Österreich und die Gleichberechtigung:
keine Erfolgsgeschichte

Macho-Paradies Österreich: Die Gehaltsschere ist größer als im Rest der EU, die Zahl der Frauen in Führungsfunktionen sinkt, statt zu steigen. Das Land fällt immer weiter zurück – und niemand redet darüber.

Die junge Tirolerin hielt die Luft an, als sie den Folder zur Wirtschaftskammerwahl umdrehte, der ihr vergangene Woche ins Haus geflattert war: 16 ÖVP-Wirtschaftsbündler standen zur Auswahl. Alle männlich. „Sehr geehrte Herren der Listenplätze 1 bis 16“, mailte sie noch am selben Tag: Sie würden doch nicht glauben, sie ziehe so eine Liste ernsthaft in Erwägung. „Haben Sie schon einmal was vom 21. Jahrhundert gehört? Viel Spaß bei der Recherche dazu.“

Bis heute hat die Herrenrunde nicht geantwortet. Was sollte sie ihr auch erklären: Dass sich im ganzen Bundesland für die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der Wirtschaftskammer keine Frau gefunden hatte? So wird gerne begründet, warum Frauen es fast nie in Vorstandsetagen, an die Spitze von Universitäten und Gerichtshöfen schaffen. Heute sagt niemand mehr laut, dass sie für hohe Aufgaben zu dumm sind und an den Herd gehören. „Aber in den Köpfen wirken die alten Stereotype“, konstatiert Christiane Spiel, Bildungsforscherin an der Universität Wien. Kommende Woche, am 8. März, dem Internationalen Frauentag, wird kurz bejammert werden, dass sich an den Macho-Strukturen wenig ändert. Dann wird der Frauentag vorbei und alles wie immer sein. Also – verheerend.

In allen internationalen Studien sackt Österreich ab. Im „Gender Gap Report“ des World Economic Forum landet die Republik beim Kriterium der ökonomischen Teilhabe auf dem beschämenden 103. Rang unter 134 Staaten. Gerade Länder wie Nicaragua oder die Vereinigten Arabischen Emirate liegen hinter Österreich, das moslemische Indonesien aber davor.
Was die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen betrifft, lässt Österreich unter den EU-Staaten nur Estland hinter sich. 25,5 Prozent betragen hierzulande die Gehaltsunterschiede. Alle anderen 26 Mitgliedsländer erzielen bessere Werte, selbst die als klassische Macho-Regionen verschrienen Südländer wie Spanien oder Italien. Bei der Zahl der Forscherinnen ist Österreich Viertletzter. Und bis heute gibt es keine einzige Frau an der Spitze einer öffentlichen Universität.

Besonders dramatisch: Während von Lissabon bis Warschau die Unterschiede zwischen den Geschlechtern langsam geringer werden, geht in Österreich die Einkommensschere auseinander. Auch bei den Aufsichtsräten zeigt der Trend in die falsche Richtung: Im Rest Europas steigt der Frauenanteil, in Österreich sank er zwischen 2008 und 2009 von 9,1 auf 8,7 Prozent. In den Geschäftsführungen von Firmen im ATX-Börsenindex beträgt der Frauenanteil 3,5 Prozent. Noch ein Unterschied: Anderswo wird das nicht hingenommen. Immerhin vergibt der Staat 38 Milliarden Euro pro Jahr an Aufträgen. Selbst in der als besonders wirtschaftsliberal bekannten Schweiz ist die Auftragsvergabe an Gleichstellung in den Firmen gekoppelt.

Offenbar hat Österreich einige Routine entwickelt, sich von der OECD oder der EU schlechte Zeugnisse ausstellen zu lassen. Denn während etwa über das Pensionsantrittsalter der Eisenbahner hingebungsvoll gestritten wird, sind die miserablen Werte bei der Frauengleichstellung kaum eine Debatte wert. „Die Gefahr des Stillstands oder des Retourgangs wird zu wenig thematisiert“, bemängelt die frühere ÖVP-Außenministerin Ursula Plassnik.

Anzüge. Plassnik könnte vermutlich ein Lied von Stereotypen singen: Die Eliteuniversitäten Harvard und Princeton hatten sie nach ihrem Ausscheiden aus der Regierung als Gastvortragende geholt. Doch wenn beispielsweise Montag dieser Woche die Tageszeitung „Der Standard“ im Burgtheater zum Debattenabend „Europa im Diskurs – Debating Europe“ lädt, wird eine Frau zwar moderieren, doch zur Sache selbst reden nur Männer. Das ist kein Einzelfall.

Ob in Wien, in Brüssel, auf Podien oder im „Club 2“-Studio des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Wenn gewichtige Themen wie Europa, Demokratie, Wirtschaftsstandort und Bankenkrise erörtert werden, führen Männer in förmlichen Anzügen und fortgeschrittenem Alter das Wort. Erich Lehner, Psychoanalytiker und Männerforscher, war selbst einmal Gast in einer männerdominierten Runde. Als er sich bei den „Club 2“-Machern erkundigte, ob es nicht etwas ausgewogener gegangen wäre, erklärte man ihm, es sei „schwierig, geeignete Frauen zu finden“.

Die uniformen Herrenrunden sind für den Soziologen Harald Katzmair Ausdruck einer gesellschaftlichen Erstarrung. Die Stagnation hat auch ein weibliches Gesicht: Über Kindererziehung, Gewalt in der Familie und Rollenbilder reden mehrheitlich Frauen, beim Thema Gleichstellung sitzen sie allein am Podium. Kommunikationsstrategen nennen diese Methode „Framen“ (Rahmen): Ist ein Thema erst einmal als Frauenfrage geframt, schrumpft seine Bedeutung in der Sekunde. Katzmair: „Da tun plötzlich alle so, als wäre die Frauenfrage eine moralische und nicht eine zutiefst politische“.

Ist Österreich ein Macho-Land?
Tragen wir noch schwer am Erbe von katholischer Sozialisation? So einfach sei das nicht, sagt der Männerforscher Erich Lehner. Auch der Protestantismus sei eine patriarchale Religion, wie sich etwa bei Puritanern zeige. Allerdings sollten bei den Protestanten sowohl Männer als auch Frauen die Bibel lesen können. Lehner: „Das hatte den Effekt, dass Frauen schon früh Bildung hatten.“ Die Melange aus katholischer Tradition und NS-Mutterkult schuf eine Gemengelage, die nachwirkt.

Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind heute jedenfalls wieder so groß wie 1980. Die Wiener Volkswirtin Christine Zulehner: „Höchstens die Hälfte der Einkommensunterschiede“ lasse sich rational erklären, der Rest sei reine Lohndiskriminierung. Selbst die Bruttostundenlöhne von vollzeitbeschäftigten Frauen sind um 22 Prozent niedriger.

Kroko-Handtasche. Maria Schaumayer hatte dieses Problem nie. Die 78-Jährige stellte ihre riesigen Kroko-Taschen schon unter viele Chef-Schreibtische: in der OMV, der Nationalbank und der Kommunalkredit. Die ÖVP-Politikerin ist überzeugt, dass ein Teil der Gehaltsunterschiede auf Aufholeffekten beruht: „Österreich war ein besonders ausgeprägtes Macho-Land.“ Die skandinavischen Staaten locken seit den siebziger Jahren Frauen gezielt auf den Arbeitsmarkt. Österreich warb damals lieber Gastarbeiter an, um die Job-Lücke zu füllen. Das prägte. „Bei uns gab es damals die Auffassung, dass Frauen nur Zuverdienerinnen sind. Wir sind 30 Jahre hinten“, konstatiert die SPÖ-Politikerin Sonja Ablinger bitter. Das dokumentieren auch die Kolumnen, die profil-Autorin Elfriede Hammerl seit 25 Jahren verfasst.

Die Lernkurve scheint besonders flach zu sein. Selbst bei Neulingen auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich keine Besserung: Laut dem Einkommensbericht des Rechnungshofs öffnet sich sogar bei den Lehrlingen die Gehaltsschere. Seit 2001 stieg die Differenz zwischen Mädchen und Burschen von 15,4 auf 21,3 Prozent.

Die Gleichbehandlungsanwaltschaft weiß von haarsträubenden Fällen zu berichten. Eine Frau hatte eine Abteilung aufgebaut und sollte einen Stellvertreter für sich einschulen. Der Mann weigerte sich, unter einer Frau zu arbeiten. Also bot die Firma der Frau an, doch unter ihm zu arbeiten – und lockte mit dem Angebot, dass sie auf sein Gehalt angehoben würde. Erst so bemerkte die Frau, dass der Mann mehr verdiente als sie als Vorgesetzte.

In Österreich sind selbst Frauendomänen von Männern besetzt: In Kärnten bekam bisher keine einzige Gynäkologin einen Vertrag mit der Gebietskrankenkasse. Quer durch Österreich ordinieren 407 Gynäkologen und nur 88 Gynäkologinnen auf Kasse. Auch die Wiener Frauenärztin Renate Kallo hätte ihre Kassen-Praxis an einen Mann übergeben müssen: „Meine Patientinnen gehen lieber zu Frauen und wollen nicht in Privatordinationen.“ Also geht Kallo nicht in Pension – obwohl sie fast 70 ist.
Traditionelle Vorstellungen wirken als Schere im Kopf. Therese Mitterbauer, 32, ist Vorsitzende der Jungen Industrie und geschäftsführende Gesellschafterin der Hightech Coatings GmbH. Das 36-Mitarbeiter-Unternehmen liefert Beschichtungen für die Automobilindustrie.

Mitterbauers Bruder interessierte sich für Technik, sie studierte Jus, weil sie „in die Diplomatie“ wollte. Als sie stattdessen in der industriellen Männerwelt reüssierte, zeigte sich, wie prägend ihre Kindheit war: „Meine Eltern haben nie einen Unterschied zwischen uns gemacht.“ Frauen, die diesen Rückhalt nicht hatten, hätten später eher Angst als Männer, an der Spitze zu stehen. Mitterbauers Rezept dagegen: „Wir müssen Frauen stärker fordern und fördern.“ Das gebiete schon die wirtschaftliche Vernunft: „Österreich braucht die besten Köpfe. Da kann man weder Frauen noch Migranten ausschließen.“

Vorbild Mutter. Diese brauchen noch mehr Zähigkeit, um sich aus patriarchalen Strukturen zu befreien. Asiye Sel, eine in der Türkei geborene Kurdin, kam 1977 mit ihrer Familie nach Österreich. Ihre Eltern waren Analphabeten. Sel heiratete mit 19, begann einen Job bei den Wiener Volkshochschulen und war schon als junge Frau für mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter verantwortlich. Danach bekam sie zwei Kinder, beriet Migranten und absolvierte ein Soziologiestudium. Wäre nicht schon ihre Mutter aus alten Mustern ausgebrochen, wäre sie wohl nicht so weit gekommen: „Es muss einem vorgelebt werden.“ Am 8. März wird sie den „MiA 2010“-Award bekommen, mit dem her­ausragende Migrantinnen ausgezeichnet werden. Ein Beispiel, das Mut machen soll.

Sind Frauen selbst daran schuld, dass sie auf der Karriereleiter auf den unteren Sprossen hängen bleiben? Mangelt es ihnen an Selbstbewusstsein oder an Ehrgeiz? OGH-Präsidentin Irmgard Griss bekleidet eine der höchsten Funktionen in der Justiz. Fehlenden Aufstiegswillen kann sie bei ihren Kolleginnen nicht erkennen: „Vielleicht neigen Frauen eher dazu, sich ganz ihrer Arbeit zu widmen, und sind weniger daran interessiert, das auch nach außen hin sichtbar zu machen.“ Christian Friesl, Leiter der Abteilung Gesellschaftspolitik der Industriellenvereinigung, hingegen glaubt, dass „hinter der Zögerlichkeit von Frauen oft Bedenken stehen, ob sie alles auf die Reihe kriegen“.

Wenn Frauen einmal auf den Tisch hauen und sich über Ungleichbehandlung beschweren, verlieren sie oft ihren Job. Dann können sie zwar klagen, aber selbst ein gewonnener Prozess bietet nur wenig Entschädigung: Eine Betriebswirtin kann zum Beispiel für Benachteiligung mit einem Schadenersatz von 6000 Euro rechnen. Eine Formulierung zieht sich durch die Beschwerdefälle – „intransparente Gehaltsstruktur“. Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nikolay-Leitner: „Die Kriterien für die Bezahlung oder den Aufstieg sind oft nicht nachvollziehbar. Außerdem wird in Österreich bei Gehältern wahnsinnig viel gelogen.“

Das ist zwar ein Gesetzesbruch, der aber seit Jahrzehnten durchgeht. Weil Appelle nicht viel geholfen haben, plant Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek nun schärfere Instrumente. Sie will Unternehmen verpflichten, intern die Gehaltsstrukturen offenzulegen. Auch über eine Frauenquote für Aufsichtsräte nach dem Vorbild Norwegens und Spaniens verhandelt sie derzeit mit der ÖVP. Heinisch-Hosek hat aber selbst in der eigenen Partei Handlungsbedarf: Seit Anfang der neunziger Jahre steht die Frauenquote von 40 Prozent in den SP-Statuten – und wurde noch nie erfüllt. In Kärnten und Oberösterreich etwa schickte die SPÖ nur Männer in die Landesregierung. Nun droht Heinisch-Hosek mit Sanktionen. SP-Geschäftsführer Günter Kräuter will lieber „an das Verständnis“ appellieren.

Wie wenig das hilft, zeigt sich im Parlament. Vor zehn Jahren lag Österreich mit seinem Frauenanteil im Nationalrat auf Platz zehn im Ranking der „Parliamentary Union“. Mittlerweile beträgt der Frauenanteil im Nationalrat 27,3 Prozent, das ist Platz 30 zwischen Mexiko und Afghanistan. Nur die Grünen entsenden 50 Prozent Frauen, die SPÖ 36,8, die ÖVP 23,5, die FPÖ 17,6 und das BZÖ exakt zehn Prozent.

Bremsen im System. Zwischen dem, was Männer zu Protokoll geben, und ihren Handlungen klaffen Welten: Laut Umfragen unterstützen 80 Prozent der Männer die Berufstätigkeit von Frauen, 75 Prozent meinen, beide Elternteile seien für das Kind wichtig. Doch im System eingebaute Bremsen sorgen dafür, dass sich dies so gut wie nicht auswirkt. Nur drei bis vier Prozent der Männer bleiben zu Hause beim Kind.

Vor allem in Technik und Naturwissenschaften wird Mädchen nichts zugetraut. In den Pisa-Daten schlägt sich das nieder: In kaum einem anderen Land der EU glauben so viele Mädchen, diese Fächer seien für ihr Leben bedeutungslos.

Heidi Schrodt ist seit 18 Jahren Direktorin der AHS in der Wiener Rahlgasse und Vorreiterin des gendergerechten Unterrichts: „Es gibt Berge an Literatur dazu, doch die werden in der Praxis ignoriert.“ Schülerinnen ritzen sich die Haut auf oder magern bis auf die Knochen ab, weil sie wie Models aussehen wollen; Buben schlagen zu wie echte Kerle und versagen in der Schule, weil sie glauben, Vokabellernen sei für Weicheier – dennoch bleiben diese Dramen oft unbesprochen. In Schrodts Schule sind sie ein Schwerpunktthema. Die Lehrer sind geschult, Rollenklischees entgegenzuarbeiten, Buben für Sprecherrollen auszubilden und Mädchen für Naturwissenschaften zu entzünden. Die Mühe macht sich bezahlt. Schrodt: „Bei uns gehen genauso viele Mädchen wie Burschen ins Realgymnasium.“

Die Sozialisierung ist in der Berufswahl ablesbar. Vereinfacht ausgedrückt arbeiten Männer mit Maschinen und Frauen mit Menschen – vom Kfz-Mechaniker und der Friseurin bis zum Bau-Ingenieur und der Krankenschwester. Arbeit mit Maschinen wird dabei deutlich höher bewertet: Die fünf Branchen mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen (Gesundheitswesen, Unterricht, Handel, Beherbergungswesen, Dienstleistungen) sind weiblich geprägt. Es nützt den Frauen auch nichts, männliche Branchen zu erobern. „Dann sinken dort die Löhne“, analysiert ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser. Sie will bei der Bewertung von Arbeit ansetzen: „Warum soll es mehr wert sein, an einem Auto zu arbeiten statt an einem Kopf?“

Vereinbarkeitslüge.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde stets als Sache der Frau abgehandelt, und die war nach gängiger Vorstellung hauptsächlich Mutter. „Wir haben eine starke Mütterideologie, die nie aufgearbeitet wurde. Für Familien ist immer Geld da, für wirkliche Frauenthemen viel seltener“, analysiert Ingrid Moritz, die Leiterin der Abteilung Frau und Familie in der Arbeiterkammer.

Obwohl die Politik die Familien großzügig subventioniert, fehlen viele Kinderbetreuungsplätze. „Die Vereinbarkeitslüge“ nennt Familienforscherin Mariam Tazi-Preve das Phänomen. Der Effekt: In ländlichen Regionen mit schlechter Kinderbetreuung sinkt die Frauenbeschäftigung, im Traunviertel in Oberösterreich etwa auf dürftige 37 Prozent. Gut ist die Kinderbetreuungssituation außerhalb Wiens fast nirgends: In der Steiermark etwa sind die Kindergärten im Schnitt an 54 Tagen im Jahr geschlossen. Das übersteigt jeden Urlaubsanspruch.

Fast jede zweite Frau arbeitet Teilzeit, nur jeder zehnte Teilzeitarbeitsplatz ist von einem Mann besetzt. Margit Schratzenstaller ist eine untypische Vertreterin: Erstens analysiert sie am Wirtschaftsforschungsinstitut Budgets, zweitens hat sie ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert. „Die Zahl der qualifizierten Teilzeitarbeitsplätze ist gering“, sieht sich Schratzenstaller selbst als Ausnahme.

Lange Zeit fand Österreichs Frauenpolitik aus der ideologischen Fallgrube nicht heraus. So bleiben viele Themen tabu. Etwa, dass der Sozialstaat auf männliche Erwerbsbiografien zugeschnitten ist: 12.000 Frauen pro Jahr wird die Notstandshilfe (die Folgeleistung des Arbeitslosengelds) gestrichen, obwohl sie in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben. Begründung: Der Partner verdiene zu viel.

Scheintriumph.
Das 1993 in die Verfassung geschriebene niedrigere Frauenpensionsalter (erst bis 2034 wird es schrittweise an jenes der Männer angeglichen) erwies sich als Scheintriumph der Frauenbewegung: Der Sozialforscher Bernd Marin weist in seinem neuen Buch „Women’s Work and Pensions“ nach, dass es Frauen eher schadet. In einem Arbeitsmarkt wie Österreich, der von Seniorität geprägt ist, verpassen sie wichtige Gehaltssprünge.

Beim privaten Konsum sind Frauen eine Supermacht. Laut einer Studie des Unternehmensberaters McKinsey entscheiden sie über drei Viertel der Haushaltsausgaben. Sie kaufen Autos, Bildung, Finanzprodukte. Doch zu den Werbemachern spricht sich das nicht durch: In TV-Spots treten sie hauptsächlich als Waschmittelkäuferinnen auf.

Frauen, die es geschafft haben, haben recht konkrete Vorstellungen, woran es mangelt. Monika Kircher-Kohl, Vorstandschefin der Kärntner Paradefirma Infineon (2550 Mitarbeiter), fordert etwa ganztägige Gesamtschulformen und mehr Frauen in technischen Berufen. Infineon bietet zu 95 Prozent technische Jobs, fast alle neu eingestellten Mitarbeiter haben akademischen Abschluss, rekrutiert wird weltweit. Die Infineon-Chefin hätte gerne mehr Auswahl an Technikerinnen, doch im Elektrotechnikstudium sind gerade einmal fünf von hundert Studenten weiblich: „Da fehlt es an der Basis.“ Seit Jahren gehört Kircher-Kohl zu den Frauen in Österreich, die dafür sorgen, dass Podiumsrunden nicht zu 100, sondern nur zu 80 Prozent männlich sind: „Ich muss neun von zehn Einladungen ablehnen.“

Freda Meissner-Blau erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Als sie 1986 ihre Kandidatur für die Hofburg bekannt gab, war die erste Frage, die ihr ein Journalist stellte: „Was sagt Ihr Mann dazu?“ Der Cartoonist Gerhard Haderer verewigte ihre ungehörige Kandidatur für profil. Viel habe sich seither nicht geändert, und das schade letztlich auch allen jenen Männern, „die sich mit den unerträglich erstarrten Zuständen in dieser Republik nicht abfinden wollen. Die werden ja auch von patriarchalen Strukturen blockiert.“