Flüchtlinge aus dem Servitenkloster fürchten abgeschoben zu werden

Pakistan - Flüchtlinge aus dem Servitenkloster fürchten abgeschoben zu werden

Im Servitenkloster in Wien fürchten zwölf pakistanische Flüchtlinge, jede Minute abgeschoben zu werden. Ihre Geschichten spiegeln das Drama eines Landes, in das niemand zurückwill.

Der schmächtige Akram*, 22, hat Tee gemacht und drei Sessel in eine stille Ecke des Wiener Servitenklosters getragen, um mit Hilfe einer Übersetzerin seine Geschichte zu erzählen. Nervös spielt er mit dem USB-Stick, auf dem die Bilder eines Landes gebannt sind, das er hinter sich gelassen hat.
Auf einem schaut ein junger Mann im grauen Baumwollhemd mit offenem Blick in die Kamera, auf dem nächsten liegt er, den Kopf mit Tüchern und Blumen geschmückt, in einem Sarg. Es ist Akrams Cousin Ali. Vor zwei Wochen starb der 20-Jährige bei einem Anschlag der Taliban.

„Ich kann nicht mehr denken“
Akram greift sich an den Kopf und zwickt die Augen zusammen, als könnte er seine Gedanken zwingen, eine bestimmte Richtung zu nehmen. Wien, Österreich. Pakistan, die Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan. Die acht abgeschobenen Männer aus dem Servitenkloster. Taliban, die Drohnen der Amerikaner. Ali, mit dem er groß geworden ist und der nun nicht mehr lebt. „Ich kann nicht mehr denken“, sagt Akram.

Furcht abgeschoben zu werden
Der 22-Jährige gehört zu den zwölf Flüchtlingen aus dem Servitenkloster, deren Asylverfahren zu Ende ist. Jede Minute könnten Polizisten vor dem Kloster auftauchen, um sie zu holen und abzuschieben. Gerüchte zerren an den Nerven. Einige der Männer nehmen Tabletten, um in der Nacht Schlaf zu finden. Jemand hat begonnen, eine Liste zu führen, wie viele Menschen bei Anschlägen in Pakistan in den vergangenen Wochen ums Leben kamen. Sie muss ständig ergänzt werden.

Terror und Tod
Das Pak Institute for Peace Studies (PIPS) zählte 2012 mindestens 1500 terroristische Anschläge mit über 2000 Todesopfern und doppelt so vielen Verletzten. Die Opfer sind Zivilisten, Medienleute, Schulen, Sicherheitskräfte, Angehörige religiöser Minderheiten. Das Gros davon haben militante Gruppen wie die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) auf dem Gewissen. Zählt man Terrorakte, Polizei- und Militäroperationen, ethnische Konflikte, Drohnen-Angriffe, Grenzscharmützel und interne Kämpfe krimineller Organisationen dazu, steigt die Zahl der Todesopfer auf über 5000.

+++ Servitenkloster-Flüchtling: „Ihr habt mich in den Tod zurückgeschickt“ +++

Am 27. Juli, einen Tag, bevor die Wiener Polizei acht Flüchtlinge aus dem Servitenkloster in Schubhaft nahm , explodierten auf einem Bazar in Parachinar zwei Sprengsätze. Einer war an einem Motorrad montiert, den anderen soll ein Jugendlicher mit einem „Gott ist groߓ-Schrei gezündet haben, wie Augenzeugen BBC-Reportern berichteten. Über 50 Menschen starben.

In der Nähe von Parachinar, im Stammesgebiet Kurram Agency, wurde Akram Anfang der 1990er-Jahre geboren. Fünf Jahre lang besuchte er die Schule, bevor der älteste Sohn armer Leute Geld verdienen musste. Ein Mann aus dem Dorf brachte ihm bei, wie man Sandalen macht. Akram deutet auf seine grasgrünen Stoffschuhe. Auch dieses Modell könnte er herstellen, wenn man ihm dafür das Material gäbe. 2007 brannten Taliban sein Geschäft nieder.

Um in die Provinzhauptstadt Peschawar zu kommen, wo sich das nächste Spital befindet, nahmen Schiiten die Route über Afghanistan. Die Reise dauerte eineinhalb Tage. Über die normale Straße hätten sie nur fünf Stunden gebraucht, doch sie war lebensgefährlich. Dort wurde Akram eines Tages aus dem Auto gezerrt. Taliban brachten ihn in die Berge, misshandelten ihn tagelang und ließen ihn erst frei, als er versprach, die schiitische Bevölkerung auszuspionieren. Er sollte den Taliban helfen, ihre Anschläge besser zu planen.

Die Behörden glaubten ihm nicht
Mit 20 flüchtete Akram über den Iran und die Türkei nach Griechenland. Als im Februar 2012 bei einem Anschlag auf eine Moschee in seinem Heimatort 20 Menschen starben und im Monat darauf der für die Außenbezirke von Peschawar zuständige Polizeichef Kalam Khan bei einem Selbstmordanschlag ums Leben kam, hatte Akram in Österreich bereits um Asyl angesucht und den Behörden erzählt, wovor er geflüchtet war. Sie glaubten ihm nicht.

„Lieber umbringen”
Akram sagt, seine Eltern seien noch am Leben, viele seiner Freunde jedoch ermordet worden. Von einigen der Toten gibt es auf seinem USB-Stick ebenfalls Bilder. Es ist spät geworden, als er aufsteht und sich mit der Bemerkung verabschiedet, er würde sich „lieber umbringen, als in Pakistan den Taliban in die Hände zu fallen“. Im Nebenraum hocken ein paar Unterstützerinnen am Boden und malen gemeinsam mit Flüchtlingen ein Transparent für die nächste Demonstration: „Stop Deportation“.

„Ausgesprochene Bereichung“
Majiid*, Jahrgang 1989, sitzt auf der Couch und raucht Selbstgewuzelte. Er hat dichte, lange Wimpern und eine Stimme, die den Pianisten Paul Gulda dazu hinriss, ihn in einem Empfehlungsschreiben als „charismatische Sängerpersönlichkeit“ und „ausgesprochene Bereichung“ für die hiesige Weltmusikszene zu preisen. Ende des Jahres will Gulda gemeinsam mit ihm auftreten – wenn Majiid noch in Wien ist. Auch ihm droht die Abschiebung, auch er stammt aus einer üblen Region Pakistans.

Die Hölle von Waziristan
Ende der 1980er-Jahre kam Majiid in Miramshah in Waziristan auf die Welt. Die Bergregion im nordwestlichen Pakistan wurde 1893 auf Druck der Briten durch die Durand-Linie geteilt. Als das Abkommen nach 100 Jahren auslief, verlangte Afghanistan das Paschtunen-Gebiet zurück. Pakistan aber weigerte sich, es herzugeben. 2001 zogen sich die Taliban aus Kabul hierher zurück. Seit 2004 gilt Waziristan als eines der wichtigsten Operationsfelder für den Drohnenkrieg der USA. Mehr als 370 Mal haben unbemannte Luftfahrzeuge der CIA bislang laut Zahlen des „Bureau of Investigative Journalism“ in Pakistan zugeschlagen, in den meisten Fällen in Nord- oder Südwaziristan. Dabei wurden über 2700 Menschen getötet, darunter an die 300 Zivilisten, immer wieder auch Kinder.

„Mit wem arbeitest du zusammen?“
Majiid war keinen Tag in der Schule, sondern verkaufte bereits als Bub Essen auf der Straße: „Zu uns sind alle gekommen, ab und zu auch Taliban.“ Anfang 2009 entführten Gefolgsleute der TTP-Kommandanten Hakimullah Masud und Hafiz Gulbadar seinen älteren Bruder. Drei Tage später holten sie auch Majiid und gossen heißes Öl über seine Arme, um ihn zum Sprechen zu bringen. Sie verdächtigten ihn, der pakistanischen Regierung und den Amerikanern behilflich zu sein. „Mit wem arbeitest du zusammen?“, fragten die Peiniger.

Nach drei Wochen ließ ein Taliban ihn entkommen. Majiid schlug sich zum Haus seiner Mutter durch, klopfte mitten in der Nacht an die Tür. Als sie ihn erkannte, schrie sie: „Du lebst!“ Seinen Bruder hatten die Taliban ermordet.

Majiid vergrub sich in Schock und Trauer. Sein Vater war schon vor Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Nun lag es an ihm, die Familie zu ernähren. Ein paar Wochen später verkaufte er wieder Essen. Eine Weile schien es, als ließen ihn die Taliban in Ruhe. Doch dann warfen sie eine Handgranate auf ihn. Majiid zieht sein T-Shirt hoch und zeigt die Narben der Wunden, die sie in Rücken, Bauch und Brustkorb gerissen hat. Ein Onkel pflegte ihn gesund. Als Majiid wieder aufrecht stehen konnte, sagte er: „Du musst weg!“, und drückte ihm Geld für seine Flucht in die Hand.
Ein Lastwagen brachte ihn nach Peschawar und von dort zum Hafen von Karachi. Über den Iran und die Türkei gelangte er nach Griechenland, wo er 16 Monate lang Oliven und Mandarinen pflückte, um das Geld für den Schlepper nach Österreich zu verdienen. Hier stellte er im November 2012 einen Asylantrag. Die Behörden brauchten nicht lange, um Majiids Schilderung für glaubwürdig zu befinden, aber als „Erlebnis mit kriminellem Hintergrund“ abzutun. Er hatte das Pech, an eine Rechtsberaterin zu geraten, die dagegen eine atemberaubend lieblose Beschwerde einlegte. Der Asylgerichtshof schmetterte sie ab, ohne Majiid anzuhören.

Dabei gibt es zahlreiche Medienberichte, denen zufolge die pakistanischen Taliban seit drei Jahren eine Gruppe namens Laskhar-e-Khorasan darauf ansetzen, Spione zu jagen, grässlich zu foltern und hinzurichten. Vermeintliche Schuldige werden verstümmelt, enthauptet oder in die Luft gesprengt – auch zur Abschreckung anderer. Die Gruppe ist im Norden Waziristans besonders aktiv, soll aber im gesamten Land operieren.

Laut Asylgerichtshof könnte die pakistanische Polizei Majiid vor seinen Verfolgern schützen. Dem widersprechen Berichte von Menschenrechtsorganisationen allerdings heftig. Tenor: Die Sicherheitsbehörden mögen grundsätzlich willens und fähig sein, ihre Aufgaben zu erfüllen. Religiöse Minderheiten könnten darauf aber nicht vertrauen. Zu eng sind die Verflechtungen zwischen Militär, pakistanischem Geheimdienst und sunnitischen Extremisten. Zudem sei Korruption weit verbreitet.

„Die TTP hat einen eigenen Staat innerhalb dessen, was die Welt fälschlicherweise als pakistanisches Territorium bezeichnet. Sein Name ist Nord-Waziristan“, schrieb die angesehene Tageszeitung „Dawn“ vor wenigen Tagen: „Nicht genug damit, dass die Gesetzgebung Pakistans dort keine Geltung hat, ist Nord-Waziristan Feindesland, von dem aus die TTP Anschläge gegen seinen erklärten Feind plant und ausführt – den Staat und die Bürger Pakistans.“

Sollte er abgeschoben werden, rechnet auch Majiid mit dem Schlimmsten: „Dann bin ich in zwei Tagen tot.“ Er spricht laut und dröhnend, als wollte er die Gespenster der Vergangenheit vertreiben.

Manche der zwölf Flüchtlinge, die nicht mehr auf Asyl hoffen können, macht die Angst stumm. Einige trauen sich kaum noch ins Servitenkloster.
Gul, 25, gehört zu den Leisen. Er wuchs in einer hügeligen Gegend im nordwestlichen Grenzgebiet auf. Seine Familie lebte mit sechs Söhnen und drei Töchtern in dem 2000-Einwohner-Dorf Sokhta in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, vormals North Western Frontier Province (NWFP). Von dem Stück Land, das sie bewirtschafteten, konnten sie leidlich leben.

Vor zwei Jahren verliebte Gul sich in ein Mädchen aus dem Nachbardorf und traf sich heimlich mit ihm. Ein Onkel ertappte das Paar und tötete das Mädchen. Stockend erzählt Gul, nun drohe ihm in Pakistan ein Ehrenmord („tor“).

Das Gesetz verbietet Ehrenmorde, in den entlegenen Stammesregionen unter Bundesverwaltung (Federally Administered Tribual Areas, FATA) sind sie dennoch gängige Praxis. Laut Human Rights Comission of Pakistan (HRCP) wurden im Vorjahr über 900 Frauen und Mädchen – zumeist von engsten Angehörigen – umgebracht. Jedes zehnte Opfer war noch minderjährig. Ehrenmorde an Männern sind keine Seltenheit. So wurde im März 2013 ein Mann, der versucht hatte, mit einer Frau zu fliehen, in Parachinar zu Tode gesteinigt. Auch das ist Pakistan.

Die Asylbehörden befanden, Gul benötige keinen internationalen Schutz, er könne in einer der großen Städte des Landes unbehelligt leben. Auf diese „innerstaatliche Fluchtmöglichkeit“ verweisen zahlreiche der negativen Bescheide, die den Flüchtlingen im Servitenkloster zugestellt wurden. Tatsächlich ist die Bewegungsfreiheit in Pakistan rechtlich garantiert. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Binnenflüchtlinge geraten sehr leicht ins Visier militanter Gruppen, wie einem Bericht des britischen Innenministeriums zu entnehmen ist.

Selbstmordattentate und gezielte Morde gibt es nicht nur in den besonders gefährdeten Stammesregionen im Nordwesten, sondern im ganzen Land.
Selbst in der bevölkerungsreichen, vergleichsweise ruhigen Provinz Punjab werden seit 2007 vermehrt terroristische Gewalttaten verzeichnet, und der Einfluss von Dschihadisten wächst. Die Taliban, die das Swat-Tal und die Stammesregionen im Nordwesten terrorisieren, pflegen ihre Häscher auch in die urbanen Zentren zu entsenden. Bei der Vorstellung, sich in Pakistan allein durchschlagen zu müssen, reißt Gul entsetzt die Augen auf: „Ohne Familie, das ist unmöglich.“

Bis aufs Blut
Shahbaz*, 24, knallgrünes T-Shirt, sagt, bis 2002 sei die Welt des Kukikhel-Zweigs in der Stammesregion Khyber-Paschtunistan im Nordwesten Pakistans in Ordnung gewesen. Als Bub vertrieb er sich die Zeit mit Cricket und Fußball, sein Vater hatte ab und zu Arbeit in einer Fabrik, seine Mutter war zu Hause. Wenn jemand starb, betrauerte das Dorf gemeinsam den Verlust. Doch als islamistische Gruppen aus der Gegend begannen, einander bis aufs Blut zu bekämpfen, häuften sich die Toten. Manchmal waren es Dutzende an einem Tag. Bald seien die Leute aus dem Trauern nicht mehr herausgekommen.

2008 begann Shahbaz, Polio-Tropfen an Kinder zu verteilen. Zwei Jahre lang verdiente er damit seinen Lebensunterhalt, bis die Polizei seinen Chef verhaftete, weil er den Amerikanern zugearbeitet haben soll. Die Mitarbeiter des Gesundheitsprojekts zerstoben in alle Richtungen, zehn Männer verschwanden spurlos. Bei Schießereien zwischen Taliban und US-Soldaten geriet Shahbaz‘ Familie zwischen die Fronten. Die Polizei warf ihr vor, Taliban zu verstecken. Die Taliban beschuldigten sie, mit der Polizei zu kollaborieren. Shahbaz fürchtete um sein Leben. 2011, als er keinen Sinn mehr darin sah, sich weiter zu verstecken, verkaufte er sein Grundstück und flüchtete. In Kukikhel sei seither alles schlimmer geworden. Auch Shahbaz sagt, er würde lieber „in Europa sterben, als von den Taliban zerstückelt zu werden“.

Manchmal telefoniert er mit seinen alten Eltern, die er in Pakistan zurücklassen musste. Zuletzt haben sie erzählt, dass die Taliban immer noch nach ihm fragen.