Müder Mann im Vatikan: Die Erschöpfungsgeschichte

Papst - Müder Mann im Vatikan: Die Erschöpfungsgeschichte

Papst Joseph Ratzinger, genannt Benedikt XVI., wird am 28. Februar als Oberhaupt der Katholischen Kirche zurücktreten. Dies kündigte der gebürtige Deutsche am Montag an. Als Grund nannte der 85-Jährige gesundheitliche Überlegungen: die Kräfte würden angesichts seines Alters nicht mehr reichen.

Im März wird das Konklave zusammentreten, die den neuen Papst zu wählen hat. Vatikansprecher Pater Federico Lombardi zeigte sich zuversichtlich, dass bis Ostern ein neuer Papst gewählt werde. Benedikt werde keine Rolle im Konklave spielen. Auch in der Zeit, in dem der Stuhl Petri vakant sein werde, soll der Papst keine Funktion ausüben.

Es ist eine Meldung, die in die Kirchengeschichte eingehen wird – der Papst tritt zurück. Doch so unerhört und überraschend dieses Ankündigung auf’s erste klingt: Es gab in den vergangenen Monaten einige Hinweise darauf, dass Benedikt XVI. die Möglichkeit für sich selbst zumindest in Erwägung zog.

In einer Titelgeschichte (profil 26/2012) hat sich profil bereits im vergangenen Juni mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, dass Joseph Ratzinger der erste Papst der Neuzeit sein könnte, der den Heiligen Stuhl zu Lebzeiten aus freien Stücken verlässt – unter anderem aufgrund von Andeutungen, die er selbst gemacht hatte.

Eine Nachlese.

Rom, Vatikanstadt, Apostolischer Palast: Hier ist das Nervenzentrum einer Weltmacht, die keine Grenzen kennt. Ihr Einfluss erstreckt sich über alle 24 Zeitzonen auf nicht weniger als 1,2 Milliarden Menschen. Sie gebietet über 1,2 Millionen Mitarbeiter in nahezu allen anerkannten Staaten der Erde. Auf sechs Kontinenten betreibt sie Niederlassungen – sogar in der Eiswüste der Antarktis.

Wenn im Petersdom die Frühmesse beginnt, wird im Bistum Tonga im Südpazifik bereits zur Abendandacht geläutet. Sprechen die Kleriker im Vatikan zu Mittag das Tischgebet, liegt über der Dioecesis Honoluluensis auf Hawaii noch tiefe Nacht.

Und irgendwo flammt immer eine Krise auf. Bombenanschläge auf Christen in Nigeria, die mit Racheaktionen gegen Moscheen vergolten werden; millionenschwere Klagsdrohungen wegen sexuellem Missbrauch durch Kleriker in Surinam; die Verschärfung staatlicher Sanktionen gegen Gläubige in China: All das sind Vorkommnisse aus den vergangenen Tagen.
Die katholische Kirche hat überall auf der Welt Interessen, sie steht – wie jeder andere Global Player auch – unter ständigem Druck, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, Entscheidungen zu treffen, Strategien zu adaptieren: rund um die Uhr, im unerbittlichen Takt der weltweit vernetzten Kommunikationsgesellschaft, in der eine Twitter-Meldung größere Konsequenzen nach sich ziehen kann als eine über Jahre ausgefeilte Enzyklika.

Alle Fäden
Vatikanstadt, Apostolischer Palast, zweiter Stock: Hier residiert der Mann, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Papst Benedikt XVI. sitzt am liebsten in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf die Ewige Stadt und schreibt. Mit einem Bleistift. In Griffnähe liegen ein Spitzer, ein Radiergummi und ein Stapel leere Blätter. Daneben, für alle Fälle, ein Nachschlagwerk der deutschen Sprache.

Der Heilige Vater mag es nicht, beim Schreiben gestört zu werden, und er schreibt viel. Seit Beginn seines Pontifikats sind von ihm unter anderem zwei Bücher über Jesus von Nazareth erschienen, dickleibige Bände, die Manuskripte samt und sonders mit Bleistift verfasst. Man kann sich ausmalen, wie viel Zeit ihn das gekostet hat. Aber einen Computer zu benutzen? Auf diese Frage eines befreundeten Theologen antwortete Ratzinger einst nur mit entschiedenem Kopfschütteln.
Joseph Ratzinger, der als Papst den Namen Benedikt XVI. angenommen hat, feierte im vergangenen April seinen 85. Geburtstag. Er ist damit der älteste Pontifex maximus seit über 100 Jahren. Leo XIII., der älteste Papst der Kirchengeschichte, starb 1903 im Alter von 93 Jahren.
Die Weltmacht Kirche regiert Benedikt XVI. mithilfe einer Gerontokratie, deren wichtigste Amtsträger nach weltlichen Kriterien längst im Ruhestand sein müssten (siehe Kasten Seite 64) – ihre Jobs aber größtenteils erst jenseits des Pensionsalters angetreten haben. Zum Vergleich: Würden weltliche Regierungschefs im Alter des Papsts (Jahrgang 1927) amtieren, hätten wir es mit folgender Generation zu tun: US-Präsident Jimmy Carter (1924), britische Premierministerin Margaret Thatcher (1925), schwedischer Ministerpräsident Olof Palme (1927), österreichischer Bundeskanzler Fred Sinowatz (1929), ugandischer Diktator Idi Amin (1928).
Manche Veränderungen machen auch vor den Mauern des Vatikans nicht Halt. Die Welt wird komplexer und rasanter, die Menschen haben eine höhere Lebenserwartung.

Absurde Fehlkonstruktion
Die Institution eines auf Lebenszeit gewählten Papsts gerät so immer mehr zur absurden Fehlkonstruktion: Die Anforderungen an die jeweilige Person steigen, während das Durchschnittsalter der Amtsträger beständig nach oben klettert. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Papst einmal nicht mehr kann. Benedikt XVI. hat gute Chancen der Erste zu sein, der dies einsehen muss – und damit der letzte Papst, der sein Amt mit dem Nimbus angetreten hat, nur Gott könne ihn vom Papstthron zu sich rufen.
Dieser Gedanke beschäftigt ihn auch nachweislich. „Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amts nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht zurückzutreten“: Der Satz stammt nicht von einem Kirchenkritiker, sondern von Benedikt XVI. selbst. Dokumentiert ist er in dem 2010 erschienenen Interview-Buch „Licht der Welt“, und er hat bereits mehrfach Spekulationen angeheizt, der Heilige Vater könnte seine ­Tiara, die Papstkrone, vorzeitig an den Nagel hängen.

Genährt werden sie durch den Eindruck, dass Benedikt XVI. in seiner Studierstube entrückt dem Schreiben huldige, während rundherum die Hölle los ist.

Da wäre zunächst einmal die Causa „Vatileaks“: die Veröffentlichung geheimer Dokumente aus dem Kirchenstaat, die zum Teil direkt vom Schreibtisch des Papsts entwendet wurden. Als Sündenbock muss vorerst Paolo Gabriele, der Kammerdiener des Heiligen Vaters herhalten. Er soll die Papiere beiseitegeschafft haben.

Allerdings dürfte er in höherem Auftrag gehandelt haben. Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei den Hintermännern des Diebstahls um eine Gruppe hochrangiger Gegner von Kardinalstaatssekretär Tarci­sio Bertone handelt: Immerhin ist es vor allem er, der durch die Indiskretionen angepatzt wird – unter anderem steht gegen den Regierungschef des Papsts seither der Verdacht im Raum, befreundeten Unternehmern Vatikan-Aufträge zu deutlich überhöhten Preisen zugeschanzt zu haben.
Einer der Verschwörer, angeblich Mitglied der Kurie, soll vor Kurzem gegenüber der Zeitung „la Repubblica“ Auskunft über seine Motivation gegeben haben. „Ich mache das, zusammen mit anderen, um den Papst zu verteidigen und die Fäulnis in der Kirche anzuklagen“, wird er dort zitiert.
Sollten die Angaben des Mannes gegenüber „la Repubblica“ stimmen, dann herrscht bei manchen Mitgliedern der Kurie offenbar die Meinung, Benedikt sei nicht – oder nicht mehr – handlungsfähig genug, um seine vatikanstaatliche Regierungsverantwortung wahrzunehmen.
Ganz profane Probleme bereitet dem Vatikan derzeit einmal mehr seine Bank: Und auch hier fällt wiederum der Name von Bertone, während Benedikt wenig Durchsetzungskraft zeigt.

Das IOR (Instituto per le Opere di Religione, zu Deutsch: Institut für die religiösen Werke) war in der Vergangenheit bereits mehrfach unter Verdacht geraten, kriminelle Geschäfte abzuwickeln – unter anderem mit der Mafia. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft wieder einmal gegen das Institut: Es geht um den Verdacht der Geldwäsche.
Gleichzeitig steht kommende Woche eine wichtige Entscheidung an. Moneyval, eine Expertengruppe des Europarats, wird am 4. Juli das Ergebnis einer Überprüfung des IOR bekannt geben. Davon hängt es ab, ob der Vatikan in die „weiße Liste“ jener Staaten aufgenommen wird, deren Finanzgebarung als transparent gilt.

Brisante Enthüllungen
Dem Vernehmen nach haben die Kontrolleure den Vatikan in acht Punkten beanstandet. Sie kritisieren vor allem, dass sich der Gottesstaat auf Betreiben von Kardinalstaatssekretär Bertone nach wie vor weigert, bei Geldwäscheverdacht vorbehaltlos mit ausländischen Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten, und dass selbst die internen Revisionsorgane des Heiligen Stuhls das IOR nur unter bestimmten Auflagen kontrollieren dürfen.

Zudem drohen der Vatikanbank auch weitere brisante Enthüllungen. Vor wenigen Wochen wurde ihr Chef Ettore Gotti Tedeschi, der sich zuvor um mehr Offenheit und saubere Bücher bemüht hatte, geschasst. Er war offenbar in einem Machtkampf gegen Bertone unterlegen. Danach soll Gotti Tedeschi ein umfangreiches ­Memorandum mit Interna über das Geldhaus angefertigt und bereits der Staatsanwaltschaft übergeben haben. Zudem soll die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung auf Hunderte von Dokumenten gestoßen sein. Die angesehene Tageszeitung „Corriere della sera“ berichtet, dass darin von „illegalen Finanzaktionen“ und von Interventionen durch hohe Geistliche, zwielichtige Finanzakrobaten und italienische Politiker die Rede sei.

Tedeschi verlässt seine Wohnung derzeit nur noch in Begleitung von Bodyguards, weil er um sein Leben fürchtet.

Für Benedikt XVI. ist die Sache doppelt peinlich: Der Papst hatte Tedeschi höchstpersönlich zum IOR-Chef gemacht und ihn bei seiner Arbeit an der 2009 veröffentlichten Enzyklika „Caritas in veritate“ als Berater herangezogen – um dann dabei zuzusehen, wie der Bankier seines Vertrauens von Bertone demontiert wurde.

Nur ansatzweise aufgearbeitet sind zudem die Vorwürfe des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker, die das gesamte Pontifikat von Benedikt XVI. überschatten. Immer noch versucht der Papst, die Verantwortung für über Jahrzehnte begangene Verbrechen auf die einzelnen Täter allein abzuschieben. Vorvergangenen Sonntag erklärte er etwa beim Abschluss des Eucharistischen Weltkongresses in Dublin, pädophile Geistliche hätten „die Menschen missbraucht und die Botschaft der Kirche unglaubwürdig gemacht“. Dass in jedem Land, in dem der jeweilige Skandal ernsthaft untersucht wurde, zutage trat, dass übergeordnete Stellen in Diözesen, Ordensgemeinschaften und auch im Vatikan von den Missbrauchsvorfällen gewusst, aber nichts dagegen unternommen hatten, verschweigt der Papst bis heute. Doch diese Strategie erweist sich zunehmend als unhaltbar.

Im US-Bundesstaat Philadelphia steht mit Monsignore William Lynn erstmals ein katholischer Würdenträger vor Gericht, weil er Informationen über 35 Priester, die Kinder missbrauchten, auf Anweisung eines Vorgesetzten vernichtete, sodass die Priester in ihren Ämtern bleiben konnten. Die Anklage gegen Lynn lautet auf Gefährdung von Kindern. Vergangenen Freitag wurde Lynn in einem Fall schuldig gesprochen.
Eine Verurteilung könnte eine neue Welle von Prozessen in Gang setzen. Insgesamt musste die Kirche wegen Missbrauchsklagen in den USA bisher ungefähr 2,5 Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen leisten. Auf eine Entschuldigung für die jahrzehntelange Vertuschung, die zum Teil auch vom Vatikan aus betrieben wurde, warten die Opfer noch heute.
Währenddessen findet der von Helmut Schüller, dem ehemaligen Generalvikar der Erzdiözese Wien, ausgehende „Aufruf zum Ungehorsam“ gegen die erstarrte Amtskirche internationale Beachtung. Bis nach Australien folgen Priester dem Beispiel ihrer renitenten Amtsbrüder aus Österreich, die eine Reihe von bislang unumstößlichen Verboten offensiv ignorieren – etwa, indem sie die Kommunion auch an wiederverheiratete Geschiedene oder Angehörige anderer christlicher Kirchen verteilen oder kompetente Laien die Sonntagspredigt halten lassen.

„Ist Ungehorsam wirklich ein Weg?“
Zu dieser skandalösen Insubordination hat sich der Papst inzwischen sogar höchstpersönlich geäußert: „Ist Ungehorsam wirklich ein Weg?“, fragte er, und es klang resignativ und hilflos statt zornig und kämpferisch: „Spüren wir darin etwas von der Gleichgestaltung mit Christus, die die Voraussetzung jeder wirklichen Erneuerung ist?“

Abgesehen davon bringt Benedikt XVI.für die drängenden aktuellen Probleme der Kirche zumindest nach außen hin nur wenig wahrnehmbare Lösungskompetenz auf.

Dafür kümmert er sich geradezu aufopfernd um den schwelenden Konflikt zwischen dem Heiligen Stuhl und der Piusbruderschaft – einer mit rund 550 Priestern vergleichsweise unbedeutenden Vereinigung katholischer Traditionalisten, die das Zweite Vatikanische Konzil ablehnen und sich zudem immer wieder durch antisemitische Ausfälle hervorgetan haben.
Der Schweizer Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng, einst ein Weggefährte Ratzingers, stößt sich vor allem daran, dass der Papst eine Versöhnung mit der „ultrakonservativen, antidemokratischen“ Piusbruderschaft anstrebe, während er Dialogversuche reformfreudiger Katholiken abblocke.

Benedikt hat sich in den Kopf gesetzt, das Schisma mit den Piusbrüdern zu überwinden und die Abtrünnigen wieder in die katholische Kirche einzugliedern. Öffentliche Kritik an diesem Vorhaben scheint ihm wenig auszumachen.

Doch abgesehen davon lebt Benedikt XVI. anscheinend sehr ­zurückgezogen in seinem Apartment, umgeben von einer Hand voll Laienschwestern und seinem Sekretär Georg Gänswein, und kümmert sich nicht weiter um die Ranküne direkt vor seiner Wohnungstür.
„Der Papst hat keinen einzigen Faden in der Hand“, sagt ein Mitarbeiter des vatikanischen Staatssekretärs, der namentlich ungenannt bleiben will. Ähnlicher Ansicht ist der österreichische Kirchenrebell Helmut Schüller. Im Vatikan hätten verschworene Zirkel wie Opus Dei oder die Legionäre Christi an wichtigen Stellen das Sagen – und diese Seilschaften würden den Papst immer häufiger „außen vor“ lassen, vermutete Schüller im vergangenen Jänner.

„So ein Durcheinander wie jetzt, mit Kardinälen, die einander ganz offen feindlich gegenüberstehen, hat es hier noch nie gegeben“, murrt auch ein journalistischer Mitarbeiter des Vatikans.
Stimmt nicht, entgegnet Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan (siehe Interview rechts) – gerade der Fall „Vatileaks“ zeige, dass der Papst alles andere als weltentrückt sei: „Die Dokumente belegen, dass er Akten liest, sich Notizen macht, Vorlagen zurückschickt und abändern lässt. Er ist also sehr wohl inter­essiert und aktiv.“

Als Beweis dafür, dass der 85-Jährige unbestreitbar auf der Höhe der Zeit ist, sollen Fotos dienen, die Ratzinger im Juni vergangenen Jahres dabei zeigen, wie er an einem iPad hantierte, um das neue Online-Nachrichtenportal des Vatikans freizugeben und den ersten offiziellen Papst-Tweet abzuschicken: „Liebe Freunde, ich habe gerade News.va gestartet. Gepriesen sei unser Herr Jesus Christus. Mit meinen Gebeten und Segen, Benedictus XVI.“, lautete die Botschaft, der noch keine weitere direkt vom Papst verfasste gefolgt ist.

Aber das schnelle Statement, sei es in einem sozialen Netzwerk oder sonst wo, hat der Pontifex ja auch nicht im Sinn. Benedikt handle nicht aufgrund kurzfristiger politischer Überlegungen, darauf besteht Hagenkord stellvertretend für den Vatikan, sondern im Gegenteil auf Basis einer „theologischen Vollmacht“.

Befugnisse eines Monarchen
Tatsächlich definiert sich das Papsttum vor allem über seine spirituelle Dimension und nicht über seine weltliche. Was aus der säkularen Außenperspektive verschroben wirkt, kann in der Logik einer Glaubensgemeinschaft tatsächlich unmittelbare, weit reichende Bedeutung haben. Als Experte in Fragen der Liturgie oder der Christologie genießt Benedikt etwa allgemeine Anerkennung.
Weil der Papst laut Kirchenrecht die Befugnisse eines absoluten Monarchen inne­hat, kann er auch das Recht in Anspruch nehmen, sich auszusuchen, welcher aus der unüberschaubaren Menge an Aufgaben er sich widmen möchte – er kann ein Konzil prägen wie Paul VI. das Zweite Vatikanum, er kann den Kommunismus beerdigen wie Johannes Paul II., oder er kann knifflige theologische Fragestellungen bezüglich des Gottessohnes wälzen wie Benedikt XVI.

Die Institution des Papsts ist permanenten Veränderungen unterworfen, auch wenn die Kirche – ähnlich wie in Moral und Ethik – gerne versucht, die gerade gültige Version als ewige Wahrheit zu verkaufen. Tatsächlich musste die frühe Kirche ohne Papst auskommen: Der Bischof von Rom war eben bloß der Bischof von Rom und von der Autorität eines Monarchen, der für alle Gläubigen bindende theologische Entscheidungen trifft, weit entfernt. Erst mit dem Aufstieg Roms als regionale Hauptstadt der katholischen Welt, aus der später das unangefochtene Zentrum wurde, wuchs auch die Macht des jeweiligen Bischofs, der ab dem 4. Jahrhundert „Papst“ genannt wurde.

Thomas Prügl, stellvertretender Leiter des Instituts für Historische Theologie, sieht im Papsttum einen wesentlichen Schlüssel des Erfolgs der katholischen Kirche. Mit dem professionalisierten, schriftlich fixierten Kirchenrecht des 12. und 13. Jahrhunderts sei die unumstrittene Autorität des Pontifex maximus entstanden, so Prügl.

Weil die Pontifikate wegen der damals beschränkten Lebenserwartung viel kürzer ausfielen und auch der Bildungsstand der Massen gering war, könne man nicht davon ausgehen, dass die Gläubigen über ihren jeweiligen Papst Bescheid wussten: „Ein Hype um das Amt und die Person, wie wir ihn heute erleben, ist eine relativ junge Entwicklung, die ihm 19. Jahrhundert begann“, so der Historiker.

Als der Kirchenstaat im Zuge der republikanischen Revolutionen verloren ging, stilisierte sich der Pontifex als Opfer und wurde zum Sympathieträger für Katholiken in aller Welt. Früher mag die Motivation der meisten Gläubigen für eine Pilgerreise nach Rom ein Gebet am Grab von Petrus gewesen sein – heute geht es weitaus öfter darum, einen Blick auf den jeweils amtierenden Papst werfen zu können, wenn er am Sonntag nach der Messe am Fenster seiner Privatgemächer hoch über dem Petersplatz erscheint. Bei Weltjugendtreffen wird der Heilige Vater verehrt wie Madonna: die Sängerin wohlgemerkt, nicht die Gottesmutter.
Das lange und selbst für die kirchenferne Öffentlichkeit Betroffenheit erregende Leiden von Johannes Paul II., der in den letzten Jahren seines Lebens kaum noch verständlich sprechen konnte, stellte die Frage nach dem möglichen Rücktritt eines Papsts. Johannes Paul II. starb schließlich am 2. April 2005 im Alter von 84 Jahren nach über 26 Jahren als Papst, ohne den Hirtenstab in die Ecke gestellt zu haben.

Doch wie wünschenswert ist ein öffentlich siechender oder auch im Verborgenen leidender Papst, der keiner seiner Funktionen mehr nachkommen kann? Es ist kein Tabubruch zu sagen, dass Benedikt XVI. sich dieser Frage möglicherweise zu stellen haben wird. Immerhin hat er sich selbst bereits dazu geäußert.

Im Juli 2010 besuchte Benedikt XVI. das Städtchen Sulmona in den Abruzzen. Dort hatte im 13. Jahrhundert Pietro del Murrone als Einsiedler gelebt. Bekannt wurde der Mann unter dem Namen Coelestin V. – und als der bislang einzige Papst, der sein Amt zu Lebzeiten niederlegte. Del Murrone war in Abwesenheit und wohl auch gegen seinen Willen im Alter von 80 Jahren zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden.
Nach nur drei Monaten reichte es ihm auch schon wieder. „Ich, Coelestin V., trete hiermit aus freiem Willen vom Pontifikat zurück. Rechtmäßige Gründe bewegen mich dazu ebenso wie Gewissensgründe. Aus notwendiger Demut, zur moralischen Vervollkommnung, aber auch aus der Schwäche meines Körpers und der Unfähigkeit zum Lehramt, überhaupt wegen der Schwäche meiner gesamten Person verzichte ich ausdrücklich auf den Thron, die Würde, das Amt und die Ehre des Papsts“, ließ er das Kardinalskollegium wissen.

Es folgten verheerende Verwerfungen in der Kirche: Die Legitimität von Coelestins Nachfolger Bonifatius VIII. wurde von dessen Gegnern angezweifelt, und der neue Papst ließ seinen Vorgänger, der einen Fluchtversuch startete, schließlich in Ehrenhaft nehmen, um ein Schisma abzuwenden. Von der kirchenrechtlich vorgesehenen Option des freiwilligen Rücktritts machte angesichts des Chaos fortan kein Papst mehr Gebrauch.
Dass Benedikts Besuch in der Heimatstadt Coelestins auch nur als leises Indiz für seine persönlichen Überlegungen gedeutet werden könnte, Todeszeitpunkt und Pensionsantritt voneinander zu trennen, weist die vatikanische Bürokratie strikt zurück.

Dennoch stellen sich, auch im Lichte der persönlichen Aussagen Benedikts einige Fragen. Wird Joseph Ratzinger im Fall des Falls den richtigen Moment für einen freiwilligen Rücktritt erkennen? Und wird die Kirche darauf vorbereitet sein? Wie eklatant muss sich die geistige oder körperliche Schwäche auswirken, damit allen relevanten Kräften klar ist, dass der Tabubruch eines Amtsverzichts die beste Lösung ist? Sollte womöglich sogar die Idee des suspendierten Priesters und Theologen Eugen Drewermann, man könne einen „Papst auf Zeit“ wählen, dereinst aufgegriffen werden?

Noch ist es nicht so weit. Noch beteuert der Vatikan, Benedikt sei fit und kregel, das hinter den Mauern des Vatikans geäußerte Getuschel über eine Krebserkrankung, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Thrombose-Probleme schlicht Unsinn – und die Weltabgewandtheit, die ihm im Hinblick auf viele profane Probleme in seinem Reich häufig nachgesagt wird, mehr ein Vorteil als ein Nachteil.

Noch.

Interview
"Ich sehe überhaupt keine Überforderung“
Bernd Hagenkord von Radio Vatikan über die Kommunikation des Papsts.

profil: Ist ein 85-Jähriger nicht notwendigerweise überfordert, wenn er mit Bespitzelungsskandalen und politischen Ereignissen globalen Ausmaßes konfrontiert ist?
Hagenkord: Nein. Ich glaube nicht, dass Papst Benedikt oder dass grundsätzlich ­jeder 85-Jährige für ein solches Amt ungeeignet ist. Das ist ja keine politische Funktion.

profil: In gewisser Weise doch.
Hagenkord: Viele Entscheidungen haben politische Auswirkungen, aber die Basis des Handelns ist eine theologische Vollmacht. Natürlich muss der Papst mit modernen Umständen zurechtkommen, aber gerade da ist es auch hilfreich, dass er über eine Reflexionsebene verfügt, die tiefer geht als das, was morgen in der Zeitung steht.

profil: Die Reaktion von Benedikt XVI. auf den „Vatileaks“-Skandal war hilflos. Er verlangte, man solle „nein sagen zu einer Kultur, in der nicht die Wahrheit, sondern nur die Sensation zählt“.
Hagenkord: „Vatileaks“ wäre auch einem 40-jährigen Papst passiert. So etwas kann man nicht institutionell regeln, da geht es um Vertrauensmissbrauch.

profil: Die Frage ist allerdings, wie professionell man darauf reagiert.
Hagenkord: Interessant an dem Fall ist etwas, das bisher kaum beachtet wurde: Man sagt immer, der Papst kümmere sich gar nicht um die Kurie. Die Dokumente belegen jedoch, dass er Akten liest, sich Notizen macht, Vorlagen zurückschickt und abändern lässt. Er ist also sehr wohl interessiert und aktiv. Ich sehe überhaupt keine Überforderung.

profil: Wie sehr ist der Papst operativ ins Tagesgeschäft involviert? Wenn etwa in Nigeria der Konflikt zwischen Islamisten und Christen tobt, lässt Benedikt XVI. laufend Berichte kommen?
Hagenkord: Ein gutes Beispiel! Wenn alle Welt nach Mexiko zum Treffen der G20 blickt, weist der Papst darauf hin, dass in Nigeria bereits 600 Menschen zu Tode gekommen sind. Er kann es sich leisten, Dinge anzusprechen, die nicht so sehr im Fokus sind.

profil: Wie sehr wird er dabei von seinem Apparat unterstützt?
Hagenkord: Der Vatikan ist in Wahrheit relativ klein. Das Staatssekretariat, das diese Dinge behandelt, legt dem Papst einen Bericht vor, oder der Papst lässt beim Nuntius vor Ort anfragen. Dann wird gehandelt wie in jeder Staatskanzlei: Das Staatssekretariat bereitet einen Text vor, oder der Papst verfasst selbst einen und lässt ihn in die richtige Form bringen.

profil: Also durchläuft jede Stellungnahme zunächst zumindest einen Filter?
Hagenkord: Nicht unbedingt. Benedikt XVI. äußert sich oft auch spontan, er weicht immer wieder von dem vorbereiteten Redemanuskript ab. Das sind schöne Momente für uns Radioleute, wenn man merkt: Dieser Mann hat ein Leben lang studiert, gebetet und nachgedacht, und jetzt spricht diese Erfahrung aus ihm heraus. Das sind oft wunderbare, sehr inhaltsreiche Sätze. Der Papst ist in meinen Augen sehr, sehr hell, klug und geistlich. Und er hat das Gefühl für die richtige Stunde.

profil: Glauben Sie, ein Papst sollte tatsächlich bis zu seinem Tod im Amt bleiben?
Hagenkord: Ich bin kein Arzt, aber was Benedikt XVI. betrifft, kann ich als Radiomacher sagen: Seine Stimme sitzt. Außerdem hat er ja schon mal angedeutet, er würde sich zurückziehen, wenn er merkt, es geht nicht mehr.

Infobox
Altersschnitt: 72,07
Die Regierung des Vatikans besteht aus Würdenträgern,
die das Pensionsalter bereits überschritten haben.

- Joseph Ratzinger, 85
Papst
- Angelo Sodano, 84
Vorsitzender des Kardinalskollegiums
- Tarcisio Bertone, 77
Kardinalstaatssekretär
-William Joseph Levada, 76
Glaubenskongregation
- Angelo Amato, 74
Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse
- Zenon Grocholewski, 72
Kongregation für das Katholische Bildungswesen
- Giuseppe Versaldi, 69
Präfektur für die ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls
- Marc Ouellet, 68
Kongregation für die Bischöfe
- Leonardo Sandri, 68
Kongregation für die orientalischen Kirchen
- Mauro Piacenza, 67
Kongregation für den Klerus
- Antonio Cañizares Llovera, 66
Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
- Fernando Filoni, 66
Kongregation für die Evangelisierung der Völker
- João Braz de Aviz, 65
Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens