Kostenstelle 10

Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, soll auf Kosten des Hauses private Dienstleistungen konsumiert haben – in beträchtlichem Umfang. Fünf eidesstatt­liche Erklärungen zeugen davon.

Die Wohnung von Kunsthallen-Direktor Gerald Matt ist alles andere als ein geheimnisumwittertes Refugium: Gern öffnete der glamouröse Dandy sein ­Domizil der heimischen Presse für Home­storys, beauftragte sogar Künstler damit, es fotografisch festzuhalten. Nicht nur Kunstschaffenden, auch zahlreichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Kunsthalle dürfte Matts Wohnung gut bekannt sein. Schon seit geraumer Zeit wird in der Wiener Kunstszene erzählt, dass Matt Mitarbeiter des Ausstellungshauses mit diversen Arbeiten in seiner Privatwohnung ­betraut habe und von der – großteils aus öffentlichen Geldern finanzierten – Kunsthalle Wien bezahlen habe lassen.

Nun liegen profil fünf eidesstattliche Erklärungen sowohl von Freiberuflern, die im Auftrag der Institution arbeiteten, als auch von ehemaligen Angestellten vor, die diese Gerüchte bestätigen. Die Namen der Betroffenen sind der Redaktion bekannt, alle wollen jedoch anonym bleiben – aus Angst vor Verleumdungsklagen.

Aus ihren Aussagen – sie betreffen den Zeitraum zwischen 1998 und 2005 – geht hervor, dass Gerald Matt auf Kunsthalle-Kosten Reparatur-, Installations- und Transportarbeiten für seine Wohnung in der Wiener Gumpendorfer Straße erledigen ließ. Ebenso soll er hauseigene Betriebsmittel zum Privatgebrauch eingesetzt haben. So erklärt ein Arbeiter, hier mit dem Pseudonym Andreas F. bezeichnet, dass „Transporte und Arbeiten für Herrn Matt, seinen privaten Wohnsitz ­betreffend, durchgeführt“ worden seien, Nachsatz: „Dafür wurden auch freie Dienstnehmer, der permanent gemietete Transportwagen, die Infrastruktur (Lager, Werkstatt und Werkzeug) der Kunsthalle Wien herangezogen.“ Die derart angefallenen Arbeitsstunden seien, so F., „in der Regel auf Kostenstelle ‚10 Haus‘“ gebucht worden. Zahlungen von Matt selbst seien ihm nicht bekannt, wohl aber „Stunden, die für Möbeltransporte und Arbeiten in seiner Wohnung an das Haus – also an die Kunsthalle – verrechnet wurden“.

Auch in einer anderen Erklärung ist von der „Kostenstelle 10“ die Rede – die hausinterne Bezeichnung für nicht konkreten Projekten zuzuordnende Rechnungen. Der ehemalige Kunsthallen-Mitarbeiter Heinrich M. berichtet: „Die Tätigkeiten beinhalteten auch private Arbeiten für Gerald Matt oder ihm nahe stehende Personen und hatten jedenfalls nichts mit den Aufgaben der Kunsthalle Wien zu tun. So wurden regelmäßig Matts private Möbel transportiert, Einbauten und Reparaturarbeiten an seinen Autos durchgeführt, oder es wurden Umbauarbeiten in seiner Wohnung in der Gumpendorfer Straße in 1060 Wien verrichtet.“ Wie Andreas F. erklärt auch M., dass all dies über den Verein Kunsthalle Wien abgerechnet worden sei. Und auch er weist darauf hin, dass man dafür Kunsthallen-Infrastruktur genutzt habe.

Der Einzelunternehmer Maximilian Z. erklärt, dass er mit Arbeiten an einem von Matts Autos beschäftigt war und mehrmals für ihn privat Möbel transportiert habe. Die Honorare seien ihm „im Rahmen der monatlichen Abrechnungen von der Kunsthalle bezahlt“ worden. Ebenso sein Kollege Rainer S.: Er spricht von Arbeiten in Matts Wohnung sowie von Möbeltransporten. Auch er schreibt: „Bezahlt wurden mir diese privaten Aufträge wie die von der Kunsthalle. Auch zahlreiche andere Kollegen aus der Kunsthalle haben solche Arbeiten durchgeführt und waren in der Wohnung Matts tätig. Für die Aufträge wurden die Werkzeuge, Fahrzeuge oder – wenn notwendig – auch die Räume der Kunsthalle benutzt.“

Doch nicht nur Möbeltransporte und ­Installationsarbeiten in Matts Wohnung scheinen von Kunsthallen-Geldern bezahlt worden zu sein. Auch zahlreiche andere ­Organisationstätigkeiten rund um sein Privatleben legte der Direktor – laut Aussage der einstigen Kunsthallen-Mitarbeiterin ­Susanne R. – in die Hände von Angestellten des Hauses. So habe sie ebenso wie ihre Kolleginnen Matts private Bankgeschäfte und Steuerangelegenheiten erledigen, Urlaubsreisen und Treffen mit Bekannten und Freunden organisieren müssen. Die Privat­erledigungen, die Matt über die Kunsthalle abrechnete, dürften zudem ein beachtliches Ausmaß erreicht haben: So spricht Susanne R. davon, dass sie „extrem oft für private Angelegenheiten Gerald Matts eingesetzt“ wurde, und Andreas F. bekundet, dass „Herr Direktor Matt als eigenes ‚Projekt‘ betrachtet werden konnte“.

Matt selbst war zu keiner Stellungnahme bereit, ebenso wenig Bettina Leidl, die noch bis Ende November 2011 als Geschäftsführerin der Kunsthalle fungiert. Stattdessen schickte Matt seine Anwältin Huberta Gheneff vor – sie drohte profil vergangene Woche telefonisch, dass man sich eine derartige Geschichte über ihren Auftraggeber „nicht gefallen lassen“ werde – und den Vorstand der Kunsthalle Wien, den Matt einst selbst bestellt hatte. Dessen Vorsitzender Thomas Häusle verweist per E-Mail auf laufende Prüfungen durch das Kontrollamt und teilt lapidar mit, „dass zu keiner Zeit private Leistungen für Dr. Matt aus Mitteln der Kunsthalle beglichen wurden“. Die Geschäftsführung der Kunsthalle Wien sei „immer wieder von den zuständigen Kontrollorganen, also Vorstand, Generalversammlung, Kassier, Rechnungsprüfer sowie Kontrollamt und Rechnungshof geprüft worden und ist ordnungsgemäߓ, so Häusle. Er ortet „falsche Behauptungen“, die von „seit längerer Zeit nicht mehr im Betrieb befindlichen und großteils gekündigten Mitarbeitern nur gegenüber Medien erhoben werden, nicht jedoch den zuständigen Aufsichtsbehörden der Kunsthalle Wien angezeigt wurden“.

Zumindest in letzterem Punkt dürfte sich Häusle irren: Dieser Tage werden die fünf Schriftstücke an die Staatsanwaltschaft und an das Kontrollamt übermittelt.