Klinisch tot

Milliardäre, Politiker und andere Berühmtheiten ließen sich in ­Innsbruck ­behandeln. ­Inzwischen macht die Medizin-Universität nur noch durch ­Skandale von sich ­reden.

Indira Strobl-Delic hat ihrem kleinen Mädchen ein rosarotes Kleidchen und geringelte Strümpfe angezogen. Nun sitzt sie neben ihr am Boden im Wohnzimmer, massiert sanft ihren Rücken und hofft, dass der Fotograf einen dieser raren Augenblicke einfängt, in denen Nadina so entspannt und fröhlich aussieht, als könnte sie jeden Moment nach ihrem Plüschhund greifen, mit ihm spielen und ihm Geschichten ins Ohr flüstern.

Doch das kann sie nicht. Das Mädchen wird diese Woche vier Jahre alt, und niemand weiß, ob es jemals sprechen lernen, allein essen und die Treppen zur Wohnung im vierten Stock hinaufsteigen wird. Nach einer Delfin-Therapie war sie ein wenig zugänglicher als sonst, sagt Indira Strobl-Delic: „Das zeigt, dass noch ein bisschen was da ist zum Aufbauen.“ Sie meint gesunde Areale im Gehirn. Die Ärzte haben ihr nicht viel Hoffnung gelassen.
Nadina war ein normales Baby, als sie im Alter von sechs Wochen in der Kinderklinik in Innsbruck eine Leistenoperation hatte. Nach der Narkose wand sie sich in Krämpfen, ihr Kopf war so geschwollen, dass sie die Lider nicht mehr öffnen konnte. Die Ärzte machten dafür eine Stoffwechselerkrankung verantwortlich. Seit einigen Monaten halten Nadinas Eltern ein Gutachten in Händen, das anderes aussagt: Das Mädchen habe erst bei dem Eingriff im Jänner 2008 eine schwere Hirnschädigung erlitten, befundet der Berliner Kinderanästhesist Jochen Strauss. Der Kreislauf sei während einer „extrem sensiblen und kritischen Phase“ der Narkose nicht überwacht worden. Das sei eine „nicht entschuldbare Unterlassung“, zumal das bereits narkotisierte Baby mit einer „unangemessen hohen Dosis Propofol“ noch tiefer narkotisiert wurde. „Gefährlich, überdosiert und nicht indiziert“, konstatiert Strauss.

Am Montag in zwei Wochen startet in Innsbruck der Prozess gegen die beteiligten Ärzte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte nicht nur gegen Klinikärzte, sondern auch gegen die Krankenhausgesellschaft Tilak.
Es ist lange her, dass die Zeitungen vermeldeten, wenn Berühmtheiten nach Innsbruck einflogen, um ihre Leiden hier kurieren zu lassen. Bruno Kreisky war Patient an der Augenklinik; der US-Milliardärssohn John Paul Getty III., der 1973 bei einer Entführung in Italien ein Ohr einbüßte, ließ den fehlenden Körperteil von dem Chirurgen Paul Wilfingseder rekonstruieren. Dessen Nachfolger Hans Anderl machte mit seinen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-OPs weltweit Furore. Der Neurologe Franz Gerstenbrand erforschte Mitte der achtziger Jahre mit den Russen, der NASA und der ESA neurologische Probleme des Menschen im Weltall. Raimund Margreiter verpflanzte das erste Herz in Österreich und nähte dem Briefbomben-Opfer Theo Kelz die abgerissenen Hände wieder an. Auch der wissenschaftliche Output der Tiroler war passabel. „Vor der Ausgliederung der Medizin-Uni Anfang 2004 war Innsbruck bei den Publikationen, umgelegt auf Köpfe, besser als Wien“, sagt der Molekularbiologe und Vizerektor Peter Loidl.

Doch seit einigen Jahren hat die Medizin-Uni Innsbruck (MUI) durchgängig schlechte Presse. Die Kinderheilkunde ist die größte Baustelle, aber nicht die einzige. Gegen den Vorstand der HNO-Klinik Herbert Riechelmann laufen Strafverfahren. Während er weiter im Operationssaal steht, wird Oberarzt Arne Scholtz, der ihn nach einer entgleisten Tumoroperation bei der Staatsanwaltschaft anzeigte, zwischen den Fronten zerrieben. Die Uni sagt, Scholtz solle Dienst machen. Die Tilak erteilte ihm Hausverbot. Die Arbeitsbedingungen des Oberarztes spotten jeder Beschreibung: Scholtz hat keinen Zugang zum OP, kommt an keine Befunde und kann auf seinem Computer nicht einmal Untersuchungsmaterial für seine Studenten aufrufen.

An der Urologie läuft es nicht weniger zweifelhaft:
Oberarzt Hannes Strasser wurde vom Vorwurf des gewerbsmäßigen Betrugs freigesprochen. Das Gericht konnte die Schädigungsabsicht beim Fälschen einer Harninkontinenz-Studie nicht nachweisen, verurteilte Strasser jedoch wegen Beweismittelfälschung und falscher Zeugenaussage. Strasser bestreitet alle Vorwürfe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Rektor fand, so jemand habe an einer Uni „keine Existenzberechtigung mehr“, forderte Strasser aber zum Dienst an den Patienten auf. Die Tilak sagte Nein.

Starchirurg Raimund Margreiter gehört zur Riege der Emeritierten, die diese Entwicklung „ziemlich irritierend“ finden. Wissenschaftsbetrug gebe es auch anderswo. „Die Frage ist, wie man damit umgeht. Man hätte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen müssen. Das Zudecken schadet uns international“, klagt er. Vor drei Jahren hatte das renommierte Wissenschaftsjournal „Nature“ die heimische Nonchalance im Umgang mit Wissenschaftsbetrug frei nach „Hamlet“ kritisiert: „Something, it seems, is rotten in the state of Austria.“

Vor zwei Monaten mokierte sich das Magazin erneut über Strasser. „Er führte klinische Versuche ohne ethische Genehmigung durch. Er konnte keine Rohdaten für seine hochrangigen Publikationen vorlegen. Er fälschte Beweismittel. Dennoch hat eine Kommission angeordnet, dass der Urologe Hannes Strasser wieder an seinen Arbeitsplatz (…) zurückkehren kann“, schreibt „Nature“. Auch Andreas Scheil, Mitglied der Ethikkommission, rauft sich die Haare: „Was muss sich ein Wissenschafter noch leisten, damit er aus dem Staatsdienst entfernt wird?“

Kaum jemand glaubt, dass der amtierende Rektor Herbert Lochs den Ruf der Innsbrucker Medizin wiederherstellen kann. Ein emeritierter Professor: „Er lächelt zu viel und handelt zu wenig.“ Für Uni-Mitarbeiter und Spitalsärzte gilt ein Maulkorberlass. „Wenn ich einen Satz sage, kann ich zusammenpacken“, sagt ein Anästhesist. Reden darf nur die oberste Spitze, und diese sagt nicht viel. Als bekannt wurde, dass an der Kinderklinik ein dreijähriges Mädchen gestorben war, schickte das Tilak-Management die ärztliche Direktorin Alexandra Kofler mit der Botschaft vor, es habe sich um eine „Narkose ohne Zwischenfälle“ gehandelt. Als die Behauptung nicht mehr haltbar war, untersagte die Tilak Propofol zur Sedierung auf ­Kinder-Intensivstationen. Die Weisung kommt spät. Fachgremien warnen seit Jahren, dass das Mittel nicht tauge, Kinder in einen längeren Tiefschlaf zu versetzen.

profil bat vergangene Woche sowohl den Rektor der MUI als auch den Vorstand der Tilak um ein Interview. Der Tilak-Sprecher erklärte, man sehe darin keinen Nutzen: „Sie schreiben ohnedies, was Sie wollen. Außerdem reicht die Zeit nicht, um sich darauf vorzubereiten.“ Die Uni-Sprecherin richtete aus, „es ist so viel in Bewegung, der Rektor kann auf alle diese Themen nicht eingehen“.

Lochs ist der dritte Rektor seit der Gründung der MUI im Jahr 2004. Der gebürtige Tiroler gilt als Mann der Tilak. Der ehemalige Gastroenterologe in der Berliner Charité hatte sich schon einmal für das Uni-Amt beworben, war aber nicht auf dem Dreiervorschlag gelandet. Beim zweiten Versuch konnte er sich auf die Rückendeckung der Tilak verlassen. „Das ist eine politische Geschichte. Eigentlich ein Witz, dass jeder glaubt, seit der Autonomie der Unis habe die Politik weniger Einfluss“, sagt Vizerektor Peter Loidl.

Eine Runde emeritierter Professoren zerbricht sich jetzt die Köpfe darüber, wie es mit der MUI weitergehen soll. Soll sie wieder der Leopold-Franzens-Universität angeschlossen werden? Anders als in Wien und Graz wurde die Ausgliederung in Tirol von Beginn an bekämpft. Hunderte Uni-Mitarbeiter gingen dagegen auf die Straße. Landeshauptmann Herwig van Staa, die Mehrheit des Landtags und des Innsbrucker Gemeinderats legten sich quer. Vergeblich. Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer trommelte für eine eigenständige Medizin-Uni. Ihre Tiroler Seilschaft half, das Anliegen durchzuboxen: Gesundheitslandesrätin Elisabeth Zanon, deren Lebensgefährte, der Radiologie-Vorstand Dieter Zur Nedden, der spätere Vizerektor der MUI Manfred Dierich und der Radiochemiker Günter Bonn.

Die Universität blähte sich rasch auf. Der Dekan, der früher die Medizinische Fakultät geleitet hatte, wurde zum Rektor, flankiert von vier Vizerektoren, einem Uni-Senat und einem Uni-Rat. Alles, was bisher im Uni-Verband mitgenutzt werden konnte, musste neu geschaffen werden: von der EDV über das Rechtsbüro bis zur Studienabteilung. Martin Tiefenthaler, Betriebsrat für das wissenschaftliche Personal an der MUI, schätzt, dass die Verwaltung sich dadurch verfünffacht hat: „Vorher waren wir weniger als 30 Leute, jetzt sind es über 150.“

Tilak und Uni ziehen an einem Strang, aber nicht in dieselbe Richtung: Das Land stellt die Versorgung der Patienten sicher, die Uni ist für Forschung und Lehre zuständig und damit auch für die Berufung von Professoren, von denen wiederum die Strahlkraft der Kliniken abhängt. Die Kunst, die richtige Balance zwischen Forschung, Lehre und klinischer Praxis, zwischen Politik und Medizin zu finden, gelingt in Tirol nicht immer.

Fast mit Wehmut erinnern sich Professoren an die Kräfteverhältnisse, als die akademische Welt noch von Leitsternen wie Raimund Margreiter beherrscht wurde: „Die sind zur Tilak gegangen und haben ihnen erklärt, was sie zu tun haben. Heute ist es umgekehrt.“

Erstklassige Berufungen sind inzwischen rar geworden. Eine Spitzenpathologin für die Kinderklinik gab nach zwei Jahren auf, weil die Tilak ihr keinen Chefarztvertrag gönnte. Das ist kein Einzelfall: Bestgereihte werden schlechtgemacht oder suchen von sich aus das Weite. Der Favorit für den Chirurgie-Lehrstuhl zog die besseren Bedingungen in München vor. In einigen Abteilungen halten sich hartnäckig Übergangs- und Zwischenlösungen. Dafür soll an der Klinik für Innere Medizin neben einem bestehenden Ordinariat für Magen-Darm-Leber ein zweites für Herbert Tilg, den Bruder von Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg, geschaffen werden. Ein Kollege witzelte bereits: „Bist du dann für den rechten Leberlappen zuständig und der andere Professor für den linken?“ Der Grün-Mandatar Kurt Grünewald, früher selbst an der Abteilung tätig: „Wenn das so weitergeht, kann man aus der Uni eine Landesuniversität machen und das Rektorat ins Bergisel-Museum verlegen.“

Dass die Aufräumarbeiten im Haus nicht vorangehen, liegt laut Gabriele Fischer, Vorsitzende des Uni-Rats, an der Politik: „Bund und Land, also Finanzministerin und Landeshauptmann, müssten sich endlich über den klinischen Mehraufwand einigen. Das ist die Basis für den Zusammenarbeitsvertrag zwischen Tilak und Medizin-Uni.“

Inzwischen regiert in vielen Abteilungen der Frust. Der Radiologie kamen 25 Ärzte abhanden. In der Anästhesie, wo Stress nicht selten mit Drogen kompensiert wird, fehlt der Zusammenhalt. „Zwei unserer Ärzte haben sich mit Propofol umgebracht. Die Tilak hat gesagt, es wird neu organisiert. Nichts ist passiert. Die Jungen sind hoffnungslos“, sagt ein Radiologe.
Die frühere Vorzeigeklinik für Pathologie ist abgewirtschaftet. Chirurgen schicken Gewebsproben lieber nach Wien und Salzburg, seit bei einer Frau ein Gebärmutterkrebs nicht erkannt und einem Mann fälschlicherweise ein bösartiger Tumor attestiert wurde. Im April dieses Jahres rief Rektor Lochs den Drittgereihten Steffen Hauptmann, Pathologie-Professor in Halle, an: „Haben Sie noch Interesse?“ Hauptmann fuhr nach Innsbruck, führte ein „angenehmes Gespräch“, redete mit Kollegen und hatte „das Gefühl, alle sind froh, wenn ich komme“. Dann kam kein weiterer Anruf. Als Hauptmann den Rektor nach zehn Tagen erreichte, sei dessen Stimmung „ganz anders gewesen“. Danach war er gar nicht mehr zu erreichen: „Ich betrachte dies als persönliche Beleidigung. Ich müsste den Ruf bekommen, weil ich der einzige Professor auf der Liste bin und nie abgesagt habe“, sagt Hauptmann. Stattdessen zauberte Lochs einen Pathologen aus Wien aus dem Hut. Nun erwägt der übergangene Professor aus Halle rechtliche Schritte.

Nicht dass es Intrigen nicht immer schon gegeben hätte. „Aber irgendwie haben sich meistens doch die Tüchtigen durchgesetzt. Wir müssen schauen, dass wir wieder mehr Bestqualifizierte nach Innsbruck bekommen“, sagt der emeritierte plastische Chirurg Hans Anderl. In theo­retischen Fächern wie Strukturbiologie, Bioinformatik, Biochemie, Zellbiologie und Virologie sind internationale Spitzenberufungen noch möglich, im klinischen Bereich sind sie selten geworden.

Das Desaster an der nun im Zentrum der Kritik stehenden Kinderklinik reicht Jahrzehnte zurück. Heribert Berger, der sie bis Anfang der neunziger Jahre leitete, galt fachlich als Ass, menschlich als Despot. „Er konnte Menschen auf eine Art niedermachen, dass gestandene Männer in Tränen ausgebrochen sind“, erzählt ein Wegbegleiter. Wer einen Funken Selbstachtung und eine Alternative hatte, nahm den Ausgang. Auf Berger folgte ein Deutscher, der die Klinik wie ein Großherzogtum führte, auf diesen ein langes Interregnum und schließlich doch ein Berufungsverfahren. Zum Zug kam Lothar Bernd Zimmerhackl, Letztgereihter des Dreiervorschlags. Zwischen ihm und den Eltern der Patienten herrschte bald Krieg. „Er war, wie man sich einen Halbgott in Weiß vorstellt, cholerisch, barsch und aggressiv“, erzählt Gabriele Fischer vom Elternverein Kinderklinik.

2007 holte der damalige Rektor Clemens Sorg zwei deutsche Koryphäen nach Innsbruck. Die Kollegen von auswärts sollten Vorschläge zur Kinderklinik machen. Ihr Bericht über ihre Visite am 21. November 2007 liegt profil vor. Fazit: „Zwischen den drei etablierten Klinikdirektoren besteht ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis, das ein gemeinsames Engagement für die Klinik fast unmöglich macht.“ Besprechungen und Chefvisiten würden boykottiert, der wissenschaftliche Output sei mäßig, die Ausbildung des Nachwuchses werde vernachlässigt. Der in zwölf Punkte gegliederte Bericht schloss mit der resignativen Bemerkung: „Wir haben uns eine derartige Situation bisher nicht vorstellen können.“ Seit Zimmerhackls Ableben ist die Kinderklinik wieder unbesetzt. Nun sollen die fünf – teilweise ohnedies nicht besetzten – Professuren auf drei zusammengestrichen werden.

Dass die eilige Strukturdebatte vom Tod der dreijährigen Azra ablenken soll, drängt sich auf. Das Mädchen hatte am 15. Oktober auf eine Tube Superkleber gebissen. An der HNO-Klinik in Innsbruck intubierte der diensthabende Arzt das Mädchen unter Propofol-Narkose, fand angeblich eine Schwellung unter den Stimmbändern und ließ das Kind intubiert. Es wurde auf der Intensivstation beatmet.

Tags darauf, am Sonntag, sollte ein zweiter HNO-Arzt nach Azra sehen. Er informierte die zuständige Anästhesistin. Laut profil-Recherchen bekundete diese, sie habe keine Möglichkeit, in den OP zu kommen, und empfahl einen Eingriff am Intensivbett. Das verweigerte der HNO-Arzt: zu gefährlich. Das Mädchen blieb auf der Kinder-Intensiv – intubiert und 48 Stunden lang mit Propofol sediert. Wenige Tage später starb es.

Der Innsbrucker Anwalt Thomas Juen stellt nun auch den ersten Eingriff infrage. Angeblich sorgten sich Ärzte, die Dämpfe des Klebstoffs könnten eine Schwellung hervorrufen. Ein Anruf bei der Vergiftungszentrale hätte blitzschnell geklärt, dass keine entsprechende Gefahr bestand. Diesen machte die Klinik aber erst nach fünf Tagen. Die Auskunft lautete: Da sich der Klebstoff mit Speichel vermischt und rasch aushärtet, ergäben sich „in diesen Fällen keine Konsequenzen im Sinne ärztlicher Interventionen“.

Juen vertritt mehrere Opfer der Kinderklinik.
Unter ihnen auch Amel Dedic, der vor einem Jahr mit einer Verstopfung ins Krankenhaus gekommen war und sich nach einem phosphathältigen Einlauf am ganzen Körper verkrampfte. Zwei Stunden lang hatte seine Mutter Zehira Dedic nach einem Arzt gerufen: „Es ist niemand gekommen.“ Der Bub überlebte nicht.

Vergangenen Donnerstag flatterte Anwalt Juen der Strafantrag ins Haus. Für Amels Mutter ist es eine Genugtuung, dass sich die Ärzte nun wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Umständen vor Gericht verantworten müssen. Sie hatten ihr das Gefühl gegeben, „nur darauf zu warten, bis die Mutter zusammenbricht, damit sie dann alles unter den Tisch kehren können“.

Mangelnde Unterstützung hat auch Brigitte Tanzer am stärksten zu schaffen gemacht. Bis zum Jänner 2002 war ihr Sohn Michael ein aufgeweckter Bub – dann bekam er Bronchitis. Sie fuhr mit ihm auf die Frauen- und Kopfklinik. Eine Turnusärztin gab ihm eine Penicillin-Spritze – und plötzlich änderte sich das ganze Leben. Das Herz des Buben hörte auf zu schlagen. Nach einer halben Stunde Reanimation war er schwerstbehindert. Er kann nicht sitzen, muss mit einer Magensonde ernährt werden und braucht rund um die Uhr Betreuung. „Schicksalhafter Verlauf, hat man uns gesagt, so wie man es jetzt überall hört“, sagt Brigitte ­Tanzer.

Der Satz verscheuchte ihre Zweifel nicht. Ihr Sohn hatte auch früher schon Penicillin bekommen und nicht allergisch darauf reagiert: „Ich lebe mit offenen Fragen und muss mir Frechheiten sagen lassen. Als Mutter gilt man sowieso als hysterisch.“

Indira Strobl-Delic, die Mutter von Nadina, versteht nicht, dass die Menschen so schnell aufgeben: „Je mehr man mich hingehalten hat, desto entschlossener war ich, zu erfahren, was passiert ist.“ Übernächsten Montag beginnt das Gerichtsverfahren: „Ich glaube, dann habe ich alles erreicht, was ich wollte.“