Karl Habsburg: „Ich bin ein Ein-Mann-Unternehmen“

Monarchie - Karl Habsburg: „Ich bin ein Ein-Mann-Unternehmen“

Sommergespräch II: Kaiserenkel Karl Habsburg über seine politischen Ambitionen, seine Geschäfte in Bulgarien und seine Ehe.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Habsburg, vor 14 Jahren haben wir beide ganz in der Nähe, in Ihrem Parteihauptquartier auf der Landstraßer Hauptstraße, ein Interview geführt. Ihre CSA erreichte bei den Wahlen 1999 dann 1,4 Prozent. Warum klappte es nicht?
Habsburg: Im Verhältnis zu heute hatte eine Neupartei überhaupt keine Chance. Für mich war es damals ein echtes Anliegen. Ich bin kurz zuvor ziemlich unrechtmäßig aus meiner Position im Parlament rausgekippt worden.

profil: Sie saßen für die ÖVP im Europaparlament. Man warf Ihren Wahlhelfern vor, dass sie Spendengelder der Organisation World Vision für Ihren Wahlkampf verwendet hatten. Die wurden dann auch verurteilt.
Habsburg : Mir wurde damals vorgeworfen, dass ich im Vorstand der Organisation war. Das war richtig, nur war ich das Jahre, bevor das dort passiert ist.

profil: Und darum ist es mit Ihrer Partei nichts geworden?
Habsburg: Nein. Wir waren schon halbwegs realistisch, wir wussten, dass die Chancen relativ gering waren. Aber wir hofften, dass wir die 4-Prozent-Hürde knapp überspringen könnten. Das war nicht so.

profil: Haben Sie danach immer noch ÖVP gewählt?
Habsburg: Ich schaue mir schon an, wer die Personen sind, die kandidieren. Dass ich bei der Europawahl beispielsweise meinen Freund Paul Rübig unterstützt habe, ist bekannt.

profil: Ein Zeitlang ist es ruhig um Sie geworden. Erst mit dem Tod Ihres Vaters sind Sie wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Ist der Name Habsburg jetzt endgültig nur noch ein Nachhall der Geschichte?
Habsburg: Der Name ist jedenfalls eng mit der Geschichte verbunden. Bei den Vorbereitungen auf die Jahrestage, die nächstes Jahr auf uns zukommen – Wiener Kongress 1814, 1914, 25 Jahre Fall des Eisernen Vorhanges –, ist die Familie nach wie vor eingebunden, natürlich in den meisten Fällen im historischen Kontext. Meinem Vater ist es gelungen, aus dem rein historischen Kontext herauszutreten. Ihm ist es geglückt, den Namen der Familie europapolitisch zu positionieren: Die alte „Reichsidee“, die Vorstellung von einer übernationalen Rechtsordnung, war ja eine Vorform des Vereinten Europas. Wir, die Kinder, haben versucht, in vielen Bereichen mitzuwirken – mit mehr oder weniger Erfolg.

profil: Sie werden in Interviews immer wieder gefragt, ob Sie in die Politik zurückkehren wollen. Ich habe nirgends ein klares Nein gefunden.
Habsburg: Was heißt in die Politik zurückkehren? In die Parteipolitik? In der österreichischen Parteipolitik hatte ich nicht den erhofften Rückhalt. Subventionen für bestimmte Gruppen waren dort immer wichtiger als Außenpolitik oder Menschenrechtsfragen. Das kommt auch leichter rüber. Soll sein. Für mich heißt Politikmachen momentan, in Organisationen zu arbeiten, in denen humanitäres Völkerrecht geschaffen oder zumindest vorbereitet wird. Ich schließe für die Zukunft nichts aus. Aber ich bin nicht in Eile, eine politische Funktion anzustreben

profil: Sie sind jetzt auch schon 52.
Habsburg: Mein Vater ist erst mit 68 ins Parlament gekommen.

profil: Sie wären das erste Familienoberhaupt seit 800 Jahren, das nicht in einer politischen Topfunktion ist.
Habsburg: Damit kann ich absolut leben. Andere Dinge haben sich auch geändert.

profil: Vor wenigen Monaten haben Sie versucht, sich an einem bulgarischen Zeitungskonzern zu beteiligen, in dem die größten Zeitungen des Landes erscheinen. Hatten Sie politische Interessen?
Habsburg: Nein, rein wirtschaftliche. Ich habe Beteiligungen an Radiostationen in den Niederlanden, in Mittel- und Osteuropa. Andere Gruppen von Medien kommen eben dazu. So war es auch in Bulgarien. Wir haben damals den Printmedienbereich des Konzerns angeboten bekommen.

profil: Das war eine Investorengruppe aus Wien, in der Sie dabei sind.
Habsburg: Ja genau. Plus Investoren aus Bulgarien, die dann aber nicht nur Investoren sein wollten, sondern sich mit Hilfe dieser Medien auch politisch engagierten. Wir wollten das keinesfalls, und das hat unseren bulgarischen Partnern absolut nicht gepasst

profil: Was ist der Status quo?
Habsburg: Der Status quo ist, dass wir vor drei Wochen den letzten Prozess gewonnen haben, der klar ergeben hat, dass unsere Anteile genau in der Größenordnung bestehen, wie wir es festgestellt haben.

profil: Sie sind noch beteiligt?
Habsburg: Oh ja. Das wird aber nicht mehr lange so sein. Durch den Streit haben die Zeitungen übrigens ungemein an Wert eingebüßt.

profil: Haben Sie viel Geld verloren?
Habsburg: Ich bin ziemlich pari ausgestiegen.

profil: Im österreichischen Fernsehen sieht man derzeit ständig Monarchen-Hochzeiten mit Prinzen und Prinzessinnen in glanzvollen Kutschen. Wären Sie auch manchmal gern dabei?
Habsburg: Nein. Ich sehe das gar nicht. Ich schaue kaum fern. Ich nehme Ihnen, Herr Lackner, nicht ganz ab, dass Sie sich das immer anschauen. Aber natürlich bringen solche Events wieder Kontakte in Schwung.

profil: Da sind natürlich viele Ihrer Cousins und Cousinen dabei.
Habsburg: Jede Menge. Aber ich muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Das überlasse ich gern anderen.

profil: Es gab Versuche von Brüdern Ihres Vaters, bestimmte Güter in Österreich restituiert zu bekommen: mehrere Zinshäuser in Wien, das Schloss Laxenburg. Haben Sie das Gefühl, dass das Ihrer Familie zusteht?
Habsburg: Ja, natürlich. Es gab ursprünglich eine Rechtsgrundlage für die Enteignung. Da ging das Vermögen an einen Witwen- und Waisenfonds. Der wurde 1928 aufgelöst, damit hätte das Eigentum – wie in diesem Fonds vorgesehen – rechtlich zurück an die Familie gehen müssen. Das ist nicht geschehen. Dann wurden in den 1930er-Jahren Teile davon zurückgegeben, in der Hitler-Zeit wurde das wieder enteignet und dann so vom befreiten Österreich belassen. Das finde ich absolut nicht rechtmäßig. Das war keine rechtliche, sondern eine rein politische Entscheidung. Die rechtliche Position ist da relativ klar. Aber diese Frage bereitet mir jetzt keine schlaflosen Nächte.

profil: Was denken Sie eigentlich, wenn Sie durch Wien gehen und an jedem Souvenirstand Kitschzeug mit Sisi oder Franz Joseph finden?
Habsburg: Ich habe sie ja nicht gekannt. Für meinen Vater hatte das eine andere Dimension, weil er diese Zeit miterlebt hat. Ich schaue mir das wie jeder andere an, der daran vorbeiläuft.

profil: Sie sagen nicht: Wie kann man das meinen Vorfahren antun?
Habsburg: Nein. Es berührt mich wenig. Es amüsiert mich, wenn es zu sehr in den Kitsch abgleitet.

profil: Wie erklären Sie sich, dass es viele merkwürdige politische Bewegungen gibt, wie die Stronach-Partei oder die Piraten-Partei, aber keine monarchistische Partei?
Habsburg: Weil es ein innerer Widerspruch wäre. Die Idee des Monarchen besteht ja darin, dass er über den Parteien steht.

profil: Es gibt eine „Schwarz-gelbe Allianz“, die jetzt eine Kandidatur überlegt. Haben Sie mit ihr Kontakt?
Habsburg: Der Kontakt ist eher einseitig.

profil: Der Vorsitzende der „Schwarz-gelben Allianz“ hat beim Begräbnis Ihres Vaters gerufen: „Der König ist tot, es lebe der König!“ Er meinte wahrscheinlich Sie.
Habsburg: Ich fühlte mich nicht persönlich betroffen.

profil: In Ihrer Ehe leben beide Partner ihr eigenes Leben. Wäre in der Familie Habsburg eine Scheidung überhaupt möglich?
Habsburg: Wie in jeder anderen Familie gibt es auch bei uns Scheidungen. Ich ­persönlich kann es mir nur sehr schwer vorstellen.

profil: Im britischen Königshaus sind sowohl der Thronfolger wie fast alle seine Geschwister geschieden.
Habsburg: Damit müssen sie selbst zurechtkommen.

profil: Sie sind ein tief katholischer Mensch. Vor zehn Jahren haben Sie die Pille danach mit dem Holocaust gleichgesetzt. Vertreten Sie immer noch diese Meinung?
Habsburg: Ich habe meine Meinung als Katholik, und die ist prinzipiell gleich geblieben. Aber ich stehe heute auf dem Standpunkt, dass ich nicht zu jedem Thema Stellung beziehen muss.

profil: Soll Schwangerschaftsabbruch wieder strafbar werden?
Habsburg: Da bin ich realistisch. Ich stürze mich politisch lieber auf Bereiche, wo ich das Gefühl habe, etwas ändern zu können. Aber meine Position dazu ist bekannt.

profil: Ihr ältester Sohn Ferdinand Zvonimir ist jetzt 16. Bereiten Sie ihn schon auf die Rolle des Familienoberhaupts vor?
Habsburg: Ja, natürlich.

profil: Wie machen Sie das?
Habsburg: Indem ich versuche, ein gutes Beispiel zu sein. Viel mehr kann ich nicht tun. Er begleitet mich zu diversen Auftritten. Das macht er gut. Ich versuche, dass er ein tieferes Verständnis für Geschichte und Geografie bekommt. Was an den Schulen in Geschichte geboten wird, ist mir zu wenig.

profil: In welche Schulen gehen Ihre Kinder?
Habsburg: Meine älteste Tochter studiert in London. Ferdinand geht in Wien in die Danube International School. Meine jüngste Tochter derzeit auch, wechselt aber nächstes Schuljahr.

profil: Wie geht es Kindern in der Schule, wenn sie Habsburg heißen?
Habsburg: Die Tatsache, dass sie internationale Schulen besuchen, macht es ihnen sicherlich leichter. Viele wissen dort gar nicht, was Habsburg ist.

profil: 2014 haben wir das große Weltkriegs-Jubiläum. Was sagen Sie Ihrem Sohn, wenn er fragt, wer am Ersten Weltkrieg schuld war?
Habsburg: Ich zeige einfach Tatsachen auf. Und ich behaupte nicht, dass Sarajevo allein den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Wenn es nicht Sarajevo gewesen wäre, dann hätte es ein paar Tage später einen anderen Auslöser gegeben.

profil: Würden Sie dem Satz zustimmen: Die österreichisch-ungarische Monarchie hat den Anlassfall Sarajevo in fast krimineller Weise ausgenützt, um einen Krieg vom Zaun zu brechen?
Habsburg: Nein, dem würde ich so nicht zustimmen. Wenn ich unbedingt versuchen müsste, einen Fehler zu finden, dann würde ich ihn darin finden, dass in der österreichischen Monarchie der Nationalismus in seiner Auswirkung verkannt wurde. Dass man nicht gesehen hat, wie sehr die nationalen Kräfte im Vielvölkerstaat schon Platz gegriffen und welche Sprengkraft sie hatten.

profil: Das Ultimatum, das Österreich Serbien damals stellte, war nicht anzunehmen. Gesetzt den Fall, der serbische Thronfolger wäre in Wien erschossen worden und Belgrad hätte gefordert, dass die serbische Polizei in Wien ermitteln darf. Dem hätte der Kaiser auch nicht zustimmen können.
Habsburg: Wahrscheinlich nicht.

profil: Darum war es ein Ultimatum, von dem jeder wusste, dass es abgelehnt werden würde.
Habsburg: Die Konsequenzen der Kriegserklärung wurden vom Generalstab sicher falsch eingeschätzt. Aber wenn man sich die Spannungen ansieht, die an der deutsch-russischen Grenze herrschten, oder den Briefverkehr zwischen Kaiser Wilhelm und dem russischen Zaren liest, dann sieht man, dass es nicht nur das Ultimatum an Serbien gab. Alles hatte sich über Jahre hinweg in eine praktisch unausweichliche Situation hinein entwickelt.

profil: In Europa versagten die Monarchien. Nach dem Krieg waren vier Kaiserreiche untergegangen: das österreichisch-ungarische, das deutsche, das russische und das türkische.
Habsburg: Und die österreichisch-ungarische Monarchie war damals mit Abstand die fortschrittlichste, was das Soziale betrifft.

profil: Im Vergleich mit dem furchtbar rückschrittlichen osmanischen oder dem russischen Zarenreich ist das keine Kunst. Die österreichische Monarchie ist ja ruhmlos untergegangen: Die einzelnen Nationalitäten sind einfach von den Schlachtfeldern abgezogen und haben gesagt: „Es reicht.“
Habsburg: Das große Wunder war, dass der Vielvölkerstaat so lange gehalten hat. Und er hat so lange gehalten, weil er nicht assimiliert hat. Er hat versucht, die kulturelle und religiöse Vielfalt aufrechtzuerhalten. Es gab auch positive Aspekte, die man heute im Vereinten Europa anwenden könnte.

profil: Sie sind in der Organisation „Blue Shield“ aktiv, die sich um die Erhaltung von Kulturgütern in Kriegsgebieten bemüht. Sind Sie dort angestellt?
Habsburg: Nein. „Blue Shield“ ist eine Nicht-Regierungs-Organisation, eine NGO. Wir sind in der Haager Konvention verankert, so wie das Rote Kreuz in der Genfer Konvention verankert ist. Die Organisation arbeitet ausschließlich mit Freiwilligen. Es gibt keinen einzigen Angestellten.

profil: Sind Sie überhaupt irgendwo angestellt?
Habsburg: Nein. Ich bin ein Ein-Mann-Unternehmen.

profil: Ein habsburgisches Familienoberhaupt als Ein-Mann-Unternehmen. Das ist neu. Sind sie pensionsberechtigt?
Habsburg: Vielleicht in meinem landwirtschaftlichen Betrieb. Ich weiß das nicht so genau.

profil: Dann bekommen Sie ja in ein paar Jahren eine Bauern-Rente!
Habsburg: Ausgezeichnet!

Zur Person
Karl Habsburg-­Lothringen, 52
Er ist der Enkel des ­letzten Kaisers, ältester Sohn Otto Habsburgs und seit dessen Tod Oberhaupt der Familie. Karl Habsburg saß drei Jahre lang für die ÖVP im Europaparlament. Er ist mit Francesca Thyssen-Bornemisza verheiratet. Das Paar hat drei Kinder.

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Foto: Monika Saulich