Lob der Begeisterung

Über ein hierzulande seltenes Phänomen.

„Kritisieren kann auch ein Schwächling gut, für Begeisterung aber brauchst du Kraft, Wissen, Selbstbewusstsein und ein offenes Naturell.“ Karl Popper

Schloss Gabelhofen bei Fohnsdorf, von Helmut und Evelyne Zoidl prächtig restauriert, darin ideale, großzügige Galerieräume. Eine Lichtung im kulturellen Urwald der Hohen Tauern. Franz Ringel stellt seine Bilder aus. Die Festreden sind vorüber. Die Vernissagegäste flanieren an den Bildern vorbei, versammeln sich dann um die Weingläser. Später würden sie dinieren. Die Küche des jungen Maître Manfred Vogl ist gut zwei Hauben wert, auch wenn sie von manchen Gastro-Kritikern übersehen wird.

Alle Besucher sind aufgekratzt. Franz, der Maler, lächelt listig und glücklich. KollegInnen wie Adolf Frohner, Richard Kaplenig, Martina Schettina und der glänzende Dichtungs-Vortragende Wolfi Bauer (Einser-Tipp für Events!) freuen sich mit ihm. Die Bilder hängen gut und frei, auch die Riesenformate haben Luft. Selbst die patscherten Kunstkommentare mancher Vernissagegäste ziehen dir nicht die Schuhe aus, dazu ist die Stimmung zu gut. Eine unbestimmbare Wärme liegt über allem.

Es ist wunderbar, hundert Menschen unter einer Glocke reiner Begeisterung zu erleben. Man spürt einen Zuwachs an Wert. Nicht bloß der Ringel’schen Gemälde, die ohnehin auf einer verdienten Hochebene liegen. Man begreift einen gemeinsamen Wertzuwachs aller Anwesenden. Eine neue kollektive Kraft wird fühlbar, gespeist aus vielen Quellen des Augenblicks, aus Werken hoher Qualität, menschlicher Zuneigung, wohltuender Übereinstimmung, einer allgemeinen geistigen Bemühung sowie den roten und weißen Weinen. Selbst diese sind in Schloss Gabelhofen nicht der übliche Vernissage-Most.

Um Mitternacht verzupfe ich mich mit Adolf „Adi“ Frohner in die Schloss-Bar. Er zählt wie Ringel zur international geachteten Garde der österreichischen Malerei. Früher ein gefürchteter, heftiger Aktionist, ist er heute ein weiser Akademie-Grande sozialdemokratischer Prägung. Das Wilde in ihm kriegt nur noch sein Pinsel zu spüren. Heute ist es eine Freude, mit ihm auch über positive Phänomene zu sprechen. Beispielsweise über die Begeisterung und kollektive neue Kraft, die ein Rudel einander völlig fremder Menschen für einen Abend verbinden kann.

Wir diskutieren darüber, ob dies nur mithilfe des Katalysators Kunst möglich ist. Wir wissen es nicht wirklich, glauben aber: Die Kunst ist nicht der einzige, aber der natürlichste Provokateur der Begeisterung. Sie bietet die mit Abstand meisten Begeisterungs-Zeugnisse, überlieferte und aktuelle: über die Renaissancearchitektur samt deren Skulpturen in Rom, Florenz und Mailand; über die Frechheiten des Königshof-Porträtisten Goya; über die endlich auch weltliche Musik ab Bach; über die „West Side Story“ Bernsteins; über Remarques realistische, unverlogene Bewältigung des Ersten Weltkriegs („Im Westen nichts Neues“, bis heute mit 30 Millionen Auflage der deutschsprachige Bestseller); über Grass’ erotische, unverlogene Bewältigung der Zwischenkriegsjahre („Die Blechtrommel“), über Thomas Hampsons kluge Performance bei den Salzburger Festspielen 2004 – hunderttausende Beispiele für wilde und fruchtbare Begeisterung.

Ähnliches ist aus den existenziell wichtigen Bereichen der Politik und Wirtschaft nicht gemeldet. Wenn es dort jemals Begeisterung gab, dann jene für Widerstand – und selbst dort am interessantesten in Zusammenarbeit mit Künstlern. Die faschistischen Obristen Griechenlands wurden durch die Schauspielerin Mercouri und den Musiker Theodorakis unterhöhlt, der kommunistische Ostblock lebte ohne polnische Plakatkünstler, tschechische Dichter und ungarische Filmer noch heute.
Bornierte Großbürger und Bildungsprivilegierte führen gerne an, das Sachliche an Politik und Wirtschaft sei zu mühsam fürs ungebildete Volk. Wahrscheinlicher ist, dass die Kunst einen elementaren Vorrang hat, wenn es um Begeisterung geht. Vielleicht liegt dieser Vorrang darin, dass wir als Nachfahren einer Schöpfungskraft, die man Gott nennt, zur Nachschöpfung aufgefordert sind. Jede gute Kreation also ein begeisternder Triumph der Pflichterfüllung.

Vielleicht aber liegen wir auch ganz simpel in einem Wettstreit mit der Natur, ohne dies zu erkennen. Vielleicht nervt uns diese milliardenfache, fast perfekte Verzahnung von Stein, Baum, Bach und Tier; diese präpotente Natur, die uns zehnmal am Tag zeigt, dass sie uns Menschen nicht braucht – uns, die geistig höchstentwickelten Geschöpfe dieses Planeten. Kunstwerke, also Eigenschöpfungen, sind der feinste Weg, dieser Frechheit zu begegnen.

Ich bin ein Anhänger beider Hypothesen, vor allem der zweiten. Ein Tag in den USA bleibt unvergesslich. Da sah ich einen Albatros oder Pelikan, gleichviel, der zu blöd war, die Länge der Bucht mit seinen angeblich perfekten Instinkten abzuschätzen. Er startete gegen den Wind, musste aber den Versuch mangels ausreichender Take-off-Geschwindigkeit abbrechen und trottete zurück zum Start. Bald danach landete einer seiner Gattungskollegen mit zu hoher Geschwindigkeit. Kaum setzten die hässlichen Schwimmsohlen auf, lief er um sein Leben. Seine dünnen Beine knickten schließlich ein. Er setzte mit dem Schnabel auf, überschlug sich elfmal, heftig Federn lassend, und bemühte sich dann um ein gleichgültiges G’schau: „Ich lande gerne so.“

Drei Tage später in Kopenhagen durfte ich bei einem privaten Sammler ein Original von Édouard Manet mit den Fingern berühren. Schöne Tage. Sie lehrten mich, die Künste der Natur niedriger und unsere eigenen höher zu sehen. Ich war begeistert.