Ohne Namen des Vaters: Frauen und Kinder als Opfer des Zölibats

Priesteramt und Familie müssen kein Widerspruch sein – solange sich Frauen und Kinder mit einem Schattendasein arrangieren. Die Betroffenen leiden schwer unter der Existenz im Verborgenen. Die Amtskirche deckt die Priester und verleugnet die Opfer.

Und dann wurde einem die Decke über den Kopf geworfen“, erinnert sich die verheimlichte Tochter eines Priesters im profil-Gespräch an eine Situation ihrer Kindheit. Wenn das Auto in der Heimatgemeinde vor einer roten Ampel stand, bedeckten die Eltern schnell das Kind am Rücksitz – aus Angst, ein Passant könnte die Fahrgemeinschaft als Familie enttarnen. Versteckt, verheimlicht, verleugnet, abgewertet und entwürdigt sind die Wörter, die in den profil-Gesprächen mit Priesterkindern und ihren inoffiziellen Lebensgefährtinnen am häufigsten fallen.

In Österreich sollen mit Stand 2009 in den 45 Jahren davor rund siebenhundert Priester ihr Amt wegen eines Verstoßes gegen den Zölibat verloren oder freiwillig zurückgelegt haben. Laut einer Statistik des Vatikans suchten innerhalb dieses Zeitraums fast 65.000 Geistliche aus aller Welt um Rückversetzung in den Laienstand an – in den meisten Fällen mit der Begründung, in den Ehestand treten zu wollen. Wie viele der rund 3900 österreichischen Diözesan- und Ordenspriester tatsächlich in geheimen Beziehungen leben, ist natürlich nicht bekannt. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass mindestens die Hälfte des Klerus sexuelle Beziehungen pflegt, Theologen wie der Wiener Ex-Priester und Psychotherapeut Richard Picker meinen, dass höchstens 30 Prozent der geweihten Priester wirklich streng zölibatär leben. Österreich gilt übrigens im Vatikan neben den lateinamerikanischen Ländern als „bezüglich konkubinierender Priester besonders verrufenes Land“. Das stellte die italienische „La Stampa“ jüngst in einem Artikel fest, der den in Geheimplanung befindlichem Kurswechsel des Vatikans im Umgang mit von „untreuen“ Priestern gezeugten Kindern thematisierte. Durch die Möglichkeit des DNA-Tests und dem damit vereinfachten Nachweis einer Vaterschaft ist die Kirche in verschärften Handlungsbedarf geraten. Bestimmungen wären in Planung, wonach diese Kinder offiziell anerkannt werden dürften und somit den Namen und das Erbe des Vaters beanspruchen könnten. Ein Sprecher des Vatikans dementierte allerdings nach Erscheinen des Artikels jegliche Bestrebungen in diese Richtung. „Das Schweigen und Vertuschen zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Kirche“, erzählt der Ex-Priester Martin F., der selbst das verheimlichte Kind eines Priesters ist, sich nach 14 Jahren Amtszeit für Ehe und Familie entschied und damals seine „Existenz völlig neu aufbauen musste“.

Neben dem schlechten Gewissen wegen des Verrats an der Institution regiert vor allem die Angst vor dem sozialen Abstieg jene Priester, die ein Doppelleben zu ihrem Lebenskonzept erhoben haben.

Für die solchen Schattenbeziehungen entsprungenen Kinder existieren natürlich auch keine Zahlen. Ein Schweizer Verein für vom Zölibat betroffene Frauen (ZöFra) hat eine Statistik über die Kinder von Priestern und Geistlichen in der Schweiz erhoben: Offiziell wurden 146 Fälle registriert. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher geschätzt. Man kann davon ausgehen, dass Österreich als „notorisch untreues Priesterland“ („La Stampa“) eine wesentlich höhere Zahl von gottesverleugneten Kindern aufzuweisen hat, als die Schweiz.

Bei der deutschen Initiative „Menschenrechte für Priesterkinder“, die unter anderem um ein Unterhalts-, Besuchs- und Erbrecht für die Kinder katholischer Priester kämpft, geht man von etwa 3000 Betroffenen in Deutschland aus.

Der Wiener Ex-Priester Herbert Bartl von der Vereinigung „Priester ohne Amt“ prognostiziert, dass nach der aktuellen Missbrauchsdebatte die wachsende Zahl der „um ihre Rechte kämpfenden Priesterkinder“ die Kirche in den nächsten großen Erklärungsnotstand manövrieren wird: „Immer mehr werden an die Öffentlichkeit gehen, weil sie sich um ihre Kindheit und um ihr Erbe betrogen fühlen.“

Auch die Vorsitzende der österreichischen Plattform „Wir sind Kirche“, Sabine Bauer, ist sich sicher: „Nach den Missbrauchsopfern werden die verheimlichten Priesterkinder die Nächsten sein, die Anklage gegen die Kirche erheben.“

Schmerzvoller Austausch. Die ewige Geheimnistuerei – Priesterfrauen leben oft jahrzehntelang im Beziehungsuntergrund – blieb Herbert Bartls Frau Rosi erspart: Als die heute vierfache Mutter im Jahr 1968 – noch als Angestellte der Wiener Erzdiözese – von dem damals frisch geweihten Priester schwanger wurde, zögerte dieser nicht lang und suchte um Dispens von der Zölibatspflicht an. Ein Befreiungsschlag für Rosi Bartl: „Man schlich sich zuvor immer in den Pfarrhof und spätnachts wieder hinaus – das hat schon etwas Entwürdigendes.“ Kurz nach der Hochzeit gründete Herbert Bartl die Initiative „Priester ohne Amt“ (www.priester-ohne-amt.org). Mit Unterstützung des damaligen Kardinals Franz König nahm er Kontakt zu anderen verheirateten Priestern auf. 1989 gründete Rosi Bartl zusätzlich eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die geheime Beziehungen zu Priestern haben. Rund hundert Betroffene haben sich seither bei ihr gemeldet, etwa zweimal im Jahr werden in intimer Runde meist schmerzvolle Erfahrungen ausgetauscht, aber auch zwischen den Treffen hält Bartl regelmäßigen Kontakt: „Die Frauen laden ihren Leidensdruck in den Gesprächen mit der Gruppe ab. Dann geht es wieder – zumindest für eine Zeit.“ Das bestätigt auch Herta Z. (Name geändert) im profil-Interview, die vor vier Jahren Rat in der Gruppe suchte: „In der Selbsthilfegruppe fühle ich mich ganz anders verstanden. Jede dieser Geschichten ist auch Teil meiner.“

Einige dieser Geschichten bewahrt Rosi Bartl – anonymisiert – in ihrem Archiv auf. Es handelt sich durchwegs um erschütternde Dokumente, die von Verzweiflung erzählen, von Erniedrigung und dem „eiskalten“ Unverständnis, das die Amtskirche den Frauen und ihren Kindern entgegensetzt: „Unser Lebensweg in den letzten Jahren war und ist geprägt von extremer Unmenschlichkeit, Intoleranz und Verlogenheit, was die Gesellschaft und die römisch-katholische Kirche betrifft“, schreibt eine Frau, die mit einem österreichischen Priester zwei Kinder hat. „Insbesondere meine Kinder müssen bitter bezahlen für diese unmenschliche, konservative Kirche, die ja die Verursacherin allen Leides ist. Sie wissen bisher noch nicht, wer ihr Vater ist, und müssen viel entbehren.“

Eine andere schreibt von ihrer Beziehung zu einem Priester, den sie noch als Studenten kennen gelernt hatte: „Die dunkelste Nacht war jene nach seiner Priesterweihe. In der Nacht kam ein Gefühl der Verlassenheit auf mich zu, das ich nie zuvor gekannt hatte. Ich fühlte mich weniger von E. verlassen als von Gott … Ich habe mir in dieser Nacht vorgenommen, auf diesen Gott zu verzichten, der so etwas zulässt, obwohl er angeblich die Liebe ist – alles nur Worte.“

Immer wieder kolportierten Gerüchten zufolge soll die Kirche über Geldkonten für Unterhaltszahlungen oder Abfindungen für Priesterkinder verfügen. Das konnten die „Spiegel“-Redakteure Annette Bruhns und Peter Wensierski nach langen Recherchen zu ihrem Buch „Gottes heimliche Kinder“ jedoch nicht bestätigen. Im Gegenteil, sie stießen auf zahlreiche schockierende Fälle, bei denen Frauen jahrelang und auf entwürdigende Weise um Unterhaltszahlungen kämpfen mussten. Rechtliche Schritte gegen die Kirche, so das Autoren-Duo, waren stets zum Scheitern verurteilt. Priester, die sich öffentlich zu Kindern bekannten, wurden plötzlich versetzt und waren laut offizieller Auskunft der Diözesen nie im Amt gewesen. „Es ist schon schwer genug, mit einem Priester ein Kind zu bekommen und dann einen entsprechenden Unterhalt einzufordern. Doch bekommen Sie nie ein Kind von einem Mönch, die beziehen kein Monatsgehalt wie ein Priester, und die Klöster selbst wälzen jede Verantwortung ab“, so Annette Bruhns. In ihrem Buch berichtet sie von Frauen, die mit Angstpsychosen in psychiatrische Kliniken eingeliefert wurden; Priestern, die ihren schwangeren Freundinnen mit Selbstmord drohten und sie zur Abtreibung zwingen wollten, und Kindern, die den Freitod einem Leben in der Abwertung vorzogen.

Die Belastung der Kinder
, die laut dem deutschen Jugendpsychiater Horst Petri in einem unerträglichen Schuld-Scham-Komplex aufwachsen, in den auch die Eltern eingebunden sind, führt häufig zu schweren Traumata, die mit den Leiden von gewöhnlichen Trennungs- oder Scheidungskindern nicht verglichen werden können. Ein Neunjähriger verlor sogar im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache und verstummte, als er erfuhr, dass der Priester, den er immer für seinen Onkel gehalten hatte, in Wahrheit sein Vater war. „Ich habe auch festgestellt, dass Priesterkinder oft so belastet sind, dass sie im späteren Leben fast immer einen sozialen Abstieg erleben. Eine Karriere ist mit dieser biografischen Bürde in der Regel nicht möglich“, so Bruhns.

Das bei Priesterkindern am häufigsten benutzte Erklärungsmodell für einen abwesenden Vater seitens der Mutter ist dessen früher Tod. Auch die Onkel-Tarnung ist in diesen Lügenkonstrukten weit verbreitet: Der biologische Priester-Vater hat in dieser Rolle ungehindert und unverdächtig Zugang zu Frau und Kind. Dieses Phänomen verleitete die Britin Adrianna Alsworth, Aktivistin und Betreiberin einer Hotline für Priesterkinder und deren Mütter, zu der mittlerweile legendä­ren Aussage: „Ein Priester ist jemand, den alle Vater nennen – außer seinen Kindern, die nennen ihn Onkel.“

Meist verkümmern diese Kinder emotional hinter den Mauern des Schweigens. Explosionsartige Befreiungsschläge wie der eines 33-jährigen Franzosen, der in einem kleinen Normandie-Dorf jedem Einwohner einen Brief zukommen ließ, in dem er den lokalen Priester als seinen Vater „outete“, sind selten. „Ich habe es so satt, dass diese Person ruhig leben kann, während ich gelitten habe und noch immer unter der Situation leide“, schrieb der junge Mann in dem Brief – mit der Konsequenz, dass der Vater in die Frühpension geschickt wurde. Der zuständige Bischof hatte davon gewusst; ein Problem gab es erst, als der Fall publik wurde.

Frauen in die Sklaverei.
Sorgen um das Wohl und die existenzielle Absicherung von Priestern mit Frauen und Kindern hat sich die Kirche in den nun eintausend Jahren, seit der Pflichtzölibat in der römisch-katholischen Kirche eingeführt wurde, nie gemacht. Im Jahr 1022 ordnete Papst Benedikt VIII. auf der Synode zu Pavia gemeinsam mit Kaiser Heinrich II. an, dass Geistliche nicht mehr heiraten dürfen; Priestern mit Frauen und Kindern wurde das Amt sofort entzogen. Die Einführung sollte vor allem eine Vererbung von Kirchenbesitz an Klerikerkinder verhindern. In der Bibel ist hingegen keine einzige Stelle ausfindig zu machen, die Priestern eine Heirat explizit verbieten würde. Eine brutale Bestrafungsmethode für Zölibatsbrecher schlug Papst Urban II. im Jahr 1089 auf der Synode von Mlefi vor: „Wenn sie sich nach Ermahnung durch den Bischof nicht bessern, geben wir den Landesfürsten die Erlaubnis, ihre Frauen in die Sklaverei zu verkaufen.“

Dabei unterliegen keineswegs alle katholischen Priester der Zölibatspflicht. Die katholischen Ostkirchen, die den Papst zwar als ihr Oberhaupt anerkennen, aber nach eigenem Ritus feiern, kennen sehr wohl auch verheiratete Priester – lediglich Bischöfen und Mönchen ist auch in den so genannten unierten Kirchen die Ehelosigkeit vorgeschrieben. Durch den Priestermangel kommen schon jetzt immer häufiger solche Priester in Österreich zum Einsatz, deren Leben nicht vom Zölibat eingeengt wird.

Der Umgang der römisch-katholischen Kirche mit Priestern, die gegen den Zölibat verstießen, wurde selten im oberen Klerus kritisiert. Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher schrieb 1998 in einem öffentlichen Brief, dass es ihm schwerfallen würde, gleichgültig über die „kirchlich fast erzwungenen Wege der Entfremdung und Abstoßung“ hinwegzusehen. Die „gefallenen“ Priester wären „schlechter dran als Mörder. Bei aller Hochschätzung des Zölibatsversprechens, das ich nicht bagatellisieren möchte – Mord, Abtreibung und Glaubensabfall sind größere Sünden.“

Für die Menschen, die aufgrund dieses Versprechens ihre Kindheit über versteckt und ihrer Identität beraubt wurden, hat sich bislang noch kein Kleriker starkgemacht.