Papst Johannes Paul II - 1920 - 2005. Er hat weltpolitisch markante Spuren hinterlassen

Es war eine lange Reise, und bis zuletzt schien der alte Mann noch unentschieden, ob er sich wünschen sollte, bald anzukommen – oder lieber noch ein Stückchen weiterzufahren. Es war Frühling in Rom, und Karol Wojtyla, erzählten seine Mitarbeiter immer wieder, hatte den Ausblick über die leuchtenden Dächer der Stadt, von seinem Fenster aus, immer sehr geliebt.

Er wollte hier sterben, in seinem Bett, nicht in der Gemelli-Klinik. Obwohl ihn die Ärzte nach seinem letzten septischen Schock, nach dem Kreislaufzusammenbruch, angesichts des hohen Fiebers und des schwächelnden Herzschlags darauf aufmerksam gemacht hatten, dass die Intensivstation dort für ihn bereitstehe. Er wollte bleiben.
Am Samstagabend um 21.37 Uhr ging er. Der Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro Valls verkündete den Tod des Papstes. Ein Monsignore unterrichtete dann die sechzigtausend Menschen, die auf dem Petersplatz zusammengekommen waren, um für den sterbenden Papst zu beten. Betroffenes Schweigen herrschte in der Menge. Viele der anwesenden Gläubigen weinten. Kurz nach der Todesnachricht intonierte Kardinal Staatssekretär Angelo Sodano das „De Profundis“. In einem Fenster des Schlafzimmers des Papstes, das immer verdunkelt gewesen war, wurde Licht entzündet.
Schon am Freitag hatte man mit dem Ableben des Heiligen Vaters gerechnet. Doch Karol Wojtyla wollte noch nicht gehen. Sein Todeskampf dauerte länger als erwartet. Samstagabend war es dann so weit.
Die Katholiken auf dem ganzen Globus hatten lange Zeit gehabt, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Johannes Paul II. hatte aus seiner Gebrechlichkeit nie ein Geheimnis gemacht – fast trotzig ließ er die Öffentlichkeit an seinem körperlichen Verfall teilhaben, so als wolle er darauf bestehen, dass Leiden in dieser Welt seinen festen Platz haben müsse. „Es darf nicht vergessen werden, dass der Mensch ein begrenztes und sterbliches Wesen ist“, sagte er, als er noch sprechen konnte. Und vom Petersplatz aus, durch das Fenster in sein Arbeitszimmer, konnte, wer immer wollte, den Fortgang des menschlichen Verfalls beobachten.
Am Freitag schließlich wich die Neugier einer eigentümlichen, fast feierlichen Stille. Vor dem Petersdom sammelten sich nicht nur fanatische Gläubige, sondern auch Atheisten, gestandene Kommunisten, Moslems und Juden. Die Synagoge Roms, die größte südlich der Alpen, hatte seit Donnerstagabend ebenso zum Beten geöffnet wie die Moschee. Die Via della Conciliazione, die große, breite Straße, die den Petersplatz mit der Engelsburg verbindet, wurde für den Verkehr gesperrt. Und wo sonst lautes Hupen zu hören ist, herrschte Schweigen, das einer Andacht glich.
In Krakau, daheim in Polen, wurde in den Kirchen schon seit den frühen Morgenstunden gebetet. In Kenia ertönten bei den Messen auch die traditionellen Trommeln – so wie es Johannes Paul II. den dortigen Katholiken ausdrücklich erlaubt hatte. Der Papst war, so wie er sein Leben lang unter Menschen war, auch beim Sterben nicht allein.
Selbst das vatikanische Pressebüro, sonst nicht eben für seine Informationsfreudigkeit bekannt, machte die Türen auf und blieb, zum ersten Mal, seit sich irgend jemand erinnern kann, die ganze Nacht über geöffnet. Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro Valls ließ die Welt teilhaben an den letzten Stunden, die der Papst bei Bewusstsein verbrachte.
Er sei von seinem Leibarzt, zwei Intensivmedizinern, einem Kardiologen und zwei Krankenschwestern umgeben gewesen. Schon am Donnerstagabend habe ihm sein engster Vertrauter, der polnische Erzbischof Stanislaw Dziwisz, die letzte Ölung gespendet. Er sei morgens aufgewacht, habe sich daran erinnert, dass Freitag sei, und „hat uns gebeten, ihm Stationen des Kreuzwegs vorzulesen“, erzählte Navarro Valls, „nach jeder Station schlug er das Kreuzzeichen“. Dann habe er sich noch aus der Bibel vorlesen lassen.
Was hinter den dicken Vorhängen der päpstlichen Gemächer in diesen Stunden tatsächlich passiert ist, wird Teil von Legenden werden – außerhalb der Mauern wird es wohl niemand mehr genau erfahren. Es ist wichtig für die vatikanische Hierarchie, darauf zu bestehen, ihr Oberhaupt sei bis zuletzt bei Bewusstsein gewesen. Denn für den Fall, dass ein amtierender Papst seinen Willen nicht mehr kundtun kann, ist kein Procedere vorgesehen. Ein Papst, der im Koma liegt, kann nicht mehr regieren, aber auch nicht abgesetzt werden – denn sein Amt niederlegen kann er nur persönlich.
Durch ein Fernglas konnte man, vom Petersplatz aus, hinter den dicken Vorhängen Schatten beobachten, die in den päpstlichen Gemächern hin und her huschten. Dann sank die Dämmerung über Rom. Die Glocken läuteten, die Scheinwerfer der Kamerateams wurden angeworfen, und gemeinsam verkündeten sie, dass die Reise zu Ende war.
Karol Jozef Wojtyla, der in Krakau geborene Offizierssohn, der am 18. Oktober 1978 zum ersten nicht italienischen Papst seit 456 Jahren gewählt wurde, hat sein mehr als ein Vierteljahrhundert dauerndes Pontifikat so aktiv wie kaum ein Amtsvorgänger ausgeübt. Er war der erste medienbewusste Papst, unternahm 104 Auslandsreisen und machte Weltpolitik.
Sein Beitrag zum Zusammenbruch des ihm so verhassten kommunistischen Systems wird längst in den Geschichtsbüchern gewürdigt.
Als er ein Jahr nach seiner Wahl in seine Heimat reist, hält er dort eine Predigt nach der anderen, und jede einzelne lässt das kommunistische Regime erzittern. Der Kreml-Chef Leonid Breschnew hatte seinem polnischen Kollegen Edvard Gierek vergeblich davon abgeraten, den Papst zu treffen. „Folgen Sie meinem Rat und empfangen Sie ihn gar nicht“, appellierte Breschnew. „Das gibt nur Ärger!“
Karol Wojtylas Triumphzug durch Polen gibt seinen Landsleuten Mut und Selbstvertrauen. Im Sommer 1980 formiert sich in Danzig „Solidarnosc“, die erste freie Gewerkschaftsbewegung hinter dem Eisernen Vorhang. Die „Solidarnosc“-Anhänger und -Aktivisten tragen an ihrer Kleidung Porträts der schwarzen Madonna von Tschenstochau und Porträts des Papstes.
Neun Jahre später fällt die Berliner Mauer, und im Dezember 1989 wird mit Michail Gorbatschow erstmals ein Generalsekretär der KPdSU als Besucher im Vatikan empfangen.

Als erster Papst sprach Johannes Paul II. Tabus der Kirchengeschichte an, von der Verurteilung Galileio Galileis als Ketzer über die antisemitische Tradition des Katholizismus bis zur Rolle der Kirche im Nationalsozialismus. In seinem Pontifikat erfolgte die diplomatische Anerkennung Israels durch den Vatikan. Im Jahr 2000 entschuldigte er sich bei einer Pilgerreise durch Israel für die Judenverfolgungen durch Christen. Im Jänner 2005 dankte ihm dafür eine Delegation von 130 jüdischen Würdenträgern aus aller Welt bei einem Besuch im Vatikan. Solche Versöhnungsgesten, lobten die Rabbiner, seien die wichtigsten Akte seines Pontifikats gewesen.
So beeindruckend die außenpolitische Bilanz des Polen auch sein mag: Innerkirchlich könnte sie in den Augen vieler Katholiken katastrophaler kaum sein. Kritiker spotteten ob der zwei Gesichter des Pontifex nicht selten über „Papa Jekyll und Karol Hyde“.
Johannes Paul II. wurde nicht nur von praktisch allen Reformbewegungen unter den Katholiken, sondern auch von einigen Gruppen am rechten Rand der Kirche attackiert. Er hat den Spagat zwischen den verfeindeten und immer weiter auseinander driftenden Lagern innerhalb der katholischen Kirche nie geschafft.
In der Weltöffentlichkeit mag das Ansehen seines Namens stetig gewachsen sein – gerade in seinen letzten Jahren im Amt, als seine Parkinson-Erkrankung für alle offensichtlich geworden ist. Mit jeder Reise, die er unternahm, mit jeder Messe, zu der er sich schleppte, wuchs sein Nimbus. Und für seinen Nachfolger, auf wen auch immer in den nächsten Wochen die Wahl des Konklaves fallen wird, wird es nicht einfach sein, auf Dauer einen ähnlichen Status und Stellenwert in der Öffentlichkeit zu erreichen.
Doch innerhalb der katholischen Hierarchie, unter den verschiedenen Gruppen, die sich während seines Pontifikats gebildet hatten, war Karol Wojtyla alles andere als unumstritten. Seine außenpolitischen Erfolge, seine Bemühungen um interreligiösen Dialog und Ökumene: All das übertünchte bloß seine Unfähigkeit, im Inneren zusammenzuhalten, was sich längst ideologisch polarisiert hatte.
Das war das Dilemma von Papst Johannes Paul II.: Jenen, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer schon skeptisch gegenüberstanden, war sein Stil zu wenig reaktionär. Die Reformer hingegen sahen durch Wojtylas Weg die weltoffene Haltung, die das Zweite Vatikanum propagiert hatte, vernichtet.
In den Augen der Rechten, wie etwa des von Wojtyla exkommunizierten Erzbischofs Marcel Lefebvre, hatte sich in der „Konzilskirche“ unter Johannes Paul II. die „Häresie in Rom eingenistet“. Den Papst selbst sah Lefebvre gar „in Verbindung mit der internationalen Freimaurerei“. Mithilfe der modernen „Bastardmesse“, so wetterten Lefebvre und dessen Anhänger über die Einführung der Landessprache in der katholischen Messe, habe der Pole Gläubige scharenweise aus den Kirchen vertrieben. Nun würden diese eben Zuflucht in anderen, charismatischeren Religionen und Kulten suchen.
Für die Linken hingegen schritten die Reformen des Konzils seit der Machtübernahme Johannes Paul II. viel zu langsam voran. Mehr noch: Nach ihrer Einschätzung versuchte der polnische Pontifex das Rad der Zeit kontinuierlich zurückzudrehen und die begonnenen Reformen allesamt rückgängig zu machen. Das, so die Reformer, sei maßgeblich mitverantwortlich für den kontinuierlichen Mitgliederschwund – jedenfalls in Europa. „Dieser Papst hat mit falschen Entscheidungen die Frauen und die Jugend aus der Kirche förmlich hinausgetrieben“, meinte etwa der von Johannes Paul II. gemaßregelte Theologe Hans Küng bereits vor dem Tod des Pontifex.
Wer den Werdegang Karol Wojtylas kannte, durfte von dessen stramm konservativer Ausrichtung freilich nicht sonderlich überrascht sein. Schon unter seinem Vorgänger Paul VI. hatte „Lolek“, wie ihn seine Mutter nannte, an der Restauration der Präkonzilsära entscheidend mitgearbeitet. Auf die als „Pillen-Enzyklika“ bekannt gewordene reaktionäre Papst-Schrift „Humanae Vitae“ (1966) übte der damalige Krakauer Kardinal entscheidenden Einfluss aus. Nicht nur Abtreibung war für den konservativen Kirchenmann „Mord“, nein, selbst Verhütung symbolisierte für ihn die „Kultur des Todes“. Unkontrolliertes Bevölkerungswachstum – etwa in Afrika – ließ ihn von diesem Prinzip ebenso wenig abweichen wie die besorgniserregende Verbreitung des HI-Virus: Auf der Bevölkerungskonferenz in Kairo zog Johannes Paul II. 1993 gegen Pille und Kondome zu Felde. Vergewaltigten bosnischen Frauen ließ er in einem Brief an den Erzbischof von Sarajevo die Ermahnung zuteil werden, auf gar keinen Fall abzutreiben.
Und als im Jänner 2005 die spanischen Bischöfe den Gebrauch von Kondomen als wirksame Vorkehrung gegen die Verbreitung des HI-Virus empfahlen, wurden sie vom Vatikan prompt zurückgepfiffen. Die Position des Papstes gelte weiterhin, erklärte Kardinal Javier Lozano Barragán: „Um das Leben zu verteidigen, muss Aids mit allen Mitteln bekämpft werden, aber immer im Rahmen zweier Prinzipien: Seid keusch und treibt keine Unzucht!“
Die aufgeklärte Weltöffentlichkeit stand solchen Positionen oft fassungslos gegenüber, ebenso wenn Wojtyla trotz eklatanten Priestermangels zur Verteidigung des Zölibates auszog, gegen Homosexuelle Stellung bezog oder wiederverheirateten Geschiedenen wiederholt mittels päpstlicher Dekrete die Möglichkeit zur Kommunion verweigerte.
Für ihn waren das unumstößliche Glaubenssätze. Diese zu verteidigen war ihm oberstes Prinzip. Jeder Angriff auf die Institutionen oder auch Vertreter der Kirche war ein Angriff auf ihn selbst. Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen (hohe) Vertreter des Klerus blockte der Papst immer wieder ab. Erst in seinen letzten Jahren reagierte er und zog zaghaft einige schwarze Schafe aus der öffentlichen Schusslinie. Vor allem dann, wenn, wie in den USA, kostspielige Prozesse drohten.

Wojtyla sah in vielen Ausprägungen der Moderne, nicht zuletzt im
kapitalistischen System selbst, das Wirken Satans. Angeblich nicht als Papst, wohl aber in der Zeit davor, hatte Karol Wojtyla sogar als Exorzist gewirkt. Der ehemalige Exorzist der Diözese Rom, Corrado Balducci, bestätigt das, schwächt aber ab: „Nur in besonderen Fällen“ sei Karol Wojtyla ausgerückt und habe „Befreiungsgebete“ angewandt, wie Exorzismen in der katholischen Kirche seit einigen Jahren euphemistisch heißen.
Offiziell wird diese Seite Karol Wojtylas meist verschwiegen. Exorzismen sind im Vatikan ein Tabuthema. Doch über die tiefe Spiritualität und die Glaubenswelt des Polen spricht die Episode Bände.
Karol Wojtyla wird lieber als mächtigster Verbündeter der Globalisierungsgegner gezeichnet – und als Erfinder des „Event-Katholizismus“, wie der österreichische Theologe und Publizist Adolf Holl die Choreografie der Papstreisen
und die Messen vor hunderttausenden bezeichnet.
Kaum einer vor ihm hatte ein ähnliches Gespür für geschichtsträchtige Momente, symbolträchtige Gesten und mediengerechte Inszenierungen. Allein die weit über tausend Kanonisierungen zeigen seinen Hang zur Personalisierung. Kein Papst vor ihm machte vom Instrument der Selig- und Heiligsprechungen derart inflationär Gebrauch. Karol Wojtyla gab der katholischen Welt jene Ikonen, jene christlichen Popstars, nach denen sie verlangte.
Dennoch: Die Inhalte der vatikanischen Politik unter Karol Wojtyla folgten diesem Modernitätsanspruch nur selten. In der Frauenpolitik war es Wojtylas Programm, sich als glühenden Marienverehrer darzustellen. Als er an einem Fatima-Marienfeiertag, dem 13. Mai 1981, vom Attentäter Ali Agca lebensgefährlich verwundet wurde, hob er diese Frömmigkeit ins Mystische: Maria habe ihn beschützt, weil sie mit ihm noch einiges vorgehabt habe.
Viel weiter sollte der Einfluss der Frauen jedoch nicht reichen. Mit seiner grundsätzlich antiemanzipatorischen Haltung hielt Johannes Paul II. nie hinter dem Berg. „Jesus wählte nur Männer als seine Jünger, die Kirche hat es ihm gleichgetan“, pflegte er zu sagen, wenn er auf seine ablehnende Haltung gegenüber Pristerinnen angesprochen wurde.
Auch in der Außenpolitik verfolgte der Vatikan unter seiner Führung einen betont konservativen Kurs: So offen er soziale Missstände in der Dritten Welt kritisierte, die dort Herrschenden brauchten – anders als im ehemals kommunistischen Teil Europas – nicht um ihre Macht zu bangen, wenn der Papst zu Besuch kam. Erzkonservative Kreise wie Opus Dei in Spanien und Lateinamerika konnten auf Unterstützung im Vatikan bauen.
Auch innerhalb der katholischen Kirche profilierte sich Johannes Paul II. als beinharter Machtpolitiker. „Ich hatte Angst, die Wahl anzunehmen“, hatte Karol Wojtyla gleich nach seiner Wahl der Menge auf dem Petersplatz in Rom zugerufen. In seiner Politik sollte das nie sichtbar werden. Neben seiner geschichtsträchtigen Reise im Juni 1979 in sein damals kommunistisches Heimatland unternahm Wojtyla im selben Jahr auch eine andere folgenschwere Reise. Schon im Jänner war er nach Mexiko geflogen und setzte bei seiner berühmt gewordenen Puebla-Rede seinen ersten kircheninternen Schwerpunkt: Vor dem gesamten lateinamerikanischen Episkopat in den Zuhörerreihen versetzte der damals
58-jährige Papst der zu dieser Zeit boomenden Befreiungstheologie einen schweren Schlag. Anstatt dem Klerus für seinen Kampf gegen korrupte Regime zu danken, mahnte er zur Mäßigung. Diktatoren wie Augusto Pinochet dankten Wojtyla für seine „mutigen“ Worte.
Die mangelnde Unterstützung für die in den Augen des Polen marxistisch unterwanderte Befreiungstheologie wurde bald zur offenen Ablehnung. Ein Jahr später maßregelte er die Theologie der Befreiung während eines Aufenthaltes in Brasilien. Weitere fünf Jahre später verpasste Wojtyla dem aufmüpfigen lateinamerikanischen Theologen Leonardo Boff einen Maulkorb. Selbst Bischöfe wie Jacques Gaillot wurden wegen mangelnder Willfährigkeit vom Vatikan kaltgestellt.
Was noch schwerer wog, war die Gegenreformation in den von der Befreiungstheologie befallenen Gebieten. Konsequent setzte Karol Wojtyla auf das erzkonservative Opus Dei, um die linken Vertreter der Kirche in den Hoffnungsgebieten Südamerikas zurückzudrängen. Auf mehr als ein Dutzend Bischöfe hat es das Werk Gottes während der Amtszeit des Polen allein in Südamerika gebracht. Die Befreiungstheologie ist heute beinahe überall in die Ecke gedrängt.
Seine Mission, keine glaubenszersetzenden Elemente in der Kirche zu dulden und stattdessen auf treue Truppen zu setzen, hat Johannes Paul II. erfüllt. Gerade Lateinamerika und Afrika waren ihm da wichtig, denn Europa sah er als fast schon verloren an. Der 2004 verstorbene österreichische Kardinal Franz König, einer der einflussreichsten Kardinäle bei Karol Wojtylas Wahl 1978, sagte: „Der Papst sieht die Zukunft nicht in Europa. Europa ist müde geworden, sagt er. Europa hat nicht mehr die Kraft, um die Kirche ins dritte Jahrtausend zu tragen.“
Freilich: Kampflos aufgeben wollte der Papst die katholischen Kernlande auch nicht. Die von ihm ausgerufene „Neuevangelisierung“ Europas blieb zeit seines Pontifikates allerdings im Ansatz stecken. Gerade in Europa verliert die katholische Kirche weiterhin massiv an Boden. Vor allem die Verluste in seinem Heimatland Polen schmerzten den Pontifex bis zum Ende seiner qualvollen Amtszeit.

Noch weit über die Zeit seiner Regentschaft hinaus wird Wojtyla den Charakter dieser Kirche prägen. Denn während seines Pontifikates sind diverse konservative Elitetruppen erstarkt. Noch am Tag, als 1978 das Konklave begann, besuchte der Mann, der bald Papst werden sollte, die römische Zentrale des Opus Dei und betete am Grab von dessen Gründer Josemaria Escriva. Ihn sprach er später in einem der schnellsten Verfahren der Kirchengeschichte erst selig und dann heilig.
Neben dem „Werk“ etablierte der Pole noch andere sektenartige Gruppen innerhalb der kirchlichen Struktur. Die Namen „Communione e liberazione“ oder „Neokatechumenat“ sind weltweit wenig bekannt, doch gerade diese religiösen Elitetruppen gehörten zu den Kernkadern des Papstes und sollten den weltweit aktiven Jugendsekten das Wasser abgraben. Zu zehntausenden beschickten die straff geführten Organisationen die perfekt inszenierten Weltjugendtreffen. In ihrem Gehorsam und ihrer Treue sah der polnische Papst die Zukunft der Kirche – auch und gerade im vom Glauben abgefallenen Europa.
„Johannes Paul II. ist der letzte absolute Monarch“, sagte der Vatikan-Insider Peter de Rosa schon nach den ersten zehn Jahren von Wojtylas Amtszeit. Daran hat sich bis zum Ende kaum etwas geändert. Unliebsame demokratische Aufwallungen innerhalb der Kirche, etwa das nach der Affäre Groer erfolgreiche Kirchenvolksbegehren in Österreich, wurden im Vatikan konsequent ignoriert. Bischofsbestellungen und Kardinalsernennungen liefen immer nach einem vom Heiligen Vater vorgezeichneten Plan ab.
Auch wenn heute noch unklar ist, welche Schwerpunkte der neue Papst setzen wird – eine zumindest teilweise Aufweichung des Zölibates in Richtung erprobter verheirateter Männer (der „viri probati“) scheint durchaus wahrscheinlich –, Johannes Paul II. hat die Weichen für die Zeit nach ihm gestellt. Liberale Strömungen haben dabei keinen Platz.
Die Klischeevorstellung über Wojtylas Führungsstil lautete, dass er sich nicht um Vatikan-Interna kümmere, dass die Kurie ihm nie wichtig gewesen sei. Dass er lieber Weltpolitik machte. Die wahren Verhältnisse im Vatikan waren anders: Auch wenn sich der Papst selbst lieber auf Reisen begab – an entscheidenden Stellen im Kirchenstaat setzte er auf Vertraute, von denen er sicher sein konnte, dass sie in seinem Sinn handeln. Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger gehörte als Glaubenspräfekt dazu, Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano ebenso und auch der Präfekt der Bischofskongregation, Giovanni Battista Re. In seinen letzten Jahren, als Johannes Paul II. von Parkinson schwer gezeichnet am Rande der Amtsunfähigkeit wandelte, führten sie die Geschäfte mit harter Hand weiter.
So wirkt Wojtylas kluge Machtpolitik lange über seinen Tod hinaus: Nahezu alle wahlberechtigten Kardinäle im bevorstehenden Konklave wurden von Karol Wojtyla ernannt. Liberale kamen in den 27 Jahren seines Pontifikates kaum zum Zug.
Der neue Papst wird kein Abbild des großen Polen auf dem Stuhl Petri sein. Doch seinen konservativen Prinzipien wird er sich verpflichtet fühlen. Dafür hat Karol Wojtyla gesorgt.

Von Thomas Hofer
Mitarbeit: Sibylle Hamann, Georg Hoffmann-Ostenhof, Otmar Lahodynsky