Milieustudien

Milieustudien

Wer als Rechter in die Politik geht, nimmt meistens gleich seine ganze Familie mit. Nationale Clans und Männerbünde sind die wahren Machtfaktoren in der FPÖ.

Eine Krise bringt unangenehme Wahrheiten ans Licht. Das muss auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache dieser Tage erfahren. Er ist nicht der starke Mann, für den er sich gern hält, eher eine Pappfigur, eine Wahlkampfmaschine, „ein perfekter Spitzenkandidat, der keinesfalls beschädigt werden darf“, schreibt der Leitartikler in Andreas Mölzers Rechtspostille „Zur Zeit“. Straches Stellvertreter Johann Gudenus ließ, mehr im nordkoreanischen Stil, verlautbaren: „HC geht uns mit unermüdlichem Einsatz und unerschütterlicher Bürgernähe voran.“
Ein Blick auf die führenden Familien im nationalen Milieu zeigt geradezu unverschämte Kontinuitäten über Generationen hinweg sowie eine akademische Überheblichkeit, die man offenbar auf den Buden der Burschenschafter erwirbt.

Die Politikerkarrieren der Kowariks, Pawkowicz, Mölzers , Gudenus, Hübners, Stefans und Rosenkranz haben mit ihrer familiären Herkunft zu tun. Sie sind geerdet im nationalen Sumpf. Sie waren immer schon eine tragende Stütze der freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft. Jetzt, wo die unpolitischen jungen Männer, die Jörg Haider einst in Bars am Wörthersee auflas und in Stabsstellen der FPÖ platzierte, zum größten Teil im Korruptionssumpf stecken und der Nachschub völlig ausbleibt, fallen sie umso stärker ins Gewicht.

Die Hälfte der freiheitlichen Na­tionalratsabgeordneten entstammt diesem Milieu, auch mehr als jeder zweite der Wiener Mandatare gehört einer deutschnationalen Verbindung an. „Die FPÖ ist der nationale Flügel, es gibt keinen anderen, keinen liberalen Flügel, und es gibt auch niemanden, der dies bezweifelt oder infrage stellt“, sagt Andreas Mölzer, für den einst ein verschworener Trupp von Burschenschaftern den Weg ins Europaparlament ebnete.

Mölzer gibt die Wochenzeitschrift „Zur Zeit“ heraus. Einer von seinen Söhnen, Wendelin, schreibt dort regelmäßig, hat schon gemeinsam mit dem Vater Bücher herausgegeben und ist im Parlamentsklub der FPÖ beschäftigt, ebenso Mölzers Schwiegertochter. Der jüngere Wolf-Rüdiger ist im Ring Freiheitlicher Studenten aktiv. Alle von Mölzers Söhnen sind Mitglied einer Burschenschaft.

„Keine Sache von Befehl und Gehorsam“
„Wenn nicht einmal die eigenen Kinder das ideologisch mittragen, warum sollen es dann Fremde machen?“, sagt Mölzer. Dass die Söhne es dem Vater nachtun, sei „keine Sache von Befehl und Gehorsam“, beteuert Mölzer. Es gebe genug Friktionen, doch „wenn die eigenen, erwachsenen Kinder, die das, wofür man sein Leben lang einsteht an Idealen und Wertvorstellungen, auch für gut halten, dann freut man sich“, sagt der EU-Mandatar.

Der Altnationale hat seine Zeitung als rechte Plattform etabliert, die schon mehrmals am NS-Verbotsgesetz entlanggeschrammt ist und auch jenen Radikalen eine Heimstatt bietet, die den Ruf der FPÖ als Partei der Ewiggestrigen begründen. So darf dort etwa Jan Ackermeier schreiben, der mit der Organisierung eines rechtsradikalen Jugendlagers auffällig geworden war, kurzfristig seinen Job als FPÖ-Parlamentsmitarbeiter verloren, doch bei Nationalrat Christian Höbart wieder Unterschlupf gefunden hatte. Höbart soll nun die niederösterreichische FPÖ wieder auf Vordermann bringen. Auf ideologischer Ebene wird er sich mit Barbara Rosenkranz gut verstehen.

Die niederösterreichische FPÖ-Vorsitzende darf man nach einem Spruch des europäischen Menschenrechtsgerichtshofs „Kellernazi“ nennen. Als sie vor gut zwei Jahrzehnten der FPÖ beitrat, war ihr Ehemann Horst Jakob Rosenkranz schon einschlägig bekannt, als Aktivist der später verbotenen neonazistischen NDP, als Gründer der Partei „Nein zur Ausländerflut“, die er gemeinsam mit dem Holocaust-Leugner Gerd Honsik ins Leben gerufen hatte. Von der geistigen Welt ihres Gatten hat sich ­Rosenkranz nie distanziert. Das NS-Verbotsgesetz hält auch sie in der aktuellen Form für „verfassungswidrig“. Zweifel an Gaskammern gehörten zur „freien Meinungsäußerung“, meinte sie einmal.

Seit Jahrzehnten sieht man die Eheleute bei Jul- und Sonnwendfeiern friedlich vereint. Ihre zehn Kinder wurden allesamt mit standesgemäß germanischen Namen bedacht, von Hedda über Wolf bis zu Sonnhild. Seit Rosenkranz gegen den ursprünglichen Willen Straches als freiheitliche Präsidentschaftskandidatin ins Rennen geschickt wurde und zu Straches Vize aufstieg, wird auch der Ehemann, dessen Kontakte zu rechtsextremistischen Gruppierungen nie ganz abgerissen sind, wieder von manchen FPÖ-Organisationen als Referent angefragt.

Aggressiver Einpeitscher
Die erwachsenen Kinder sind ihrem Herkunftsmilieu durchweg treu geblieben. Der älteste Sohn, Arne, ist Mitarbeiter des freiheitlichen Parlamentsklubs, der 23-jährige Volker, der einmal einschlägig aufgefallen war, ist Referent für den steirischen FPÖ-Nationalratsabgeordneten Josef Riemer. Auch das hat eine innere Logik: Riemer sitzt einem obskuren Verein namens „Isis Noreia XIII – Wächter und Wahrer des Tempelweines“ vor. Auf der Eingangstür zu Riemers Weinkeller in Kitzeck sind Siegrunen angebracht, die in rechtsextremen Kreisen als Erkennungszeichen gelten.
Wenn es hart auf hart geht, hält Rosenkranz ihre schützende Hand aber auch über Johann Gudenus, Jahrgang 1976, Straches Statthalter in Wien, der schon als Jugendlicher mithalf, für Strache Mehrheiten in Wien zu organisieren, später die FPÖ-Jugend in einem Putsch von rechts übernahm und sogleich „vermehrte ideologische Schulung“ verordnete. Gudenus’ Bestreben galt damals dem Kampf gegen „Überfremdung“, „Scheinasylanten“ und „Umvolkung“. Auch sorgte er sich um die „Immunschwäche der europäischen Völker“. Als RFJ-Vorsitzender ließ er ein rassistisches Manifest über Europa als „Wiege der Weißen“ verfassen. Im vierten Wiener Gemeindebezirk, in dem auch Gudenus’ Brüder als Bezirksräte aktiv sind, wurde einmal ein junger Rechtsradikaler zum Vortrag gebeten, der Jahre später als einer der Betreiber der Neonazi-Homepage „Alpen-Donau“ angeklagt und nicht rechtskräftig verurteilt wurde.

Seit er FPÖ-Vize ist, gibt Gudenus den aggressiven Einpeitscher („Die Linken stinken“), was zwar nicht seiner diplomatischen Ausbildung, aber zweifellos der Gesinnung in seiner Familie entspricht. Gudenus senior ist fast immer dabei, wenn sein Sohn öffentlich auftritt. Er freut sich, „dass keiner der Söhne ausschert“.

Schon als Teenager war Gudenus einer deutschnationalen Pennälerverbindung beigetreten, hatte sich den Burschennamen „Wotan“ zugelegt und seinem Vater John Gudenus, einem national-freiheitlichen Urgestein mit adeligem Hintergrund, der mit dem NS-Verbotsgesetz in Konflikt geraten war, nachgeeifert.

Johann Gudenus trug bei der „Aktionsgemeinschaft für eine freiheitliche Politik“ (AFP) vor, der vom Verfassungsschutz eine „ausgeprägte Affinität zum Nationalsozialismus“ nachgesagt wird. Im Jänner 2010 war er Gast beim Wahlauftakt der rechtsextremen ungarischen Jobbik. Im vergangenen Jahr hofierte er den tschetschenischen Diktator Ramsan Kadyrow.
Im Mai 2009 hatte sein älterer Bruder Markus von sich reden gemacht. Damals war auf einer deutschen Nazi-Homepage ein Brief des FPÖ-Abgeordneten Peter Fichtenbauer aufgetaucht, mit dem dieser in Misskredit gebracht werden sollte. Fichtenbauer hatte zuvor öffentlich gefordert, dass sich die FPÖ von Rechtsradikalen fernhalten müsse. Das eingescannte Fichtenbauer-Dokument trug die Unterschrift „Gudenus“ und war nachweislich aus der Wohnung des Vaters John Gudenus gefaxt worden, wo auch Markus gemeldet war. Markus hatte damals auch schon im FPÖ-Parlamentsklub gearbeitet. Die Angelegenheit wurde nie geklärt.
Alle drei Gudenus-Brüder sind in der FPÖ-Organisation im vierten Wiener Gemeindebezirk aktiv. Namensgleichheit ist gerade in Wien kein Einzelfall. In keiner anderen Partei findet man unter den Bezirksräten so oft gleiche Familiennamen wie bei den Freiheitlichen (Guggenberger, Mühlwerth, Grillmayer, Amhof, Kowarik, Belakowitsch, Jenewein, Hammer, Pawkowicz). Es handelt sich um Eltern und Kinder, um Brüder und Schwestern oder um Eheleute. Eine Partei als Familienunternehmen. Die einzige Revolte der Söhne gegen die Väter dürfte darin bestehen, dass sie nicht immer derselben Burschenschaft angehören.

Es gibt Bezirke, in denen abseits der Familienbande auch junge Radikale willkommen sind, wie Franz Lindenbauer im zweiten Bezirk, der sich auf Facebook mit einem aufgemalten Hakenkreuz präsentierte. Dazu gehört auch die Donaustadt, der Heimatbezirk des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, der demnächst zwar aus dem Präsidium, aber nicht aus dem Nationalrat ausscheidet. Hier dominieren die Familien Graf und Hammer und Kameraden der berüchtigten Burschenschaft „Olympia“ jeglichen Alters.