Mosiger als der Moser

Nachruf. Von kleinen Kneipen und weißen Rössln: David Schalko zum Tod des Entertainers Peter Alexander.

Dass die Namen der beiden wichtigsten Exporte österreichischen Komödiantentums ausschließlich aus Vornamen bestehen, muss etwas bedeuten. Thomas Bernhard und Peter Alexander, sie waren die Antipoden der Ö-Kultur, die immer schon weder E noch U war. Vielleicht deutet es auf eine gewisse Volksnähe hin, wo doch der eine dem Volk zu nahe trat, der andere sich auf einzigartige Weise mit diesem verkumpelte. Ja, so einen hätte das österreichische Fernsehen heute gerne. Einen, den jeder mag. Alfons Haider ist, so gesehen, ein Missverständnis. Die Trümmerfrauen haben den Unterschied zwischen gut und schlecht gemachter Anbiederung schon damals begriffen. Peter Alexanders heile Welt vereinnahmte eine Nachkriegsgeneration, der längst das Hören und Sehen vergangen war. Ein unheilbarer Positivismus, der selbst in der Katastrophe noch ein Stück guter Laune verhieß, eine gute Laune, die immer auch etwas Bevormundendes hatte. Ein Lachen für jene, die sich ordentlich kleideten und frisierten. So hatte es die „Schnurrdiburr“, Peter Alexanders 2003 verstorbene Frau Hilde, gern. Und wenn sie noch lebte, würde sie darauf achten, dass die Döblinger schön gekampelt am Grab erschienen. Vor dem Knurren der Schnurrdiburr erzitterte einst die ganze Branche. So viel Milde und Gutmütigkeit brauchte einen seelischen Dobermann, der all das Schlechtgemeinte draußen hielt und das Gutgemeinte auch gut aussehen ließ.

Während bei Heinz Conrads die Kranken zu Tode ­gegrüßt wurden, freuten sich die Gesundgebliebenen an Alexanders Timbre, dessen Lieblingsmodus es war, den Ton des „Jetzt muss ich selber gleich lachen, und ich stecke Sie damit an“ zu treffen. Ja, den richtigen Ton traf er immer. Das, was einen bei Rainhard Fendrichs „I am from Austria“ erschaudern lässt, schaffte Peter Alexander mühelos mit einer ganzen Nazi-Generation, die sich bis dahin geschämt hatte, beim Anblick eines Bergs Nationalstolz zu empfinden. Peter Alexander war der Zuckeraufguss eines tranigen Wirtschaftswunders. Das Subversivste, das Peter Alexander für die Kunst geleistet hat, war der Graf-Bobby-Witz: Wichtig war, dass sich alle darauf einigen konnten. Bis zu 71 Prozent Marktanteil erreichten seine Shows. So viel Volksnähe ertrug sonst keiner. Oskar Werner besteht übrigens auch nur aus Vornamen. So wie Udo Jürgens. Und Viktor Gernot.

Privat verhielt sich Peter Alexander wie die Parodie eines Döblingers. Der Lodenmantel und der Steirerhut, so laufen dort gleichermaßen der Bankchef, der Waffenhändler und der Entertainer herum. Er verabscheute die Extravaganzen des Geschäfts. Er stellte sich bewusst als Biedermann aus: keine Exzesse, in aller Bescheidenheit, jemand, der Angeln als Leidenschaft bezeichnete; nur echte Freunde wussten, wie er ohne Toupet aussah.

Niemand parodierte so gut wie er. Und trotzdem: Man hatte immer das Gefühl, dass harte Arbeit dahintersteckte. Ein anständiger Künstler, der dem Publikum nichts schuldig blieb. Niemand konnte die Queen so gut wie er. Er war mosiger als der Moser. Kein Jack Lemmon sah so gut in Frauenkleidern aus. Juhnke und er lagen Kopf an Kopf in Sachen Sinatra. Nach Peter Alexander durfte es keine Parodie mehr geben. Alle waren sie bei ihm. Alle spielten sie mit – in der großen Peter-Alexander-Show, wo das Bühnenlicht keine Schatten warf, wo man sich in Form von launigen Medleys unterhielt. Hier ist ein Mensch. Er singt von kleinen Kneipen und weißen Rössln. Er arbeitete mit den Großen und Größten der Branche. Ralph Siegel und Dieter Bohlen produzierten ihn. Larry Hagman und Johnny Cash sangen mit ihm „Jung san ma“. Gunther Philipp wackelte für ihn mit den Ohren. Und Falco sah neben ihm aus wie ein Verhaltensgestörter, der die Regeln der Erwachsenen nicht begriff.

Nach dem Tod seiner Hilde ließ er den Lodenmantel immer öfter im Vorzimmer hängen. Nach dem Unfalltod der Tochter musste der Dackel endgültig allein heimwärts wackeln. Wenn sich einer so stark für das Wohlbefinden zuständig fühlt, steckt er solche Schicksalsschläge wahrscheinlich noch schlechter weg. Es könnte uns alle treffen. Sind wir froh, dass es so oft die anderen sind. Servus die Madeln, servus die Buam, ich begrüße auch die Kranken an unseren Schirmen. Sie haben es wahrscheinlich schon gehört: Peter Neumayer ist tot.n

David Schalko, 38, lebt und arbeitet als Regisseur, Autor und TV-Entwickler in Wien. Zuletzt erschien der umstrittene Roman „Weiße Nacht“ (2009).