Mitläufer und Aufsteiger: NS-Diplomaten nach 1945 am Ballhausplatz

Dutzende Spitzendiplomaten hatten sich an das NS-Regime angebiedert oder stillgehalten. Ihre Nachkriegskarriere behinderte das nicht – im Gegenteil. Nun ist dieses düstere Kapitel erstmals aufgearbeitet worden.

Jede Forschung hat ihre Geschichte. Wenn es um den Nationalsozialismus geht, hat sie in Österreich meist einen peinlichen Hautgout. Schon einmal sorgte die NS-Verstrickung österreichischer Diplomaten für hellen Aufruhr. Anfang der achtziger Jahre, noch vor der Debatte über die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim, hatte der Historiker Oliver Rathkolb begonnen, die problematischen Jahre der österreichischen Diplomatie aufzuarbeiten – unter denkbar schlechten Bedingungen: Das Außenministerium verweigerte die Akteneinsicht.

Der Korpsgeist am Ballhausplatz war damals noch stark genug, um eine Publikation zu verhindern. Auf eine Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus, auf der alle ehemaligen Generalsekretäre des Außenamts namentlich hätten angeführt werden sollen, wurde daraufhin allerdings verzichtet. Einer aus dieser illustren Runde, Wilhelm Platzer, war immerhin Mitglied der NSDAP gewesen. Platzer hatte im März 1938 zu jenen jungen aufstrebenden Talenten gehört, die nach eingehender Überprüfung ihrer Gesinnung in der Zentrale in Berlin Verwendung fanden. 1944 war Platzer angeblich aus der NSDAP ausgeschlossen worden – ob wegen Unregelmäßigkeiten oder nachlassenden Eifers ist nicht bekannt.
1950 wurde der Diplomat schon nach Washington geschickt. In seinem Lebenslauf für die US-Behörden hatte er seine NS-Vergangenheit – wie übrigens auch Waldheim seine Kriegsjahre – wohlweislich verschwiegen. 1967 avancierte Platzer zum Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums.

Rund 30 Jahre später gibt es nun einen weiteren Anlauf. Zwei Mitarbeiterinnen des Staatsarchivs, die Historikerin Gertrude Enderle-Burcel und die Archivarin Michaela Follner, sowie der unkonventionelle, zur Quergeistigkeit neigende Botschafter Rudolf Agstner, derzeit in Addis Abeba stationiert, veröffentlichen demnächst ein „Biografisches Handbuch der Diplomaten des Höheren Auswärtigen Dienstes 1918–1959. Österreichs Diplomaten zwischen Kaiser und Kreisky“.

Herausgegeben wird es vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und der Österreichischen Gesellschaft für historische Quellenstudien. Die Elite des Auswärtigen Diensts wurde dafür unter die Lupe genommen: Von 145 Sektionschefs, Abteilungsleitern, Leitern von Botschaften, Gesandtschaften und Generalkonsulaten aus dem Jahr 1938 hatten 27 Diplomaten bei der NSDAP oder einer Parteiformation angeheuert oder entsprechende Aufnahmeanträge gestellt – mehr als in der höheren Beamtenschaft anderer Ministerien. 17 von ihnen kamen nach dem Krieg neu oder wieder im Außenamt unter.

Die Personalakten des Außenministeriums blieben auch für das neue Forscherteam gesperrt, doch inzwischen waren neue Gauakten zugänglich geworden. Mit der Teilnahme von Agstner stand reiches Insiderwissen zur Verfügung. Auch in Deutschland, wo seit 2005 auf Initiative des ehemaligen grünen Außenministers Joschka Fischer eine Historikerkommission die NS-Vergangenheit des diplomatischen Diensts aufarbeitet, hatte man neue Erkenntnisse über die Österreicher gewonnen.

Keiner der österreichischen NS-Diplomaten und stillen Mitläufer machte unter Adolf Hitler eine große Karriere. Sie waren zu spät gekommen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren die Botschaften des deutschen Reichs allesamt schon von deutschen Parteigängern besetzt. Der Aufstieg der Österreicher erfolgte erst in den fünfziger Jahren, so das Ergebnis der Studie. Ihre Vergangenheit stellte dabei selten ein Hindernis dar. Das ist wohl auch der Grund für das Schweigen der Obrigkeit. In den Jahren des Austrofaschismus vor 1938 war eine patriotische Aufwallung verordnet worden. Im Milieu der mehrheitlich altadeligen, konservativen, häufig im Wiener Theresianum und im Schottengymnasium geschliffenen Beamtenschaft scheint dies keine tiefen Spuren hinterlassen zu haben. Der Zwang zum religiösen Bekenntnis und antisemitische Stimmungen führten dazu, dass einige Beamte jüdischen Glaubens zum Christentum konvertierten, was sie nach nationalsozialistischen Rassegesetzen jedoch nicht vor Verfolgung schützte. Der Diplomat Karl Braunias, der jüdische Verwandte hatte, war etwa im Mai 1938 mit Verweis auf seine Verdienste in der illegalen Zeit in die NSDAP aufgenommen worden, wurde aber offenbar in den letzten Kriegsmonaten denunziert und in den Ruhestand versetzt. Der eine oder andere Diplomat hatte sich zeitgerecht von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lassen.

Fahnen im Wind. Am 15. März 1938 war im Wiener Hotel Imperial die Auflösung des österreichischen Außenamts in die Wege geleitet worden. Rund ein Drittel der Spitzenbeamten wurde entlassen, pensioniert oder in Konzentrationslager verschickt. Man kann annehmen, dass ein harter Kern von NS-Sympathisanten politische Gegner und ­jüdische Kollegen denunzierte. Die Mehrheit wurde übernommen. Einige bewährte Nationalsozialisten kamen neu in den diplomatischen Dienst. Auch sie machten durchwegs Nachkriegskarrieren als Journalisten, Bankdirektoren und Berater, manche mit einem Zwischenstopp in lateinamerikanischen Ländern.

Ein Großteil der karrierewilligen Diplomaten am Ballhausplatz war in den ersten Monaten des neuen Regimes durch die NSDAP-Aufnahmesperre benachteiligt, die schon im März 1938 für Österreich verhängt wurde, da allzu viele in die neue Bewegung drängten. Die Anpassung an die neuen Verhältnisse war rasch erfolgt. Schon am 12. März 1938 bat der österreichische Generalkonsul in Jerusalem, Ivo Jorda, seinen deutschen Kollegen verzweifelt um eine Hakenkreuzfahne, um das Gebäude standesgemäß beflaggen zu können. In Warschau ließ der österreichische Botschafter Max Attems-Gilleis ein paar Tage lang sowohl die österreichische als auch die NS-Fahne wehen.

Attems kam 1939 in die Osteuropa-Abteilung nach Berlin, 1940 war seine Expertise für den Balkan gefragt, 1941/42, als die Judenvernichtung im besetzten Polen in Angriff genommen wurde, wurde er ins Generalgouvernement nach Krakau versetzt. 1940 war sein Aufnahmeantrag in die NSDAP bewilligt worden. Er trat später – vielleicht wegen der Vorgänge, die er mitbekam – wieder aus.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in den letzten Apriltagen des Jahres 1945, als sich die Verfolgten des Regimes, vertriebene, entlassene und pensionierte Diplomaten wieder am Ballhausplatz einfanden, fehlte Attems-Gilleis. 1947 heuerte er für einige Monate als Beamter der oberösterreichischen Landesregierung an, Ende des Jahres 1947 wurde er wieder in den Auswärtigen Dienst aufgenommen. 1953 wurde er Botschafter in Rio de Janeiro in Brasilien, 1955 in Chile. Sein Werdegang ist exemplarisch. Eine ganze Reihe ehemaliger Nationalsozialisten arbeitete in den ersten Jahren in den Landesregierungen oder in den Finanzlandesdirektionen, ehe sie nach dem Amnestiegesetz 1947 wieder am Ballhausplatz willkommen geheißen wurden. Nach dem Krieg galten sie als „politisch neutral“, einige waren Mitglieder der ÖVP geworden.
Ein Paradefall für opportunistisches Handeln war Karl Hudeczek. Dreimal, 1940, 1942 und 1944, versuchte der Diplomat, in die NSDAP aufgenommen zu werden, führte unter anderem die Bespitzelung seines „jüdischen“ Vorgesetzten in den Jahren vor 1938 ins Treffen und wurde dennoch abgelehnt. Das Gauamt misstraute ihm, er wolle nur „in seinem Fortkommen nicht behindert werden“, lautete seine Beurteilung. Hudeczeks Dienste waren dennoch gefragt: Er kam als einer der ersten österreichischen Diplomaten in die Zentrale nach Berlin.

Die NS-Diplomatie
war – wie alle höheren Dienststellen des Reichs – beauftragt, die Vernichtung der Juden möglichst geheim zu halten und Juden mit Reisepässen aus neutralen oder kriegführenden Ländern von den heimischen Opfern abzusondern, um Interventionen auf höchster Ebene zu verhindern. In den von Diplomaten verfassten Presse-Communiqués war denn auch von „angeblichen Gräueltaten“ und „kriegsnotwendigen Deportationen“ die Rede. Gewöhnlich kamen SS-Sachbearbeiter der „Endlösung“ zur Abstimmung mit den einzelnen Abteilungen ins Berliner Außenamt, weil sich „bei Lösung der Judenfrage erfahrungsgemäß zahlreiche politische und handelspolitische Fragen ergeben“, wie es in einem amtlichen Schreiben hieß. Hudeczek war stellvertretender Leiter der handelspolitischen Abteilung. 1949 wurde er als persönlicher Berater von ÖVP-Außenminister Karl Gruber, der auch Waldheim engagierte, ins Außenamt zurückgeholt.

Hudeczeks Kollege, Franz Adamovic, Parteimitglied ab 1940, war an seinem Dienstort Budapest ab März 1944 in die Kennzeichnung und Deportation der ungarischen Juden involviert. Adamovic war ­zuständig, „zur Vermeidung von Komplikationen“ ausländische Juden von den ungarischen zu trennen, „wegen eines Ischias-Leidens allerdings nur für Schreibtischarbeit zu gebrauchen“, wie in den Unterlagen der NS-Bürokratie vermerkt ­wurde. Ein Konsulatsbeamter und SS-Mann wurde ihm beigestellt, der die Lager inspizierte, um ausländische Juden von der Transportliste nach Auschwitz zu streichen. Die Schwester des New Yorker Bürgermeisters, Gemma Glück, wurde so in letzter Sekunde davor ­bewahrt und „für spätere politische Zwecke“ in ein Sonderlager gesteckt.
Zur Verschleierung des Geschehens und zur Förderung antisemitischer Propaganda war im deutschen Auswärtigen Amt die ­„Antijüdische Auslandsaktion“ etabliert worden. Hier arbeitete der österreichische Diplomat Hanns Winter, der bereits 1932 der NSDAP beigetreten war. Nach dem Krieg war er einer von vier belasteten Beamten, die 1948 vom Außenamt pensioniert wurden.

Franz Leitner , ehemals Waffen-SS, nach eigenen Angaben „unfreiwillig“, kam bereits 1948 ins Generalkonsulat in New York. 1958 war er Botschafter in Tokio. Otto Fries, illegales SA- und Parteimitglied, wurde 1948 im Außenamt noch abgelehnt, 1954 jedoch wieder aufgenommen. Johann Tursky, ehemaliger SAler, stieg 1973 zum stellvertretenden Generalsekretär des Außenamts auf.

Im Vergleich zu anderen Ministerien war die Entnazifizierung auf höchster Beamten­ebene im Auswärtigen Dienst ein Fehlschlag. „Über diese Vorgänge hüllt sich das Außenamt in Schweigen“, schreiben die Autoren der Studie. Jede Art von Unterstützung, etwa die Gewährung eines Druckkostenbeitrags für die Publikation oder die Zurverfügungstellung eines Raums für die Präsentation der Studie, wurden kühl abgelehnt.