Graue Stars

Arbeiten bis 70? Es wäre demografisch vernünftig, medizinisch möglich und finanziell sinnvoll. Doch Unternehmen und Mitarbeiter halten beharrlich an der Unkultur der „Frühpensionitis“ fest. Daran werden die Pläne der Regierung wenig ändern.

An den Wänden drängen sich Masken aus Afrika zwischen Bildern aus Asien, aus den vollgepfropften Regalen quellen Folianten und Kabel, auf dem Boden ringen Bücherstapel mit Riesenzimmerpflanzen um Platz. Geschickt düst Leopold Rosenmayr am Gehstock durch die Labyrinthe seiner Wohnung, erzählt, welche Beschäftigungen ihm Spaß machen, und listet lausbubenhaft-kokett seine Defizite auf: „Am Computer bin ich nicht mehr so firm wie ein 70-Jähriger.“ Und das mit dem Gehen funktioniert seit dem schweren Kletterunfall vor 17 Jahren auch nicht mehr perfekt. Das ist für den 87-jährigen Rosenmayr, den Doyen der österreichischen Altersforschung, aber kein Grund, nicht mehr zu arbeiten. Das neue Buch des emeritierten Universitätsprofessors ist soeben fertig: „Im Alter noch einmal leben“. So ist er selbst eine Bestätigung seiner Theorie: Wenn das Umfeld stimmt, wird Arbeit nicht als Belastung und die Pension nicht als Paradies empfunden.

Vorzeige-Stachanows wie Rosenmayr sind hierzulande Exoten. Dürftige 42 Prozent der über 55-Jährigen stehen noch im Erwerbsleben, so wenige wie in kaum einem anderen EU-Land. Seit den siebziger Jahren stieg die Lebenserwartung um zehn Jahre – und das durchschnittliche Pensionsantrittsalter sank um acht. Allen Rentenreformen zum Trotz verabschieden sich die Österreicher im Schnitt mit knapp über 58 in den Ruhestand. Dabei werden an der Mehrheit der Arbeitsplätze im Dienstleistungsland Österreich heute körperlich weit weniger belastende Tätigkeiten verrichtet als vor vier Jahrzehnten. Arbeiten bis 67 (wie in Deutschland) oder 75 (wie in Schweden diskutiert) wäre gesundheitlich für viele möglich und als Finanzkur für das Pensionssystem dringend geboten. Doch die Unkultur der Frühpensionitis sitzt tief – in der Bevölkerung und in Unternehmen. Seit 2005 leben in Österreich mehr Menschen über als unter 40 Jahren. Doch auf dem Arbeitsmarkt sind Ältere nach wie vor nicht willkommen.

Daran werden auch die im Sparpaket verankerten Absichten der Regierung, das Pensionsantrittsalter hinaufzusetzen, wenig ändern. „Man hat verabsäumt, sich vor 30 Jahren darum zu kümmern, dass Menschen länger arbeiten können und wollen“, kritisiert Jasminka Godnic-Cvar, Leiterin des Instituts für Arbeitsmedizin an der Uni Wien. Die skandinavischen Staaten begannen in den achtziger Jahren, Unternehmen und Beschäftigte daran zu gewöhnen, dass Arbeiten bis 65 bei steigender Lebenserwartung normal ist. In Österreich passierte damals das Gegenteil: Unter dem Druck der Verstaatlichten-Krise wurden scharenweise Mitarbeiter im besten Erwerbsalter in die Pension entsorgt. Das Beispiel macht in Banken, OMV, Industriebetrieben, ORF und öffentlichem Dienst bis heute Schule, Golden Handshakes gehören nach wie vor zum Standardprogramm.

Wer ab 50 den Job verliert, findet kaum einen neuen. Viele flüchten aus der Arbeitslosigkeit in die Frühpension. Denn unverdrossen werden in Job-Annoncen Mitarbeiter mit „ein bis zwei Jahren Berufserfahrung“ gesucht, die „flexibel“ sind und „in unser junges Team passen“ – kaum verbrämte Umschreibungen dafür, dass sich Ältere gar nicht bewerben brauchen. Eigentlich ist es seit 2004 verboten, Ältere auf dem Arbeitsmarkt zu diskriminieren. Doch die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die darüber wacht, weiß von vielen Fällen zu berichten: So bewarb sich eine 56-jährige Kellnerin für eine Anstellung in einem Café – und bekam zu hören, dass jüngere Kräfte gesucht werden. Oder: Ein 55-jähriger Versicherungsvertreter wurde von einem Finanzunternehmen abgewiesen, weil man Mitarbeiter „bis maximal 40 Jahre“ suche. Ein Sonnenstudio kündigte eine ältere Bedienstete mit der Begründung, „dass am Wochenende junge Leute Dienst machen sollen“. Selbst wer Recht bekommt, hat höchstens ein paar Tausend Euro Schadenersatz – aber immer noch keinen Job.

Das prägt. Laut einer Eurobarometer-Umfrage hört für die Österreicher das „Jungsein“ schon knapp unter 40 Jahren auf. „Alt“ ist man im Bewusstsein der Österreicher ab 61, in den Niederlanden erst ab 70. Und die Mitarbeiter werden auch zu früh als „altes Eisen“ behandelt, wo sich keine Investition mehr lohnt. Laut einer breit angelegten Studie der Arbeiterkammer hört betriebliche Fortbildung mit 45 Jahren auf, danach werden Mitarbeiter nicht mehr auf Kurse geschickt. Gesundheitsvorsorge in Unternehmen ist überhaupt ein Fremdwort: Fast 80 Prozent der Arbeitnehmer 60 plus kommen nie in ihren Genuss.

„Self-fulfilling prophecy“ nennt der Sozialmediziner Michael Kunze diese Me­lange: „Ältere Mitarbeiter fühlen sich nicht erwünscht – und jammern sich in typisch österreichisch depressiv-querulatorischer Manie ihren Job und ihren Gesundheitszustand schlecht.“ Kunze selbst ist 70 und sieht „überhaupt keinen Grund, nicht mehr an der Universität zu arbeiten“.
Freilich: Nicht jeder hat das Privileg, einen gut bezahlten Beruf zu haben, der auch noch Spaß macht. Rein körperliche Verschleißerscheinungen würden kaum am Länger-Arbeiten hindern.

„Die Arbeit hat sich verändert“
, analysiert Arbeitsmedizinerin Godnic-Cvar: „Das wirklich Anstrengende heute ist die Monotonie: Die dauernde Wiederholung von Vorgängen, bei denen man sich möglichst keine Gedanken machen soll.“ Das zeigt sich exemplarisch im Handel: In keiner anderen Branche beschrieben in einer großen Befragung der Arbeiterkammer so viele Beschäftigte ihre Tätigkeit als eintönig – und strebten eine möglichst rasche Pensionierung an. Dazu kommt, dass Mitarbeiter über 45 Jahren über so genannte Gratifikationskrisen klagen, wie im Fachsprech mangelnde Anerkennung für Verausgabung heißt: Langeweile und fehlende Perspektiven erschöpfen. Das Resultat sind psychische Erkrankungen wie Depressionen oder so genanntes Burn-out, mittlerweile die Hauptgründe für Frühpensionierungen. Das bestätigt wiederum Führungskräfte, dass Ältere nichts taugen – außer sie sitzen in den Vorstandsetagen.

Der Arzt und Psychotherapeut Rudolf Karazman berät seit 15 Jahren Unternehmen, die ihre Frühpensionsquote senken wollen. „Ein entscheidender Punkt ist, ob in einer Firma Erfahrung etwas wert ist“, berichtet er aus der Praxis. Ein zweiter entscheidender Faktor sind die Arbeitszeiten: Längere Pausen, kürzere Schichten oder überhaupt ein Kappen der Wochenarbeitszeit um fünf Prozent bewirken „Wunder“, schildert Karazman. In vielen Betrieben sind etwa 12-Stunden-Schichten bei Jüngeren beliebt, weil sie viel geblockte Freizeit bringen. Für Ältere aber sind derartige Arbeitszeiten schwer zu schaffen.

Das zeigt sich etwa bei der Voest. Im Linzer Stahlwerk gingen früher 50-jährige Hochofenarbeiter routinemäßig in die Frühpension. Vor fünf Jahren startete der Konzern die Initiative Life, setzte leichtere Werkzeuge ein, versuchte ergonomischer zu steuern und schulte die Mitarbeiter, etwa im richtigen Heben von schweren Gegenständen. Auch die Dauer der Schicht wurde flexibler gestaltet, die Arbeiter können zwischen mehreren Modellen wählen, die längere Erholungsphasen bieten.

Die Maßnahmen zeigten Wirkung. Die Zahl der Mitarbeiter, die wegen Arbeitsunfähigkeit aus dem Unternehmen schieden, halbierte sich. Doch der Wandel dauert: Die Zahl der Arbeiter über 60 Jahren unter den 19.000 Beschäftigten des Stahlkonzerns liegt immer noch unter fünf Prozent.

„Ältere Mitarbeiter sind vielleicht etwas teurer, aber sie machen weniger Fehler als jüngere und strahlen gegenüber Kunden Ruhe und Gelassenheit aus“, sagt Stefan Haselsteiner, Chef von Pecho. Die Linzer Druckerei ist einer der Dutzend Betriebe, die sich in Oberösterreich eine Sozialpartner-Initiative anschlossen und sich verpflichteten, Ältere nicht zu kündigen. Der 62-jährige Kundenbetreuer Fritz Haindl etwa denkt nicht an die Rente, obwohl er als Setzer einer der wenigen Arbeiter mit Anspruch auf „Hacklerpension“ wäre: „Ich arbeite gerne und will meiner Firma, die mich auch nach meinem Herzinfarkt nicht fallen gelassen hat, etwas zurückgeben.“

In Niederösterreich hat sich der Verein Initiative 50 auf die Wiedereingliederung älterer Arbeitssuchender ins Berufsleben spezialisiert. Der Verein stellt Ältere an und verborgt sie an interessierte Betriebe, die Lohnnebenkosten zahlt der Verein. Bewährt sich der Mitarbeiter, folgt oft ein Anstellungsvertrag. So wäre die Pflegehelferin Herta Weis nach einem Arbeitsunfall vor drei Jahren im Alter von 53 beinahe in die Berufsunfähigkeitspension gegangen. In erster Instanz wurde der Antrag abgelehnt. Der Verein stellte sie an – und vermittelte sie wieder an ihren früheren Arbeitgeber, das Wiener Hilfswerk. Dort werkt Frau Weis bis heute, wenn auch um etwas weniger Geld als früher: „Ich bin froh, dass ich in meinem Alter wieder einen Vollzeit-Job gefunden habe.“

Derartige Einzelfälle machen noch keinen Kulturwandel – der aber notwendig wäre. Denn eines ist klar: „Die Vorstellung, dass die Demografie das Problem von selbst löst, ist eine Illusion“, warnt Arbeiterkammer-Experte Ulrich Schönbauer in einer Studie. Wenn weniger Junge nachwachsen, bekommen nicht automatisch Ältere mehr Arbeitsplätze, darin sind sich alle Experten einig.

Umstrittener ist schon, ob der Umkehrschluss zulässig ist: Geht es auf Kosten der Jungen, wenn bis ins höhere Alter gearbeitet wird? Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice, beantwortet diese Frage regelmäßig mit Jein. Denn einerseits steige mit dem Pensionsalter auch die Arbeitslosigkeit. Andererseits habe Beschäftigung aber einen Dominoeffekt, weil mehr Arbeitende mehr ausgeben und so für mehr Jobs sorgen. Auch im Sozialministerium wird kalkuliert, dass mehr Arbeitskräfte mehr Beschäftigung schaffen. Das ist eine relativ neue Sichtweise, denn bisher galt ein anderes Dogma: Besser, Ältere gehen früher in Pension, als Junge sind arbeitslos.

Eine Abkehr von dieser Regel kann durchaus Konflikte in Betrieben auslösen. Der heute 70-jährige Werkmeister Leopold Spreitzer arbeitet trotz seiner Pensionierung weiter für den Metallbetrieb Welser profile in Niederösterreich. „Meine Firma wollte auf meine Erfahrung nicht verzichten“, erklärt Spreitzer. Als er im ORF als Vorzeige-Senior auftrat, gab es plötzlich gehässige Angriffe im Unternehmen. Der Betriebsrat hängte einen Zettel beim Eingang auf: „45 Jahre Arbeit sind genug.“

Ein noch gängigeres Vorurteil ist, dass Ältere einfach zu teuer sind. Das stimmt nur teilweise: Bei angestellten Männern ist die Gehaltskurve steil – bei Arbeitern ist sie viel flacher. Zudem wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Förderungen beschlossen, die Lohnnebenkosten für Ältere senken: Von „Eingliederungsbeihilfen“ bis zum Kombilohn wurde an Schrauben gedreht, um Arbeitgebern ergrauende Beschäftigte schmackhaft zu machen. Bis 2011 waren Ältere auch von Arbeitslosenbeiträgen befreit, diese Lohnsubvention fiel dem Sparpaket zum Opfer.

Doch die Wende wird erst kommen, wenn die Erkenntnis sickert, dass Ältere nicht nur kosten, sondern auch kostbar sein können. Die Bank Austria entsorgte noch 2007 über 500 ältere Mitarbeiter mittels Golden Handshake – wobei schon Frauen ab 43 Jahren als „älter“ galten. Heute bemüht sich die für Personal zuständige Vorstandsdirektorin Doris Tomanek händeringend, Erfahrene mit Zugeständnissen zu halten: „In spätestens fünf Jahren bekommen wir ein echtes Problem, weil dann viele wertvolle Mitarbeiter in Pension gehen.“ Das komme auch bei den Kunden nicht gut an – schließlich werden auch diese älter und wollen nicht nur von jungen Hupfern beraten werden.