Nahost: Schlacht ohne Sieger. Warum im Libanon-Konflikt keiner gewinnen kann

Nach zwei Wochen Krieg zwischen Israel und den Hisbollah-Milizen im Libanon zeichnet sich ab, dass beide Seiten ihre militärischen Ziele nicht erreichen können. Doch die Kontrahenten wehren sich gegen einen Waffenstillstand.

Im Krieg ist die Zeit knapp. Wenn in den vergangenen Tagen in Nordisrael die Sirenen heulten, war es für die Bewohner oft schon zu spät, einen Bunker zu erreichen. Als Andrei Zilinsky vergangene Woche den Schutzraum seines Hauses in der Küstenstadt Naharia kurz verließ, um eine Decke für seine Tochter zu holen, starb der 37-jährige durch den nahen Einschlag einer Rakete der Hisbollah, der libanesischen „Partei Gottes“ (siehe Reportage S. XX).

Im Libanon rannten derweil die Bewohner ganzer Stadtviertel und Dörfer um ihr Leben. Die israelische Armee warf Flugblätter ab, in denen sie Luftschläge auf Wohngebiete ankündigte. Die Zeit, die den solcherart Vorgewarnten blieb, sich in Sicherheit zu bringen: zwei Stunden. Manchmal schlugen die Bomben aber auch ohne Vorwarnung ein. Said, ein Arzt des Spitals der südlibanesischen Stadt Tyre, war in das Dorf Srifa gefahren, um seine Frau, seine Mutter und seine beiden Kinder aus dem Kampfgebiet zu holen. Zehn Fahrtminuten vom sicheren Krankenhaus entfernt zerriss eine israelische Rakete das Auto.

Im Krieg entscheiden Sekunden über Tod oder Leben, und genauso schnell müssen Entscheidungen getroffen werden. Die israelische Regierung konnte nicht lange zögern, als sie am 12. Juli mit einem Überfall der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah konfrontiert wurde, die bei einem Angriff auf israelisches Gebiet zwei Soldaten verschleppte und gleichzeitig Raketen auf israelische Städte abfeuerte. Die rasche Entscheidung lautete: Verteidigung, Gegenangriff, Vergeltung.

Seither hat sich auf dem Küstenstreifen von Nordisrael und dem Libanon ein chaotischer Konflikt entsponnen, in dem auf engstem Raum Bomben fallen, Evakuierungen organisiert und Flüchtlingsmassen versorgt werden. Die Israelis setzten ihre Angriffe auf den Libanon die ganze Woche über mit unverminderter Härte fort – Bomben auf die Innenstadt von Beirut, auf Büros und vermutete Waffendepots der Hisbollah, aber auch auf Einrichtungen, die nach Angaben der Libanesen eindeutig ziviler Natur sein sollen: auf Molkereien, Papierfabriken und pharmazeutische Betriebe.

Die Kämpfer der „Partei Gottes“ wiederum schossen ihre Raketen bis tief nach Israel, auf Städte wie Haifa, Nazareth oder Naharia und lieferten sich im Südlibanon blutige Gefechte mit israelischen Truppen, die immer wieder über die Grenze vorstießen. Dort waren am Donnerstag vergangener Woche 15.000 Zivilisten in zwei Ortschaften ohne jede Versorgung eingeschlossen. Die israelische Armee weigerte sich zunächst, dem Roten Kreuz Zugang zu ihnen zu ermöglichen.

Flüchtlingswelle. Zwischendurch drohte die Türkei, den Nordirak anzugreifen, um kurdische Rebellen zu bekämpfen. Begründung: Auch bei Israel habe die internationale Gemeinschaft nichts gegen Militärschläge zur Selbstverteidigung einzuwenden.

Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks Unhcr sind inzwischen rund 500.000 Menschen auf der Flucht vor den Auseinandersetzungen. Libanesen bleibt die Evakuierung durch westliche Regierungen versagt, also versuchen sie, sich nach Syrien oder Jordanien zu retten. Vor allem die Fahrt Richtung Damaskus ist ein riskantes Unternehmen: Die Autobahn dorthin wird immer wieder von israelischen Kampfflugzeugen attackiert, weil die Armee vermutet, dass sie der Hisbollah als Nachschubweg für Waffen dient.

Von der israelischen Nordküste wiederum flieht die Bevölkerung vor den dauernden Raketenangriffen der Hibollah-Milizen nach Süden oder ins Landesinnere. Und an der Küste vor Beirut ist die eine große Evakuierungsaktion angelaufen. Westliche Staaten versuchen, ihre Staatsbürger auf dem Seeweg in Sicherheit zu bringen. Kriegs- und Kreuzfahrtschiffe pendeln mit tausenden Menschen an Bord zwischen dem Libanon und Zypern. Dort kommen die Behörden mit dem Ansturm kaum zu Rande: Die Hotels der Insel sind in der Hochsaison ausgebucht, die Unterkünfte werden knapp, es kommen mehr Flüchtlinge an, als die eilig gecharterten Flugzeuge abtransportieren können.

Nach libanesischen Angaben hat der Krieg bis Ende vergangener Woche über 300 Menschen das Leben gekostet – Angaben, die von Israel bezweifelt werden. „Das Militär tut alles, um sicherzustellen, dass kein Zivilist getroffen und keine zivile Infrastruktur zerstört wird“, so der stellvertretende israelische Ministerpräsident Shimon Peres. Auf israelischer Seite starben mehr als dreißig Zivilisten.

In Zeiten des Krieges bleibt auch nicht viel Zeit, um die Frage zu klären, welche Ziele die Kontrahenten eigentlich verfolgen.

Was will die Hisbollah?

Das offizielle Kriegsziel der Hisbollah lautet: Befreiung der libanesischen Häftlinge, die in israelischen Gefängnissen festgehalten werden. Und: Abzug der israelischen Armee aus den „besetzten Gebieten“, gemeint sind die so genannten „Shebaa-Farmen“ im Grenzgebiet zu Syrien.

Als Hisbollah-Milizionäre am Mittwoch, dem 12. Juli, auf israelisches Staatsgebiet vordrangen und dort zwei Soldaten der Israel Defense Forces, wie die offizielle Bezeichnung der israelischen Streitkräfte lautet, verschleppten, verfolgte Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah damit möglicherweise wirklich nur ein überschaubares Ziel: die Israelis, die gleichzeitig unter dem Druck der bereits Ende Juni erfolgten Entführung eines weiteren Soldaten im Gazastreifen standen, zu Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch zu zwingen.

Häftling. Für die Hisbollah geht es dabei um drei Häftlinge in israelischen Gefängnissen, die schon mehrmals freigepresst werden sollten. Einer von ihnen ist Samir Kuntar, ein Terrorist, der 1979 ein Kommando anführte, das sich per Boot nach Israel einschlich, dort erst einen Polizeibeamten erschoss und danach eine Familie als Geisel nahm. Kuntar tötete sowohl den Vater als auch dessen vier Jahre alte Tochter. Die Mutter hatte sich mit einer weiteren, zwei Jahre alten Tochter im Haus versteckt. Beim verzweifelten Versuch, das Mädchen am Schreien zu hindern, erstickte sie ihr Kind. Kuntar wurde zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt.

Um diesen Mann freizupressen, war die Hisbollah bereits seit Langem auf der Suche nach einem geeigneten Faustpfand. Am 12. Juli hoffte sie, es in den beiden entführten Soldaten gefunden zu haben.

Von einem Gefangenenaustausch versprach sich die „Partei Gottes“, die im Libanon in der Regierung und im Parlament vertreten ist, aber auch innenpolitische Erfolge.

Nasrallah, den mit dem libanesischen Premierminister Fuad Siniora bloß eine von gegenseitigem Misstrauen geprägte Zweckkoalition verbindet, muss nämlich eines fürchten: dass seine Widersacher im Libanon einen Weg finden, die Hisbollah an den Rand zu drängen. Als Siniora nach der Ermordung von Premierminister Rafik Hariri im Jahr 2005 an die Macht kam, vermied er es zwar, in seiner Regierungserklärung die Entwaffnung der Hisbollah, wozu der Libanon laut UN-Resolution 1559 verpflichtet ist, zu verlangen, weil er einen Bürgerkrieg mit der Hisbollah fürchtete. Doch hinter den Kulissen arbeitete Siniora an einer politischen Lösung des Problems.

Entwaffnung. Im vergangenen Mai reiste er zum britischen Premier Tony Blair nach London, um ihn um Hilfe zu bitten. Siniora wollte der Hisbollah ihre letzte Rechtfertigung nehmen, eine bewaffnete Miliz zu stellen – den Streit um die Shebaa-Farmen, die von Israel besetzt sind, laut UN aber Syrien zustehen, tatsächlich aber nicht von Syrien, sondern vom Libanon beansprucht werden. Siniora schlug Blair vor, erst die UN zu überzeugen, dass die Shebaa-Farmen zum Libanon gehörten, danach Israel zum Abzug zu bewegen und anschließend die Hisbollah vor vollendete Tatsachen zu stellen: keine Gebietsstreitigkeiten mehr, also freiwillige Entwaffnung.

Wie erfolgversprechend Sinioras Initiative war, ist ungewiss. Mit der Entführung der Israelis kam die Hisbollah diesem Vorhaben jedenfalls zuvor und torpedierte es.

Nasrallah und seine Kampfgefährten können seit Beginn des neuen Krieges wieder auf die unabdingbare Notwendigkeit ihrer militärischen Potenz pochen. Während die libanesische Armee sich aus dem Krieg heraushält, bietet die Hisbollah dem ewigen Außenfeind Israel die Stirn und verfügt dabei über Waffen, von denen die Hamas nur träumen kann. So springt die schiitische Miliz den sunnitischen Palästinensern der Hamas zur Seite und präsentiert sich als einzige Verteidigungsmacht gegen Israel – und das vor dem Hintergrund eines völlig versandeten Nahost-Friedensprozesses. So viele zugkräftige Argumente, sich ihrer Entwaffnung zu widersetzen, hatte die Hisbollah lange nicht.

„Wir wollten direkte Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch, aber keine Eskalation“, sagt der Hisbollah-Abgeordnete Nawwar Sahili im profil-Interview. Nasrallah habe „aber auch klar gemacht, dass wir für den Fall einer Eskalation bereit sind“. Jetzt stehe die Mehrheit der Bevölkerung aber eindeutig aufseiten der „Partei Gottes“, so Sahili.

Riskantes Spiel. Ob das stimmt, ist derzeit nicht mit Sicherheit zu beurteilen, aber Sahili steht mit seiner Behauptung nicht allein da. „Schon vor der jetzigen Eskalation haben etwa 60 Prozent der Bevölkerung – also nicht nur Schiiten, sondern auch libanesische Sunniten und Christen – Forderungen der Hisbollah unterstützt“, sagt Amal Saad-Ghorayeb, Politikprofessorin an der Amerikanischen Universität in Beirut und Autorin des Buches „Hisbollah, Politik, Religion“. Doch das Spiel der Hisbollah bleibt riskant. Die Libanesen müssen einen Krieg erdulden, der Menschenleben und Wirtschaftskraft vernichtet und in dem sie absolut nichts zu gewinnen haben.

Zumal die Hisbollah im gegenwärtigen Konflikt ihre Ziele nicht erreichen kann. Weder werden sich die Israelis in absehbarer Zeit auf einen Gefangenenaustausch einlassen noch die umstrittenen Shebaa-Farmen räumen.

Die israelische Position schien hingegen nach den ersten Kriegstagen viel versprechend wie nie. Im Gegensatz zu den Militäroperationen, die Ehud Olmerts Vorgänger Ariel Sharon gegen „terroristische Infrastruktur“ in den besetzten Gebieten unternommen hatte, stieß die jetzige Führung international auf viel Verständnis für ihre Aktion.

Das ist nicht verwunderlich, hat sich die Hisbollah doch in jeder Hinsicht ins Unrecht gesetzt. Ihr Angriff, der den Krieg auslöste, erfolgte auf israelischem Gebiet, und die verschleppten Soldaten wurden umgehend und völkerrechtswidrig zu Geiseln umfunktioniert. Zudem beschießt die Hisbollah Israel mit Raketen, die so ungenau sind, dass sie nur ziellos auf Städte abgefeuert werden können und somit vor allem Zivilisten gefährden und auch töten. Angesichts dieser Strategie genießt Israel international den Bonus des Opfers, auch wenn die Übermacht der israelischen Streitkräfte enorm und die Zahl der Todesopfer auf libanesischer Seite entsprechend hoch ist.

Die Tageszeitung „Jerusalem Post“ analysierte denn auch vergangene Woche beinahe euphorisch die Lage und konnte es selbst kaum glauben: In der Vergangenheit habe die internationale Diplomatie meist der Offensive der Armee ein jähes Ende gesetzt, diesmal jedoch herrsche „in den Hauptstädten der Welt ein nie da gewesenes Verständnis für Israels Aktionen“ und „keine besondere Eile rund um den Globus, den Kämpfen ein Ende zu setzen“.

Die Offensive der Israelis, berichtete die britische Zeitung „The Guardian“, sei von Anfang an mit der US-Regierung akkordiert gewesen. Washington habe nichts dagegen einzuwenden gehabt, und auch alle Bemühungen um ein sofortiges Ende der Angriffe blockiert. Außenministerin Condoleezza Rice gab vergangene Woche bekannt, erst am Wochenende nach Jerusalem reisen zu wollen, und signalisierte damit, es herrsche keine Dringlichkeit.

Waffenstillstand. Tatsächlich schien Kritik an Israels militärischer Vorgangsweise am Argument abzuprallen, alle Operationen seien durch das Recht auf Selbstverteidigung gedeckt. Nur zaghaft forderten G8 und EU von Israel Rücksicht auf Zivilisten. Tagelang wollte offenbar kaum jemand genau hinsehen, wie grausam die Selbstverteidigung gegenüber der libanesischen Bevölkerung ausfiel.

Und dennoch schien Israel seine Kriegsziele ebenso wenig zu erreichen wie die Hisbollah.

„40 bis 60 Prozent des militärischen Potenzials der Hisbollah“ seien in den ersten sechs Tagen der israelischen Operation vernichtet worden, meldeten israelische Zeitungen unter Berufung auf Quellen aus den Streitkräften, und eine weitere Woche könnte genügen, um die Gefahr künftiger Angriffe durch die Hisbollah zu bannen. Offiziell sprachen hohe Militärs von „mehreren Wochen“. Doch die Raketen aus dem Südlibanon schlugen weiterhin in israelischen Städten ein, hohe Hisbollah-Funktionäre konnten vorerst nicht getötet werden, und von den verschleppten israelischen Soldaten fehlte jede Spur.

Einig waren sich die beiden Kriegsparteien vergangene Woche jedoch offenbar in einem Punkt: Weder die Hisbollah noch Israel riefen nach einem Waffenstillstand. Der wäre dem Erreichen ihrer Kriegsziele ihrer Ansicht nach im Weg gestanden. Während UN und EU ein Ende der Kampfhandlungen beider Seiten forderten, bekräftigte Premier Olmert, die Offensive gegen die Hisbollah werde „so lange wie nötig“ fortgesetzt. Und deren Zentralrat ließ verlautbaren, „keine Bedingung für eine Waffenruhe“ zu akzeptieren, „wie auch immer der Druck aussehen wird“.

Die israelische Öffentlichkeit stand mit großer Mehrheit hinter dem Vorgehen ihrer Regierung, 58 Prozent der Befragten sprachen sich in einer Umfrage dafür aus, die Angriffe so lange fortzusetzen, bis Hisbollah-Chef Nasrallah getötet ist.

„Inakzeptabel“. Doch die Kritiklosigkeit gegenüber Israels Strategie sollte nicht ewig währen. Donnerstag vergangener Woche meldete sich UN-Hochkommissarin Louise Arbour zu Wort und deutete an, die Bombardements beider Seiten könnten Kriegsverbrechen darstellen: „Wahlloses Beschießen von Städten“ sei ebenso inakzeptabel wie die Bombardierung von Zielen mit angeblicher militärischer Bedeutung, die „unweigerlich zum Tod von unschuldigen Zivilisten“ führten.

Letztere Beschreibung traf zweifellos auf die israelische Taktik zu. Allein Mittwoch vergangener Woche forderten israelische Angriffe 63 zivile Menschenleben. Die meisten Opfer starben in Wohnhäusern, die bei den Bombardements einstürzten. In dem südostlibanesischen Dorf Srifa etwa kamen 17 Menschen um, als die israelische Luftwaffe 15 Häuser zerstörte. Insgesamt, berichteten die UN, sei fast ein Drittel aller libanesischen Todesopfer Kinder.

Israel bediente sich einer zumindest strittigen Definition von „militärischen Zielen“ und nahm sowohl die TV-Station des Hisbollah-Senders Al-Manar, ein Elektrizitätswerk südlich von Beirut als auch Büros der Hisbollah inmitten von Wohngebieten unter Beschuss. Auch in Gaza starben neun Mitglieder einer palästinensischen Familie, darunter sieben Kinder, unter den Trümmern ihres Hauses. Um vier Uhr Früh hatte die Luftwaffe das dreistöckige Gebäude in Gaza-Stadt zum Einsturz gebracht, weil es angeblich „als Versteck für hohe Aktivisten des militärischen Flügels der Hamas“ gedient habe. Ähnlich erging es Zivilisten in Beirut.

Die diplomatischen Bemühungen um einen Waffenstillstand und der Protest gegen den Krieg nahmen Ende vergangener Woche zu. Nach der Europäischen Union verlangte auch UN-Generalsekretär Kofi Annan von beiden Kriegsparteien, die Kampfhandlungen einzustellen. Israel und die USA wiesen diese Forderung zurück.

Kein Wunder. Für Israel wurde die Zeit in diesem Krieg einmal mehr knapp, denn die internationale Gemeinschaft begann, auf ein baldiges Kriegsende zu drängen.

Sünde. Vergangenen Freitag drangen israelische Kommandos weiter in den Libanon vor, um verborgene Stellungen der Hisbollah aufzuspüren und zu zerstören. Vier israelische Soldaten starben im Gefecht, auch auf Seite der Hisbollah gab es Opfer. Beirut und der Südlibanon wurden weiter bombardiert. Die israelische Armee war sichtlich in Eile, tausende Reservisten wurden einberufen. Yossi Sarid, Abgeordneter der linksliberalen Meretz-Partei, mahnte, die Kämpfe israelischer Soldaten auf libanesischem Boden erinnerten an die „Sünde des ersten Libanon-Krieges“ des Jahres 1982. Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Operation kamen auf: „Die Hisbollah zeigt keine Anzeichen eines Zusammenbruchs“, analysierte die israelische Tageszeitung „Haaretz“. Wird der Krieg an diesem Punkt beendet, kann Israel als einzigen Erfolg verbuchen, dass es wieder einmal seine Abschreckungskraft demonstriert hat. Daniel Pipes, ein Kommentator der „Jerusalem Post“, würdigte, dass Israel nach den „dummen Plänen für einen Kompromiss“ und der „Idiotie des einseitigen Rückzugs“ aus dem Südlibanon und Gaza endlich wieder zu seiner militärischen Härte zurückgefunden habe. Israel wird nach Kriegsende behaupten, die Hisbollah entscheidend geschwächt zu haben, die Hisbollah wird dies dementieren. Israel kann nur hoffen, dass der Libanon-Krieg dieses Sommers der internationalen Gemeinschaft die Dringlichkeit einer Entwaffnung der Hisbollah vor Augen geführt hat. Was allerdings noch nicht heißt, dass man sich darauf einigt, wie dies geschehen soll.

Übrig bleiben ein schwer getroffener Libanon, kaputte Infrastruktur, ein humanitärer Krisenfall und mehrere hundert tote Zivilisten. Und solange es nicht einmal Gespräche der Kontrahenten im ewigen Nahost-Konflikt gibt, kommt eine bange Vorahnung hinzu: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

Von Martin Staudinger und Robert Treichler
Mitarbeit: Franziska Dzugan, Verena Ringler