„Erschießen mittels Beretta – schallgedämpft“

Die Stasi plante 1984 einen Mord in Kärnten: Laut bisher unbekannten Akten sollte ein DDR-Flüchtling, der Grenzbeamte erschossen hatte, im Urlaub liquidiert werden.

Von Andreas Förster, Berlin

Seeboden, so heißt es auf der Internetseite der Kärntner Marktgemeinde am Millstätter See, ist das „Tor zu unserem Herzen“. Der Ort mit seinen gut 6000 Einwohnern werde auch künftig bleiben, wie er immer schon war – „abwechslungsreich, spannend und trotzdem ruhig“. Aus Sicht der Stasi, des ehemaligen Geheimdiensts der DDR, war Seeboden vor knapp drei Jahrzehnten aber vor allem eines: ein schöner Ort zum Sterben.

In bislang unbekannten Stasi-Akten, die profil exklusiv vorliegen, sind die Vorbereitungen für einen perfiden Mordplan am Ufer des Millstätter Sees dokumentiert. Demnach war im Juni 1984 ein Einsatzteam der Stasi nach Seeboden gereist, um einen Mordanschlag vorzubereiten. Im Visier der Killertruppe: Werner W., damals so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins in der DDR.

W., ein Berufskrimineller
, war 1975 in den Westen getürmt und hatte auf seiner Flucht zwei DDR-Grenzsoldaten hinterrücks erschossen. In der Bundesrepublik Deutschland saß er deshalb wegen Totschlags im Gefängnis, kam aber bereits nach knapp vier Jahren Haft frei. Für die DDR-Führung war das ein Affront. Stasi-Minister Erich Mielke blies zur Jagd auf den Mann, die Operation bekam den Codenamen „Terrorist“.

Vorgegebenes Ziel: Der frühere Flüchtling sollte im Westen aufgespürt werden, um ihn in die DDR zu verschleppen oder gleich vor Ort zu liquidieren, notfalls auch an seinem Urlaubsdomizil in Österreich, einer Ferienpension in Seeboden am Ufer des Millstätter Sees.

Geleitet wurde die Operation von der Stasi-Hauptabteilung I/Äußere Abwehr. Sie verfügte über eine hoch geheime Einheit von Spezialkämpfern, die für Einsätze im Westen ausgebildet waren. Die Elitekämpfer konnten militärische Objekte aufklären, Personen ausforschen und vermochten in Häuser einzubrechen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und sie beherrschten die „nassen Sachen“, wie das lautlose Töten und der Bau von Sprengfallen im Geheimdienstjargon genannt wurden.

Aus dem Stasi-Aktenarchiv sind fast alle Unterlagen über die heiklen „nassen Sachen“ verschwunden. Nur weniges ist erhalten – so auch der Mordplan gegen Werner W. Gut ein Dutzend Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi waren auf ihn angesetzt. Einer von ihnen reiste mehrmals im Jahr in die Kleinstadt im nördlichen Ruhrgebiet, wo W. nach seiner Haftentlassung lebte. Der IM erschlich sich das Vertrauen des Gesuchten und erfuhr unter anderem, dass dieser regelmäßig nach Seeboden in Kärnten in den Sommerurlaub fuhr.

Am 21. Juni 1984 billigt der Vizechef der Stasi-Hauptabteilung I, Generalmajor Dietel, einen „Plan der Maßnahmen zur Entsendung der IM-Gruppe in das Operationsgebiet Österreich“. Ein als Westberliner Ehepaar getarntes IM-Duo mit den Decknamen „Klaus Reinhardt“ und „Gudrun Münch“ wird beauftragt, in Seeboden die Voraussetzungen für „politisch-operative Maßnahmen zur zielstrebigen Bearbeitung“ von W. zu schaffen. Was sich hinter diesen „Maßnahmen“ verbirgt, lässt sich aus einer später verfassten „Realisierungskonzeption“ herauslesen: „Habhaftwerden des ‚Terrorist‘ (Anm. Werner W.) durch Erschießen mittels einer Handfeuerwaffe Beretta – schallgedämpft“.

In Kärnten soll das IM-Pärchen vorerst eruieren, wo man des Staatsfeinds am unauffälligsten habhaft werden könne. Die Reise wird penibel vorbereitet. In den Akten finden sich sogar ausformulierte Antworten, mit denen die beiden Stasi-Mitarbeiter auf mögliche Fragen von Urlaubern in Kärnten zu reagieren haben.

Am Mittag des 23. Juni 1984 fliegt das Paar von Berlin-Schönefeld ab. Ziel ist Wien, von wo aus es mit dem Zug weiter nach Spittal an der Drau geht. Von dort fährt sie ein Taxi nach Seeboden in eine Unterkunft, wo man die späten Gäste gegen halb elf Uhr abends ahnungslos in Empfang nimmt.
Am folgenden Tag durchstreifen die beiden Stasi-Agenten die Gegend auf der Suche nach „Terrorist“ W. Sie finden sein Auto auf dem Parkplatz seiner Ferienbleibe. Später beobachten sie den VW Golf der Familie mehrfach bei der Fahrt durch den Ort und berichten: „Die männliche und weibliche Person konnten eindeutig laut den zuvor bekannt gemachten Fotos identifiziert werden.“ Auch ein kleines Kind sei im Auto gesehen worden.
An ihrem zweiten „Urlaubstag“ alarmieren die Stasi-Späher die Zentrale in Berlin. Es ist ein Telefonat, in dem die Worte „Geburtstagsgratulation“, „Vater“, „Eltern“, „Opa“ und „Geschenk“ vorkommen. Das entspricht dem vereinbarten Code. In Ostberlin weiß man nun, dass W., seine Frau, das Fahrzeug und die Unterkunft in Seeboden identifiziert worden sind. Jeden Tag um neun Uhr Früh muss sich das IM-Pärchen nun am Hotel Alte Post im nahen Spittal einfinden, um sich mit einem Verbindungsmann zu treffen und ihm die jüngsten Beobachtungen mitzuteilen.

In der Stasi-Zentrale, wo hohe und höchste Offiziere in das Mordkomplott eingeweiht sind, ist man elektrisiert. Es wird diskutiert, ob man schon in Seeboden zuschlagen und W. töten soll. Die Gelegenheit ist günstig. Das „Zielobjekt“ wohnt in einem etwas abgelegenen bungalowartigen Ferienhaus. „Aus der weiteren Umgebung ist das Objekt nur zum Teil einzusehen, und aus der näheren Umgebung ist die Kontrolle von der Pension aus gegeben“, berichten die Späher. Als idealen Beobachtungspunkt empfehlen sie eine Liegewiese in der Nähe: „Hier könnte man als Angler auftreten bzw. handeln.“

Aber soll man tatsächlich handeln? Ostberlin zögert. Um Zeit zu gewinnen, soll das IM-Pärchen seinen zunächst für fünf Tage geplanten „Urlaub“ in Seeboden verlängern. Dann, am 3. Juli 1984, wird der Einsatz abgebrochen. Die Stasi-Spitze hat entschieden, noch nicht zuzuschlagen. Der Mordauftrag wird verschoben.

In den folgenden Monaten diskutieren die Verantwortlichen, wo die „repressiven Maßnahmen“ gegen W. umgesetzt werden sollen. An seinem Wohnort? Oder beim nächsten Sommerurlaub in Österreich? In einem handschriftlichen „Vorschlag einer Realisierungskonzeption“ vom Mai 1985 wird die österreichische Variante ad acta gelegt. Begründung: „Die vorliegenden Erkenntnisse zum mehrfach genutzten Urlaubsort in der Bundesrepublik Österreich bieten keine stabile Basis zur Durchführung repressiver Maßnahmen.“ Bereits in der Planung waren die Stasi-Späher darauf hingewiesen worden, Österreich sei „trotz guter Beziehungen zur DDR“ ein imperialistischer Staat und unterhalte mit der BRD „einen gut funktionierenden Informationsverbund der Geheimdienste“.

Als Gründe, den Mordplan nicht in Kärnten auszuführen, werden auch „mögliche diplomatische Auseinandersetzungen mit der Republik Österreich“ erwogen. Die dem Bericht an dieser Stelle am Seitenrand hinzugefügte Ziffer 1 lässt vermuten, dass es vor allem die Furcht vor diplomatischen Verwicklungen war, welche die Stasi von einem Mordanschlag in Seeboden Abstand nehmen lässt. Für Westdeutschland hingegen laufen die Planungen weiter. Dort soll W. im September 1985 entweder erschossen oder niedergeschlagen werden, um ihn anschließend auf ein Bahngleis zu legen. Auf diese Weise will die Stasi seinen Tod als Selbstmord tarnen.

Aber auch dieser Plan wird nicht umgesetzt. Ein auf W. angesetzter IM gerät plötzlich in Verdacht, als Doppelagent für den BND zu arbeiten. Für Mielke-Vize Gerhard Neiber, dem die Aufsicht über die Operation „Terrorist“ obliegt, ist das Anlass dafür, die Umsetzung des Mordkomplotts um zwei bis drei Jahre aufzuschieben. Dann aber ist es zu spät: 1987 wird SED-Chef Erich Honecker von der Bundesrepublik Deutschland zum Staatsbesuch eingeladen. Ein Auftragsmord der Stasi im Westen hätte die politische Annäherung der beiden deutschen Staaten gestört.

Werner W., der selbst zwei Menschen auf dem Gewissen hat, kommt davon. Er lebt irgendwo im Westen Deutschlands.