Schatz-Puzzle

Bei Forschungsarbeiten zur Wiener Hofburg wurde eine sensationelle Entdeckung gemacht: Man fand die originale Kunstkammer – den ersten Museumsbau nördlich der Alpen.

Die Wiener Hofburg stellt für den durchschnittlichen Touristen offenbar ein unverzichtbares Ziel dar: Menschen jeden Alters drängen sich durch den Gebäudekomplex zwischen Ring und Michaelerplatz. Besonders gern bleiben die Wien-Besucher in Grüppchen vor dem Schweizertor stehen und testen, einige Meter weiter, durch lautes Rufen die Akustik der Michaelerkuppel. Dass sie auf dem Weg zwischen diesen beiden Hotspots den materiellen Rest des ersten Museums nördlich der Alpen passieren, war freilich bislang niemandem bekannt. Ein unspektakuläres Eck, das scheinbar etwas sinnfrei unter einem vergitterten Fenster hervorragt, bildete – wie sich nun herausstellt – das Fundament jener Kunstkammer, die im 16. Jahrhundert von Ferdinand I. und Maximilian II. angelegt wurde und aus deren einstigen Beständen sich Teile der Sammlung speisen, deren Neuaufstellung vor wenigen Wochen im Kunsthistorischen Museum (KHM) so spektakulär eröffnet wurde. Erst kürzlich konnte diese frühe Kunstkammer lokalisiert werden, im Zuge eines groß angelegten Projekts, bei dem Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften, einiger Universitäten und des Bundesdenkmalamts (BDA) die Hofburg untersuchen.

Aufgrund von Plänen und Schriftquellen entdeckte Renate Holzschuh-Hofer, Kunsthistorikerin im BDA, den exakten Ursprung der kaiserlichen Sammlungen, die Natur, Kunst und Technik zu vereinen trachteten. Sie recherchierte die genaue Baugeschichte jenes kaum beachteten, teils längst überbauten Orts in der Hofburg. Zunächst wurde, zwischen 1540 und 1542, ein Ballspielhaus errichtet. 1556 baute man direkt daneben eine Küche; und später schloss Ferdinand I. seine Kunstkammer daran an. Deren Bauzeit kann recht genau begrenzt werden: 1558 gab Ferdinand I. die Errichtung in Auftrag (in einer Auflistung von Bautätigkeiten in der Burg ist von der „erpauung ainer Khunst Chamer“ die Rede), 1563 befahl er, dass ein Porträt von ihm aus der Kunstkammer ausgehoben werden solle („in unserer kunstchamer zwWienn wirdest du ein prustbild unserer kontrafetur... finden“, heißt es im Schreiben des Kaisers).

„Obere" und „untere" Kunstkammer
Der Bau, für den Holzschuh-Hofer eine Grundfläche von etwa 20 mal 6 Metern errechnete, wurde damals nicht mit den Zeremonialräumen verbunden und kann somit der erste eigenständige Museumsbau nördlich der Alpen genannt werden – erst mit der Emanzipation der Sammlungen aus den Residenzräumlichkeiten beginnt die Geschichte des Museums. Bis dato galt stets die Münchner Kunstkammer des Herzogs Albrecht V., die zwischen 1563 und 1567 entstand, als erster Museumsbau. „Vorher gab es auch nördlich der Alpen Studioli, also Räume zur Beschäftigung mit den Künsten, oder die Residenzen waren mit Sammlungen ausgestattet. Ein eigenes Bauwerk außerhalb der Zeremonialräume zur Aufnahme einer Sammlung existierte allerdings vor dem Wiener Kunstkammergebäude nicht“, erklärt Holzschuh-Hofer.

Ferdinands Sohn, Maximilian II., ließ das Bauwerk später aufstocken und errichtete darüber ein Appartement sowie eine weitere Etage mit Sammlungsräumlichkeiten; in den Quellen ist von „oberer“ und „unterer“ Kunstkammer die Rede.

Mit Sicherheit wurde darin zumindest ein Teil jener Objekte präsentiert, die nun ihre Heimat in der Neuaufstellung des KHM haben – neben Porträts, Harnischen, Münzen und antiken Gegenständen fanden sich in Ferdinands Sammlung auch die spätantike Achatschale und das „Ainkhürn“ (Einhorn), wie der kürzlich zur Kunstkammer publizierte Katalog aufzählt. Im Inventar von Maximilian II. sind darüber hinaus Handsteine, Schmuckstücke, wissenschaftliche Instrumente, Bergkristall- und Silbergefäße sowie Ziegenhäute und Tigerfelle verzeichnet. Fest steht, dass schon damals den Gästen des Hauses die erstaunlichen Kollektionen stolz präsentiert wurden.
Zudem untersuchte Holzschuh-Hofers Kollege Herbert Karner von der Akademie der Wissenschaften jene lang gestreckte Galerie, die Rudolf II. zwischen 1583 und 1585 erbauen ließ, näher; auch diese ist heute nicht mehr erhalten. Sie schloss an die beiden Kunstkammern und das Ballspielhaus an. Besonders bemerkenswert an dem Ensemble: Vor dem Gebäude tat sich der Garten auf, zu der sich eine Grotte öffnete. „Es ist kein Zufall, dass sich hier eine Grotte findet. Schließlich ist diese ein mythischer Ort, an dem sich die Bereiche des Terrestrischen und des Maritimen treffen“, erläutert Karner. Da sich in den Kunstkammern der Kosmos abbilden sollte, erscheint die Kombination von Museumsraum und Garten folgerichtig. Ein polnischer Kronprinz berichtet 1624 etwa davon, „unvergleichliche Wunder der Natur und Kunst“ in der „geheimen Schatzkammer des österreichischen Hauses“ gesehen zu haben. Die Aufstellung der Galerie beschrieb auch der Botschafter des Herzogs von Modena, der seinem Chef 1659 von 13 Kästen aus Ebenholz und 13 Schränken berichtete und detailliert Auskunft über die dort ausgestellten Gegenstände gab.

Es scheint erstaunlich, dass man trotz intensiver Forschungen zur Wiener Kunstkammer erst jetzt auf deren baulichen Ursprung gestoßen ist. „Die meisten Quellen waren schon lange bekannt – aber sie wurden bisher nicht richtig ausgewertet“, schildert Renate Holzschuh-Hofer ihre Forschungsarbeit.

Im KHM zeigt man sich über die Entdeckung begeistert. „Wir wussten, dass Ferdinand I. eigene Räumlichkeiten für seine Kunstkammer erbauen ließ, konnten den exakten Ort aber nicht lokalisieren“, so Direktorin Sabine Haag. „Da es sich dabei tatsächlich um den ersten Museumsbau nördlich der Alpen handelt, ist der Fund wirklich sensationell.“ Gut möglich also, dass die vielen Wien-Besucher in näherer Zukunft zwischen Schweizertor und Michaelerkuppel einen Stopp einlegen: vor einem denkbar unglamourösen Stück Mauerwerk, dessen Bedeutung bisher niemand gekannt hatte.