Gordischer Knoten

Die Kritik an der Amtsführung Gerald Matts und der Druck der Grünen zeitigten Konsequenzen: Die Kunsthalle Wien wird zu einer GmbH umgebaut, Matt dienstfrei gestellt. Die Schlammschlacht ist jedoch nicht zu Ende.

Der Kultursprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo, machte sich keine falschen Hoffnungen: „Ich sag es ehrlich: Das ist wahnsinnig schwierig. Wir sitzen mit dem Koalitionspartner zusammen, und die Köpfe rauchen“, erklärte er vor einigen Wochen im profil-Gespräch, als es um die Zukunft der Kunsthalle ging. Am Freitag vergangener Woche wurde eine in monatelanger Kleinarbeit gefundene Entscheidung präsentiert, die das Haus wieder in ruhigere Bahnen lenken soll. Eine wirkliche Lösung der sich zusehends verschärfenden Konflikte um die Kunsthalle scheint aber auch sie nicht zu bieten.

Seit Monaten macht der Direktor der Institution, Gerald Matt, weniger mit Ausstellungen auf sein Haus aufmerksam als durch seinen nachweislich legeren Umgang mit öffentlichen Geldern und Ressourcen: Bereits im April berichtete profil, dass Matt Mitarbeiter des Hauses für Privatprojekte, für die er persönlich entlohnt worden war, eingesetzt haben soll – und zwar in ihrer Arbeitszeit; auch für Kunsthalle-Ausstellungen, die in anderen Häusern gezeigt wurden, soll er privat Honorare erhalten haben. Später wurde bekannt, dass er potenziellen Sponsoren großzügig die österreichische Nationalität offeriert haben soll; ehemalige Kunsthalle-Mitarbeiter erklärten zudem unter Eid, dass sie für Arbeiten in seiner Wohnung von der Geschäftsstelle des Hauses, also aus Steuergeldern, bezahlt worden seien. Matt selbst äußerte sich zu all den Anwürfen kaum – und ließ den Vorstand des Vereins Kunsthalle Wien sowie seine Anwältin Huberta Gheneff stets entrüstet dementieren.

Dennoch war der Gegenwind offenbar zu stark geworden:
Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, dessen Ressort die Kunsthalle mit jährlich rund 4,1 Millionen Euro subventioniert, geriet unter Druck und versuchte sich nun gemeinsam mit Werner-Lobo an der Zerschlagung des gordischen Knotens. Die Kunsthalle ist als Verein organisiert, die Stadt Wien kann daher auf sie keinerlei Kontrolle ausüben. Der Vorstand, der von Matt selbst eingesetzt worden war, konnte bislang nach Gutdünken schalten und walten. So war es möglich, dass sich Matt absurd anmutende Sonderregelungen vertraglich aushandelte. Der Vorstand gestand ihm beispielsweise zu, Mitarbeiter in einem gewissen Ausmaß für eigene Projekte einzusetzen; auch Matts hohe Spesenkonten mit astronomischen Reise- und Telefonkosten sowie einer substanziellen Überstundenpauschale unterlagen offenbar keiner Art von Kontrolle.

Die nun präsentierte Übergangslösung zeugt von gutem Willen, aber auch von Hilflosigkeit: So wird der Geschäftsführer des Kunsthauses Wien, Franz Patay, interimistisch vom 1. Jänner bis 31. März 2012 die Kunsthalle leiten; bis dahin sollen alle Vorwürfe und die offene Frage geklärt werden, ob die künstlerische Leitung neu ausgeschrieben oder weiterhin von Gerald Matt, der auf Einhaltung seines Vertrags bis 2014 pocht, ausgeübt werden soll. Matt wird bis April 2012 vom Dienst freigestellt – bei vollen Bezügen.

Zudem soll, rechtlich überaus kompliziert, eine GmbH den bisherigen Verein ersetzen. Diese wird von einem neu bestellten Aufsichtsrat kontrolliert, dessen Vorsitz Sonja Hammerschmid, Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität, übernimmt. Neben dem Kurator Martin Fritz, dem Kulturabteilungsleiter Bernhard Denscher, dem Tourismusdirektor Norbert Kettner sowie den Betriebsräten sitzt auch Siegfried Menz, der bereits im Vorstand des Kunsthalle-Vereins tätig war, in diesem Kontrollgremium – aus „Gründen der Kontinuität“, wie Mailath-Pokorny erklärt. Thomas Häusle, Präsident des scheidenden Vorstands der Kunsthalle Wien, begründete seine Zustimmung zur Verwandlung des Vereins in eine GmbH in einer Aussendung wie folgt: „um die Zukunft der Kunsthalle Wien und ihrer über 50 Arbeitnehmer sicherzustellen“. Er hält jedoch „dezidiert fest“, dass der Vorstand „eine Dienstfreistellung des Direktors lediglich aufgrund des Drucks der Wiener Grünen, andernfalls einer Subvention der Kunsthalle Wien nicht zuzustimmen“, durchführe – „aus politischen Gründen und auf Druck“.

Bereits 2002 hatte das Kontrollamt empfohlen, den Verein in eine GmbH zu überführen; dass dies nicht umgesetzt worden war, begründet Mailath mit „dem enormen Aufwand“ und sagt: „Es bestand aber damals auch keine Veranlassung zu einer Neuordnung der Kunsthalle. Das ist einer der bestgeprüften Vereine dieser Stadt!“ Eine schon vor Jahren vollzogene Teilverabschiedung aus der kulturpolitischen Verantwortung fällt offensichtlich nun auf die Politik zurück. Noch im Februar 2010 hatte Mailath gegenüber profil erklärt, dass für Vertrags- und Gehälterfragen in Vereinen und GmbHs nur die zuständigen Gremien, die Aufsichtsräte oder Vereinsvorstände verantwortlich seien, keinesfalls habe er dazu etwas zu sagen. „Ich bin froh, mich da nicht einmischen zu müssen“, sagte Mailath damals. Nun sieht er sich doch gezwungen, sich einzumischen.

Durchaus zufrieden sei er übrigens mit dem Wirken der Kunsthalle und überraschenderweise auch mit Matts Arbeit: Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Mailath die Schuld an der aktuellen Situation der Kunsthalle eher den Medien als Matt selbst zuschreibt. Seine aktuellen Maßnahmen begründet er damit, „dass die Arbeit in der Kunsthalle nicht mehr gut genug funktionieren kann, wenn die Vorwürfe gegen Matt derart stark sind“. Ob das Interesse an der Klärung des Sachverhalts in der Wiener SPÖ freilich ohne Koalitionspartner ebenso groß gewesen wäre, ist fraglich.

Schließlich hatten die Grünen die Zustimmung zur Subvention der Kunsthalle verweigert, sollte Matt nicht zumindest temporär freigestellt werden. Mailath dazu knapp: „Wir haben uns ja schon vor dem Sommer Gedanken über eine Neustrukturierung der Kunsthalle gemacht.“ Die nun auf dem Tisch liegenden Entscheidungen hätten SPÖ und Grüne „aber gemeinsam getroffen“.

Schnell ist die Wiener SPÖ dagegen, wenn es um Jobrochaden innerhalb der von ihr finanzierten Kulturbetriebe geht: Die ehemalige Kunsthalle-Geschäftsführerin Bettina Leidl, bis vor Kurzem nebenbei auch zuständig für die Wiener Kunst im öffentlichen Raum (KÖR), wurde kürzlich als Leiterin der städtischen Kreativwirtschafts-Förderagentur departure eingesetzt, und auch Matt selbst war in den Genuss des SPÖ-internen Jobverteilers gekommen, erhielt er doch für seine Tätigkeit für KÖR – diese Stelle hatte man 2007 der Kunsthalle zugeordnet – erkleckliche Extragehälter.

Nun wird Gerald Matt interimistisch vom Geschäftsführer des Kunsthauses Wien ersetzt, dessen Engagement für zeitgenössische Kunst bislang nicht ins Auge stach; das Kunsthaus zählt zur Wien Holding, untersteht somit Stadträtin Renate Brauner, Mailaths Parteikollegin. Auch wenn Patay die Kunsthalle nur drei Monate lang leiten soll: Die Stadt Wien scheint ihre Kulturjobs bevorzugt im eigenen Personalreservoir zu vergeben.

Matt selbst ließ jedenfalls Ende vergangener Woche wissen, dass er gegen seine verordnete Auszeit vorgehen wolle. Mailath dazu: „Die Dienstfreistellung Matts ist mit ihm und dem Vorstand besprochen. Matt besteht natürlich auf seine Rechte. Der jetzige Vorstand wird ihn aber dienstfrei stellen, das ist rechtlich möglich für ­einen bestimmten Zeitraum, prinzipiell auch gegen seinen Willen.“

Freilich ist zweifelhaft, was sich Matt von einer weiteren Tätigkeit als Kunsthalle-Direktor – abgesehen von seinen fürstlichen Bezügen – eigentlich erwartet: Schließlich wurde bereits derart viel Porzellan zerschlagen, dass sich die Frage stellt, wie überhaupt noch Ruhe einkehren soll in der Kunsthalle. Inzwischen sammelt Matt in der Kunstszene Solidaritätsbekundungen: So verteidigte etwa Belvedere-Chefin Agnes Husslein seine intensive Reisetätigkeit, als wäre das der Hauptvorwurf gegen Matt gewesen. Auch der Galerist Ernst Hilger, der – mittlerweile verstorbene – Kurator und Grünen-Politiker Dieter Schrage sowie der Schriftsteller und Künstler Feridun Zaimoglu, dessen ­Installation im Museumsquartier vor der Kunsthalle einst großes Aufsehen erregte, griffen den Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, frontal an – dieser hatte als Erster Matts laxen Umgang mit öffentlichen Geldern und Ressourcen kritisiert und ihn später bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft angezeigt.
Die Vorwürfe konnten Matts Apologeten jedenfalls nicht entkräften. Am Freitagnachmittag vergangener Woche meldete sich Matt selbst noch aus Miami Beach, wo er eine Kunstmesse besucht, zu Wort: Er respektiere die Entscheidung seines Vorstands, ihm eine Dienstfreistellung aufzuerlegen, um die Subvention der Kunsthalle Wien zu sichern. Es handle sich aber um eine „politische Vorverurteilung“ – und: „Bei den bisherigen Konflikten geht es nicht primär um meine Person, sondern um grüne Partei- und Machtpolitik.“ Zuletzt betonte er, dass er „jedenfalls seinen Vertrag erfüllen“ werde.

Aber auch intern scheint Matt nur noch wenig Rückhalt zu besitzen. Eine Kunsthalle-Mitarbeiterin erzählt, dass seit dem Frühjahr „eine Situation der Verängstigung und Bedrohung herrsche“, ebenso hört man von „paralysierten Mitarbeitern“, die nächtelang nicht schlafen könnten. Ein Klima der Angst herrsche in der Belegschaft der Kunsthalle: Einigen Personen, die demnächst von der Staatsanwaltschaft befragt werden, soll Matt gedroht haben, dass er sie verklage, wenn sie gegen ihn aussagen würden; und er soll ihnen geraten haben, dass sie als Zeugen auch angeben könnten, sich an nichts zu erinnern. Eine profil-Anfrage dazu an Matt blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Mitarbeit: Stefan Grissemann