Sherpas: Diener zweier Herren

Mount Everest - Sherpas: Diener zweier Herren

Das Volk der Sherpas: Zwischen Spiritualität und Existenzkampf.

Von Philip Dulle

Der Lama hatte schon vor einem guten Jahrhundert kein gutes Gefühl. Der Mount Everest, so der buddhistische Gelehrte in einer weisungsvollen Vorahnung, werde in naher Zukunft viel Aufmerksamkeit bekommen – zu viel Aufmerksamkeit, um genau zu sein. ­Einer alten Anekdote zufolge, prophezeite der Guru die Auswüchse der Himalaya-Expeditionen bereits damals. Er prognostizierte Missgunst und Hass, Gefühle, die nicht nur das eigene Volk und die westlichen Abenteurer vergiften würden, sondern auch den ­zutiefst verehrten Everest. Für die Sherpas, ein kleines buddhistisches Volk im Himalaya-Gebirge, ist der Everest nicht nur Mittelpunkt ihrer Lebenswelt, sondern auch Heimat ­ihrer Götter.

Ein Sherpa, Tenzing Norgay, hat das Volk weit über das kleine Nepal hinaus bekannt gemacht hat. Vor 60 Jahren, am 29. Mai 1953, erklomm er gemeinsam mit dem neuseeländischen Bergsteiger Edmund Hillary als erster Mensch den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt. Wer die letzten Meter zum ­Gipfel voranging, wollten die beiden nie verraten.
Diese enge Bindung zwischen Sherpa und westlichem Bergsteiger ist prototypisch, kaschiert aber auch das Problem, unter dem das Volk bis heute leidet: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Sherpas englischen Kolonialherren im indischen Darjeeling ihre Dienste als Hochgebirgsspezialisten offerierten, entwickelte sich eine Unterwürfigkeit gegenüber den ­Besuchern aus dem Westen . Das zeigt allein der Name, den die Sherpas ihren Auftrag­gebern bis heute geben: Sahib, ihr „Herr“ und „Besitzer“.

Dennoch basierte die Beziehung stets auf einer Dualität des Gebens und Nehmens. Der Sherpa stellt die Manpower zur Verfügung, der Sahib die materiellen Voraussetzungen für den Aufstieg. Diese Verbrüderung ging häufig über das Materielle hinaus. Der west­liche Bergsteiger verehrte den Sherpa ob seiner naturverbundenen Spiritualität; dieser wiederum sah sein Gegenüber als gebildeten Organisator, der die modernsten Techniken ­beherrscht.

Das Problem liegt auch bei den Sherpas in der Begrifflichkeit. Ihr Name wird meist synonym für die Profession der Hochgebirgsträger verwendet; die ethnische Bedeutung wird dabei fast gänzlich ignoriert. Das Volk trägt den Namen seiner Herkunft. Aus Tibet stammend, haben sich die Sherpas, wortwörtlich übersetzt das „Volk aus dem Osten“, seit dem 16. Jahrhundert im Zentral- und Süd-Himalaya angesiedelt. Heute leben gut 180.000 von ihnen im Dreiländereck zwischen Nepal, Indien und China, der größte Teil im ­Gebiet des Himalaya.

Mit ihrer Profession als Hochgebirgsspezialisten verdient sich ein Gutteil der jungen Sherpas seinen Lebens­unterhalt; sie versorgen nicht nur die eigene Familie, sondern manchmal auch ein ganzes Dorf. In den wenigen Jahren, in denen sie als Träger und Bergführer arbeiten können, verdienen sie ein Viel­faches des landesweiten Durchschnitts. Sie gründen Trekking-Geschäfte, leisten sich ein eigenes Heim, ermöglichen ­ihren Kindern eine ­bessere Ausbildung.

Für die Sherpas wird die Vorahnung des Gurus jedoch zunehmend zur traurigen ­Realität. Im Glauben des Volkes sind nicht nur sie, sondern auch die westlichen Gipfelstürmer, nur temporär erlaubte Gäste am höchsten Berg der Welt. Von den Göttern höchstens geduldet, aber alles andere als erwünscht.

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