Mörderische Idylle in Taufkirchen

Mörderische Idylle in Taufkirchen

Prozess. Das Gericht sprach den Großvater schuldig, seinen Enkel zum Mord an der Großmutter angestiftet zu haben

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Am Ende hat ihn ein Foto auf Facebook überführt, wenngleich ihm diese Welt etwas fremd geblieben war. Er trägt auf diesem Klassenfoto Turnschuhe, jene Converse, die bis heute verschwunden sind und die in der Mordnacht in Schlieren von Blut, Schleim und Hirnmasse einen verräterischen Abdruck am Tatort hinterlassen haben.

„Ich habe es getan“, gestand Lukas S. am 23. November 2012, nach wochenlangem Leugnen. Der Opa habe ihn dazu angestiftet. Der Opa habe gesagt, die Oma müsse weg. Er müsse dabei helfen, sonst werde er ihm das Leben zur Hölle machen. Er wisse, wo das Werkzeug sei. Er solle einen Einbruch vortäuschen. Mehr Worte sind in dieser Angelegenheit zwischen Großvater und Enkel nicht gefallen. Weder vor der Tat noch danach.
Wortkarg sind auch die Bewohner von Taufkirchen, einem 3000-Seelen-Dorf im nördlichen Mühlviertel, wo der archaiische Mord am Nationalfeiertag des Vorjahres verübt worden war. In Taufkirchen werden die Straßen seit Generationen nach den angesehenen Söhnen des Orts benannt. Doch plötzlich ist nichts mehr heil. Die Nerven liegen blank. Einer ihrer Honoratioren soll seinen Enkel zum Mörder gemacht haben? Jeder hier kennt Leo-pold D., den pensionierten Hauptschuldirektor, Ex-Gemeinderat, Kapellmeister, Chorleiter und Museumskustos. Den Oberschulrat und Ehrenbürger der Gemeinde, der vor gar nicht langer Zeit sogar zum Konsulenten der oberösterreichischen Landesregierung ernannt worden war.

Auf der Anklagebank sitzt nun ein dicklicher Junge in einem schlotternden Anzug, einem weißen Hemd mit Manschettenknöpfen und einem etwas hochmütigen Kindergesicht – und ein paar Meter neben ihm, ihn keines Blickes würdigend, demütig-arrogant, ein alter Mann mit weißem Haar, das sich im Nacken wellt, wie es Künstler zu tragen pflegen. Der sagt, er könne sich nicht erklären, warum ihn der Enkel belaste.

„Der Opa leicht?“
Der jungenhafte Täter gestand, dass er sich am Abend des 26. Oktober 2012 in das Haus seiner Großeltern geschlichen hatte, das nur einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt ist. Er sagt, so sei es vereinbart gewesen, weil der Großvater an diesem Tag mit seinen ehemaligen Schulfreunden aus dem bischöflichen Lehrerseminar in Linz ein Maturatreffen abhielt. Und das wäre ein wasserdichtes Alibi gewesen. Mit einer Axt aus dem Keller sei er dann ins Wohnzimmer und auf die im Fernsehsessel sitzende Oma zugegangen. „Sie hat gefragt: Was ist los? Hast du irgendwas genommen? – Nein, hab ich gesagt. Ich bin dann zu ihr hin und habe aufgezielt. Sie hat dann gefragt: Der Opa leicht? Dann habe ich zugeschlagen. Ich war ganz perplex, dass es nicht nach dem ersten Schlag vorbei war“, sagte Lukas S. in der vergangenen Woche auf der Anklagebank.

„Die Oma habe erschrocken und schockiert geschaut. Sie sei dann noch schwankend aufgestanden. Er habe überlegt, wenn er jetzt die Rettung rufe, bekomme er Probleme, was würde er dann sagen. (…) Er habe nur Angst gehabt vor den Folgen, wenn er es nicht fertig mache. (…) Er habe dann nur mehr auf den Kopf geschaut und zugeschlagen, so lange, bis er von ihrer Hand, die an seinem Bein angestanden sei, keine Bewegung mehr gespürt habe, die habe sich nämlich die ganze Zeit bewegt wie ein verletzter Flügel. Gehört habe er nur eine Art Gurgeln und ein dumpfes Geräusch, wenn die Axt auf dem Schädel aufgetroffen sei. Dann habe er noch ein Messer geholt und zugestochen, damit es sicher vorbei sei.“ So schilderte Lukas S. der psychiatrischen Gerichtsgutachterin Adelheid Kastner den Hergang.

Als vor einem Jahr der Mord geschah, waren die Bürger von Taufkirchen von Panik ergriffen. Man glaubte an einen Einbruch, doch bald stellte sich heraus, dass das Verbrechen mit Taufkirchen selbst zu tun hatte, mit der Familie des Großvaters, der Musikkapelle, dem Kirchenchor und dem Lehrkörper an der Hauptschule. Die ermittelnden Kriminalbeamten hörten dieses und jenes. Unter der gutbürgerlichen Oberfläche stiegen giftige Blasen auf. Der gottesfürchtige „Poldl“ soll „ein geiler Bock“ gewesen sein, anmaßend und selbstgefällig, Affären und Bordellbesuche, eine langjährige außereheliche Beziehung zu einer Lehrerin an seiner Schule, der eine Tochter entsprang, hätten die Ehe zermürbt und die Frau böse werden lassen. Und dann wäre da noch sein Enkel, den er seit Kindheitstagen auf einen kleinen Mozart trimme und der dem Großvater folge wie ein Hündchen.

Leopold D. hatte seine ermordete Frau, eine Taufkirchnerin, 1969 geheiratet, sehr zum Unwillen seiner verwiteten Mutter, die zeitlebends ihrem Mann nachtrauerte, einem SS-ler, der an der Ostfront gefallen war, den sie aber nie für tot erklären ließ. Die beiden Frauen sollen einander das Leben sauer gemacht haben. Leopold D. konnte sich dem durch seine Vereinsmeierei entziehen. Leopold D. hat ein absolutes Gehör, brachte es aus finanziellen Gründe aber dennoch nur zum Zither- und Hornspieler und Hauptschullehrer. Als er 1982 an der Hauptschule in Taufkirchen Direktor wurde, wurde er am Stammtisch wegen seiner Frauengeschichten halb bewundert, halb gefürchtet. Eine Affäre mit einer Lehrerin entwickelte sich zu einer jahrelangen Nebenbeziehung, der eine Tochter entsprang. Es war ein offenes Geheimnis in Taufkirchen.

In der Musikkapelle, im Kirchenchor, bei der Messe und bei allen anderen gesellschaftlichen Ereignissen liefen sich die Beteiligten jeden Tag über den Weg. Eine von Leopolds Töchtern, die ebenfalls Lehrerin wurde, musste sich an der Schule eine Zeitlang den Schreibtisch mit der Geliebten ihres Vater teilen.

Die Verlogenheit und Konvention verlangte allen alles ab. Renate D., die ermordete Großmuter, hatte ihren Beruf aufgegeben, sich um Haushalt und Kinder gekümmert. Von Eifersucht wurde sie offenbar zeitlebends geplagt. Bis zuletzt soll sie die Jacken und Hosen ihres Gatten nach verräterischen Hinweisen durchsucht haben.

Als Lukas S. 1994 in Taufkirchen zur Welt kam, hatte der Großvater gerade einige seiner Ämter aufgegeben. Auch die Nebenbeziehung war am Auslaufen. Er begann sich intensiv um den Enkel zu kümmern. Leopold D. hatte es sich in den Kopf gesetzt, sein musisches Talent zu entwickeln. Mit fünf Jahren begann Lukas unter dem strengen Ohr des Großvaters Klavier zu spielen. Mit acht Jahren saß er schon an der Orgel und trat in den geistig-musikalischen Raum des Barock ein, nicht gerade eine kindergerechte Welt. Er bewies ein außergewöhnliches mathematisch-polyphones Denken, wie sein Orgellehrer Hannes Dandler sagt, der auch sein Taufpate ist.

Vielstimmigkeit als Qual
Doch im sozialen Leben war ihm Vielstimmigkeit eine Qual. Lag Streit in der Luft bei Familienfeiern oder nur eine gewisse Spannung, ging Lukas einfach weg, hielt sich die Ohren zu oder versuchte, sich durch gefälliges Verhalten aus der Schusslinie zu ziehen. Sein Tagesablauf stand unter Kontrolle des Großvaters. Zwei Stunden am Tag, manchmal drei, übte er an der Orgel oder am Klavier, und der Großvater stand hinter ihm, chauffierte ihn von hier nach dort, organisierte Konzerte, Auftritte und Wettbewerbe. Lukas S. galt bei ihm als Wunderkind, das er nicht war. Aber er genoss die Bewunderung. Der Großvater entschied, dass Lukas ins Stiftergymnasium in Linz gehen müsse und sorgte über sein Netzwerk dafür, dass sein Enkel aufgenommen wurde. In der Pubertät bekam Lukas S. eine geheimnisvolle Krankheit, die sich in einem unwillkürlichen Zucken der Bauchdecke äußerte und von selbst wieder verging. In der Schule lernte er ein Mädchen kennen, und leise öffnete sich ihm ein Ausblick in eine neue Welt. Jetzt erst widersetzte er sich manchmal, weigerte sich zu üben, verbrachte Wochenenden bei der Familie seiner Freundin, war ein fröhlicher Junge, „ziemlich kindisch für sein Alter“, wie Freunde erzählen, auch ängstlich, zum Beispiel im Dunkeln.

Im Jahr vor dem Mord war Lukas‘ junges Leben etwas aus der Bahn geraten. In den Orgel- und Klavierklassen an der Bruckner Privatuniversität erbrachte er nicht die verlangte Leistung. Und die Beziehung zur Freundin wurde lockerer und im Herbst ganz beendet.

Auch beim Großvater hatte sich etwas verändert. Er hatte alles unter Kontrolle, nur nicht seine Ehefrau. Sie soll, so sagten Zeugen vor Gericht, bei gesellschaftlichen Anlässen vor Freunden über ihren Mann hergezogen sein und sich beklagt haben. Eine Tochter erzählt, die Mutter habe in den Monaten vor dem Mord am Vater eine Wesensveränderung wahrgenommen. Er habe ihre Sticheleien und Vorwürfe zwar immer schon ignoriert, doch habe er nun nur noch durch sie hindurchgeschaut.
Das psychiatrische Gutachten der Sachverständigen Adelheid Kastner erklärte beide Angeklagten für zurechnungsfähig. Aber sie attestiert auch bei beiden eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Großvater und Enkel hätten sich gegenseitig gebraucht und in ihrer Grandiosität bestätigt, sagt Kastner. In dieser Logik sei es nachvollziehbar, dass der Enkel lieber einen Mord begeht, als sich seinem Großvater zu widersetzen und damit Unannehmlichkeiten heraufzubeschwören.

Dies und noch mehr war in den vergangenen zwei Wochen im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts in Ried im Innkreis bis in kleinste Detail besprochen worden. Bis hin zu den Viagra-Verschreibungen von Leopold D. und Inseraten, in denen er sich schon vor Jahren als Witwer ausgab, um Frauen kennenzulernen. Seine heimlichen Geliebten wurden im Gerichtssaal aufgezählt. Seine Buhlschaft aus den 1980er- und 1990er-Jahren musste ebenso in den Zeugenstand wie seine außereheliche Tochter. Gut 60 Zeugen, allesamt aus der näheren Umgebung, waren aufgeboten worden, Töchter und Söhne, Brüder und Schwäger, Cousinen und Neffen, Freunde, und Musiklehrer.

Befreundete Ehepaare traten auf, die sagten, die Ehe der Familie D. sei „sehr harmonisch“ gewesen, so wie das nach 45 Ehejahren zu erwarten sei. Kein Konflikt, kein Streit, nichts. Die hätten es lustig gehabt. Seitensprünge und Affären lägen doch schon lang zurück. „Die Eltern hätten sich arrangiert und miteinander alt werden wollen“, meinte eine der Töchter des Leopold D., die in Taufkirchen lebt. Leopold D.s einziger Sohn, ein Psychologe in Wien, der seinem Vater vor einem Jahr noch alles zugetraut hätte, ihn einen „manipulativen Machtmenschen“ nannte, hat seine Ansicht diametral geändert. Er telefoniere fast täglich mit seinem Vater. Er habe in der Zwischenzeit zweimal eine Familienaufstellung nach Bert Hellinger – ein umstrittenes Psychospiel – gemacht und sei nun überzeugt, dass der Vater unschuldig ist.

Im Gerichtssaal stand auch die Moral auf dem Prüfstand. Das heuchlerische Doppelleben könnte mit ein Grund für das harte Strafmaß gewesen sein. Leopold D. wurde gefragt, wie er denn seine Frau so viele Jahre hatte betrügen können, wenn er sie doch angeblich geliebt habe. Der Vorhalt war freilich nicht nur von Bigotterie getrieben. Es war auch die hilflose Suche nach einem Motiv, denn einen Sachbeweis für die anstiftende Rolle des Großvaters gab es nicht, nur die belastende Aussage des Enkels und eine Menge Indizien.

So kettet ein unsichtbares Band die beiden wohl für immer aneinander. Wenn sich in der Frage von Schuld und Sühne die Waagschale des einen hebt, senkt sich die des anderen. In sechs Verhandlungstagen konnte bei aller Akribie beim Enkel kein eigenes Motiv für den Mord gefunden werden. Das fiel gegen den Großvater schwer ins Gewicht.

Der Fall wird in die Kriminalgeschichte eingehen – zu ungewöhnlich sind die Umstände. So respektabel der Opa, so hochbegabt und zart der Enkel. Und so bestialisch das Vorgehen. Die Bilder der zermanschten Oma wären selbst für Hitchcock zu viel.

Freitag vergangener Woche wurden beide Angeklagten einstimmig schuldig gesprochen, der Großvater zu 18, der Enkel zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik