Österreichs Galerien verzeichnen steigende Umsätze

Die heimischen Galerien überstanden die Finanzkrise erstaunlich gut und vermelden sogar Umsatzzuwächse. Warum das?

Die Schreckensmeldung der Berliner Galerienszene platzte ins Sommerloch: Mitte Juli dieses Jahres vermeldete der Kunsthändler Martin Klosterfelde, einer der „Protagonisten des Berliner Kunstwunders der Nachwendezeit“ („Die Zeit“), dass er seinen Laden schließen werde. Zuvor hatten bereits seine ebenfalls etablierten Kollegen Ben Kaufmann und Giti Nourbakhsch das Handtuch geworfen. Auch in Paris, London und New York mussten zahlreiche Galerien in den vergangenen, von der Wirtschaftskrise geprägten Jahren schließen oder Mitarbeiter entlassen. Jerry Saltz, Kunstkritiker des „New York Magazine“, ortete sogar einen „Tod der Galerieausstellung“ im Big Apple.

Expansion statt Krise
In Österreichs Galerien, die diese Woche einigermaßen geschlossen die Kunstmesse Viennafair bestreiten, herrscht seit Jahrzehnten Krise. Zumindest wurde dies Beobachtern stets ausführlich versichert. Das Klagen über die wenig ausgeprägte Kunstkauflust hierzulande, schwindende museale Ankaufsbudgets und geringe mediale Aufmerksamkeit ihren Programmen gegenüber zählte lange zu den liebevoll gepflegten Disziplinen der heimischen Händler. Nun, fünf Jahre nach der Lehman-Pleite, wird derartiger Pessimismus widerlegt: Die Krise ist in den heimischen Galerien offenbar nicht angekommen – nicht wenige expandierten in den vergangenen Jahren sogar. Die Innsbrucker Galeristen Elisabeth und Klaus Thoman erweiterten ihr Geschäft 2011 um zwei Lokale – eines in Wien, eines in der Tiroler Landeshauptstadt. Ihre Kollegen Helga und Peter Krobath bespielen seit 2009 einen neuen Space in Berlin; die Wiener Innenstadt-Galeristin Miryam Charim fügte ihren großzügigen City-Räumen einen – kleinen – in der Schleifmühlgasse zu, ihr Nachbar Ernst Hilger eröffnete eine Art Mini-Kunsthalle in der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik. Thaddaeus Ropac, der international einflussreichste heimische Galerist, verfügt demnächst gar über fünf Locations: Zu seinen beiden Galerien in Salzburg und Paris kamen in ebendiesen Städten seit 2010 zwei noch enormere Hallen dazu; und 2014 bezieht er einen Standort in Asien.
Bereits jetzt wirken sich die Investitionen aus – die Kunsthändler vermelden steigende Einnahmen. Ropac hat für diesbezügliche Fragen nur einen Lacher übrig: Selbstverständlich hätten sich die Umsätze seit seinen Neueröffnungen gesteigert. Überhaupt erlebe er geradezu einen gegenläufigen Trend zur Krise, so Ropac, der mit seinem demnächst zwei Kontinente umspannenden Imperium längst in der internationalen Top-Liga spielt. Bei seinen nicht ganz so potenten Kollegen aus dem oberen Mittelbau haben sich die Investitionen ebenfalls gerechnet: Eine echte Überraschung habe man bei der Bilanzierung des vergangenen Jahres erlebt, erzählt Elisabeth Thoman – dabei seien die Umsätze schon seit 2009 deutlich gestiegen. „Wir haben gerade wieder das Personal aufstocken müssen“, berichtet sie. „Schließlich haben wir durch den Wiener Standort neue Sammler gewonnen.“ Ebenso klettern die Einnahmen bei Krobath seit 2008 stetig, wie das Galeristenpaar betont – wenn auch nicht so stark wie zuvor.

„Manche Leute kaufen jetzt lieber Kunst“
Die Gründe für die Krisenresistenz der heimischen Kunstwirtschaft sind unterschiedlich und keineswegs ausschließlich der nicht ganz so schlechten ökonomischen Lage Österreichs geschuldet. „Manche Leute kaufen jetzt lieber Kunst, weil sie damit das ganze Jahr eine Freude haben; erwerben sie hingegen ein Aktienpaket, dann hat dieses vielleicht bald wieder an Wert verloren“, erzählt Elisabeth Thoman aus ihrer Erfahrung. Zudem, so zeigt sie sich überzeugt, werde der Markt durch die höhere Sichtbarkeit von Kunstkollektionen stimuliert, etwa wenn diese in großen Museen wie dem Belvedere oder dem Mumok präsentiert würden. Ernst Hilger, der trotz des Verlusts von Firmenkunden im Vorjahr wieder Zuwächse schreiben konnte, sagt: „Wer Kunst sammelt, gehört automatisch zu einem angesehenen, kulturell etablierten Kreis – mit einem Aktienpaket, das man irgendwann wieder abstößt, tut man das nicht.“ Mit seiner neuen Halle wolle er ein anderes Publikum ansprechen als mit seinen gediegenen Räumlichkeiten im ersten Wiener Gemeindebezirk: „Wir haben in der Ankerbrot-Fabrik an viele Leute im Alter zwischen 25 und 40 Jahren verkauft, die noch nie in der Innenstadt-Galerie waren. Die erreiche ich eher an einem coolen Ort wie meiner neuen Halle, der eine andere Atmosphäre hat.“ Und auch für die Krobaths hat sich die zusätzliche Dependance ausgezahlt: „Es war für unsere jüngeren Künstlerinnen und Künstler wichtig, dass sie in Berlin ausstellen, um international wahrgenommen und zu wichtigen Ausstellungen eingeladen zu werden. Das hat sich gelohnt“, so Peter Krobath. Und auch er sagt: „Die Leute sind eher bereit, 20.000 Euro in ein Werk von Julian Opie zu investieren, als das Geld auf ein Sparbuch zu legen – wo sie kaum Zinsen bekommen.“

Als Spekulationsobjekt taugt Kunst freilich nur bedingt. Denn entgegen dem Klischee können nicht einmal die kundigsten Experten erahnen, welche jungen Künstler raketenartige Aufstiege erleben werden – und welche nicht. Absehbar scheint nur eines: Das Geschäft mit der Kunst wird in den kommenden Jahren weiter anziehen.

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Neue Gegenwart
Viennafair und „curated by_vienna“– das aktuelle Wiener Großaufgebot
Selbst für Menschen mit viel Tagesfreizeit dürfte es sich schwierig gestalten, die dieswöchigen Wiener Kunstevents zu absolvieren: Wie schon in den Vorjahren hält man gleichzeitig mit der mittlerweile neunten Ausgabe der wichtigsten heimischen Kunstmesse – vollständiger Titel: „Viennafair The New Contemporary“ – die Veranstaltung „curated by_vienna“ ab: Internationale Kuratoren gestalteten im Auftrag der Kreativ-agentur departure insgesamt 20 Galerieausstellungen, diesmal zum – verkaufsfreundlichen – Thema Malerei. Sowohl Messe (Schwerpunkt: osteuropäischer Raum) als auch Gemeinschaftsausstellung werden begleitet von einer Reihe von Vorträgen, Führungen, Spezialprojekten, Performances, Partys und Paneldiskussionen.

„Viennafair The new Contemporary“: 10.–13. Oktober, Messe Wien, Halle A, Messeplatz 1, 1020 Wien. www.viennafair.at

„curated by_vienna. Why Painting Now?“: Eröffnung: 10. Oktober, 18 Uhr, diverse Galerien. Läuft bis 14. November. www.curatedby.at