Das letzte Gefecht

In einer Provinzposse feiert Kärnten seine zweisprachigen Ortstafeln, doch schon dräut der nächste Konflikt: die slowenische Amtssprache.

Hier fängt das Drama bereits an: Im Klang der Sprache und in der Harmonie sind die Volkslieder kaum auseinanderzuhalten. Die Festgäste im Wappensaal des Kärntner Landtags spitzten deshalb am vergangenen Dienstag erwartungsvoll die Ohren, doch unter sechs Darbietungen des Grenzlandchors konnte nur ein einziges slowenisches Lied ausgemacht werden. Den wenigen Vertretern der Minderheit stieß zudem bitter auf, dass ausgerechnet jener Chor, von dem es heißt, er habe sich jahrzehntelang geweigert, slowenische Lieder in sein Repertoire aufzunehmen, die Zeremonie begleiten durfte.

Deutsch war das Gedicht, das zwei herzige Mädchen mit kindlicher Inbrunst am Bühnenrand aufsagten: "Samma alle zamm Kärntner, heit reich ma uns die Hand!“. Deutsch war auch der eigens komponierte Ortstafelschlager ("Ich bin mit dir die ganze Nacht g’sessn“), der es bis in die Hitparade geschafft hat.

Vielsagende Blicke tauschten die Ehrengäste aus Slowenien, unter ihnen Ministerpräsident Borut Pahor, als die Versammelten, die samt und sonders an ihrer Sprache, der deutschen nämlich, zu erkennen waren, aus vollen Kehlen "Wo man mit Blut die Grenze schrieb“ anstimmten.

Das kollektive schlechte Gewissen, dass es mehr als ein halbes Jahrhundert gebraucht hat, um die Verpflichtungen aus dem Staatsvertrag halbwegs zu erfüllen, fordert seinen Tribut, der sich in peinlichem Pathos äußert. Zumal die aus Wien angereisten Regierungsmitglieder (Kanzler, Staatssekretär, Landwirtschaftsminister) sowie der Kärntner Landeshauptmann ihre Ansprachen nicht nur einmal, sondern gleich dreimal hintereinander hielten.

Staatssekretär Josef Ostermayer wurde mit dem höchsten Landesorden ausgezeichnet und als "Glücksfall für Kärnten“ gefeiert. Bei Kanzler Werner Faymann zeigte sich sein altbekanntes Krankheitsbild, die Harmoniesucht. Er gratulierte allen Beteiligten zu "ihrem Mut“. Er sprach vom "europäischen Funken“, der in Kärnten "gelebt und verwirklicht“ werde. Er pries "die wunderbaren Kärntner Berge und Seen und die Vielfalt der Menschen“, denn schließlich, so der Kanzler kryptisch, "wollen wir nicht, dass alle dieselbe Kleidung tragen müssen“.

Davon angespornt, wagte auch der Landeshauptmann einen weltpolitischen Vergleich: "Oslo, London, Birmingham“, rief Gerhard Dörfler mit Tremolo in der Stimme - und: "Wir hier in Kärnten sind die Gegenthese.“ Vom Rednerpult aus kam er dann noch auf seine Frau zu sprechen, die ihn seit jeher tapfer begleite, die berühmt sei für ihre Brennnesselsuppe, obwohl gestern, plauderte Dörfler zur Belustigung des Publikums weiter, habe es Tomatensuppe gegeben, und die sei auch sehr gut gewesen, um am Ende Beifall heischend ins Auditorium zu blicken.

Von Klagenfurt fuhr man ins Kärntner Unterland.
In Eisenkappel/Železna Kapla wartete schon der einzige slowenische Bürgermeister des Landes, Franz-Josef Smrtnik, auf das Eintreffen der Festgesellschaft. Vor fünf Jahren hatte sich Smrtnik aus Protest gegen ihre Demontage an eine zweisprachige Ortstafel angekettet, heute ist er nur froh, dass sie aufgestellt wird. Vor dem leeren Gestänge wurde das brandneue Aluminiumschild von einem Dutzend Männerarme in die Höhe gestemmt und unzählige Male fotografiert. Ein zeitgleich stattfindender Kirtag mit der Ausschank von slowenischem Freibier hob die Stimmung entscheidend.

Die Ehrengäste sahen zu diesem Zeitpunkt schon etwas mitgenommen aus. Sie hatten, in der prallen Sonne sitzend, ein Dutzend Reden, die freilich von Mal zu Mal launiger wurden, über sich ergehen lassen müssen.

Und wieder zog die Karawane weiter, nach Sittersdorf/Žitara vas, wie damals im Oktober 1972, als sich die Ortstafelstürmer in dieser Gegend verabredet hatten, um in einer langen Wagenkolonne die Dörfer zu durchkämmen und zweisprachige Ortstafeln aus ihren Fundamenten zu reißen und mit Stiefeln zu treten. Diesmal kam der Konvoi in friedvoller Absicht, und dem Vorsitzenden des Zentralverbands der Kärntner Slowenen, Herwig Sturm, war die Freude über die neuen Zeiten so sehr zu Kopf gestiegen, dass er ausrief: "Heute erst ist der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende gegangen.“

Es ist noch nicht ausgestanden.
Rudolf Vouk, jener Anwalt, der durch seine Klagen beim Verfassungsgerichtshof zweisprachige Ortstafeln und eine Debatte über das herrschende Unrecht erzwang, war zu den Feierlichkeiten nicht einmal eingeladen worden. Und im neuen Volksgruppengesetz sind nicht nur einzelne slowenische Ortsnamen unkorrekt benannt. Die Verwendung der slowenischen Amtssprache wurde spitzfindig weiter eingeschränkt. "Als ob man uns in Gesicht spucken möchte“, sagt Vouk.

Derzeit hat er alle Hände voll zu tun, um - unentgeltlich - Angehörigen der Volksgruppe in St. Kanzian/Škocijan den Exekutor vom Halse zu schaffen. Aus Protest gegen die Verweigerung der slowenischen Amtssprache am Gemeindeamt hat ein Dutzend Einwohner des Orts ihre Gemeindegebühren nicht an das Bürgermeisteramt überwiesen, sondern auf ein Treuhandkonto legen lassen. Im vergangenen Jahr wurden deshalb ihre Gehälter und Pensionen gepfändet.

Bei der Unternehmerin Sonja Kert-Wakounig steht seit Weihnachten 2010 die Gemeinde im Grundbuch. "Wir führen den Akt des zivilen Ungehorsams weiter. Wir lieben unsere Sprache, wir möchten, dass sie nicht verschwiegen wird und ihre Funktion als allgemeines Verständigungsmittel behält“, sagt Kert-Wakounig.

Ob es dafür nicht bereits zu spät ist?
Die Anmeldungen für den zweisprachigen Unterricht sind in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, im Südkärntner Raum bis auf 50 Prozent, doch als Familiensprache ist das Slowenische fast schon ausgestorben, nachdem der Volksgruppe jahrzehntelang buchstäblich der Mund verboten worden war.

Der Sozialdemokrat Thomas Krainz ist seit acht Jahren in St. Kanzian/Škocijan Bürgermeister. Er spricht nicht gern über die Exekutionen. Er empfängt profil in seinen Amtsräumen, unwillig und mit ängstlichen Augen sitzt er da und beteuert, er habe sich "immer am Gesetz festgehalten“, man könne ihm nichts vorwerfen, die Volksgruppen lebten "sehr harmonisch“ miteinander, Streitereien würden "nur von außen hereingetragen“.

Die Kärntner Slowenen in diesem Ort wissen nicht viel Gutes über ihren Bürgermeister zu berichten. Nur dass er "heilende Hände“ habe und sich an den Samstagen vor seinem Haus stets eine Schlange von schmerzgeplagten Bandscheibenopfern bildet, die sogar aus den Nachbargemeinden anreisen. Und dass auch Krainz’ Tochter zum zweisprachigen Unterricht angemeldet sei.

Vor einigen Jahren schon beschloss der sozialdemokratisch dominierte Gemeinderat, dass es "keine weiteren zweisprachigen Ortstafeln“ geben dürfe. Als Kert-Wakounig, damals noch Gemeinderätin der slowenischen Wirtschaftsliste, in der Sitzung ein paar Sätze auf Slowenisch sprach, warf Krainz ihr "Nationalismus“ vor und entzog ihr das Wort.

Krainz ist zweifellos ein Paradekärntner. Seine Eltern pflegten noch im slowenischen Dialekt miteinander zu reden, den er selbst auch beherrscht. Er ist stolz auf die 4500-Seelen-Gemeinde rund um den Klopeiner See, die in der Sommersaison fünfmal so viele Menschen beherbergt. Er sei Sozialdemokrat geworden wegen der "sozialen Ader“, sagt Krainz. Nun wurden ihm doch ein paar neue Ortstafeln in den Dörfern seiner Gemeinde aufgezwungen. Einen Festakt wird es dort nicht geben.