„Nur ein Journalist“: Zum Tod von Hans Dichand

„Wer hat Angst vor Hans D.?“, titelte profil im Juni 1996. Nun ist Hans Dichand tot, und man darf annehmen, die Angst der Politiker vor dem Stammtisch oder was immer sie für die Mehrheit in diesem Lande halten, wird Dichands Erbe darstellen.

Wiens Bürgermeister Michael Häupl sagte damals, vor vierzehn Jahren, er sei doch „nicht verrückt“, sich über die „Kronen Zeitung“ zu äußern, die „den Massengeschmack auf so vielfältige Weise trifft“. Im Grunde sagte keiner der befragten Politiker etwas Substanzielles. Nur der ehemalige ÖVP-Obmann Erhard Busek, der nicht mehr in Amt und Würden war, meinte voll Zorn, er sei „an Dichand gescheitert“.

Was hat Dichand so mächtig gemacht?
Seinen Ruf als begnadeter Blattmacher erwarb sich Dichand in den fünfziger Jahren. Er hatte sich als Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ und des „Kurier“ hervorgetan, bevor ihm der mittlerweile ebenfalls verstorbene Franz Olah eine eigene Zeitung verschaffte. Der mächtige ÖGB-Präsident und spätere Innenminister bot Dichand finanzielle Hilfe zur Gründung der „Kronen Zeitung“ und seinen jungen Schützling Kurt Falk als kaufmännischen Geschäftsführer an. Woher das Geld kam, habe ihn nie gekümmert, sagte Dichand später im Olah-Prozeß, als die dubiosen Geldflüsse der Gewerkschaft an die „Krone“ vor Gericht verhandelt wurden. Er habe nur eine Zeitung machen wollen.

Jeder Berufsstand hat seine Marotten. Journalisten halten es gewöhnlich für eine Ehrensache, als unbestechlich und unabhängig zu gelten. Auch Dichand wollte sich so verstanden wissen. In seiner Autobiographie aus dem Jahr 1977 stellte er die große Frage: „Warum ist es so schwer, als Journalist unabhängig zu arbeiten?“

Der Frage nach dem Preis der Macht und der Verführung durch sie stellte er sich nie. Kaum hatte die „Kronen Zeitung“ von Gnaden des Franz Olah das Licht der Welt erblickt, geriet sie zu einem Kampforgan gegen Olahs Gegner in der SPÖ. Vermutlich war es nicht bloße Dankbarkeit. Da hatten sich auch zwei autoritäre Charaktere gefunden.

Als Dichand 1966 wegen Olahs heimlich verwendeter Gewerkschaftsgelder über Nacht abgesetzt und die „Krone“ zwei Tage lang von einem kommissarischen Verwalter geführt wurde, stand die Redaktion geschlossen hinter ihrem Chef. Dichand hatte ebenso begabte wie ergebene Mitarbeiter um sich geschart. Knapp zehn Jahre später, im Konflikt mit Kurt Falk, streikte die Redaktion mit Dichands Unterstützung und erkämpfte ein Redaktionsstatut. „Die Kronen Zeitung“ war die erste Zeitung in Österreich, in der die Journalisten laut Statut nicht gezwungen werden konnten, gegen ihre persönliche Überzeugung etwas schreiben und kommentieren zu müssen.

Dichand konnte sich das leisten. Ein Wort von ihm genügte, um die Redakteure wie ein Battaillon hinter sich zu versammeln. Sie waren 2zufällig immer eins mit der politischen Haltung ihres Chefs. Redaktionskonferenzen gab es nie. Kampagnen wurden im Zimmer des Chefs unter vier Augen besprochen. Meist war nicht einmal das notwendig.

Der Mann, der immer „nur ein Journalist“ sein wollte, war praktisch Alleinherrscher, wenn auch nur Miteigentümer, über die – gemessen an der Einwohnerzahl – erfolgreichste Zeitung der Welt, ein Milliardär, ein ökonomischer und politischer Machtfaktor.

Das Kleinformat zeigt der Politik gern seine Muskeln. Und bleibt doch Teil des Systems, das es angeblich bekämpft – eine erstaunliche Mischung aus Systemstabilisierung und Revolte. Mit der Drohgebärde ihrer Kampagnen hatte die „Krone“ die Politik bisher fest im Griff.

Die Blattlinie der „Kronen Zeitung“ waren die Idiosynkrasien ihres Chefs.
Wie sich das in Zukunft gestaltet, ist eine der spannendsten Fragen.