Norman Lloyd: „Heute geht man ins Kino, um zu leiden“

Er spielte mit Orson Welles Theater und fiel für ­Hitchcock von der Freiheitsstatue: Der amerikanische Schauspieler Norman Lloyd über Arnold Schönbergs Reizbarkeit, den ­Salami-Konsum des ­Komponisten Hanns Eisler und Hollywoods Kommunistenjäger.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Sie waren mit dem Wiener Hanns Eisler ein paar Jahre lang gut befreundet. Wie und wo lernten Sie ihn kennen?
Lloyd: Das war 1935. Eisler kam für eine Tournee erstmals nach Amerika. Die Theatergruppe, bei der ich damals arbeitete, lud Eisler zu einem Gespräch ein. Er flog leider bald zurück nach Europa. Aber 1942 zog Eisler dann nach Los Angeles, lebte in einem Haus am Strand von Malibu. Wenig später kauften meine Frau und ich ein Haus in nächster Nähe zu seinem. Das war Zufall, aber so wurden wir Freunde. Ich leitete ein Theater in Hollywood, in dem wir im Sommer 1947 Bert Brechts „Life of Galileo“ aufführten. Charles Laughton, der mit Brecht die englische Fassung hergestellt hatte, spielte die Titelrolle, Joseph Losey führte Regie – und Hanns Eisler hatte die Musik komponiert. Sie war so phantastisch, dass sogar Igor Strawinski unsere Show mehrmals besuchte, um die Musik zu studieren.

profil: Wie kam es dazu, dass Sie in L. A. Brecht spielten?
Lloyd: Hanns hatte mir eines Tages erzählt, dass er Musik für Brechts Galileo-Stück geschrieben habe. Sie hatten es in den USA vielen Theatermachern vorgelegt, in der Hoffnung, es produzieren zu können. Sie hatten auch bei Orson Welles angefragt, der Brecht seitenweise Briefe schrieb, in denen er ihm tausend Gründe nannte, warum man den „Galileo“ nicht auf die Bühne bringen sollte. Auch Elia Kazan lehnte ab. Aber Hanns gab nicht auf und schlug mir vor, es zu machen. Ich sagte zu.

profil: Eisler hatte bei Schönberg studiert, der – von den Nazis vertrieben – seit 1933 in den USA lebte. Die beiden trafen einander in Kalifornien wieder – in alter Hassliebe?
Lloyd: Schönberg hatte Anfang der 1940er-Jahre zwei sehr junge Söhne. Er und Eisler siezten einander penibel, nannten einander unentwegt „Herr Eisler“ und „Herr Schönberg“. Dem Älteren der beiden Schönberg-Söhne mussten die Mandeln entfernt werden, was damals nicht billig war, rund 250 Dollar kostete. Hanns, der mir diese Geschichte später erzählte, ging es in jenen Jahren nicht schlecht. Er schrieb Filmmusik, wurde gut bezahlt. Schönbergs Karriere dagegen stagnierte. Also sagte Eisler zu seinem alten Lehrer: „Herr Schönberg, ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen die 250 Dollar leihen dürfte. Und sollte es Ihnen schwerfallen, mir das Geld zurückzuzahlen, keine Sorge: Ich könnte den Gegenwert ja auch in Form von Kompositionsstunden bei Ihnen konsumieren.“ Darauf brüllte ihn Schönberg an: „Was? Nach 25 Jahren beherrschen Sie meine Methode noch immer nicht? Verschwinden Sie aus meinem Haus!“

profil: Eine solche Beleidigung führte nicht zum Bruch?
Lloyd: Ach was! Am nächsten Tag wurde Eisler wieder eingeladen.

profil: Mit wem verkehrten Sie damals sozial?
Lloyd: In den Salons, die Greta Garbos Drehbuchautorin, Salka Viertel, gern gab und die bisweilen auch im Hause Eisler stattfanden, tauchten regelmäßig nicht nur Schönberg und Brecht, sondern auch Thomas Mann und Charlie Chaplin auf. Ich erinnere mich an eine der besten Dinnereinladungen, die Hanns und Louise Eisler je gaben. Sie hatten mich und meine Frau zum Abendessen gebeten, aber es kamen noch ein paar andere: Chaplin mit Oona, Thomas und Katia Mann erschienen ebenfalls. Und Hanns lief in solchen Runden, an denen oft auch Charlie Laughton, der Schauspieler Paul Henreid und der Musiker Artie Shaw teilnahmen, zu Höchstform auf. Natürlich war die Crème der deutschsprachigen Kolonie in Hollywood da sehr präsent.

profil: Eisler muss immens amüsant gewesen sein.
Lloyd: Allerdings. Er liebte es, Sherry zu trinken. Und er kombinierte diesen Drink meist mit Salami, die er in rauen Mengen verdrückte.

profil: Sherry und Salami?
Lloyd: Ja, rätselhafterweise. Und da wir ja Nachbarn waren, lief eines Tages Lou hysterisch bei uns herein und schrie, dass ihr Mann in der Küche plötzlich kollabiert sei. Wir sollten schnell zu Hilfe kommen. Tatsächlich lag Hanns nebenan am Küchenboden und hatte offenbar zu viel Sherry und Salami erwischt. Wir fragten angstvoll, wie es ihm gehe, und er antwortete gedehnt, noch am Boden liegend: „Ich fühle mich, als kopulierten tausend Frösche auf meiner Zunge.“

profil: Ein poetisches Bild.
Lloyd: Er überraschte einen immer. Er lebte in einem Haus direkt am Pazifik, hatte den besten Blick aufs Meer. Einmal stand er versonnen am Fenster, betrachtete den Ozean und sagte mit seinem schweren deutschen Akzent nur: „Die Natur ist so langweilig.“ Ich bewunderte und verehrte ihn, gerade solcher Momente wegen.

profil: Aber 1947 mussten Sie miterleben, wie er von den Kommunistenjägern wegen „unamerikanischer Umtriebe“ verhört und des Landes verwiesen wurde. Man nannte ihn damals „den Karl Marx des musikalischen Kommunismus“.
Lloyd: Ja, er schrie während eines Verhörs, in dem er unzähliger Vergehen beschuldigt wurde: „Ich bin Komponist!“

profil: 1948 musste Eisler die USA verlassen, flog verbittert zurück nach Europa. Hörten Sie je wieder von ihm?
Lloyd: Leider nein. Wir verloren jeden Kontakt. Ich wusste nicht, wie ich ihn erreichen sollte. Er lebte dann ja in Ostberlin.

profil: Sie hatten wegen linker Kontakte auch Arbeitsverbot?
Lloyd: Mich traf es nicht so schwer wie Hanns. Ich kam nicht auf die schwarze, nur auf die so genannte graue Liste. Aber ja, auch ich verlor Jobs.

profil: Es genügte schon, linke Freunde zu haben?
Lloyd: Vermutlich, aber wir hatten ja auch Brechts „Galileo“ gemacht. Charles Laughtons Frau, Elsa Lanchester, hatte ihren Mann gewarnt, dass er damit seine Karriere ruinieren würde. Aber das war in Amerika nichts Neues. Schon in den 1930er-Jahren wurden die „Living Newspaper“-Theaterprojekte, die ich mit Losey machte, ebenso verdammt wie das New Yorker „Theatre of ­Action“ – alles linke Initiativen. Und die große Sache damals war der Spanische Bürgerkrieg, wir gaben Benefiz-Abende für die Kämpfer gegen Franco. Das war natürlich alles verboten. So war ich, als Teilnehmer an solchen Aktionen, längst aktenkundig, als die große Kommunistenhatz begann.

profil: Ihre Freundschaft mit dem Schauspieler John Garfield war wohl auch nicht förderlich. Sie waren an Garfields Seite 1951 noch zu sehen: „In „He Ran All the Way“, inszeniert von John Berry, geschrieben von Dalton Trumbo – alles Künstler, die bald auf Hollywoods Blacklist standen.
Lloyd: Ja, Julie, wie Garfield von seinen Freunden genannt wurde, war großartig. „He Ran All the Way“ war sein letzter Film. Er musste vor dem Ausschuss aussagen, weigerte sich, Freunde zu denunzieren, ein paar Wochen später setzte sein Herz aus. Es gab viele weitere Opfer, auch Chaplin gehörte dazu, der sich mit den denkwürdigen Worten „Ich bin ein Friedenstreiber!“ verteidigte.

profil: Wie verstand er sich mit Eisler denn musikalisch?
Lloyd: Chaplin komponierte seine Film-Soundtracks bekanntlich gern selbst, am Klavier. Anschließend heuerte er jemanden an, der ihm die Melodien orchestrieren sollte. Einmal bat er auch Hanns darum. Aber Eisler lehnte brüsk ab: Er habe keine Lust darauf, stellte er trocken fest, Chaplins musikalischer Sekretär zu sein.

profil: Sie leben in Los Angeles, sind im Kino immer noch aktiv. Was halten Sie von der gegenwärtigen Filmindustrie?
Lloyd: Ich bin nicht enthusiastisch. Die Schauspieler erscheinen mir heute weniger interessant: Wenn Sie die mit Clark Gable und Spencer Tracy, mit Bette Davis und Barbara Stanwyck vergleichen, wird die Differenz deutlich. Mir fällt es schwer, einen vom anderen zu unterscheiden. Es gibt Ausnahmen: Jennifer Lawrence etwa ist brillant in „Silver Linings“, aber dieser Bradley Cooper? Das ist doch eine Null. Hitchcock sagte immer, es gehe im Kino darum, die Zuschauer zu unterhalten. Heute geht man ins Kino, um zu leiden.

profil: Das hindert Sie nicht daran, eigene Filmpläne zu schmieden.
Lloyd: Tatsächlich versuche ich gerade wieder, einen Film auf die Beine zu stellen, nach einem Einakter von George Bernard Shaw namens „The Shewing-up of Blanco Posnet“. Er schrieb 1909 als Ire tatsächlich so etwas wie einen amerikanischen Western, mit Gewehren und Lynchjustiz. Ich habe die Filmrechte daran, ließ ein Drehbuch schreiben.

profil: Sie wollen den Film produzieren – oder gleich selbst inszenieren?
Lloyd: Ich bin fast 99 Jahre alt. Ich spiele zwar noch immer Tennis, aber als Regisseur muss man um halb sechs Uhr früh aufstehen, den ganzen Tag arbeiten, nachts das Material überprüfen und bis Mitternacht den nächsten Drehtag vorbereiten. Das schaffe ich physisch nicht mehr. Also werde ich nur produzieren und den Regisseur nervös machen.

Zur Person
Norman Lloyd, 98, begann seine Karriere 1932 am New Yorker Off-Theater, arbeitete dort auch mit Orson Welles. 1942 spielte er seine erste Filmhauptrolle in ­Alfred Hitchcocks „Saboteur“, trat in der Folge in Filmen von Jean Renoir, ­Lewis Milestone, Joseph Losey und Charles ­Chaplin auf. Als Teil des linken Zirkels in Hollywood fand Lloyd nach 1950 ein paar Jahre lang kaum Arbeit, bis ihn Hitchcock 1957 zum Fernsehen holte, wo er als Produzent und Regisseur reüssierte. Im Ensemble der erfolgreichen TV-Serie „Chefarzt Dr. Westphall“ wurde ihm in den 1980er-Jahren erneut großer Erfolg zuteil. Gelegentlich tritt Lloyd immer noch in Serien und Kinofilmen auf.

Eislers Kinoklangwelt: Die Filmschau
Über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg arbeitete der österreichische Komponist Hanns Eisler (1898-1962) mit dem Dramatiker Bertolt Brecht zusammen; weit weniger bekannt ist das filmmusikalische Schaffen Eislers, das mehr als drei Dekaden umspannt und eine erstaunliche stilistische Bandbreite aufweist, vom proletarischen und französischen Film der 1930er-Jahre über Hollywood-Scores bis zum essayistischen Kino („Regen“, 1941; „Nacht und Nebel“, 1955) reicht. Eine Werkschau lotet diesen Klangkosmos nun aus: „Hanns Eisler. Kompositionen für den Film“, zu hören und zu sehen bis 6.5. im Österreichischen Filmmuseum.
www.filmmuseum.at