Mirakel mit Makel in Lourdes und Co: Die historischen Fakten hinter den Wundern

Wunder. An über 900 Orten wurde die Jungfrau Maria bis dato bereits gesichtet. Mit den historischen Fakten haben die Wunder von Lourdes, Fatima oder Medjugorje allerdings nur wenig zu tun.

In der St.-Helena-Kapelle im Kloster der Barmherzigen Schwestern von Saint-Gildard in Nevers, das rund 700 Kilometer von Lourdes entfernt liegt, kniet die 72-jährige Nonne Letizia aus dem sizilianischen Trapani vor Frankreichs berühmtes­ter Leiche und flüstert: „Ist sie nicht wunderschön, unsere heilige Bernadette?“ Tatsächlich sieht die 1879 im Alter von 35 Jahren verstorbene Bernadette Soubirous, der zwischen dem 11. Februar und 16. Juli 1858 in Lourdes achtzehnmal die Gottesmutter leibhaftig erschienen sein soll, hinreißend aus. Die Augenbrauen sind akkurat gestutzt, und das dezente Wangenrouge harmoniert mit dem Lippenrot und den lackierten Fingernägeln. So ruht sie, in einem goldgefassten Sarg aus Kris­tallglas. Für Gläubige aus aller Welt, welche die letzte Ruhestätte der „Visionärin von Lourdes“ besuchen, gilt, was in unzähligen Schriften über das „Wunder der unversehrten Leiche“ nachzulesen ist: „Dieses Gesicht hat die Jungfrau Maria gesehen. Diese Finger haben im Erdreich gewühlt und die wundertätige Quelle hervorspringen lassen. Diese Ohren haben die Botschaften der Mutter Gottes gehört. So wie sie heute zu sehen ist, starb Bernadette am 16. April 1879, mit einem letzten Ave Maria auf den Lippen. Als ihr Grab geöffnet wurde, fand man ihren Leichnam ohne die geringste Spur der Verwesung vor.“ Das Mirakel der „unversehrten“ Leiche hat allerdings einen Makel: Es ist frei erfunden. 1907 wurde der „bischöfliche Informativprozess“ zur Seligsprechung der Bernadette Soubirous eingeleitet. Die Prozedur verlangte „die kanonische Identifizierung des Körpers“. In diesem Zusammenhang wurde Bernadettes Leiche, die 1879 in einem verlöteten Bleisarg bestattet worden war, gleich dreimal exhumiert: am 22. September 1909, am 3. April 1919 sowie am 18. April 1925.

Hohl wie Karton. Nach der ersten Exhumierung hielten die mit der Leichenbegutachtung beauftragten Ärzte Jourdan und David fest: „Die Gesichtshaut lag auf den Knochen auf, und der Körper war braunschwarz gefärbt, pergamentartig starr und klang beim Anschlag hohl wie Karton. Auf den Unterarmen konnte man noch das Muster der Adern erkennen. Hände und Füße waren wächsern.“ „Diese Beschreibung ist geradezu klassisch, vor allem der holzkartonartige Ton“, so der Schweizer Rechtsmediziner Walter Marty, eine Kapazität auf dem Gebiet konservierter Leichen. „Dass das Muster der Adern noch erkennbar war, erklärt sich dadurch, dass das Unterhautfett verschwunden ist. Die braunschwarze Verfärbung findet man bei allen so genannten Faulleichen, sie ist bedingt durch den Abbau des Hämoglobins. Mit Blei ausgekleidete Särge sind bekannt dafür, dass sie die Zersetzungserscheinungen verhindern.“ Nach der zweiten Exhumierung notierten die Ärzte Talon und ­Comte: „Der Körper war mumifiziert, wies Stockflecken auf und war mit einer Salzschicht bedeckt.“ Ein ähnliches Bild bot sich den beiden Ärzten auch sechs Jahre später: „Der Leichnam war weder verwest noch verfallen. Die wächserne Haut hatte jedoch unter der Feuchtigkeit gelitten, war grau geworden und an einigen Stellen abgeblättert.“ Die Beschreibung zeigt laut Marty, „dass die Zerfallsvorgänge durch die vorhergehenden Sargöffnungen beschleunigt worden waren. Das ist der natürliche Verlauf einer Faulleichenkonservierung.“ Fotos, die Gesicht und Hände von Bernadettes Leiche zeigen, kommentierte Professor Thomas Schaffner vom Institut für Pathologie der Universität Bern mit den Worten: „Farben und Struktur können nur zwei Erklärungen haben – ein wirkliches Wunder oder eine kunstvolle Darstellung mit Wachs, die würdig wäre, ins Wachsfigurenkabinett aufgenommen zu werden.“

Die Vermutung trifft zu. Da man die sterblichen Überreste Bernadettes noch vor ihrer Seligsprechung den Gläubigen zugänglich machen wollte, gab es ein Problem: Ihr mumifiziertes Antlitz hätte abstoßend auf das Publikum wirken können. Also wurde die Pariser Modefirma Pierre Imans beauftragt, eine Gesichtsmaske sowie Hände aus Wachs herzustellen. Imans war berühmt dafür, Persönlichkeiten aus Politik, Film und Theater als Wachsfiguren zu kopieren, die dann in den Schaufens­tern die neuesten Kreationen vorführten. Nicht nur die sterblichen Überreste Bernadette Soubirous’, auch die mirakulöse Geschichte der „Seherin von Lourdes“ weist Makel auf. Die breitgewalzten Legenden wärmen im Kern immer dieselbe Geschichte des frommen Mädchens auf, dem in der Grotte Massabielle achtzehnmal die Gottesmutter erschien und das dann dort mit eigenen Händen eine Quelle freischaufelte, deren Wasser bis heute auf wundersame Art Kranke heilen soll.

Mutter aller Mütter. ist daraus der berühmteste Wallfahrtsort Europas; ein Disneyland der Hoffnung, das jedes Jahr von über sechs Millionen Pilgern besucht und in dem die Mutter aller katholischen Mütter gnadenloser vermarktet wird als in jedem anderen der über 900 Orte, in denen die Gottesmutter auf diesem Erdball bisher angeblich gesichtet wurde. Bernadette Soubirous, so die Legende, stammte aus mausarmen Verhältnissen, vegetierte mit ihren Eltern zunächst in einer heruntergekommenen Mühle namens ­Boly und dann im Cachot, einem gefängnisartigen Verlies. Bei ihrem Vater handelte es sich je nach Lesart um einen Taglöhner, Landstreicher oder ruinierten Müller. Von der Gottesmutter habe Bernadette „Botschaften“ erhalten, die sie angeblich schriftlich festhielt. Die erste Begegnung am 11. Februar 1858 soll sie wie folgt beschrieben haben: „Beim Holzsammeln an der Gave hörte ich ein gewaltiges Rauschen. In der Grotte erschien eine goldschimmernde Wolke, darin eine wunderschöne Dame mit weißem Gewand, blauer Schärpe und einer gelben Rose auf jedem Fuß. Sie machte das Kreuzzeichen und ließ die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Dann verschwand sie.“ Am 24. Februar 1858, anlässlich der achten Erscheinung, befahl die Dame: „Küssen Sie die Erde zur Buße für die Sünder!“ Tags darauf forderte sie das „Hirtenmädchen“ auf, in der Grotte mit den Händen nach Wasser zu graben und sich damit zu waschen. Aus dem Loch entsprang eine Quelle, die fortan mit einer täglichen Kapazität von 120.000 Litern sprudelte.

Tatsache ist: Bernadette Soubirous hat keine Aufzeichnungen über ihre „Visionen“ hinterlassen – sie war Analphabetin. Erst Jahre später, nach ihrem Übertritt ins Kloster von Saint-Gildard in Nevers, soll sie schreiben gelernt haben, doch über die „Erscheinungen“ schrieb sie auch dort nie. Zu den angeblichen „Botschaften“, die den Grundstein zum Wallfahrtsort Lourdes legten, gehörten die Aufforderungen der „schönen Dame“ anlässlich der 13. und 16. Erscheinung. Am 2. März 1858 sei Bernadette angehalten worden, „den Priestern zu sagen, dass man in Prozessionen hierher kommen und eine Kapelle bauen soll“, und am 25. März habe sich die Unbekannte schließlich in französischer Sprache zu erkennen gegeben: „Je suis l’Immaculée Conception!“ („Ich bin die unbefleckte Empfängnis.“) Offenbar haperte es mit den Französischkenntnissen der himmlischen Dame, denn richtig hätte der Satz lauten müssen: „Je suis l’Immaculée Conçue.“ Doch auch das hätte Bernadette nicht verstanden, denn sie sprach nur den spanisch gefärbten Pyrenäendialekt der Gegend. Erst nach Bernadettes Tod wurde der Sprachfehler korrigiert, fortan hieß es, die Dame habe in passendem Dialekt verkündet: „Que soy era Immaculada Councepciou.“ Koinzidenz des Zufalls: 1854, vier Jahre bevor sich die „schöne Dame“ als Jungfrau Maria ausgab, war durch Papst Pius IX. das Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias als katholische Glaubenswahrheit verkündet worden. Karl-Heinz Leven, Professor am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg: „Dass die ungebildete Analphabetin Bernadette, die angeblich nie zuvor von diesem Lehrsatz gehört hatte, das Dogma der ,unbefleckten Empfängnis‘ solcherart gleichsam für die Kirche bestätigte, gab ihren Visionen einen übernatürlichen Charakter.“ Oder wie Bischof Bertrand Sévère Laurence von Tarbes, zu dessen Diözese Lourdes gehörte, 1858 sagte: „Es scheint, dass die Jungfrau dem unfehlbaren Urteil des Nachfolgers Petri ein Denkmal widmen wollte.“

Unprosaisches Licht. Auch anderweitig zeichnen die historisch verfügbaren Fakten ein Bild, das die religiös verklärten Überlieferungen in einem unprosaischen Licht erscheinen lassen. Bernadette Soubirous wurde am 7. Januar 1844 als ältestes von neun Kindern geboren. Fünf davon starben bereits im Kindesalter. Ihre Eltern, François und Louise Soubirous, waren weder mausarm, noch vegetierten sie in heruntergekommenen Verhältnissen. Vielmehr gehörten sie zu den wohlhabendsten Familien im Land der Bigorre. Vater Soubirous war für seine Spendierfreudigkeit bekannt, vor allem wenn es um Alkohol ging, dem er krankhaft verfallen war. Die Mühle Boly, in der Bernadette zur Welt kam, wurde seit 1786 von der Familie Castérot betrieben, aus der die Mutter von Bernadette stammte, und gehörte also zum Familienbesitz. Nachdem sich François Soubirous beim Schärfen der Mühlsteine am Auge verletzt hatte, gab er die Mühle Boly auf und zog 1854 mit seiner Familie ins Laborde-Haus um. Ein Jahr später brach in Lourdes eine Cholera-Epidemie aus, von der auch Bernadette nicht verschont blieb: Bis an ihr Lebensende litt sie an Knochentuberkulose. Großmutter Castérot hingegen starb und hinterließ den Soubirous eine ansehnliche Erbschaft. Diese investierte Bernadettes Vater in die Mühle von Sarrabeyouse. Seine Alkoholkrankheit führte schließlich dazu, dass die Soubirous’ Anfang 1857 die Mühle aufgaben und in ein kerkerartiges Gebäude an der Rue des Petits Fossés umzogen. Nachdem François Soubirous am 27. März 1857 wegen eines Diebstahls verhaftet wurde, brachte man Bernadette bei ihrer gottesfürchtigen Patentante Marie Lagues in Bartrès unter.

Statt die 13-Jährige einzuschulen, wurde Bernadette von ihrer Tante zu Abbé Ader geschickt, der sie intensiv im Katechismus unterrichtete. Ader war besessen von den Marienerscheinungen, die sich am 19. September 1846 auf der südfranzösischen Alp La Salette abgespielt hatten. Dem 11-jährigen Maximin Giraud und der 15-jährigen Melanie Calvat soll damals beim Kühehüten eine „belle dame“ erschienen sein. In Aufzeichnungen, die der Lehrer Jean Barbet aus Bartrès hinterließ, ist nachzulesen, dass Abbé Ader sagte: „Jedes Mal, wenn ich Bernadette sehe, muss ich an die Kinder von La Salette denken. Wenn die Heilige Jungfrau Maximin und Melanie erschienen ist, so ist das nur darauf zurückzuführen, dass sie ebenso einfach und gottesfürchtig sind wie Bernadette.“ Emile Zola behauptete in seinem Buch „Lourdes“, es sei Abbé Ader gewesen, der mit seinem dogmatischen Katechismusunterricht Bernadette die „Maria-Visionen“ suggeriert habe. Zola steht mit dieser Meinung nicht allein. Thérèse Valot, die sich für ihre 1955 an der Universität Sorbonne vorgelegte medizinische Dissertation monatelang mit den historischen Akten beschäftigte, kam zur Überzeugung, „dass Abbé Ader großen Einfluss auf Ber­nadette ausübte. Bei diesem naiven Mädchen gingen Geistes­schlicht­heit und Mystizismus Hand in Hand – ausgezeichnete Voraussetzungen für eine Visionärin.“

Einvernahme. Am 11. Februar 1858 hatte Bernadette ihre erste „Vision“. Weder ihre Schwester Toinette noch ihre Freundin ­Jeanne Abadie, in deren Begleitung sie sich befand, sahen bei der Grotte Massabielle jedoch etwas Ungewöhnliches. Abbé Peymarale, der Ortspfarrer von Lourdes, und die Eltern glaubten Bernadettes Erzählungen nicht. Auch ihre protokollierte Einvernahme durch Polizeikommissar Jacomet, die am 21. Februar 1858 stattfand, brachte keinen Aufschluss: Jacomet: „Und dann hast du die Heilige Jungfrau gesehen?“ Bernadette: „Ich habe nie gesagt, dass ich die Heilige Jungfrau gesehen habe.“ „Ah, gut, du hast also nichts gesehen?“ „Doch, ich habe etwas gesehen.“ „Also, was hast du denn gesehen?“ „Ich habe etwas in Weiß gesehen.“ „So, etwas in Weiß also, und was war das?“ „Das, was ich gesehen habe, hatte die Gestalt eines Mädchens.“ „Und das, was du gesehen hast, hat zu dir gesagt: Ich bin die Heilige Jungfrau?“ „Nein, das hat sie nicht zu mir gesagt.“

Die Entdeckung der Quelle, die Bernadette am 25. Februar 1858 mit eigenen Händen freilegte und deren Loch erst während der folgenden Zeit durch die Wunderheilung Suchenden stetig vergrößert wurde, war in Lourdes nicht der Rede wert: Niemand erblickte ein Wunder darin. „Falls eine Quelle mit einer täglichen Kapazität von 120.000 Litern zum Vorschein gekommen wäre“, schrieb Thérèse Valot, „hätte der Pfarrer von Lourdes wohl als Erster davon erfahren.“ Doch Abbé Peymarale wusste von nichts. Auch am 3. März, als „tausende zur Grotte pilgerten“, geschah nichts Außergewöhnliches, und die Menschen gingen enttäuscht weg. Stattdessen sei Bernadette bei Abbé Peymarale aufgekreuzt, um ihm mitzuteilen, dass die Dame verlangt habe, bei der Grotte eine Kapelle zu errichten und Prozessionen dorthin durchzuführen. „Bevor eine Prozession zur Grotte zieht, soll doch die Dame ein Wunder geschehen lassen“, erwiderte Peyma­rale. „Sie soll veranlassen, dass dieser wilde Rosenstrauch hier schon im März blüht.“ „Hätte es tatsächlich das Wunder der Quelle gegeben, hätte der Geistliche nicht erst ein zweites Wunder verlangt, das ­übrigens ausblieb“, so Valot. „Der Rosenstrauch blühte nicht.“

Der Umschwung kam, als im April 1858 plötzlich ein Dr. Pierre Dozous behauptete, den 54-jährigen blinden Steinbrecher Louis Bouriette mit dem Wasser aus der Grotte geheilt zu haben. Sein Bericht versetzte ganz Frankreich in Aufregung und machte die Wunderquelle bekannt. Vital Dutour, der Staatsanwalt von Lourdes, schrieb am 26. April: „Die Intervention von Dr. Dozous hatte sehr böse Folgen. Er war Arzt im Spital von Lourdes, musste jedoch wegen Unfähigkeit fristlos entlassen werden.“ Dozous, ein Vertrauter von Abbé Ader, hatte bereits 1853 in der Gegend für Aufregung gesorgt, als er das Mineralwasser von Cauterets als Universalheilmittel zum Kauf anbot. „Das Wasser heilt garantiert neun Krankheiten, darunter Syphilis und Diabetes“, verhieß er in einer selbst verfass­ten Broschüre. Als seine Geschäftsidee keinen Anklang fand, kehrte er nach Lourdes zurück, um zu verbreiten, der vollständig blinde Bouriette habe nach Gebrauch des Wassers aus der Grotte Massabielle sein Augenlicht wiedererlangt. „Um vom Geschäft zu profitieren, das sich in Lourdes abzeichnete, verpasste Dozous keine Gelegenheit“, so Thérèse Valot. „Als die Kirche das Grundstück, auf dem die Grotte stand, kaufte, verlangte er fünf Prozent Provision mit der Begründung, er sei es gewesen, der die Grotte entdeckt und ihren Wert gesteigert habe.“
Als Ärzte Bouriette untersuchten, gab es eine Überraschung. Gustave Boissarie, der dem Ärztlichen Konstatierungsbüro in Lourdes angehörte, schrieb: „Bouriette war ein alter Patient von Dozous. Durch eine Explosion erlitt er Verbrennungen an den Händen und im Gesicht. Dozous, der ihn untersuchte, schrieb in seinem Krankenbericht: ,Sein rechtes Auge war etwas verletzt und die Sehkraft geschwächt.‘“

Mit anderen Worten: Bouriette war gar nicht blind. Thérèse Valot folgerte daraus: „Es waren weder Bernadette noch die Heilige Jungfrau, die das Wunder in die Welt setzten, sondern Dozous. Mit seiner Behauptung, Bouriette geheilt zu haben, hatte er das Wunder vollbracht und in jenem Augenblick, als Bernadette sich lächerlich zu machen drohte, die Situation gerettet. Dank der Leichtgläubigkeit des Volkes wurde eine Kettenreaktion mit aufsehenerregenden Heilungen hervorgerufen.“ Am 18. Januar 1862 erklärte Bischof Bertrand Sévère Laurence sieben Heilungen als Wunder. Gleichzeitig teilte er in einem Hirtenbrief mit, „dass eine Kommission aus weisen und frommen Priestern die Fakten studiert hat und zur Überzeugung gelangt ist, dass die Erscheinungen göttlichen Ursprungs sind und das, was Bernadette sah, die allerheiligste Jungfrau“.

Wunderheilungen. Von den rund 7000 Heilungen, die bis heute beim Ärztlichen Konstatierungsbüro gemeldet worden sind, wurden bislang 67 von der katholischen Kirche als Wunder anerkannt. Doch nur zehn davon betrafen Fälle aus den vergangenen 60 Jahren. Unter den 67 Geheilten – bei 80 Prozent handelte es sich um Tuberkulosekranke – befanden sich 55 Franzosen, sechs Italiener, drei Belgier, ein Deutscher, ein Schweizer sowie die aus Wien stammende Tänzerin Edeltraut Fulda. Der Österreicherin wurde im Mai 1938 eine Niere entfernt und später eine Erkrankung der Nebennierenrinde diagnostiziert. Nachdem sie am 11. August 1950 im Wasser von Lourdes gebadet hatte, konnte sie die täglichen Hormonspritzen absetzen. Am 18. Mai 1955 wurde ihre Heilung vom Wiener Kardinal Erzbischof Innitzer als Wunder anerkannt. Edeltraut Fulda, die 1968 heiratete und Frau Haidinger wurde, starb im Jahr 2003.

Skeptische Mediziner. Der auffällige Rückgang der Wunderheilungen ist die Folge des medizinischen Fortschritts. Als man damit begann, systematisch röntgeno­logische Untersuchungen vorzunehmen (ab 1905), wurde kein Fall von Lungentuberkulose mehr geheilt. Und bei einigen Heilungen von Lungentuberkulose stellte sich bei nachträglichen Röntgenuntersuchungen heraus, dass die Geheilten gar nicht an dieser Krankheit gelitten hatten. Für Medizingeschichtsprofessor Karl-Heinz Leven fällt die Frage, ob es sich bei den Heilungen um Wunder handelt, kaum in das Gebiet der Medizin: „Die äußerst seltenen Heilungen ließen sich auch als Spontanheilungen deuten, die in der medizinischen Weltliteratur in den vergangenen Jahren übrigens wesentlich häufiger beobachtet werden als Heilungen in Lourdes.“ In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrieben viele Ärzte die „Wunderheilungen“ Selbsthypnose oder Autosuggestion zu. Prof. Pitres, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bor­deaux, sprach aus, was viele seiner Fachkollegen dachten: „Wenn ihr jemals Menschen über so genannte Wunderheilungen in Lourdes reden hört, dann wisst ihr, dass es sich hier lediglich um eine Ausbeutung der menschlichen Dummheit handelt.“ Auch Ärzte, die Einblick in die Krankenakten der Geheilten hatten, äußerten sich skeptisch. „Die Dossiers sind unvollständig, und die Krankheiten wurden mit veralteten Methoden abgeklärt“, schrieb 1939 der algerische Arzt Guarner. Und der Pariser Arzt Roger Ferron meinte 1965: „Es handelt sich bei vielen Fällen um Betrug, da der Arzt, der die Heilung bestätigte, getäuscht wurde. Zudem ist eine große Zahl der erfolgten Wunder nur von Klos­terfrauen festgestellt worden.“ Der Arzt und Theologe Bordreuil aus Toulouse wiederum fand in den Krankenakten „keine Fälle, die durch das Zeugnis von Ärzten bestätigt sind, deren philosophische oder religiöse Auffassung nicht ihr Urteil hätte beeinflussen können“. Ähnliches ließ 1904 Paul Dubois, der berühmte Schweizer Professor für Neuropathologie an der Universität Bern, verlauten: „Ich war überrascht, bei den Ärzten des Konstatierungsbüros trotz ihres guten Glaubens eine solche Mentalität vorzufinden, dass ihre Feststellungen jeden Wert verlieren.“

Augenblickliche Heilung. Die bis heute geltenden Kriterien für die Anerkennung einer Heilung als Wunder wurden von Kardinal Prospero Lambertini (1675–1758), dem späteren Papst Benedikt XIV., aufgestellt. Ihr wesentlichster Punkt: „Zum Zeitpunkt der Heilung muss die Krankheit noch anhalten, und es dürfen keine ärztlichen Behandlungen angewandt worden sein. Die Heilung muss augenblicklich und ohne Rückfall erfolgen.“ Für Jacques Perrier, den Bischof von Lourdes, sind diese Kriterien der Grund dafür, dass es keine Wunder mehr gibt: „Dass ein leidender Pilger vor seinem Besuch in Lourdes nicht in ärztlicher Behandlung gewesen ist, gibt es heute praktisch nicht mehr.“ Bernadette Soubirous, die einige Jahre im Krankenhaus von Lourdes als Hilfsschwester arbeitete, trat 1866 in das Kloster von Saint Gildard in Nevers ein. Nachdem sich die Folgen ihrer Knochentuberkulose verschlimmerten, verbrachte sie ab 1869 die meiste Zeit im Krankenhaus Saint ­Croix. Mit großer Tapferkeit ertrug sie ihre Krankheit noch zehn Jahre: Am 16. April 1879 erbrach sie Blut und erstickte – ohne ein letztes Ave Maria auf den Lippen.

Von Peter Holenstein. Mitarbeit: Christina Hiptmayr und Sebastian Hofer