Petite Rendite

Als ertragreich verkauft, bei Auszahlungen zinsschwach: Klassische Lebensversicherungen punkten vor allem mit hohen Kosten.

Eine „Aktion scharf“, unangemeldete Besuche, Followup- Prüfungen – das ganze Programm eben. Und am Ende ließ Helmut Ettl, Vorstand der Finanzmarktaufsicht (FMA), unmissverständlich wissen: „Die Mängel sind sofort zu beheben.“ Sonst würde man andere Mittel finden, „den gesetzlichen Zustand herzustellen“. Was sich anhört, als hätte die FMA einen Ring von Anlegerbetrügern gesprengt, war in Wirklichkeit nichts anderes als eine Überprüfung der Gepflogenheiten in Österreichs Lebensversicherungsbranche. Die Lebensversicherung ist, neben dem Sparbuch, die erfolgreichste Anlageform dieses Landes.

Über zehn Millionen Verträge existieren in Österreich – bei einer Bevölkerung von rund acht Millionen ein mehr als beachtlicher Wert. Und dennoch bleibt dieses Produkt für die Anleger zutiefst nebulös. Sie wissen weder, wie ihr Kapital veranlagt wird, noch, mit welchen Kosten sie belastet werden. Dass die hohen Renditeversprechungen selten halten, erfahren die Kunden zudem erst, wenn es schon längst zu spät ist. Wer eine Lebensversicherung abschließt, stellt sich vor allem eine Frage: Wie viel schaut am Ende raus? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten: Denn das Ende – nämlich der eigene Tod – kann früher kommen als erwartet. Bei dieser Variante bleibt dem Versicherungsnehmer zumindest eine Menge erspart: vor allem der Ärger darüber, dass die Versicherungen ihre Gewinnprognosen so gut wie nie einhalten können. Dabei sind die in Aussicht gestellten hohen Renditen das beste Verkaufsargument beim Abschluss.

Als fürsorglicher Vater macht sich Otto Laimer (Name von der Redaktion geändert) über die Zukunft seiner Kinder viele Gedanken. Mit Mitte 20 würde sein Sohn vielleicht gerade mitten im Studium stecken oder eine Familie gründen wollen. Da könnte er etwas Startkapital gut gebrauchen. Für solche Fälle gedachte Laimer vorzusorgen und machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Veranlagungsmöglichkeit. Risikoarm sollte sie sein, aber trotzdem eine einigermaßen gute Verzinsung vorweisen können. Der Familienvater wurde fündig, die Konditionen klangen überzeugend: Insgesamt rund 7500 Euro sollte er in eine klassische Lebensversicherung einzahlen. Mit einer Rendite – im Fachjargon „Gesamtverzinsung“ – von 5,75 Prozent jährlich sollten daraus nach zehn Jahren 10.000 Euro werden. Das priesen eine Werbebroschüre der Bank Austria und die zuständige Beraterin an. Nun, ein Jahr vor Ablauf des Vertrags, sieht die Sache völlig anders aus. Der jährlich von der Versicherung versandten „Information über zugewiesene Gewinnanteile“ entnimmt Laimer, dass er bei Vertragsablauf nicht mehr als 8254 Euro herausbekommen wird. Das entspricht einer Rendite von rund zwei Prozent auf die einbezahlten Prämien. Wie kann es sein, dass am Ende so viel weniger rausschaut als versprochen? Das Problem für den Kunden: Die bei Vertragsabschluss in Aussicht gestellte Gesamtverzinsung ist nichts als eine Prognose der Versicherung. „Und diese sind viel zu optimistisch“, sagt Christian Prantner, Versicherungsexperte der Arbeiterkammer Wien.

Jedes Jahr gehen bei der AK, dem Verein für Konsumenteninformation und der Finanzmarktaufsicht Tausende Beschwerden von Kunden ein, die sich von ihrer Versicherung getäuscht fühlen. „Wir haben bei der Erstellung der Gewinnprognosen ganz klare gesetzliche Vorgaben“, kontert Josef Adelmann, Generaldirektor der Bank Austria Versicherung. „Sie erfolgen immer aufgrund der letztaktuellen Gesamtverzinsung.“ Die Gesamtverzinsung – also der insgesamt erzielte Veranlagungsgewinn – setzt sich aus einem gesetzlich vorgeschriebenen und von der FMA regelmäßig angepassten Garantiezinssatz sowie der Verzinsung der vom Versicherungsunternehmen erwirtschafteten Gewinne zusammen. Je weniger Überschüsse die Assekuranzen in ihren Veranlagungen erzielen, desto magerer folglich auch die Gesamtverzinsung. In Zeiten kränkelnder Kapitalmärkte ist die Prognose das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht. Besonders herb ist die Enttäuschung für Versicherte, die in Hochzeiten eingestiegen sind: Anfang der neunziger Jahre etwa lag die Gesamtverzinsung bei 7,5 Prozent. Die Auszahlungsbeträge, die von den Versicherungen avisiert wurden, waren berauschend. Doch diese Prognosen sind in keiner Weise bindend. Derzeit werben die Versicherungen mit einer Gesamtverzinsung zwischen drei und vier Prozent. Ob das eingehalten werden kann, ist fraglich.

„Auch wir unterliegen den Schwankungen des Kapitalmarkts, wenn das allgemeine Zinsniveau runtergeht, können wir uns dem nicht entziehen“, sagt Adelmann. Das Einzige, worauf der Versicherte tatsächlich Anspruch hat, ist der Garantiezins. Er wird von der FMA festgelegt und beläuft sich seit Anfang April dieses Jahres auf zwei Prozent. Der bei Vertragsabschluss gültige Zinssatz wird über die gesamte Laufzeit nicht verändert. Fix rechnen darf man mit der Gesamtverzinsung nicht – es gibt weder Garantie noch gesetzliche Verpflichtung auf Einhaltung. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass die Prognosen nur in seltenen Fällen erreicht werden. Lebensversicherungen sind durch gesetzliche Vorgaben dazu angehalten, besonders konservativ zu veranlagen. So wird der überwiegende Teil (zwischen 50 und 80 Prozent) des Kapitals in Staats- und Unternehmensanleihen gesteckt. Der Rest fließt in Aktien, Immobilien und zu einem sehr geringen Anteil auch in Hedgefonds und derivative Finanzinstrumente. Doch die Situation an den Finanzmärkten macht es zunehmend schwieriger, attraktive Renditen zu erwirtschaften. Zumal Staatsanleihen auch nicht mehr sind, was sie einmal waren.

Bis vor Kurzem noch galten sie als todsichere Anlagemöglichkeit. Das hat sich – Stichwort „Griechenland“ – grundlegend verändert. Die Versicherungsunternehmen beteuern zwar unisono, nur in geringem Ausmaß Papiere von Krisenstaaten in ihren Büchern zu haben, doch auch die Anleihen vermeintlich sicherer Staaten haben gelitten. So lagen beispielsweise die Renditen der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe vor einigen Jahren noch bei sechs Prozent und mehr. Derzeit dümpeln sie bei drei Prozent herum. Bei der starken Gewichtung auf Staatsanleihen ist es nicht verwunderlich, dass Versicherungen kaum mehr als eine Nettoverzinsung von ein bis zwei Prozent erreichen. Ein bis zwei Prozent wovon eigentlich? Tatsächlich werden nur zwischen 75 und 85 Prozent des gesamten einbezahlten Kapitals veranlagt. Abgezogen wird etwa die so genannte Risikoprämie. Sie wird für den Ablebensschutz verwendet und berechnet sich nach den von der Statistik Austria veröffentlichten Sterbetafeln. Je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Versicherte während der Laufzeit stirbt, desto höher auch die Risikoprämie.

Während sie bei jungen Frauen kaum ins Gewicht fällt, macht sie etwa bei Männern ab einem Alter von 55 Jahren einen beträchtlichen Anteil aus. Die Versicherungssteuer, die an den Staat abgeführt wird, schlägt mit vier Prozent zu Buche. Dazu kommen Verwaltungskosten von bis zu fünf Prozent, die in den Kanälen der Versicherung versickern, denn der riesige Personalapparat will auch finanziert sein. Auf fünf Prozent und mehr belaufen sich die so genannten Abschlusskosten – auch der Vertriebspartner der Versicherung muss schließlich von etwas leben. Je höher die Versicherungssumme – das ist jener Betrag, zu dessen Bezahlung sich die Assekuranz im Todesfall oder bei Ablauf der Vertragslaufzeit verpflichtet hat – und je länger die Laufzeit ist, desto üppiger fällt die Provision für den Vertrieb aus. Bleibt noch der so genannte Unterjährigkeitszuschlag, der bis zu sechs Prozent betragen kann. Was der Versicherung damit abgegolten werden soll, bleibt unklar. Einheben kann sie ihn dann, wenn die Prämie nicht jährlich, sondern monatlich einbezahlt wird. Klartext: Die genannten Kosten fallen bei jeder Prämieneinzahlung an. Von 100 Euro monatlich einbezahlter Prämie werden nur 75 bis 85 Euro tatsächlich veranlagt.

Und erst diese „Sparrate“ wird mit dem Garantiezins verzinst. Ein Umstand, der den Versicherten meist nicht bekannt ist, und auch in den Assekuranzen dürfte er sich noch nicht bei allen Mitarbeitern herumgesprochen haben. Denn trotz mehrmaliger Nachfrage hat Otto Laimer bei seiner Versicherung keine Auskunft darüber erhalten, wo die Erträge der Garantieverzinsung von – in seinem Fall – 3,25 Prozent geblieben sind. Der Vorteil bei Lebensversicherungen: Die Prämienzahlungen sind steuerlich begrenzt absetzbar, wenn die Auszahlung in Form von Rentenzahlungen vorgesehen ist. Zudem sind die Auszahlungen von der Kapitalertragsteuer und der Einkommensteuer befreit. Lebensversicherungen sind ein gutes Geschäft, nicht umsonst werden in diesem Bereich die größten Vertriebsanstrengungen unternommen. Über 30 Anbieter matchen sich um die Gunst der Anleger, und trotz des gesättigten Markts schaffen die Unternehmen noch immer Steigerungen: So erhöhte sich das verwaltete Prämienvolumen im vergangenen Jahr um knapp zwei Prozent auf 7,5 Milliarden Euro. Ein Verwaltungsaufwand wie bei Lebensversicherungen fällt bei einem klassischen Sparbuch nicht an.

Hätte Laimer die insgesamt 7453 Euro, die er in seine Polizze investiert hat, auf ein mit vier Prozent jährlich verzinstes Sparbuch gelegt, hätte er nach zehn Jahren statt über 8254 Euro über 9029,55 Euro verfügen können. „Wäre ich damals richtig informiert worden, hätte ich die Polizze niemals abgeschlossen“, meint Laimer rückblickend. Die Verantwortlichen bei den Versicherungen wollen diesen Vergleich freilich nicht gelten lassen. „Hier wird ausschließlich eine Renditerechnung betrieben, doch dass wir von einer Versicherung sprechen, die im Todesfall den Hinterbliebenen die volle Versicherungssumme auszahlt, und zwar egal, wie viel bereits angespart wurde, wird negiert“, ärgert sich Wolfgang Ortner, Leiter der Abteilung Lebensversicherung bei der Generali. Tatsache ist jedoch, dass viele Verträge mit dem Zweck der Kapitalanlage und deren Vermehrung abgeschlossen werden. Und so werden sie auch vonseiten der Versicherungen beworben. Bleibt als Fazit: Die Versicherungsnehmer werden schlecht beraten. Wer das erst während der Laufzeit bemerkt, hat schlechte Karten. Der Ausstieg ist mit hohen Verlusten verbunden. Die Rückkaufwerte liegen deutlich unter den bereits einbezahlten Prämienvolumen. Erst ab etwa der Hälfte der Laufzeit hat man die Kosten für einen Ausstieg hereingespielt. Nur ein Szenario ist wirklich lukrativ: wenn der Versicherte möglichst bald nach Abschluss des Vertrags das Zeitliche segnet. Er hat dann zwar nichts mehr davon, doch die Erben werden sich freuen.

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