigt, indem die Zimmer in einer Industriehalle vorgefertigt wurden. In nur einer Woche stand das Hotel.